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Die Grundlagen des Wissens

Wissens-Transfer Leseprobe: Der Weg der Erfindungen

Schon in der Steinzeit pflegen Menschen über weite Entfernungen Handel und tauschen Erfahrungen. Doch im Altertum erlebt der Güterverkehr einen enormen Aufschwung. Entlang der Routen entstehen Großstädte wie Mohenjo-Daro, Mari, Auaris und Hattuscha. Hier schlagen die Bewohner Waren aus aller Welt um, häufen Reichtum und Wissen an - und schaffen den Nährboden für neue Ideen und Erfindungen
In diesem Artikel
Der Fortschritt beschleunigt sich selbst: Technik gebiert neue Technik, eine Idee befruchtet die nächste

Im Jahr 1958 entdeckten Archäologen bei Grabungen in Hessen eine etwa sieben Zentimeter hohe Figur aus Kalkstein. Die Statuette, eine stilisierte menschliche Gestalt, hat einen dreieckigen Kopf und streckt die Arme waagerecht von sich. Unterleib und Beine sind ebenfalls zu einem dreieckigen Gebilde verschmolzen. Der Fund ist einzigartig in Mitteleuropa. Nirgendwo sonst ist dort je ein vergleichbares Kunstwerk entdeckt worden. Und doch hat die Figur aus Hessen einen Zwilling: Eine nahezu identische, rund 4600 Jahre alte Statuette fanden Gräber in den Ruinen der sumerischen Stadt Eschnunna im heutigen Irak. Aber auch dort ist diese Statue ein Unikat. Die typischen Figuren, die zu jener Zeit in Eschnunna gefertigt wurden, sehen ganz anders aus. Woher also stammen die Statuetten? Wer hat sie geschaffen, und wie sind sie in derart unterschiedliche Regionen gelangt? Eindeutige Antworten vermögen die Experten bis heute nicht zu geben. Nur so viel steht fest: Die Figuren müssen Tausende Kilometer weit transportiert worden sein. Und bezeugen somit, dass bereits unsere jungsteinzeitlichen Vorfahren erstaunlich mobile Menschen waren und kulturellen Austausch über große Entfernungen pflegten. Entfacht wurde diese Mobilität wohl durch die Sehnsucht nach Rohstoffen oder Gütern, die es oft nur in der Fremde gab. Schon vor 7000 Jahren führte sie zu einem regen Warentausch in Europa. So waren Muscheln aus der Ägäis in weiten Teilen des Kontinents als Schmuck begehrt, und Feuerstein (ein wichtiges Material für die Herstellung von Beilen, Messern oder Schabern) bezogen viele Menschen zeitweise bevorzugt aus einem Bergbaurevier in den heutigen Niederlanden – obwohl die Steine fast überall vorkommen. Offenbar folgten also schon die frühen Siedler überregionalen Trends, unterlag das Warengeschäft, so scheint es jedenfalls, gewissen Moden. Transportiert wurden die jeweils gefragten Güter vermutlich auf dem Rücken von Trägern oder mit Einbäumen auf Flüssen.

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Mohenjo-Daro, 2300 v. Chr., heutiges Pakistan

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Ohne Städte wie die Metropole am Indus wäre der kulturelle und technische Fortschritt der ersten Hochkulturen undenkbar. Schon vor viereinhalb Jahrtausenden betreiben Menschen in der Großsiedlung ausgeprägten Handel, Kaufleute reisen von hier bis nach Zentralasien sowie in den Iran, Waren aus dem Indus-Tal gelangen auf die Arabische Halbinsel und in die Tausende Kilometer entfernten Stadtstaaten Mesopotamiens

Auf diese Weise entstanden Handelsrouten, die Gesellschaften in ganz unterschiedlichen Landstrichen miteinander verbanden. Häufig kreuzten sich diese Wege in den ersten Städten, die im 4. Jahrtausend v. Chr. in Vorderasien entstanden (während die Menschen in Europa weiterhin in kleinen Siedlungen lebten). Metropolen wie Uruk, Ur oder Eridu in Mesopotamien sowie später auch Mohenjo-Daro, die größte Stadt der Indus-Kultur im heutigen Pakistan, waren solche Orte der Begegnung. Es waren Zentren, in denen nicht nur Waren gehandelt, sondern auch Neuerungen aus aller Welt erprobt, genutzt und verbessert wurden – in denen der Fortschritt der Zivilisation förmlich greifbar wurde. Denn auf den Routen der Händler zirkulierten neben den Rohstoffen und Gütern auch Erfindungen, Techniken und Ideen.

