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Die Grundlagen des Wissens

Hirnforschung Deshalb sind manche Menschen besonders gewalttätig

Seit vielen Jahren untersuchen Forscher, weshalb manche Menschen zu starker Gewalt neigen. Inzwischen wissen sie: Es gibt anatomische Auffälligkeiten im Gehirn, die dazu führen können, dass die Impulskontrolle der Betroffenen versagt
Im Kopf der Täter

Die 39 Männer und zwei Frauen, die an diesem Tag im Jahr 1995 an den Füßen gefesselt in die Abteilung für Gehirnforschung an der University of California geführt werden, sind allesamt Schwerverbrecher, die getötet haben. Nun sollen sie an einem Experiment teilnehmen, das eine neue Ära in der Erforschung der Ursachen von Gewaltverbrechen begründet. Denn erstmals werden Wissenschaftler tief in die Schädel von Mördern blicken – von Menschen also, die mehr als alle anderen für das Dunkle, Destruktive, Unberechenbare im Homo sapiens stehen. Lässt sich das Böse in den Windungen ihrer Hirne aufspüren? Funktioniert das Denkorgan von Gewaltverbrechern anders als das friedfertiger Menschen? Kann man das Abgründige, Niederträchtige besser verstehen, wenn man seine neuronalen Grundlagen durchschaut?

Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, untersucht der Neurokriminologe Adrian Raine die Probanden mit einem Positronen-Emissions-Tomographen. Dieses Gerät registriert die Signale von schwach strahlenden Substanzen; daher hat der Forscher den 41 Mördern – und einer gleich großen Gruppe von Kontrollpersonen – vor Versuchsbeginn eine für sie unbedenkliche Menge leicht radioaktiven Traubenzuckers gespritzt. Anhand der davon ausgehenden Strahlung kann der PET-Scanner präzise messen, in welchen Hirnregionen sich der Zucker konzentriert – ein Zeichen dafür, wie viel Energie die dortigen Nervenzellen verbrauchen, wie aktiv sie also jeweils sind. Damit die Gehirne der Teilnehmer dauerhaft beschäftigt sind und die Forscher so eine Vielzahl von Signalen aufzeichnen können, bitten sie die Probanden, eine einfache Aufgabe zu lösen. Eine gute halbe Stunde lang sollen sie immer dann eine Taste drücken, wenn auf einem Bildschirm vor ihnen eine Null erscheint. Adrian Raine will mit diesem Test vor allem herausfinden, ob der präfrontale Kortex im Kopf der Verbrecher Eigenheiten offenbart. Denn dieser hochentwickelte vordere Bereich der Großhirnrinde ist für komplexe Fähigkeiten und vernunftbasierte Entscheidungen wichtig. Selbstbeherrschung, Selbstreflexion, moralische Bewertungen und Taktgefühl haben dort ihren Sitz. Zudem ist der präfrontale Kortex als Kontrollinstanz dafür zuständig, andere Hirnstrukturen, die uns zu impulsivem Handeln veranlassen, gleichsam im Zaum zu halten. Raine fragt sich: Kann es sein, dass diese Region bei Gewaltverbrechern unterentwickelt ist? Dass sie weniger aktiv ist als bei Normalmenschen? Dass Mörder und Totschläger sich aufgrund der neurologischen Strukturen in ihrem Hirn nicht so kontrollieren können wie andere? Tatsächlich belegen die Ergebnisse des Experiments, dass der präfrontale Kortex bei der Mehrzahl der Mörder auffallend wenig Aktivität zeigt. Blaue und grüne Areale auf den Scans signalisieren, dass in dieser Hirnregion kaum etwas geschieht. Bei den Kontrollpersonen dagegen leuchtet es in der gleichen Region intensiv rot und gelb. Ihre Hirnzellen in diesem Bereich sind äußerst regsam, sie lassen sich durch die einfache Aufmerksamkeitsübung problemlos aktivieren. Zwar sind auch die untersuchten Straftäter durchaus in der Lage, die von Raine gestellte Aufgabe zu erledigen, doch die Ergebnisse des Versuchs zeigen klar: Sollen sich die Gewalttäter – wie im Test erforderlich – für längere Zeit konzentrieren, bleibt ihr Stirnhirn weitgehend reglos.

