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Die Grundlagen des Wissens

Wem verdanken wir die Zivilisation? Leseprobe: Interview "Phänomen Hochkultur"

Weshalb unsere Gesellschaft auf sozialer Ungleichheit fußt, warum Spezialisten für die Entwicklung früher Hochkulturen so wichtig waren, wieso bereits ein geringer Klima-Umschwung vor Jahrtausenden zu einer schweren Krise führen konnte - und weshalb die größte Wende in der Geschichte der Menschheit auf Neugier beruht: der Archäologe Hermann Parzinger über die Wurzeln unserer Zivilisation
In diesem Artikel
Also kann eine Hochkultur nur auf sozialer Ungleichheit aufbauen?
Und doch haben es die Menschen damals geschafft, Zinnvorkommen in großen Mengen zu erschließen, um tonnenweise Bronze herzustellen.

GEOkompakt: Herr Professor Parzinger, im 4. Jahrtausend v. Chr. entstehen in Mesopotamien und in Ägypten, etwas später auch im Indus-Tal, die ersten Hochkulturen. Was genau versteht man unter diesem Begriff?

Professor Hermann Parzinger: Von einer Hochkultur kann man sprechen, wenn sich eine Gesellschaftsform entwickelt hat, die das Zusammenleben größerer Menschenmassen meistert. Das wiederum braucht Hierarchien, Institutionen und Verwaltung, ohne die sich das Miteinander nicht regeln lässt.

Wodurch zeichnet sich eine solche Verwaltung aus?

In erster Linie dadurch, dass sich feste Institutionen gebildet haben, politische wie auch religiöse. Nur bestimmte Personen gehören dabei zum inneren Zirkel, sogenannte Eliten, und sie gebieten nicht selten über zahllose Gefolgsleute. Politische Herrscher legen Steuern fest, sie kontrollieren den Zugang zu Rohstoffen wie Metall oder zu Handelsgütern wie Textilien oder Schmuck. Auch Priester nehmen oft Führungspositionen ein, sie regeln den kultischreligiösen Bereich in Tempeln und die Kommunikation mit den Göttern. Und dann gibt es noch einen ganz entscheidenden Faktor, der eine "echte" Hochkultur auf jeden Fall kennzeichnet: der Gebrauch eines Schriftsystems.

Warum ist gerade die Schrift so wichtig?

Ohne Schrift lässt sich kein effizienter Verwaltungsapparat aufbauen, lässt sich die Organisation einer Stadt schlicht nicht bewerkstelligen. Ohne Schrift gibt es aber auch keine Königslisten und Geschichtsschreibung. Es müssen Verträge geschlossen, Bilanzen erstellt oder komplizierte Gesetze erlassen werden. Und Schrift schafft Verbindlichkeit. Es mag erstaunlich klingen: Aber irgendwie verdanken wir unsere Zivilisation den Bürokraten - jenen Menschen, die alles Wichtige notierten, auflisteten und protokollierten und die ersten Schriftsysteme dabei ständig weiterentwickelten. Im Grunde macht also erst die Schrift eine wirkliche Hochkultur aus, es ist gewissermaßen der letzte, der entscheidende Schritt dahin.

Und was ist der erste Schritt?

Das ist ein längerer, komplexer Prozess, weniger ein einziger Schritt. Vor Hunderttausenden von Jahren steht der eiszeitliche Mensch am Anfang der Entwicklung. Unsere Vorfahren leben damals noch als Wildbeuter und ernähren sich vom Jagen, Fischen und vom Sammeln essbarer Pflanzen. Dann kommt vor etwa 11.000 Jahren ein entscheidender Wendepunkt, die Neolithische Revolution: Der Mensch wird sesshaft, beginnt Kulturpflanzen anzubauen und Haustiere zu züchten. Es wird Überschuss produziert, der gehandelt werden kann. Im Zuge dieser Veränderungen wandelt sich auch die Gesellschaft und wird immer komplexer. Und es sind genau solche komplexen Gesellschaften, die immer die entscheidende Voraussetzung für die Entstehung einer Hochkultur bilden. Es kommt zu einer Hierarchisierung innerhalb der Gesellschaft, es bildet sich ein System verschiedener politischer und religiöser Eliten heraus. Oft geht dem ein demographischer Wandel voraus, verbunden mit einem starken Bevölkerungswachstum.

Leseprobe: Interview "Phänomen Hochkultur"

Der Prähistoriker Prof. Dr. Hermann Parzinger (hier im Berliner Pergamon-Museum vor den Nachbildungen zweier assyrischer Portalfiguren aus dem 9. Jahrhundert v. Chr.) ist einer der weltweit führenden Experten für frühe Hochkulturen. Seit 2008 leitet er als Präsident die Berliner Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Und der Motor für diese Entwicklung sind Ackerbau und Viehzucht?

