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Die Grundlagen des Wissens

Rätsel der Selbstlosigkeit

Die Natur begünstigt die Starken und die Erfolgreichen. Das ist spätestens seit Charles Darwin und der Idee des »survival of the fittest« bekannt. Nach den Gesetzen der Evolution dürfte es deshalb keinen Grund geben, sich altruistisch zu verhalten. Dennoch handeln Lebewesen häufig selbstlos, Menschen helfen gar völlig Fremden und riskieren ihr Leben für die Rettung Unbekannter. Forscher versuchen die Regeln dahinter zu entschlüsseln – und kommen zu erstaunlichen Erkenntnissen

Lesen Sie einen Auszug aus der neuen Ausgabe von GEOkompakt zum Thema "Warum wir gut und böse sind":

Es sind Momente, in denen kaum Zeit für Überlegungen bleibt: Im U-Bahnhof wirft sich ein Fahrgast auf die Gleise, um einen Fremden vor dem nahenden Zug zu retten; am Badestrand springt ein Spaziergänger ins Wasser, um einen Ertrinkenden herauszuziehen; in einer Fußgängerzone überwältigt ein Passant einen bewaffneten Attentäter.

Wie ein instinktiver Impuls ergreift die Helfer in diesen Augenblicken der Wille zur guten Tat. Kaum ein Gedanke schiebt sich zwischen den Drang zu helfen und den Schritt zu handeln.

Diese Eigenschaft des Menschen, sich uneigennützig für andere einzusetzen, ja sogar sein eigenes Leben in Gefahr

zu bringen, bezeichnete wohl erstmals der französische Philosoph Auguste Comte um 1850 als „Altruismus“ (von lat. alter = der andere). Derart selbstlose Taten sind der Inbegriff des Guten, Ausdruck der Menschlichkeit.

Doch gemäß den Gesetzen der Evolution dürfte es altruistisches Verhalten eigentlich nicht geben: Denn die Natur begünstigt stets die Tüchtigen und Starken, die Erfolgreichen und Mächtigen, und im Kampf ums Dasein siegt, wer an seinen eigenen Nutzen denkt – das ist eine Grundregel im evolutionären Wettstreit.

Wird Altruismus erlernt? Oder hat er evolutionäre Wurzeln?

Nach den Erkenntnissen, die zuerst Charles Darwin vor rund 150 Jahren gewonnen hat, müssten also Selbstsucht und Habgier, Missgunst und Rücksichtslosigkeit den Menschen eigentlich weiter bringen als Nächstenliebe. Darwin konnte keine Erklärung für das Phänomen Altruismus finden. Und seither debattieren Wissenschaftler darüber, ob Selbstlosigkeit erlernt werden muss – also das Ergebnis von Erziehung und Kultur ist –, oder ob sie in der Stammesgeschichte wurzelt, also ein biologisches Vermächtnis unserer Vorfahren ist.

Rätsel der Selbstlosigkeit

Sabine Rave, 42, trifft einmal pro Woche im Hospiz "Hamburg Leuchtfeuer" Menschen, die wissen, dass sie bald sterben werden. Mit manchen geht sie ins Theater, andere wollen nur reden oder wissen, dass sie am Bett wacht. Angefangen hat Rave als ehrenamtliche Helferin im Küchendienst des Hospizes, sie deckte die Tische, servierte Speisen, räumte auf. Beim gemeinsamen Essen kam sie in Kontakt mit den Bewohnern. Und absolvierte schließlich eine sechsmonatige Ausbildung zur Sterbebegleiterin.

Rätsel der Selbstlosigkeit

Herbert Breker, 71, behandelt in Köln Menschen, die keinen Anspruch auf ärztliche Versorgung haben: Studenten, Künstler oder Handwerker ohne Versicherung, aber vor allem Ausländer ohne Papiere und gültige Aufenthaltserlaubnis. Wer seine Patienten sind, erfährt der pensionierte Chefarzt zumeist nicht. Breker behandelt ehrenamtlich und anonym, speichert weder Adressen noch Telefonnummern. So muss niemand seiner bisher rund 3000 Patienten eine Entdeckung fürchten - und damit etwa eine Abschiebung.

Um dieses Problem zu lösen, suchen Forscher seit Jahrzehnten in der Natur nach Belegen dafür, dass nicht der Mensch allein sich uneigennützig verhält. Und tatsächlich: Die Bereitschaft, sich für andere aufzuopfern, reicht weit über die Gattung Homo hinaus.

Die Liste der Tierarten, deren Vertreter zumindest zeitweilig das Wohl ihrer Gefährten höher schätzen als das eigene, ist verblüffend umfangreich. Eisvögel unterstützen Artgenossen bei der Pflege ihrer Brut. Elefanten stützen verletzte Herdenmitglieder mit ihren Stoßzähnen und mühen sich mit aller Kraft, die tonnenschweren Leiber alter und kranker Tiere aufzurichten. Pottwale riskieren mitunter gar das eigene Leben, um Gefährten gegen angreifende Haie und Orcas zu verteidigen.

Tiere helfen vor allem ihren nächsten Verwandten

Besonders gut dokumentiert ist der tierische Altruismus bei dem Belding-Ziesel, einem kleinen, in der nordamerikanischen Prärie heimischen Nager. Nähert sich ein Kojote der Kolonie, richtet sich ein Ziesel auf den Hinterbeinen auf und stößt einen trillernden Alarmschrei aus. Die Artgenossen sind gewarnt und gehen in Deckung. Der Rufer jedoch hat die Aufmerksamkeit des Angreifers auf sich gezogen – und droht deshalb selbst zur Beute zu werden.

So paradox dieses Verhalten auch anmutet: Biologen vermögen ihre Beobachtungen heute meist ebenso

einfach wie elegant zu erklären. Und liefern damit Hinweise darauf, wie unsere Fähigkeit zum Altruismus entstanden sein muss.

Denn sobald die Forscher genauer hinschauen, zeigt sich oftmals: Tiere helfen vor allem ihren nächsten Verwandten. Sie sind bereit, sich aufzuopfern, weil ihre eigenen Gene von Familienmitgliedern weitergegeben werden – denn einen Teil der Erbanlagen tragen die Anverwandten ja in sich.

Wenn ein Lebewesen also durch sein Opfer dazu beiträgt, dass Geschwister, Tanten oder Cousins ihre Nachkommenzahl steigern, vermehrt es gewissermaßen die eigene Erbsubstanz.

Den vollständigen Text können Sie in der neuen Ausgabe von GEOkompakt zum Thema "Warum wir gut und böse sind" nachlesen.

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