Diese mangelnde Aktivität im vorderen Bereich der Großhirnrinde, so sind sich die kalifornischen Forscher sicher, ist die entscheidende Ursache für die Gewalttätigkeit der kriminellen Probanden. Denn Menschen, deren Frontalhirn nur unzureichend funktioniert, deren Kontrollinstanz also weitgehend versagt – so die Schlussfolgerung –, lassen sich von Emotionen und niederen Instinkten recht leicht beherrschen. Und neigen demnach zu ungehemmter Aggression. Die spektakulären Befunde sind der Auftakt für eine ganze Reihe weiterer Studien, die Raines Ergebnisse und seine Vermutung untermauern. So finden etwa US-Forscher heraus, dass Vietnamkriegsveteranen, die Schädigungen im präfrontalen Kortex erlitten haben, zu erhöhter Aggressivität neigen. Auch in Versuchen mit Patienten, deren Stirnhirn etwa durch eine Operation verletzt wurde, zeigt sich: Arbeitet diese Region fehlerhaft, verhalten sich Menschen zügellos und unangemessen impulsiv. All diese Untersuchungen lassen den Schluss zu: Die Gehirne von Gewaltverbrechern funktionieren tatsächlich anders als die friedfertiger Menschen. Doch was ist die Ursache dafür? Gibt es geborene Mörder? Oder führen bestimmte Erlebnisse in der Kindheit dazu, dass sich das Gehirn ungünstig entwickelt, ja anatomisch so verändert, dass eine kriminelle Karriere quasi vorgezeichnet ist?

Je mehr sich Neurowissenschaftler, Psychiater, Psychologen und Biologen mit den Wurzeln von Gewalt beschäftigen, desto deutlicher wird, wie sehr genetische Anlagen und Umwelteinflüsse die neuronale Entwicklung prägen und das Risiko für kriminelles Verhalten erhöhen können. Und desto besser verstehen sie auch, weshalb es zwei Typen von Mördern gibt: solche, die zu explosiven, unkontrollierten Gewaltausbrüchen neigen. Und jene, die eiskalt und offenbar gefühllos über Wochen, Monate ihre Taten planen.

Gewalt ist ein Erbe der Evolution

Dass Menschen überhaupt Gewalt anwenden, ist ein uraltes Erbe der Evolution. Im Gehirn von Säugetieren, so wissen die Biologen heute, existieren spezifische, auf komplexe Weise miteinander agierende Areale für Emotionen wie Angst, Ärger oder Wut sowie für aggressives Verhalten. Die Bereitschaft zur Gewalt gehört zum Überlebensrepertoire aller Tiere. Sie brauchen dieses Aggressionspotenzial, um Beute zu fangen, um sich gegen Angreifer zu verteidigen und sich gegen Konkurrenten durchzusetzen. Die neuronalen Netze, die die Emotionen und das aggressive Verhalten in Gang setzen, liegen im Gehirn von Säugetieren wie etwa dem Menschen tief verborgen im limbischen System. Zu dieser Region gehören Hypothalamus, Amygdala und Hippocampus – drei Areale, die beim Ausüben von Gewalt entscheidend beteiligt sind:

  • Der Hypothalamus ist für grundlegendes Verhalten wie etwa Nahrungsaufnahme, Sexualität zuständig, aber eben auch für Angriff und Verteidigung.
  • Die Amygdala bewertet Emotionen, reagiert besonders auf bedrohliche Situationen und sorgt dann zum Beispiel durch Angst- oder Wutgefühle dafür, dass ein Lebewesen die Flucht ergreift oder selber zum Angriff übergeht.
  • Der Hippocampus schließlich ist ein wichtiger Organisator des Gedächtnisses. Indem er etwa bestimmte Erinnerungen wachruft, trägt er dazu bei, zu entscheiden, wann es sinnvoll ist, Gewalt einzusetzen, und wann dies eher unangenehme Folgen hat.