Genau. Denn die Ernährung wird plötzlich planbar. Und dadurch kann die Gemeinschaft wachsen. Wir wissen, dass Frauen in diesen frühen sesshaften Gemeinschaften wesentlich häufiger schwanger werden als Frauen umherziehender Wildbeutergruppen. Damit ist der Grundstein für die Bevölkerungszunahme gelegt.

Und so auch für die Hierarchisierung?

Je mehr Menschen zusammenleben, desto eher braucht man in einer solchen Gesellschaft Führungspersönlichkeiten. In großen Gemeinschaften nehmen zwangsläufig einzelne Menschen bestimmte Dinge in die Hand. Das sind Personen, die über besondere Fähigkeiten und über Charisma verfügen, die Entscheidungen für andere treffen, die Konflikte regeln oder die Nahrungsverteilung organisieren. Solange sie damit Erfolg haben, steigt ihr Ansehen und zugleich auch ihre Autorität innerhalb der Gemeinschaft.

Also kann eine Hochkultur nur auf sozialer Ungleichheit aufbauen?

In gewisser Weise schon, die Wurzeln unserer Zivilisation liegen in der Aufspaltung der Gesellschaft. Doch entstehen nach der Neolithischen Revolution nicht gleich Herrscherdynastien - stirbt eine Führungspersönlichkeit, so übertragen sich Status und Ansehen noch nicht automatisch auf die Nachkommen. Die soziale Stellung gründet sich in diesen Gemeinschaften wahrscheinlich weniger auf die Geburt, sondern eher auf bestimmte Fähigkeiten wie organisatorisches Talent, strategisches Geschick oder eben Charisma. Gerade in frühen Gesellschaften geht es aber nicht nur um politische Macht. Zentral sind Menschen, die über wichtige Kenntnisse verfügen - Spezialisten mit besonderem Know-how.

Weshalb spielen die eine so überragende Rolle?

Ohne Spezialisten könnte sich ein komplexer werdendes soziales Gefüge weder ausbilden noch erhalten.

Was würde geschehen?

Leseprobe: Interview "Phänomen Hochkultur"

Je mehr Menschen zusammenleben, so Parzinger, desto eher braucht eine Gesellschaft Führungspersönlichkeiten, die Entscheidungen treffen. Es bilden sich Eliten

Aufstrebende Kulturen sehen sich ständig vor neue Herausforderungen gestellt. Sie müssen sich folgendes Szenario vorstellen: An einem Fluss wird eine Siedlung gegründet. Sie wächst kontinuierlich und entwickelt sich zu einem Ballungszentrum, in dem immer mehr Menschen zu versorgen sind. In der Umgebung müssen immer größere Agrarflächen bewirtschaftet werden, teils mit mehreren Ernten pro Jahr. Das wird zunehmend schwierig. Die natürlichen Regenfälle reichen dafür nicht aus, also bedarf es ausgeklügelter künstlicher Bewässerungssysteme. Nur: Wer entscheidet genau, wo ein Wassergraben angelegt wird, wie er genau beschaffen sein muss, was beim Bau zu beachten ist, wie viel Wasser auf ein Feld geleitet werden darf? Dazu braucht die Gemeinschaft einerseits Experten und andererseits Führungseliten, die die vermeintlich richtigen Handlungsempfehlungen dann durchsetzen.

Können Sie ein anderes Beispiel nennen?

Dieser Prozess lässt sich auch bei vielen Handwerkszweigen beobachten. Nehmen Sie die Keramikherstellung. Am Anfang töpfert noch jeder für den eigenen Hausgebrauch. Der gestiegene Bedarf in Großsiedlungen und Städten führt zur Erfindung der schnellen Töpferscheibe, die Massenproduktion ermöglicht. Doch nicht jeder kann mit der Töpferscheibe umgehen, das heißt, es entsteht ein Handwerk. Werkstätten bilden sich, in denen Fachleute arbeiten, die über die nötigen Materialkenntnisse verfügen, die wissen, in welchem Verhältnis bestimmte Tonarten gemagert werden müssen, damit die Gefäße beim Brand nicht reißen, und die verstehen, wie effiziente Brennöfen funktionieren. Noch weitaus mehr Know-how ist bei der Verarbeitung von Metall vonnöten, das aber erst deutlich später als Werkstoff entdeckt wird.

Dabei geht es ja um sehr komplexe chemische Prozesse.

Genau, die frühen Metallurgen verfügen über ein erstaunliches Wissen. Denken Sie an die Bronze: Nur wenn man Zinn in einem bestimmten Verhältnis mit Kupfer mischt, erhält man Bronze – ein Metall, das so bedeutend ist, dass es einer ganzen menschheitsgeschichtlichen Epoche ihren Namen gibt. Bronze ist härter und leichter zu gießen als Kupfer, doch wie kommt man darauf, dafür Kupfer mit Zinn zu legieren, zumal Zinn sehr selten vorkommt? Das ist eine enorme technologische Leistung.

Und doch haben es die Menschen damals geschafft, Zinnvorkommen in großen Mengen zu erschließen, um tonnenweise Bronze herzustellen.