Der Fortschritt beschleunigt sich selbst: Technik gebiert neue Technik, eine Idee befruchtet die nächste

Diese durch Handel und Austausch verbreiteten Innovationen (etwa moderne Methoden des Ackerbaus, die Kunst der Keramik oder die Schrift) waren maßgebliche Motoren der gesellschaftlichen Entwicklung – und der Grund dafür, dass der technische Fortschritt immer schneller verlief. Denn ein Blick in die Geschichte zeigt: Technik gebiert neue Technik. Überall dort, wo Menschen mit Innovationen in Kontakt kommen, entstehen neue Anwendungen, werden fremde Techniken zur Grundlage eigener Erfindungen und Erkenntnisse. Der rasche Wissenstransfer von einer Stadt zur nächsten sowie die rege Verständigung zwischen verschiedenen Kulturen waren demnach die vermutlich wichtigsten Faktoren bei der Entwicklung der modernen Zivilisation.

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Die vermutlich in Anatolien erfundene Technik, Textilien rasch und in großer Stückzahl herzustellen, wird zur Grund- lage eines wichtigen Industriezweigs

Heute erscheint es uns selbstverständlich, dass Güter in kurzer Zeit um den Erdball gelangen und sich Ideen und Informationen oft sekundenschnell ausbreiten. Forscher haben nahezu unbegrenzten Zugriff auf die Ergebnisse ihrer Kollegen; technische Errungenschaften werden auf anderen Kontinenten genutzt, imitiert und weiterentwickelt. Aus dieser Perspektive mag uns das Leben der Frühzeit langsam und provinziell erscheinen. Wir halten die Globalisierung für ein modernes Phänomen und neigen dazu, die Beweglichkeit früherer Kulturen zu unterschätzen. Doch wie immer mehr archäologische Entdeckungen offenbaren, breiteten sich schon vor Jahrtausenden Erfindungen wie die Bronze oder das Rad geradezu rasant aus - zumindest für damalige Verhältnisse. Mitunter tauchten neue Techniken fast gleichzeitig an verschiedenen Orten Europas und Asiens auf, sodass Forscher nicht einmal sagen können, in welcher Region sie zuerst hervorgebracht wurden.

Um plausible Theorien aufzustellen, wo eine Neuerung ursprünglich entstanden ist und wie sie sich verbreitet hat, orientieren sich die Wissenschaftler daher nicht mehr allein an der zumeist lückenhaften Verteilung archäologischer Funde, sondern gehen verstärkt der Frage nach, wo und warum die Menschen einer bestimmten Gegend überhaupt einen Vorteil aus der neuen Technik ziehen konnten.

Zwar herrscht heutzutage allgemein die Auffassung vor, dass Innovationen in der Regel sehr gezielt zustande kommen - etwa weil Menschen vor einer konkreten Herausforderung stehen und dieses Problem lösen wollen. Doch für viele, wenn nicht gar die meisten neuen Techniken gilt, dass ihre Erfinder anfangs gar keine praktische Anwendung im Sinn haben – die ergibt sich vielmehr erst später. Und ihr mitunter revolutionäres Potenzial entfalten Neuerungen oft erst dann, wenn sich herausstellt, dass man sie auch für ganz andere Zwecke nutzen kann.