Diese Strukturen des limbischen Systems haben einen mächtigen intellektuellen Gegenspieler: den präfrontalen Kortex – jenen Hirnteil, der dank direkter Verbindungen zum limbischen System Emotionen und Aggressionen dämpfen sowie die Konsequenzen von Handlungen voraussehen und moralisch bewerten kann. Doch diese Kontrollfunktion des Stirnhirns war bei etlichen der von Raine untersuchten Mörder offenbar gestört. Einer von ihnen heißt Antonio Bustamante, ein aus Mexiko eingewanderter US-Amerikaner, der bereits eine zwei Jahrzehnte währende Karriere als drogenabhängiger Kleinkrimineller hinter sich hatte, ehe er zum Mörder wurde. Das geschah im September 1986: Damals brach er in ein Haus ein und entdeckte dort Reiseschecks, die er stehlen wollte. Doch in diesem Moment kehrte der 80-jährige Bewohner zurück. Statt die Flucht zu ergreifen, prügelte Bustamante den Greis in einem unbändigen Ausbruch von Wut und Gewalt zu Tode. Es war eine von ungeheurer Erregung befeuerte Tat, die weder von Planung noch von Sinn zeugte: Bustamante ließ die Wohnung voller Blutspritzer und Fingerabdrücke zurück; er versuchte, die blutverschmierten Schecks einzulösen, und als ihn die Polizei verhaftete, trug er noch immer die Kleidung mit den Blutflecken seines Opfers. Sein impulsives und unkontrolliertes Vorgehen war typisch für jene Mörder, bei denen Raine im PET-Scanner das Defizit im präfrontalen Kortex diagnostizierte. Und es gab bei ihm Hinweise auf eine mögliche Ursache für die Fehlfunktion seines Gehirns. Denn als 20-Jähriger hatte er einen Schlag mit einer Brechstange auf den Schädel erhalten, woraufhin sich seine Persönlichkeit radikal veränderte. Aus dem wohlerzogenen Mann wurde ein aufbrausender Krimineller. Eine derart unbeherrschte Form der Gewaltausübung wie bei Bustamante nennen Forscher „impulsiv-reaktive“ Aggression. In einem solchen Fall reagieren Menschen auf eine vermeintliche oder tatsächliche Bedrohung mit einem impulsiven und für Außenstehende schwer verständlichen Wutausbruch, der sich in einen regelrechten Gewaltrausch steigern kann. Dabei ist es den Tätern völlig gleichgültig, ob ihre Opfer stark sind oder schwach, wehrhaft oder schutzlos: Sie können vermutlich meist gar nicht anders, als zuzuschlagen. Denn in diesem Moment haben die emotionalen Zentren im Gehirn – allen voran die Amygdala – die vollständige Kontrolle übernommen. Das Stirnhirn scheint bei diesen Tätern also nicht in der Lage, die Gewaltausbrüche zu verhindern. Hinzu kommt: Das limbische System dieser Verbrecher ist, wie Untersuchungen zeigen, in bestimmten Regionen offenbar deutlich aktiver als beim Durchschnitt der Bevölkerung. Gefühle wallen bei ihnen schneller und stets besonders heftig empor. Impulsiv-reaktive Täter sind beispielsweise Menschen, die ihre Partnerin im Streit umbringen, eine Frau aus Gelegenheit vergewaltigen oder jemanden, von dem sie sich gekränkt fühlen, in einer explosiven Entladung mit dem Messer niedermetzeln. Auf die kleinste vermeintliche Beleidigung, Ungerechtigkeit oder Bedrohung reagieren sie mit überschäumender Wut. So lässt sich festhalten: Bei vielen unbeherrschten Gewaltverbrechern verstärken sich zwei neurologische Phänomene auf unheilvolle Weise. Einerseits ist ihr Stirnhirn unterentwickelt, vermag aggressive Impulse also nur begrenzt zurückzudrängen. Andererseits ist ihr limbisches System, der Hort ebenjener hitzi-
gen Emotionen, besonders rege. Mit der Folge, dass diese Täter oftmals völlig enthemmt außer sich geraten.

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