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Die Grundlagen des Wissens

Persönlichkeitsforschung Warum sich unser Charakter so unterschiedlich entwickelt

Jeder Mensch hat einen ganz eigenen Charakter: Der eine
 mag neugierig und offen sein, ein anderer schüchtern und engstirnig, ein dritter chaotisch und ungezwungen. Doch wieso haben wir alle ein individuelles Wesen – und wie entwickelt es sich im Laufe des Lebens? Psychologen und Hirnforscher versuchen, das Rätsel der Persönlichkeit zu entschlüsseln
Persönlichkeit

Welche Kombinationen von Wesensmerkmalen sind am häufigsten? Und wie verändern sie sich mit den Jahren?

Zwei US-Psychologen namens Gordon Allport und Henry Odbert ersannen im Jahr 1936 eine anfangs geradezu irrwitzig erscheinende Studie: Sie nahmen das umfangreichste auf dem Markt erhältliche Sprachlexikon zur Hand und schrieben sämtliche Begriffe auf, die menschliche Eigenschaften beschreiben.

Die Forscher wollten herausfinden, wie viele unterschiedliche Facetten der Persönlichkeit es gibt, wie viele Eigenschaften das Wesen der Menschen aufweisen könne – und sie gingen davon aus, dass sich Charaktermerkmale zwangsläufig in der Sprache niederschlagen: dass sich also für alle Eigenschaften, die bedeutsam, interessant oder nützlich sind, im Laufe der Zeit spezielle Wörter entwickelt haben. Und je bedeutsamer ein individuelles Merkmal sei – so die Überlegung der zwei Wissenschaftler –, desto wahrscheinlicher schien es, dass ein Wort dafür existiert.

Mithilfe der Begriffssammlung müssten demnach alle relevanten Eigenschaften der Menschen abgedeckt sein. Tatsächlich standen am Ende der lexikalischen Analyse genau 17 953 Begriffe auf der Liste der Forscher. Viele dieser Definitionen umschrieben praktisch den gleichen Charakterzug – etwa die Wörter "hitzköpfig" und "jähzornig", "gesellig" und "kontaktfreudig".

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Nach und nach reduzierten die Forscher daher die Zahl der Begriffe; sie fassten all jene Charakterisierungen zusammen, die Ähnliches bedeuten, und stellten zudem Eigenschaften in Gruppen auf, die voneinander abhängig sind, also zumeist bei Menschen gemeinsam auftreten.

Denn statistische Analysen zeigten: Personen, die als gewissenhaft gelten, sind häufig auch verantwortungsvoll, zuverlässig, organisiert und sorgfältig. Und wer häufig Angst hat, ist meist auch grüblerisch, empfindlich, nervös und verzagt. Und schließlich: Ein mitfühlender Zeitgenosse ist nicht selten auch hilfsbereit, warmherzig, freundlich und großzügig.

Big-Five-Modell

Kategorisierung nach dem Big-Five-Modell

Auf diese Weise gelang es den Psychologen, die fast 18.000 Beschreibungen auf fünf grundlegende Eigenschaften zu verdichten. Es war zunächst ein rein sprachwissenschaftlicher Ansatz. Doch unter den meisten Fachleuten herrscht heute Einigkeit darüber, dass sich die vielen Facetten der menschlichen Persönlichkeit tatsächlich auf diese fünf Merkmale – die "Big Five" – reduzieren lassen, die bei jedem Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt sind und die in ihren jeweiligen Kombinationen jeden von uns individuell prägen.

Viele Psychologen nutzen das Big-Five-Modell – mit den Faktoren Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit, Neurotizismus –, um den Charakter von Menschen zu beschreiben:

  • Offenheit. Dabei handelt es sich um ein Merkmal von Personen, die zu neuen Erfahrungen bereit sind, neugierig, an fremden Kulturen interessiert, fantasievoll und erfinderisch. Sie suchen Aufregung und Abwechslung. Im Gegensatz dazu schätzen Menschen, bei denen dieser Wesenszug wenig ausgeprägt ist, Konventionen, sind eher einseitig interessiert, vorsichtig, bodenständig, setzen auf Bewährtes. Und lassen gern alles so, wie es ist.
  • Gewissenhaftigkeit. Wer diese Eigenschaft in hohem Maße besitzt, ist gut organisiert, zuverlässig, plant vorausschauend, arbeitet strukturiert, verfügt über Disziplin und Durchhaltevermögen. Zudem zeigen solche Menschen Ehrgeiz und streben gute Leistungen an. Wem Gewissenhaftigkeit dagegen fehlt, der drückt sich um Verantwortung, pfuscht häufig, ist sorglos, unvorsichtig, nachlässig und vergesslich, leichtsinnig und sprunghaft.
  • Extraversion. Extravertierte Menschen suchen Kontakt zu anderen, sind gesprächig, energisch, können begeistern und sind aktiv. Sie lieben Spaß, handeln spontan – und zeigen eine gute Durchsetzungskraft. All jene, die dieses Merkmal nur wenig ausgeprägt haben, neigen dazu, sich zurückzuziehen, sind eher ruhig, gern allein und arbeiten am liebsten unabhängig. Sie machen durch ihre Schweigsamkeit nicht selten einen reservierten Eindruck und sind stark mit ihrer inneren Erlebniswelt beschäftigt.
  • Verträglichkeit. Wer in hohem Maße über diese Eigenschaft verfügt, gilt als freundlich, kooperativ, warmherzig, mitfühlend, hilfsbereit, großzügig, harmoniebedürftig und für Teamwork gut geeig­net. Verträgliche Menschen sind offenbar auch besonders empfänglich für Glücksmomente. Den Gegenpol dazu bilden Personen, die als kalt und mitunter streitsüchtig wahrgenommen werden, als undankbar, aggressiv im Wettbewerb, misstrauisch, wenig entgegenkommend und schroff im Ton.
  • Neurotizismus. Dieser Begriff cha­rakterisiert, wie emotional stabil jemand ist und wie er mit negativen Erlebnissen umzugehen vermag. Ist dieser Faktor stark ausgeprägt, handelt es sich um ängstliche, nervöse, labile Personen, die sich zudem oft Sorgen machen, schnell gekränkt sind, Schuldgefühle haben und sich gern selbst bemitleiden. Stark neuro­tische Menschen haben ein erhöhtes Risi­ko, an Depressionen und Angststörungen zu erkranken. Andererseits sind sie durch ihre Empfänglichkeit auch für den emo­tionalen Schmerz anderer oft gute Thera­peuten. Im Gegensatz dazu sind wenig neurotische Personen eher entspannt, emotional stabil, zufrieden, ungezwun­gen und selbstsicher. Und kaum aus der Ruhe zu bringen.

Den gesamten Text lesen Sie in GEOkompakt "Wer bin ich?"