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Die Grundlagen des Wissens

Seuchen Leseprobe: Der unsichtbare Feind

Als Jäger und Sammler zu Bauern werden, hat das nicht nur positive Folgen. Denn das enge Zusammenleben von Mensch und Tier bringt mit sich, dass sich zum ersten Mal in der Geschichte Keime massiv verbreiten, Epidemien ausbrechen. Sie werden mehr Opfer fordern als alle Kriege

Gerade einmal zwölf Monate alt wurde das kleine Kind aus Atlit-Yam. Wahrscheinlich war es während seines gesamten kurzen Lebens von schwerer Krankheit gezeichnet. Das Baby, das vor rund 8500 Jahren im heutigen Israel zur Welt kam, vermochte nur unter Mühen Luft zu holen, denn seine Atemwege waren chronisch entzündet. Vermutlich hatte es zudem häufig Fieber. Es trank nicht genug, bewegte sich nicht viel, war schmächtig und lethargisch. Verursacht wurden die zahlreichen Beschwerden durch ein Bakterium, das nach und nach die Lunge des Mädchens zerfraß. Forscher haben in den uralten Knochen unlängst das Erbgut von Mycobacterium tuberculosis nachgewiesen - dem Erreger der Tuberkulose. Der Keim hatte auch das Gehirn befallen: Als das Kind starb, litt es unter einer Hirnhautentzündung, wie kurvenförmige Rillen belegen, die sich auf der Innenseite des Schädels abzeichnen, die Abdrücke von Blutgefäßen. Zudem war das Knochengewebe entzündet. Schwammartige, poröse Wucherungen wuchsen auf dem zarten Skelett.

Infiziert hatte sich das Baby wohl schon vor der Geburt bei seiner Mutter, einer 25-jährigen Frau, in deren Armen es bestattet wurde. Auch deren Leben war von Siechtum gezeichnet. Vermutlich wurde sie zuletzt immer schwächer, verlor massiv an Gewicht. Wachte nachts, von Fieberschüben geschüttelt, schweißgebadet auf. Auch ihre Lunge zerfiel. Kleine Entzündungsherde in den Bronchien wuchsen sich zu größeren Hohlräumen aus. Höchstwahrscheinlich spie sie anfangs Schleim aus, später auch Blut. Dem Anschein nach breitete sich der Erreger auch bei ihr im ganzen Körper aus und befiel die Knochen. Sie sind von der gleichen Krankheit gezeichnet, unter der das Baby litt. Mutter und Kind aus Atlit-Yam sind die ältesten wissenschaftlich nachgewiesenen Schwindsucht-Opfer der Welt.

Leseprobe: Der unsichtbare Feind

Frühe Chirurgen: Nicht nur Typhus oder Tuberkulose machen den Bauern zu schaffen: Wohl um starke Schmerzen oder epileptische Anfälle zu lindern, schaben versierte Heiler breite Löcher in die Schädel der Betroffenen - und die meisten Patienten überleben die Operation.

Viele Bauern leiden an Infekten und Athrose

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Präzisionswerkzeuge:

Die Instrumente, mit denen Heilkundige Löcher in die Schädel ihrer Patienten schaben, sind exakt gearbeitet und extrem scharf - ähnlich diesen aus Feuerstein gefertigten Klingen.

Noch heute sterben jedes Jahr fast 1,5 Millionen Menschen an Tuberkulose. Seit jeher bricht sie vor allem bei jenen aus, deren Abwehrkräfte geschwächt sind - weil sie alt und gebrechlich sind oder Hunger leiden.

Die beiden Schwindsucht-Opfer aus der Jungsteinzeit zählten eigentlich nicht zu dieser Risikogruppe. Denn sie hatten es gut getroffen: Sie lebten in einer der ersten festen Siedlungen der Welt. Im Grunde hätten die Bewohner des Dorfes also kräftig und gesund sein müssen. Sie führten nicht mehr (wie ihre Vorfahren noch wenige Generationen zuvor) das unstete, eher beschwerliche Dasein der Jäger und Sammler. Sie waren frühe Bauern, schliefen in großen Steinhäusern, vor den Unbilden der Natur geschützt. Sie bauten Vorläufer des Weizens sowie Gerste und Linsen an. Und anstatt zu jagen, schlachteten sie bei Bedarf ein Rind oder ein Schwein, auch Fische ergänzten ihr Nahrungsangebot.