Das ist wirklich erstaunlich, weil es im Altertum nur wenige Zinnlagerstätten gibt. Außerdem kann man einige Zinnerze in der Natur nur schwer erkennen. Manchmal hat Zinnerz eine leicht gelbliche Färbung, aber es gibt auch Vorkommen, die kaum vom umgebenden Gestein zu unterscheiden sind. Das zeigt einmal mehr, was für eine ungeheure Erfahrung, wie viel Expertise und welch technisches Geschick die Erzsucher und Bergleute schon vor Jahrtausenden haben. Und das hört mit dem Abbau der Metallerze ja nicht auf, sondern gilt genauso für den gesamten Prozess der Verhüttung und Weiterverarbeitung bis hin zu den komplizierten Endprodukten. Die Metallurgen entwickeln ja auch überaus raffinierte Herstellungsverfahren. Etwa den sogenannten "Guss in verlorener Form".

Wie funktioniert dieses Verfahren?

Zunächst formt man das Objekt, das man aus Bronze gießen möchte, aus Bienenwachs - zum Beispiel eine Statuette oder ein kompliziertes Schmuckstück. Dann überzieht man das Wachsgebilde mit Lehm, lässt ihn trocknen und brennt ihn anschließend, damit die Lehmummantelung richtig fest wird. Das ausgeschmolzene Wachs lässt im Inneren dieses Lehmklumpens dann einen Hohlraum zurück, der genau der gewünschten Form entspricht. Nun kann man das geschmolzene Metall hineingießen. Sobald es erkaltet ist, zerschlägt man die Lehmform, sie zerbricht und geht dadurch verloren, daher der Name. Aber es ist in der Tat eine äußerst raffinierte Methode, um selbst komplizierteste metallene Objekte zu fertigen.

Das klingt nach einem richtigen Wissenschaftsbetrieb, der die komplexer werdende Gesellschaft voranbringt.

Der Begriff "Wissenschaftsbetrieb" ist recht modern und mutet daher im Zusammenhang mit frühen Kulturen etwas ungewöhnlich an. Aber natürlich wird auch in frühen Zivilisationen experimentiert und geforscht. Und das in allerlei Disziplinen. Wie sonst könnte man schon vor Tausenden von Jahren Monumentalbauten errichten?

Sie meinen, die Menschen damals müssen schon etwas von Statik verstehen?

weder Pyramiden noch Tempel oder andere Großbauten errichten. Und wir wissen, dass Baumeister in den frühen Kulturen von enormer Bedeutung sind. Noch bevor die ersten Gesetze niedergeschrieben werden, gibt es bereits Monumentalität in der Architektur, wie Kultplätze mit riesigen Steinkreisen oder gigantische Grabbauten zeigen. Und in all diesen Fortschritten, in der Landwirtschaft mit Bewässerungstechnik, in der Metallurgie und in der Architektur wird wie nirgendwo sonst ein besonderer Wesenszug des Menschen spürbar, der den kulturellen Aufschwung seit jeher vorantreibt - eine Mischung aus Neugier, Ehrgeiz, Erfindungsgeist und Wissensdurst. Denn der Mensch strebt ständig danach, seine Lebensumstände zu optimieren. Bereits in der Jungsteinzeit will der Homo sapiens seine wirtschaftliche Produktivität steigern, die Grenzen der Erkenntnis verschieben, immer tiefer in die Geheimnisse des Lebens eindringen. Andernfalls hätten sich seine Lebensverhältnisse nie gewandelt. Es wäre auch nie zur Neolithischen Revolution gekommen.

Die größte Wende in der Geschichte der Menschheit beruht also auf Neugier?

Auf Neugier und dem Drang zum Optimieren. Der Übergang von den Wildbeutern der Altsteinzeit zu den frühen Bauern des Neolithikums verdankt sich letztlich dem Experimentieren mit Wildpflanzen und Wildtieren. Aus Wildpflanzen werden Kulturpflanzen gezüchtet, die einen höheren Ertrag und größeren Nährwert erbringen. Das gelingt nur durch langwieriges Ausprobieren und akribische Beobachtung. Mit den Haustieren ist es fast noch schwieriger. Denn Wildtiere müssen zunächst gezähmt werden, um sie überhaupt halten zu können. Durch die Zucht aber werden Haustiere kleiner und anfälliger als ihre wilden Vorfahren. Und vor allem: In Gefangenschaft sind Wildtiere zunächst nicht so paarungsbereit wie in freier Wildbahn, was den Prozess der Domestikation noch zusätzlich erschwert. Der Weg zu den ersten Haustieren mit Schafen, Ziegen, Rindern und Schweinen ist also lang und erfordert von unseren neolithischen Vorfahren viel Geduld, Zielstrebigkeit und Weitblick.

Das ganze Interview lesen Sie in der GEOkompakt-Ausgabe Nr. 37 "Die Geburt der Zivilisation"

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