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Die Grundlagen des Wissens

Sex im Internet Liebe und Sex in Zeiten des Internets

Nie war Pornografie für Jugendliche so leicht zugänglich. Ob Striptease oder Gewaltorgien - im Internet finden Heranwachsende eine schier grenzenlose Vielfalt von Erotikfotos und Sexfilmen. Was bedeutet das für deren Vorstellungen von Lust und Liebe?
In diesem Artikel
Liebe in Zeiten digitaler Medien
Jugendliche Pornosurfer
sexuelle Habituierung
Pornos als Motor für sexuellen Machtmissbrauch

Liebe in Zeiten digitaler Medien

Als sich Anne* auszieht, kichern die drei Jungen. Sie filmen die Schülerin mit einem Mobiltelefon. Die 15-Jährige schwankt mit nacktem Oberkörper durchs Bild, ihre blonden Haare sind zerzaust. Annes Klassenkamerad Stefan steht ein wenig unbeholfen vor ihrem Bett. Sie hat ihn überredet, mit ihr zu schlafen. Die beiden johlenden Zuschauer sind dem Mädchen offenbar egal.

An diesem Abend im Mai sind Annes Eltern bei Freunden eingeladen. Sie haben ihrer Tochter erlaubt, in ihrem Haus in der Nähe von Celle eine Party zu feiern. Seit Stunden tanzen Mitschüler im Erdgeschoss, trinken Bier und Wodka, die Nachbarn haben sich schon zweimal beschwert. Es ist kurz nach zwei Uhr nachts. Splitternackt lässt sich Anne auf ihr Bett fallen. Doch Stefan will nicht mehr. Nicht vor der Kamera, nicht vor seinen Freunden. Das Mädchen versucht, sich wieder anzuziehen. Aber die Jungen nehmen Anne die Kleider weg und lachen sie aus.

Plötzlich geht das Licht an. Annes Mutter steht im Zimmer. Sie fordert das Telefon, will die beschämenden Aufnahmen löschen. Die Jungen haben das Video jedoch schon auf andere Telefone übertragen. Von dort gelangt es ins Internet. Zwei Tage später kennen fast alle Mitschüler den Clip, von der fünften bis zur zehnten Klasse. Das Minivideo ist kaum mehr aus der Welt zu schaffen. Vermutlich werden sich Menschen noch in Generationen Anne im Internet anschauen können. Ihre Kinder, ihre Enkel, ihr Arbeitgeber.

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Internetsex: "pornografische Vielfalt und Härte, wie es sie noch nie gab"

Schüler filmen sich beim Sex

Es ist ein Schock für die Familie aus Niedersachsen. Eine Katastrophe. Und doch kein Einzelfall. Überall in Deutschland gibt es Schüler, die einander bei Besäufnissen filmen, auf der Toilette, beim Sex. Und oft stellen sie die Aufnahmen online - Intimitäten für die Öffentlichkeit.

Auf Schulhöfen tauschen Jugendliche solche selbst gedrehten Videos. Jungen laden pornografische Fotos aus dem Netz herunter und lassen sie als Bildschirmschoner auf den Laptops der Mädchen aufflackern. Was vor zehn Jahren undenkbar war, ist heute für Heranwachsende durchaus möglich: Über sein Mobiltelefon kann ein Junge in Hamburg einem Mädchen aus Montreal in Echtzeit dabei zusehen, wie es sich vor einer Webcam selbst befriedigt. Er kann durch Partnerbörsen surfen und sich mit Unbekannten zum One-Night-Stand verabreden.

"Das Netz bietet eine pornografische Vielfalt und Härte, wie es sie noch nie gab", so der Hamburger Psychiater und Sexualwissenschaftler Andreas Hill. Immer mehr Menschen präsentieren öffentlich ihre Fantasien, stellen Amateurvideos zur Schau, lassen Fremde an ihren Begierden teilhaben. "Wir befinden uns mitten in einem globalen Feldversuch", sagt Hill. Schon heute schauen zwei Drittel aller 18-jährigen Jungen mehrmals im Monat solche Sexfilme. Nur sieben Prozent sind mit den pornografischen Bildern oder Videos aus dem Internet noch nicht vertraut.

*Alle Namen geändert; Red.

Jugendliche Pornosurfer

Liebe in Zeiten der digitalen Medien beschreitet neue Wege. Die zwischenmenschliche Verständigung ist heute anonymer, schneller und interaktiver als je zuvor. Nie waren sexuelle Darstellungen für Heranwachsende so einfach zugänglich. Was aber bedeutet das für ihre Vorstellungen von Zuneigung und Intimität? Wandelt sich die Sexualität der Jugendlichen, ihr Verständnis von Partnerschaft?