Und doch ging es den Menschen von Atlit-Yam nicht gut. Außer der jungen Mutter und ihrem Baby waren noch andere Bewohner des Dorfes an Tuberkulose erkrankt. Die Wissenschaftler fanden bei mindestens fünf weiteren von insgesamt 70 Toten Spuren des Leidens. Da die Schwindsucht nur bei durchschnittlich jedem 20. Infizierten auch die Knochen befällt, gab es vermutlich weitaus mehr Opfer, die starben, ehe die Krankheit sichtbare Zeichen hinterließ. Obendrein entdeckten die Forscher Indizien für andere Infekte, womöglich waren einige Bewohner an Malaria erkrankt sowie an Brucellose, einer bakteriellen Infektion.

Die ersten Ackerbauern, das stellen Forscher immer wieder fest, waren häufig bei schlechter Gesundheit. Das scheint geradezu paradox für eine Zeit, in der die Neolithische Revolution das Fundament legte für die wohl größte Erfolgsgeschichte in der Historie der Menschheit - und die entscheidende Wende markierte auf dem Weg zur heutigen Zivilisation.

Denn überall dort, wo die Menschen den Ackerbau einführten, nahm die Bevölkerungszahl rapide zu, entstanden große Tempelanlagen, aus Dörfern gingen erste Städte hervor, aus egalitären Wildbeuterstämmen entwickelten sich komplexe Gesellschaften. Der technologische Fortschritt kam in Schwung. Die Menschen stellten effektivere Werkzeuge her und nutzten neue Materialien wie Metall. Kurzum: Der Landbau führte den Menschen aus der Urzeit in die Moderne. Und doch war die Sesshaftigkeit von Anfang an ein zweifelhafter Segen für die Menschheit.

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Skalpelle: Mit solchen Bronzemessern werden vermutlich die Leiber von Verstorbenen für die Einbalsamierung geöffnet. Um Wunden zu behandeln oder Geschwüre zu entfernen, greifen ägyptische Ärzte dagegen in der Regel eher zum Brenneisen.

Denn anders als die Jäger und Sammler der Altsteinzeit, die vielfach große, muskulöse, oft gut genährte Menschen waren, nahmen die ersten Ackerbauern vermutlich viel zu einseitige Nahrung zu sich, litten an Mangelerscheinungen wie Skorbut und Blutarmut. Den Bauern schmerzten die Gelenke, sie quälten sich mit Arthrose und Entzündungen. Zudem drohten den Pionieren der Feldarbeit noch weitere Übel, denen sie in dem Ausmaß noch nie begegnet waren: Infektionskrankheiten.

Forscher gehen davon aus, dass etliche übertragbare Leiden, die den Menschen heute noch bedrohen - darunter Pocken, Masern und Malaria -, erstmals vor etwa 10 000 Jahren wüteten, zur Zeit der ersten Bauern. Frühe Siedlungen wie die von Atlit-Yam offenbaren demnach nicht nur einen Wandel in der Art und Weise, wie unsere Vorfahren lebten - sondern auch, wie sie starben. Gerade in den Geburtsstätten der Zivilisation, den frühen Niederlassungen und Dörfern, wurden nicht selten viele, möglicherweise sogar alle Menschen von den ersten Seuchen der Geschichte dahingerafft.

Die Suche nach dem Ursprung der Epidemien ist eine mühselige Detektivarbeit. Denn nur wenige Infektionen, darunter Tuberkulose und Lepra, hinterlassen eindeutige Spuren an den Skeletten der Erkrankten. Zudem sind nicht alle Erreger derart widerstandsfähig, dass sich ihr Erbmaterial heute noch aus jahrtausendealten Knochen extrahieren lässt. Doch Mikrobiologen und Historiker sind sich darin einig, dass insbesondere die Schwindsucht bereits in den Siedlungen der Jungsteinzeit weit verbreitet gewesen sein muss. Immer wieder stoßen sie bei Grabungen, etwa in Sachsen-Anhalt, Ungarn oder Norditalien, auf Skelette mit völlig zerstörten Wirbeln und einem Spitzbuckel - typischen Symptomen der Knochentuberkulose.

Im Jahr 2012 veröffentlichten Forscher Erstaunliches: Von den 28 untersuchten Skeletten aus einem Dorf nahe Derenburg am Ostrand des Harzes fanden die Wissenschaftler bei etwa einem Drittel der rund 7000 Jahre alten Gebeine deutliche Zeichen, die auf Schwindsucht hinweisen. Wahrscheinlich waren aber fast alle Bewohner der Ortschaft lungenkrank: Denn auch Knochen, die keine anatomischen Merkmale der Tuberkulose erkennen ließen, enthielten mikrobiologische Spuren des Erregers. Zudem entdecken Archäologen immer wieder Gebeine aus der Frühzeit der Agrarwirtschaft, die von charakteristischen Längsrillen durchzogen sind. Diese Kerben entstehen, wenn die Knochenhaut entzündet ist - was wiederum infolge häufiger Infekte geschieht. Krankheitskeime, so zeigen immer mehr Studien, konnten sich im Zuge der Neolithischen Revolution erstmals weitläufig ausbreiten und sich nach und nach auf den Homo sapiens spezialisieren. Die Vorzüge des bäuerlichen Lebensstils mögen schließlich zwar überwogen haben, doch die Menschen zahlten dafür zunächst einen hohen Preis.

