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Die Grundlagen des Wissens

Das Streben nach Vergeltung

Es ist ein dunkles, kaum zu kontrollierendes Verlangen, das jeden heimsuchen kann: Der Wunsch nach Rache bewegt Menschen zuweilen dazu, alles zu riskieren, sogar das eigene Leben aufs Spiel zu setzen – wie in Albanien, wo ein seit Jahrhunderten gültiger Kodex immer neue Morde provoziert. Was hinter all dem steckt, versuchen Forscher in Experimenten zu ergründen. Und stoßen auf eine erstaunliche soziale Logik

Lesen Sie einen Auszug aus der neuen Ausgabe von GEOkompakt zum Thema "Warum wir gut und böse sind":

An der Universität Zürich spüren Wissenschaftler seit einiger Zeit der wohl düstersten und destruktivsten Regung nach, zu der Menschen fähig sind. Wie gieriges Feuer lodert dieses Verlangen aus den Tiefen der Seele empor und brennt sich ins Bewusstsein: der Wunsch nach Rache. Er treibt Menschen dazu, Wochen, Monate oder gar Jahre finsteren Gedanken nachzuhängen, perfide Intrigen zu spinnen – ja, mitunter andere Menschen zu töten.

Für den Moment der Vergeltung setzen Betroffene oft alles aufs Spiel: ihren Ruf, ihre Freiheit, ihr Leben. Und zuweilen investieren sie ein Vermögen, um sich an ihrem Peiniger zu rächen.

Forscher simulieren den Wunsch nach Vergeltung

Dieses Szenario jedenfalls simulieren die Züricher Forscher in ihren Laboren. Dort spielen Menschen um Geld. Während des Experiments liegen die Testpersonen in einem speziellen Tomographen (PET), der ihre Köpfe in der entscheidenden Minute scannt und so Sekunde um Sekunde die Aktivität bestimmter Hirnareale misst.

Über einen Monitor handeln jeweils zwei Versuchsteilnehmer miteinander. Die Regeln des Spiels sind einfach: Zu Beginn einer Runde erhalten beide Probanden (A und B) eine identische Geldsumme. A kann im ersten Zug einen frei gewählten Betrag seines Vermögens auf das Konto von B überweisen. Daraufhin wird das transferierte Geld vervierfacht. Nun ist B an der Reihe.

Das Gesamtvermögen der beiden Spieler könnte sich also – theoretisch – immer weiter mehren. Gesetzt den Fall, beide kooperierten. Doch in den Versuchsreihen kommt es für einen der beiden zu einer überaus unerfreulichen Situation: Sein Gegenspieler ist so dreist, den gesamten Profit selbst einzustreichen. Er überweist also kein Geld mehr an seinen Mitstreiter, sondern behält den multiplizierten Kredit einfach für sich.

Der Betrogene hat nun – das gehört zu den Spielregeln – die Option, sich an dem unfairen Partner zu rächen. Das allerdings kostet ihn Geld: Er kann zum Beispiel eine bestimmte Summe investieren, damit dem anderen ein noch größerer Betrag abgenommen wird.

Fast alle Versuchsteilnehmer entscheiden sich für einen Racheakt

Objektiv betrachtet erscheint das als schlechter Tausch. Immerhin steht der Rächer anschließend mit weniger Geld da als zuvor. Zudem kennt er seinen Gegenspieler nicht einmal – und er weiß, dass er ihm auch nie begegnen wird.

Und doch: Fast alle Versuchsteilnehmer entscheiden sich bei den Experimenten für den teuren Racheakt. Der Drang zu diesem scheinbar widersinnigen Verhalten hat möglicherweise eine biologische Ursache. Das jedenfalls offenbaren die Bilder aus dem Tomographen: Als den Betrogenen das Verhalten des anderen Probanden mitgeteilt wird und sie sich zum Vergeltungsschlag entscheiden, flackert tief in den Hirnen dieser Rächer ein Areal auf, das Menschen Hochgenuss beschert: das Erwartungssystem – jener Bereich des Gehirns, der auch dann aktiv wird, wenn Menschen sich auf

Sex, Süßes oder Drogen freuen.

Die Nervenzellen der miteinander vernetzten Hirnzentren schütten biochemische Botenstoffe aus, die uns Lust empfinden lassen und den Geist in Wohlbehagen tauchen. Diese angenehmen Empfindungen nutzt der Körper als natürliches Signal: Die wonnigen Gefühle lassen ein Wesen deutlich spüren, dass ein bestimmtes Verhalten seinem Überleben oder der Weitergabe seiner Gene förderlich ist.

Dass dies auf gutes Essen oder Sex zutrifft, leuchtet ein. Doch weshalb belohnt uns das Hirn für ein so kostspieliges oder gar gefährliches Verhalten wie Rache – eine Regung, die keinen greifbaren Vorteil bringt? Und unter welchen Bedingungen ergreift der Wunsch nach Vergeltung von uns Besitz?

Den vollständigen Text können Sie in der neuen Ausgabe von GEOkompakt zum Thema "Warum wir gut und böse sind" nachlesen.

Das Streben nach Vergeltung

Eine Kugel hat Armand Donda aus dem Dorf Perlat getötet, nun sinnt sein Vater auf Rache. In abgelegenen Regionen Albaniens kam es im Machtvakuum nach dem Untergang des kommunistischen Regimes zu einem Wiederaufleben jenes Kodexes, nach dem Familien das Recht selbst in die Hand nehmen und bis heute jeden Mord mit Mord vergelten

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