Pornoseiten im Internet

"Natürlich habe ich einen Internetzugang in meinem Zimmer", sagt Finn, 14 Jahre, hochgewachsen, kurze Haare, Schüler an einem bischöflichen Gymnasium in Münster. Er wohnt bei seiner Mutter, der Vater lebt in einer anderen Stadt. Manchmal chatten sie oder telefonieren via Webcam miteinander. Die Mutter wisse, was er am Computer mache. "Sie sitzt ja im Zimmer nebenan." Wo Pornofilme im Netz zu finden sind, erfährt Finn auf dem Schulhof. Mitunter auch in der Zeitung oder in Internet-Communitys wie etwa SchülerVZ: Manche Teenager veröffentlichen dort lange Listen mit Links zu Sexfilmen. "Da ist alles Mögliche aufgeführt, auch Illegales." Man erkenne das an Kürzeln wie ".to", dem Webcode des südpazifischen Königreichs Tonga. Die dortige Zulassungsbehörde für Internet-Domains gibt keine Auskunft über Daten der jeweiligen Domain-Inhaber. Daher ist nicht zurückzuverfolgen, wer darauf zugreift.

Auch Spam-Mails führen zu Pornoportalen. Selbst wenn Kinder oder Jugendliche online mit Freunden spielen, springen auf dem Bildschirm mitunter Pop-ups auf - kleine Fenster, die häufig mit einschlägigen Angeboten werben. Die Websites sind sortiert: etwa nach Gaysex, Lesbian, Interracial, Asian, Amateur, Sex mit Älteren oder Schwangeren.

Manchmal ist selbst eine Vergewaltigung nur einen Klick entfernt: "Die Hölle dieser Teenager ist deine Freude", verspricht eine Seite ohne Alterskontrolle. In "nicht jugendfreien" Videos nötigen weiße Männer Afrikanerinnen, scheinbar unterwürfige Asiatinnen verwandeln sich in lüsterne Nymphomaninnen. Auf wieder anderen Seiten haben Frauen Sex mit Hunden, Pferden und Schlangen. Vermutlich jeder siebte Teenager zwischen 14 und 18 Jahren kennt solche Clips. Eine umfangreiche schwedische Studie zeigte gar: Beinahe jeder fünfte 18-Jährige, der fast täglich Sexfilme anschaut, hat schon einmal Pornos mit Kindern gesehen.

Pornografie und das kindliche Gehirn

Doch richtet ein solcher Konsum wirklich Schaden in der Psyche der Heranwachsenden an? Werden aus jugendlichen Pornosurfern zwangsläufig Gefühlskrüppel, die das, was sie auf dem Monitor sehen, für alltäglich halten? Manche Forscher sind da skeptisch. "Teenager, die Pornografie ansehen, sind nicht wie leere Tafeln", schreibt Gunter Schmidt, Experte für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie: "Die pornografischen Stimuli treffen vielmehr auf eine schon vorhandene Struktur des Begehrens." Denn Geschlechterbilder, sexuelle Erwartungen und Fantasien bilden sich bereits im kindlichen Gehirn.

Wissenschaftler nennen sie "Skripte" oder "Lovemaps". Sie weisen den Weg, bevor der erste Sex stattfindet. Diese "Liebeslandkarten" entwickeln sich ein Leben lang. Sie verändern sich, sobald ein Mensch sexuelle Erfahrungen sammelt, die erste Beziehung eingeht, einen neuen Partner findet und mit ihm auf zuvor ungekannte Weise intim wird.

Und schon in den frühen Lebensjahren reifen die Skripte heran: Wenn Kinder ihre Umwelt beobachten und sehen, wie die Eltern miteinander umgehen. Ob sie sich küssen und umarmen, zärtlich oder grob zueinander sind, diskutieren oder streiten. Wenn Kinder sehen, wie sich Paare in Filmen lieben, welche Tabus dort gelten oder wie sich die Geschlechter verhalten. So ist es etwa üblich, dass die Initiative zum ersten Mal von Jungen ausgeht, Mädchen dagegen eher abwarten und Avancen zurückweisen.

Jede Beobachtung formt die Skripte der jungen Heranwachsenden - auch wenn Kinder sexuelle Szenen in Filmen oft noch gar nicht verstehen und sie sich anschließend kaum daran erinnern. Jahre später, wenn die Heranwachsenden erste sexuelle Erfahrungen sammeln, können die Bilder aus der Kindheit ins Bewusstsein aufsteigen und mitunter ihr Verhalten beeinflussen.

Und: Kinder verarbeiten ihre Eindrücke individuell - je nachdem, ob sie draufgängerisch, selbstsicher und lebenslustig sind oder vorsichtig, zurückhaltend und ängstlich. Ob sie sich oft schämen, gern im Mittelpunkt stehen oder ihnen die Anerkennung von Freunden besonders wichtig ist.