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Mari, 1800 v. Chr., heutiges Syrien

Dieses Wechselspiel zeigt sich bereits bei einer der ersten folgenreichen Innovationen an der Wende zur Jungsteinzeit: der Produktion von Keramik. Lange Zeit nahmen Forscher an, dass es frühe Bauern im Nahen Osten waren, die die Töpferei vor etwa 9000 Jahren erfanden - denn sie brauchten Vorratsbehälter für die Ernte sowie Kochgefäße, etwa um Hülsenfrüchte zu garen.

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Die am Euphrat gelegene Stadt gilt als wichtiges Drehkreuz zwischen dem Persischen Golf und dem Mittelmeer. Die nordmesopotamische Metropole steht mit anderen Stadtstaaten wie Assur in regem Kontakt und kontrolliert die Handelswege zur rohstoffarmen Gegend um Uruk im Süden des Zweistromlandes

Doch diese Lehrmeinung gilt als überholt, seit Archäologen an mehreren Orten in Ostasien Tonscherben von Töpfen entdeckt haben, die schon lange in Gebrauch waren, bevor irgendwo auf der Welt Menschen Ackerbau betrieben. Forscher fanden heraus, dass die Menschen der chinesischen Provinz Jiangxi bereits vor mehr als 20 000 Jahren Tontöpfe herstellten, in denen sie vermutlich Fisch oder Fleisch zubereiteten. Gut möglich also, dass die Bauern im Nahen Osten die Töpferei gar nicht erfunden, sondern über viele Zwischenstationen aus dem Fernen Osten übernommen haben. Und sie begriffen vermutlich sehr schnell, wie wichtig die Behälter aus Keramik für sie werden könnten. Denn nun waren die Bauern erstmals in der Lage ihre Ernteüberschüsse für längere Zeit und sicher vor Ungeziefer aufzubewahren. Dies hatte wahrscheinlich einen großen Einfluss auf den Verlauf der Neolithischen Revolution, also das Aufkommen der Landwirtschaft.

Denn das Modell Ackerbau – Nahrungsmittel in Mengen zu produzieren und zu horten – breitete sich bald nach dem Aufkommen der nahöstlichen Keramikproduktion recht schnell in Vorderasien aus und erreichte schließlich auch Europa (siehe Seite 58). Das aber hieße, dass wir einen der wichtigsten zivilisatorischen Schritte – den Übergang zur Sesshaftigkeit – einem Know-how-Transfer verdanken. Und dessen Auswirkungen reichen sogar noch weiter: Vieles spricht dafür, dass die Produktion von Keramik auch die Nutzung neuer Werkstoffe möglich machte: der Metalle. Denn erst der Bau geeigneter Öfen zum Brennen von Tongefäßen bei hohen Temperaturen schuf vermutlich die Voraussetzung für das Schmelzen und Gießen von Metall. Ob sich das alles tatsächlich so abgespielt hat, ist freilich kaum zu beweisen. Denn Altertumsforscher stehen immer wieder vor dem gleichen Dilemma: Zwar können sie häufig sagen, wann sich welche technische Errungenschaft an welchem Ort nachweisen lässt, doch sie wissen zumeist nicht, wie und auf welchem Wege sie dorthin gelangt ist.

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Auaris, 1550 v. Chr., Ägypten

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Die Stadt im Nildelta wird von Einwanderern aus Kanaan bewohnt, gut 100 Jahre residieren hier Könige aus der Levante. Dem Fortschritt schadet das aber keineswegs. Im Gegenteil: Die Fremden bringen etliche Innovationen nach Ägypten - etwa Neuerungen in Waffentechnik, Schiffsbau und der Keramikproduktion

Handelt es sich um eine eigenständige Erfindung – oder haben sich die Menschen die Neuerung von anderen abgeschaut? Und wenn ja, von wem? Viele Indizien sprechen dafür, dass etliche neue Techniken im Zuge eines Wissenstransfers von anderen Gesellschaften übernommen wurden. Äußerst plausibel erscheint dieses Szenario bei einer der wichtigsten Erfindungen in der Geschichte der Menschheit: dem Rad.

Die ganze Geschichte lesen Sie in der GEOkompakt-Ausgabe Nr. 37 "Die Geburt der Zivilisation"

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