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Die Grundlagen des Wissens

Leseprobe: Die Grenzen des Wissens

Professor Harald Lesch über die wichtigsten Fragen, die Astrophysiker heute beschäftigen

Lesen Sie einen Auszug aus der neuen Ausgabe von GEOkompakt zum Thema "Der Urknall":

GEOkompakt: Herr Professor Lesch, wird Ihnen nicht manchmal schwindlig, wenn Sie sich mit den riesigen Dimensionen und Zeitskalen des Alls befassen?

Harald Lesch: Schwindlig würde ich nicht sagen. Wahrscheinlich bin ich schmerzunempfindlicher als jemand, der sich nicht ständig damit beschäftigt. Für mich ist der Kosmos ein Naturphänomen und die Astrophysik ein Instrument, um ihn zu erforschen.

Und wie das so ist mit Instrumenten: Am Anfang hat man noch große Ehrfurcht davor, doch irgendwann nimmt man es einfach heraus und spielt darauf. Was mich manchmal erschauern lässt, ist, dass es überhaupt möglich ist, mithilfe der Mathematik so weit jenseits unserer normalen menschlichen Erfahrungsräume Wissenschaft zu betreiben.

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Prof. Dr. Harald Lesch von der Universitäts-Sternwarte München ist einer der bekanntesten deutschen Astrophysiker. Zudem arbeitet der 51-Jährige als Dozent für Philosophie

Für Laien sind ja die Dimensionen des Universums wie auch seine Phänomene – etwa die Existenz Schwarzer Löcher – extrem schwer zu begreifen. Wie ist es zu erklären, dass die Menschen sich dennoch so sehr für den Urknall und das Weltall interessieren?

Zum einen reizt das Geheimnis. Uns fasziniert die Frage: Was ist denn da draußen? Wir glauben, dass in dieser Welt mehr existiert als das, was uns direkt umgibt. Und zweitens: Astronomie ist harmlos. Das ist in Zeiten, in denen alles in Einheiten von Relevanz und Effizienz gemessen wird, ein großer Vorteil. Hält zum Beispiel ein Klimaforscher einen Vortrag, steht sofort eine ethische Forderung im Raum: Ändere dein Handeln! Tu etwas! All diese sogenannten "relevanten Forschungsgebiete" erzeugen eben auch den Druck, dass etwas gemacht werden muss.

Wer sich mit Astronomie beschäftigt, muss kein schlechtes Gewissen haben?

Genau, und das ist ein großer Vorteil. Wir Astronomen werden gern eingeladen, weil das, worüber wir zu berichten haben, unglaublich ist, einfach schön – und harmlos.

Gibt es weitere Motive?

Vielleicht die Hoffnung, dort draußen eine Welt zu entdecken, die ganz anders funktioniert als die unsere. In der es Frieden gibt und unsere Probleme gelöst sind. Auf einen Außerirdischen zu treffen, einen E. T., der uns sagen kann, wie wir die Schwierigkeiten, die wir auf der Erde haben, bewältigen können.

Was die Menschen ebenfalls sehr fasziniert, ist der Begriff der "Weltformel". Danach suchen die Astrophysiker ja praktisch seit Albert Einsteins Zeiten. Was ist darunter zu verstehen?

Es ist die Hoffnung auf eine Einheit am Anfang. Dass sich der Beginn des Universums und auch die Struktur der Materie mit einer einzigen Formel beschreiben lassen. Bei den extrem hohen Temperaturen direkt nach dem Urknall muss die Welt ganz anders ausgesehen haben, als wir sie heute kennen. Die vier Grundkräfte – Schwerkraft, elektromagnetische Kraft und die beiden Kräfte, die in den Atomkernen wirken – waren dieser Hypothese zufolge in der damaligen Hitze vereinigt. Und für diese Welt, in der die vier Grundkräfte eins waren, sucht man die Weltformel.

Nehmen wir an, Astrophysiker finden irgendwann diese Weltformel. Könnten Sie dann Ihren Job an den Nagel hängen, weil alle Fragen beantwortet sind?

Nein, die Suche wäre nie zu Ende, weil man sich fragen würde, warum sieht die Formel so aus und nicht anders. Es könnte aber auch sein, dass die Weltformel ein Mythos ist, so wie der Heilige Gral oder der Stein der Weisen bei den Alchemisten. Wo es dann letzten Endes gar nicht so sehr darum geht, das Ziel zu erreichen, sondern darüber zu sinnieren: Was passiert mit den Menschen auf dem Weg dorthin? Und wenn dieses Ziel erreicht ist, womöglich zu fragen: Meine Güte, warum ist die Welt so fein aufeinander abgestimmt? Das führt dann eher in philosophische Richtungen als in empirische.

Hätte es irgendeine praktische Konsequenz, wenn jemand auf die Weltformel käme?

Nur für diejenigen, die diese Formel gefunden hätten: Die würden nach Stockholm fahren und sich den Nobelpreis abholen. Und sie müssten sehen, wie sie mit dem Ruhm klarkommen. Aber man kann es natürlich auch von der erkenntnistheoretischen Seite her sehen: Es wäre der Abschlussstein in der Kathedrale der Physik. Solange die Weltformel fehlt, ist die Kirche nicht vollständig. Es ist wie eine Baustelle.

Also würde es eine gewisse Befriedigung auslösen, wenn man das Problem vollständig gelöst hätte?

Ja. Die menschliche Vernunft könnte sich einen weiteren Pokal in ihren Trophäenschrank stellen. Auf der anderen Seite muss man sagen: Auch wenn bei 99 Prozent aller Wissenschaft im Sinne von Effizienz nichts herauskommt, finden wir ab und zu etwas, das die Welt verändert. Zum Beispiel würde es die heutige Elektronik, all diese digitalen Geräte nicht geben, wenn die Physiker Wolfgang Pauli, Erwin Schrödinger, Werner Heisenberg und andere sich nicht Gedanken gemacht hätten, wie denn nun die Materie funktioniert.

Manche der Erkenntnisse sind ja für einen Laien nur sehr schwer vorstellbar – etwa, dass im Moment des Urknalls sowohl Raum als auch Zeit entstanden sind.

Nicht nur für den Laien, für alle. Das ist überhaupt nicht vorstellbar.

Man denkt immer, da muss doch irgendetwas gewesen sein, in das der Raum oder die Zeit explodiert ist.

Nein, da war nichts. Man muss schlicht sagen, dass unsere Erkenntnisfähigkeit nicht ausreicht, um das zu begreifen. Wir sind als Lebewesen Teil der Evolution, und unser Gehirn hat sich in einer mittleren Welt entwickelt, in der Größen wie Meter, Kilogramm und Sekunde eine Rolle spielen. Jetzt reden wir hier über den Anfang, da haben wir ein Universum, das 20 Größenordnungen kleiner ist als ein Proton. Ein Proton ist ja schon unfassbar winzig. Wir können uns keine Dinge vorstellen, für die es keinen Raum gibt, wir können uns keine Dinge vorstellen, für die es keine Zeit gibt. Denn allein der Gedanke, zu denken, bedeutet: Erst denke ich den Gedanken nicht, dann denke ich ihn, und danach denke ich ihn nicht mehr. Das heißt, ich habe sofort eine Zeitstruktur. Unsere Erkenntnisfähigkeit hängt an der Raum-Zeit-Struktur.

Das vollständige Interview können Sie in der neuen Ausgabe von GEOkompakt zum Thema "Der Urknall" nachlesen.

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