Wie sehr sich ein gesellschaftlicher Wandel auf die Skripte auswirkt, zeigt beispielsweise die "sexuelle Revolution" der späten 1960er Jahre: Innerhalb kurzer Zeit hatten viele bürgerliche Jugendliche ihren ersten Geschlechtsverkehr im Alter von 16 oder 17 Jahren - rund vier Jahre früher als zuvor. Heute pubertieren Kinder zudem eher als damals: Mädchen beginnen ab zehn Jahren, Jungen mit zwölf. Vor allem digitale Medien wie das Internet prägen mittlerweile ihre sexuellen Skripte.

sexuelle Habituierung

Die Suche nach Wissen über Sexualität gleicht einer Selbstsozialisation. Schüler finden immer häufiger Beispiele und Vorbilder für Sex im Netz. Wer keine pornografischen Clips schaut, gilt in der Schule mitunter als kindlich oder verklemmt.

"Viele sind zehn oder elf, wenn sie ihren ersten Film sehen", sagt Marcel, 16 Jahre, Gymnasiast in Münster, ein sportlicher Typ mit schwarzen, lockigen Haaren. "In meinem Alter hat doch jeder schon einen Porno gesehen." Manche Sexseiten im Internet seien längst kein Geheimtipp mehr. "Die Jungen suchen Spaß", sagt Marcel, "und die Mädchen möchten wissen, was die Jungen sich anschauen."

Jungen wollten im Netz herausfinden, was denn so alles möglich sei zwischen Mann und Frau. Wollten lernen, welche Stellungen es gebe. Aber Jungen schauten nur, was sie wirklich mögen würden. "Sonst klickt man doch einfach weiter." Mädchen machten sich dagegen eher lustig. "Die meisten sagen aber nichts, sie sind ziemlich schüchtern." Nur wenige von ihnen schauten gern Pornos. Im Internet würden sie eher nach Flirttipps suchen und sich darüber in Chatrooms mit ihren Freundinnen unterhalten. Chatten könnten die ohnehin viel besser, das merke man schon beim Flirten.

Weshalb manche Menschen sich beim Sex filmen und die Videos hochladen, versteht Marcel nicht. "Man verkauft sich dann. Und das doch wohl nur, um möglichst viele Klicks zu erhalten."

"Sexuelle Habituierung"

Jungs stöbern offenbar häufig auf Sexseiten. Filme mit Striptease, Petting oder Beischlaf stimulieren mehr als 50 Prozent von ihnen, so haben Umfragen ergeben. Oft masturbieren sie vor dem Monitor. Die meisten Pornos entsprechen genau der Erregungskurve von Männern: Auf Kuss-Szenen folgt Oralsex, dann der Koitus, schließlich der Orgasmus des Mannes.

Mit zunehmendem Alter schauen Jungen immer häufiger pornografische Clips, und je mehr sie davon ansehen, desto realistischer erscheinen ihnen die Inhalte.

Der häufige Konsum von Sexfilmen kann zudem einen psychischen Prozess in Gang setzen: Wer erfahren hat, wie sehr ihn Pornografie stimuliert, gewöhnt sich mit der Zeit daran und braucht immer stärkere Reize. Wissenschaftler nennen diesen Effekt "sexuelle Habituierung".

Mädchen und Pornografie

Mädchen tauchen weniger tief in die Bilderflut ab. Viel eher achten sie auf das Äußere der Akteure, vergleichen ihre Körper mit denen der Pornodarstellerinnen und orientieren sich an deren außergewöhnlich großen Brüsten, der unnatürlich makellosen Haut, den oft künstlich aufgespritzten Lippen. Viele Mädchen sind, nachdem sie einen Porno gesehen haben, mit ihrem Körper unzufrieden. Manche fühlen sich zusätzlich unter Druck gesetzt, weil sie befürchten, ihre Partner könnten von ihnen verlangen, was in den Filmen gezeigt wird. Tatsächlich will jeder zweite Junge gern ausprobieren, was er gesehen hat.

Pornos als Motor für sexuellen Machtmissbrauch

Wissenschaftler haben zudem herausgefunden: Vor allem die Art der Darstellung von Sexszenen beeinflusst das Verhalten der Jugendlichen, weniger die Pornografie an sich. Seichte Erotikfilme und Softpornos können sogar positiv wirken. Mitunter beruhigen sie Jugendliche und vermindern ihre Aggression. Hardcore-Filme indes oder Gewalt- Pornografie, in der schmerzhafte Sexpraktiken wie Schlagen und Peitschen zu sehen sind, wirken genau gegenteilig. Häufig fesseln und foltern die Darsteller einander. Je häufiger sich Jugendliche solchen Extremdarstellungen aussetzen, desto realistischer erscheinen sie ihnen und desto eher beginnen sie sich danach zu sehnen.

