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Die Grundlagen des Wissens

Abenteuer Expedition Polarforschung: Duell in tödlicher Kälte

Sie könnten kaum unterschiedlicher sein: Der eine ist ein mutiger Draufgänger, der andere ein kühl kalkulierender Forscher. Doch Robert Scott und Roald Amundsen haben das gleiche Ziel: den Südpol. In der eisigen Ödnis entbrennt 1911 ein dramatischer Wettkampf, wer ihn als Erster erreichen wird.

Lesen Sie einen Auszug aus dem neuen GEOkompakt "Abenteuer Expedition":

Wenn ein englischer Gentleman gegen einen bloßen Fachmann aus Norwegen verliert, so kann nur der Engländer der Sieger gewesen sein – zumal wenn er seine Niederlage mit einer Art Heldentod verklärt: Das war die Stimmung in Großbritannien, als 1913 das Ergebnis des verrücktesten und tragischsten Wettlaufs der Weltgeschichte bekannt geworden war.

Einem unsichtbaren Fleck in unvorstellbarer Öde hatte er gegolten: dem südlichen „Durchstoßpunkt“ der Rotationsachse der Erde, kurz Südpol genannt. Was ist ein Punkt? Ein ausdehnungsloses Gebilde. Haben denn Amundsen und vier Wochen nach ihm Scott ihren Fuß auf dieses Gebilde setzen können? Wahrscheinlich nicht. Denn um bis zu zehn Meter entfernt sich der Punkt von seiner mittleren Position – zum Beispiel wenn ein Erdbeben den Planeten ein bisschen ins Schlingern bringt; und Amundsen vertraute der Messung seines Sextanten (zu Recht) so wenig, dass er drei seiner Männer je eine Tagesreise lang vom vermuteten Südpol wegschickte, um ihn wenigstens eingekreist zu haben.

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Die Abenteurer um Robert Scott erreichen am 18. Januar 1912 den Südpol - einen Monat nach Amundsen. Alle fünf verhungern oder erfrieren auf dem Rückweg

Wie konnte der „Durchstoßpunkt“, diese wesenlose Projektion der sphärischen Trigonometrie, einen so rasenden Ehrgeiz entfachen? Das ist eine Geschichte, die im 15. Jahrhundert mit den Seefahrern Portugals und Spaniens begann und erst 1953 mit der Erstbesteigung des Mount Everest mehr oder weniger beendet war: der Wille, die Erde bis in ihre fernsten, feindlichsten Winkel in Besitz zu nehmen – entfaltet von Männern, die die Besessenheit des Kolumbus in sich trugen; gefördert von Kaufleuten und Königen, oft zugleich der Wissenschaft zuliebe und fast immer von der Geltungssucht der Nationen getragen.

Und da nun Amerika entdeckt, die Sahara durchquert und die Welt umsegelt war, mussten die letzten Entdecker eben mit theoretischen Punkten vorliebnehmen. Dass es einen ungeheuren Preis erforderte, sie zu erreichen, war da gleichsam ein Trost.

Amundsen nahm dafür 99 Tage auf Skiern im ewigen Eis in Kauf, Scott fast fünf Monate bis zu seinem Tod – von bis zu 60 Grad Kälte gebissen und von Schneestürmen bis zu 130 Stundenkilometern angefaucht; unter Leiden, Strapazen und hygienischen Verhältnissen, die die meisten Menschen kaum vier Tage lang ertragen würden; Scott und seine zwei letzten Männer nach einem Fußmarsch von 2400 Kilometern schließlich im Zelt verhungert und erfroren.

Da der „Fachmann“ seine Expedition perfekt organisiert, der „Gentleman“ aber bei der Vorbereitung ziemlich leichtfertig gehandelt hatte, war dessen Leistung in der Tat die noch erstaunlichere – ein Weltrekord an Zähigkeit, Nervenstärke und Überlebenswillen. Doch keinen, der Scott kannte, wunderte es, dass er der Verlierer war, der Antarktis einfach nicht gewachsen.

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