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Forensik Warum wir alle eine dunkle Seite haben

Jeder von uns trägt eine Schattenseite in sich, sagt der Psychiater Reinhard Haller. Doch wann wird ein Mensch zum Verbrecher?
Professor Dr. Reinhard Haller im Interview

Prof. Dr. Reinhard Haller ist einer der renommiertesten Experten für Kriminalpsychiatrie. Als Gutachter vor Gericht hat er mehr als 400 Mörder und Gewaltverbrecher untersucht

GEOkompakt: Herr Professor Haller, als Gerichtspsychiater beschäftigen Sie sich seit Jahrzehnten mit den Schattenseiten der menschlichen Psyche, mit dem Bösen in uns. Was aber ist das Böse?

Prof. Dr. Reinhard Haller: Darauf eine Antwort zu geben ist überaus schwierig. Der Begriff des Bösen ist vielschichtig, schillernd und nur äußerst schwer zu beschreiben. Der Ausdruck ist geprägt durch Merkmale wie aggressiv, frevlerisch, infam, amoralisch, krank, gemein, niederträchtig, teuflisch. Eigenschaften wie Gehässigkeit, Rachsucht und Neid, Arglist, Übelwollen und Verschlagenheit gehören ebenso zum Verwerflichen wie alles, was mit Zerstörung, Krankheit, Katastrophe, Verderben und Verbrechen zu tun hat. Das Böse ist ein mysteriöses Konstrukt, unter dessen Dach sich alle möglichen Varianten des Unguten versammeln. Es ist der Inbegriff des Negativen, des Schlechten und des Zerstörerischen. Das Böse, es ängstigt und bedrückt uns, es ist unheimlich, unfassbar und oftmals unaussprechbar.

Und doch überaus faszinierend.

Durchaus, und seit jeher hat der Mensch das Bedürfnis, dem Bösen eine Gestalt zu geben. Es wurde in Naturerscheinungen, wilden Tieren und bösen Geistern gesehen, in Dämonen und strafenden Göttern, in Ungeheuern, Krankheiten und Katastrophen. Und natürlich im Teufel, dem gefallenen Engel, der sich gegen Gott auflehnt und zum Fürsten der Finsternis wird. Folgt man der althoch-deutschen Wurzel des Wortes, erkennt man seine Kraft in einer destruktiven Energie: „Bosi“ bedeutete so viel wie anschwellend, aufgeblasen, erdrückend. Und doch hat jede Disziplin wiederum eigene Deutungen des Bösen.

Welche Interpretationen sind das?

Aus religiöser Sicht wird unter dem Bösen eine gottfeindliche Haltung verstanden. Unter den mannigfachen Interpretationen der Philosophie ragen jene des unabwendbaren Übels heraus, das man wie eine Naturkatastrophe erdulden muss. Immanuel Kant wiederum sah den Ursprung des Bösen in der durch Egoismus, Gier oder Hass geprägten menschlichen Natur. In der Morallehre gilt es als böse, wenn sich der Mensch unmittelbar durch Triebe leiten lässt. Die psychoanalytischen Theorien dagegen sehen die Ursache des Bösen im Todestrieb, während die evolutionsbiologische Forschung die Aggression – das Böse – als Voraussetzung zur Selbsterhaltung und Fortpflanzung interpretiert.

Wie definiert die Psychiatrie das Böse?

Erstaunlicherweise hat meine Disziplin den Begriff lange Zeit vermieden. Dabei muss man sich gerade bei der gerichtlichen Begutachtung und Behandlung von Verbrechern mehr als irgendwo sonst mit dem Bösen beschäftigen. Wer sollte kompetenter sein für die Ergründung dessen, was das Böse ist, als wir Gerichtspsychiater? Erst in jüngster Zeit gibt es eine zögerliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen.

Woher kommt diese Scheu vor der Benennung des Bösen?

In der Psychiatrie muss man allzu oft mit Stigmatisierungen kämpfen. Unschuldige Menschen werden leichtfertig mit Etiketten versehen, ausgegrenzt. Das sieht man bei allen möglichen psychischen Erkrankungen. Da kann schnell ein völlig falscher Eindruck entstehen. Denken Sie etwa an den unter Depressionen leidenden Piloten, der im Frühjahr 2015 eine Passagiermaschine gegen ein Felsmassiv in den französischen Alpen steuerte und 149 andere Menschen mit in den Tod riss. Durch manche Berichterstattung entstand der gänzlich irrige Verdacht, Depressive seien gemeinhin gefährlich.

Wie würden Sie persönlich das Böse bezeichnen?