Forscher nehmen an, dass vor allem vier Faktoren den Aufstieg der Erreger begünstigten:

-einseitige Ernährung - der Verzehr zu vieler Kohlenhydrate schwächte die Abwehrkräfte der Bauern;

-Domestikation von Tieren - durch das enge Zusammenleben mit Schweinen, Rindern und Hunden konnten Keime auf Menschen überspringen;

-mangelnde Hygiene - Fäkalien und Unrat in den Siedlungen waren ein Reservoir für zahlreiche Erreger;

-steigende Bevölkerungsdichte - immer mehr Menschen lebten auf immer kleinerer Fläche zusammen, sodass sie sich mit höherer Wahrscheinlichkeit gegenseitig ansteckten.

Es mag verblüffen, dass die Immunabwehr der ersten Siedler oftmals geschwächt war und dass einer der Gründe in der Ernährung liegt. Denn die Bauern waren nicht mehr auf jene Nahrung angewiesen, die sie in ihrer direkten Umgebung fanden, hatten also in der Regel genug zu essen.

Doch die frühen Landwirte ernährten sich zumeist einseitig. Die Jäger und Sammler dagegen hatten vor allem Fleisch, Nüsse und Früchte zu sich genommen - sie profitierten von einer ausgewogenen, eiweiß- und vitaminreichen Kost (freilich nur, wenn sie nicht aufgrund fehlenden Jagdglücks Hunger leiden mussten).

In den Anfängen der Landwirtschaft kam es dann zu einer folgenreichen Umstellung: Die Siedler verzehrten kaum noch tierische Kost, sie ernährten sich weitgehend vegetarisch, bauten vor allem Getreide wie Emmer, Einkorn oder Gerste an. Zwar enthalten die Samen dieser Pflanzen viele Kohlenhydrate, also genug Energie - aber nur wenig Eiweiße und Vitamine. Paläopathologen erkennen die Ernährungsumstellung auch am Zustand uralter Gebisse: So fanden sich bei rund 60 Prozent der Bauern nahe Derenburg Spuren von Karies – ein Leiden, das unter Jägern und Sammlern weniger verbreitet war.

Auf den Zähnen vieler Toter befinden sich zudem charakteristische horizontale Rillen; ein Hinweis darauf, dass die Menschen immer wieder längere Hungerperioden durchlebten. Offenbar waren die ersten Ernten bei Weitem nicht so ertragreich wie zu späteren Zeiten.

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Reiseapotheke:

Erste Hilfe im Gepäck: Steinzeitmenschen wie der in den Alpen verstorbene "Gletschermann" ("Ötzi") nutzen zur Wundbehandlung offenbar Pilze wie diesen, die entzündungshemmende Stoffe enthalten.

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Pflege:

Auch wenn die Heilkunst versagt, kümmern sich die Menschen um Kranke: Dieses Kind, das an einem Wasserkopf litt, wird (wie sich aus der Bestattung schließen lässt) von den Angehörigen bis zu seinem frühen Tod umsorgt.

Konsumierten die Bauern zudem wenig Fleisch, mangelte es ihnen auch an wichtigen Vitaminen und Eisen - mit der Folge, dass ihr Körper den roten Blutfarbstoff Hämoglobin nicht richtig zusammensetzen konnte. Da rote Blutkörperchen dann nicht genügend Sauerstoff transportieren, versucht der Organismus automatisch immer mehr und neue Blutzellen herzustellen. Dadurch vergrößern sich häufig jene Körperareale, in denen die Zellen produziert werden, etwa das Knochenmark im Schädel oder in den Augenhöhlen. Die Knochen an diesen Stellen werden daraufhin porös, schwammähnlich. An vielen Skeletten aus der Jungsteinzeit lassen sich solche Merkmale nachweisen. In dem Dorf bei Derenburg etwa hatten zwei Drittel der Toten von Blutarmut aufgeschwemmte, siebartige Augenhöhlen.

Eine Analyse der chemischen Zusammensetzung ihrer Gebeine ergab zudem, dass die Siedler besonders wenig Fleisch und Milchprodukte zu sich nahmen. Offenbar waren ihre Abwehrkräfte infolge des Eiweißmangels derart geschwächt, dass die Schwindsucht umso verheerender wüten konnte.

Den ganzen Artikel lesen Sie in der GEOkompakt-Ausgabe Nr. 37 "Die Geburt der Zivilisation.

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