Zudem sehen manche Forscher in Pornos einen Motor für sexuellen Machtmissbrauch. Demnach vermitteln sie den Eindruck, Frauen empfänden nur dann Lust, wenn sie erniedrigt werden. Wenn muskulöse Kerle sie beim Sex dominieren. Dies lässt etwa eine repräsentative Studie aus Kanada vermuten: Haben junge Männer häufig Pornofilme gesehen, können sie sich eher vorstellen, eine Frau sexuell zu bedrängen. Dennoch führt der Gedanke natürlich nicht zwangsläufig zur Tat. In fast allen Fällen von tatsächlicher sexueller Belästigung spielen neben dem Pornokonsum weitere Faktoren eine Rolle: Oft sind die Täter betrunken, leiden unter Traumatisierungen aus der Kindheit, neigen zu allgemeiner oder sexueller Gewalt, oder sie wachsen in Familien auf, die ihnen weder Halt noch Geborgenheit geben.

Pornosucht unter Jugendlichen

Pornofilme bergen jedoch noch eine andere Gefahr: Sie können Jungen so stark in ihren Bann ziehen, dass sie süchtig werden. Ein Prozent aller Online-Nutzer in den USA sind von den virtuellen Stimuli abhängig, so eine Studie mit mehr als 9000 Teilnehmern. Die Betroffenen verbringen durchschnittlich elf Stunden pro Woche auf Pornoseiten. "Einige Süchtige wehren mit dem Sexkonsum ihre Selbstzweifel und depressiven Stimmungen ab", sagt Hill. "Manche nutzen Pornos, um ein Gefühl der Unterlegenheit in einen Triumph der Lust zu verwandeln."

Die meisten Abhängigen sind psychisch labil und unsicher. In Beziehungen sind sie zum Teil übermäßig eifersüchtig und verletzlich. Erst in der Anonymität der virtuellen Welt finden diese Menschen einen Raum, Machtfantasien auszuleben. Dort aber haben Zuneigung und Vertrauen, Romantik und Partnerschaft häufig keinen Platz. "Liebe ist ohnehin etwas ganz anderes", sagt Denise, 16 Jahre, lange dunkle Haare, braune Augen. Sie besucht ein Wirtschaftsgymnasium im Wendland. "Jungen, die oft Pornofilme schauen und sich ordinär auf dem Schulhof verhalten, sind extrem schüchtern, sobald sie sich verlieben." Manche trauen sich noch nicht einmal, ihre Freundin zu küssen. Sie haben Angst, etwas falsch zu machen.

Befriedigtes Sexualleben

Eine Umfrage der Universität Zagreb unter 600 kroatischen Studenten lässt tatsächlich vermuten: Junge Männer und Frauen erleben ihre Beziehungen auch heute noch als intim, haben Vertrauen zu ihrem Partner und sind mit ihrem Sexualleben zufrieden. Selbst die frühe Allgegenwart von Pornofilmen vermag ihre Idealvorstellung von Liebe nicht dauerhaft zu verzerren.

Unsere Sexualkultur, so formuliert es der US-Liebesforscher John H. Gagnon, teilt sich in zwei Welten: in die des realen Sex und die des Fantasierens und Träumens. Das Reich des Symbolischen erlaubt Erlebnisse ohne Gefahren, ohne Kosten, ohne Investitionen. Es verspricht einen Rausch im virtuellen Schein, eine meist kurzfristige Trübung der Sinne.

Und so sind Pornos für die Mehrheit der Heranwachsenden zwar erregende, aber höchst vergängliche Fantasien. Gewalttätigen Sex lehnen die allermeisten einhellig ab.

Während die Welt des Internets einen globalen Exhibitionismus und Voyeurismus bedient, kapselt sich die Welt körperlicher Intimität und realer Partnerschaft oft davon ab. Jugendliche leben ihre Wünsche daher meist vorsichtiger aus, als es das von den Medien vermittelte Bild vermuten lässt. "Der erste Geschlechtsverkehr findet nach einer längeren Bekanntschaftsdauer statt, eher zu Hause als auf Partys, und Verhütung spielt eine größere Rolle", schreibt die Sozialpsychologin Barbara Krahé über die sexuellen Skripte.

Die Jungen in ihrer Klasse, sagt Denise, erzählen ihren Kumpels niemals, wie der Sex mit der Freundin sei. Sie sprechen auch nicht heimlich untereinander darüber. Sie wüssten, dass ihre Freundinnen sonst wütend wären. Und dann müssten sie sich rechtfertigen. "Lieber weichen sie aus oder machen irgendwelche dummen Sprüche, um vor ihren Kumpels anzugeben." Denn schließlich, so sagten es ihr die Jungen, ginge es niemanden etwas an, wie sie den Sex mit ihrer Freundin erlebten.