Für mich offenbart es sich in Handlungen, die sich destruktiv gegen die körperliche, psychische und soziale Integrität anderer Menschen richten. Hinzu kommt: Zum Bösen gehört immer der freie Wille – oder zumindest die Fahrlässigkeit. Wird ein Mensch aber gezwungen, einem anderen Menschen zu schaden, oder ist die destruktive Energie – und in ihrer Folge ein Verbrechen – das Symptom einer psychischen Krankheit, dann fehlt ja das Element der Schuld. Ist ein Mensch jedoch frei von Schuld, kann er aus meiner Sicht nicht wirklich böse sein. Bestimmte Taten werden gemeinhin als besonders verwerflich bewertet; in
der Rechtskunde zählt man dazu Mord, Vergewaltigung und Diebstahl. Alles Delikte, die unabhängig von jeder rechtlichen und religiösen Wertung als böse eingeschätzt werden. Und die zu jeder Zeit und in jeder Kultur als moralisch untragbar und sündhaft gelten.

Nur bis zu zehn Prozent der Massenmörder sind psychisch gestört

Gibt es im Menschen so etwas wie eine genetisch angelegte Empfindung dafür, was böse ist?

Ja. Wir Menschen haben eine zum Teil im Erbgut verankerte Fähigkeit, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden: unseren Moralinstinkt. Dass wir überhaupt imstande sind, das Böse zu erkennen, ist schließlich auch eine notwendige Bedingung dafür, dass wir das Gute sehen. Anders gesagt: Ohne das Böse könnte das Gute gar nicht existieren. Dieser Moralinstinkt umfasst jedoch noch mehr, nämlich die Einhaltung bestimmter sozialer Regeln, die für ein Zusammenleben von Menschen unabdingbar sind, ferner die Achtung der Rechte des anderen und die Eindämmung eigener egoistischer Ansprüche. Vor allem aber hindert ein gut entwickelter Moralinstinkt uns daran, das Leben anderer zu zerstören. Und somit, gewisse böse Anteile in uns nach außen zu kehren – und in die Tat umzusetzen.

Trägt jeder von uns böse Anteile in sich?

Man muss unterscheiden zwischen bösen Fantasien, bösen Plänen – und bösen Handlungen. Jeder Mensch, da gibt es keine Ausnahme, hat böse Gedanken und Vorstellungen. Jeder von uns entwickelt negative Ideen, spürt in sich aggressive Impulse und destruktive Strebungen, schadet in seiner Fantasie hin und wieder anderen Menschen. Und das ist gut so. Denn solche Vorgänge sind keineswegs von vornherein etwas Schlechtes: Das gedankliche Durchspielen hat oft eine entlastende, konfliktbereinigende Funktion.

Solange es nur beim Gedanken bleibt ...

Für die Psychohygiene ist es von größter Wichtigkeit, dass die Gedanken tatsächlich frei sind – und der Mensch nicht durch moralische Vorstellungen vom anständigen Denken dieser inneren Übungswiese beraubt wird.
Werden aus bösen Gedanken dann böse Pläne mit all ihren schrecklichen Einzelheiten, verlässt der Betreffende zum Teil bereits den Bereich der persönlichen Freiheit und Verantwortbarkeit. Entscheidend ist aber immer die Tat. Wenn also Vorstellungen, Gedanken und Pläne tatsächlich in Handlungen umgesetzt werden.

Wenn jeder von uns finstere Fantasien hegt, ist dann auch jeder fähig, die bösen Gedanken in die Tat umzusetzen?

Diese Frage hat man sich – letztlich auch aus Furcht vor dem eigenen Bösen – immer wieder gestellt. Könnte jeder Mensch unter bestimmten Bedingungen zum Verbrecher werden? Oder ist das wirklich Böse nur den Persönlichkeitsgestörten, den Sadisten, den Psychopathen vorbehalten? Man hat spekuliert, ob die Massenmörder der NS-Zeit, der Stalin-Diktatur oder des Pol-Pot-Regimes psychisch abnorm waren.
Erstaunlicherweise sind nach allen wissenschaftlichen Studien nur fünf bis zehn Prozent der Massenmörder psychisch gestört. Die Untersuchungen der Hauptkriegsverbrecher vor dem Nürnberger Tribunal brachten, entgegen den Erwartungen, keine besondere Psychopathologie, keine Hinweise auf psychische Krankheit oder Persönlichkeitsstörungen zutage. Sondern normale Befunde.

Das gesamte Interview mit Prof. Dr. Reinhard Haller und die Antwort auf die Frage, was das Töten mit Sex zu tun hat, lesen Sie in GEOkompakt "Das Böse nebenan" - hier direkt bestellen

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