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Renaissance: Die Borgia - der Schrecken von Rom

Keine Familie war so verrufen und machtbesessen wie die Borgia. Mt Hilfe seines Vaters, des Papstes Alexander VI., eroberte Cesare Borgia sogar ein Reich im Herzen Italiens
In diesem Artikel
Will Cesare die Versöhnung wirklich?
Die Zahl der Gegner wuchs ins Unermessiche
Markenzeichen: kalte Grausamkeit

Will Cesare die Versöhnung wirklich?

Der letzte Tag des Jahres 1502 ist klar. Und kalt. Es wird ein Tag der Entscheidung. Cesare Borgia, Herzog der Romagna, reitet in voller Rüstung die Via Emilia hinunter, von Fano ins 15 Kilometer weiter südlich gelegene Senigallia. Direkt um ihn herum schaben und klacken die Harnische und Kürasse seiner Schweren Reiter. Der Rest der Armee marschiert weit verteilt in kleinen Einheiten, denn niemand soll ihre wahre Stärke erkennen.

In Senigallia wird Cesare keinen Feind treffen, sondern seine condottieri - ihm untergebene Truppenführer, die gegen Geld und Beute mit ihren Heeren für ihn kämpfen. Sie haben zwei Tage zuvor die kleine Küstenstadt gut 20 Kilometer nördlich von Ancona eingenommen, so wie es ihr Dienstherr angeordnet hat, und warten nun auf dessen Erscheinen. Denn es gibt viel zu besprechen - und vor allem: Versöhnung zu feiern. Zumindest glauben sie das.

Will Cesare die Versöhnung wirklich?

Keine drei Monate ist es her, dass sich die Condottieri in einer Rebellion gegen ihren Auftraggeber gewandt hatten. Cesare Borgia, der ehrgeizige Sohn des Papstes Alexander VI., war ihnen zu mächtig geworden, sein Expansionsdrang in Mittelitalien zu groß: Auf einmal schienen sogar ihre eigenen Herrschaften und Pfründen in Gefahr. Die Rebellen vereinbarten einen Gegenpakt, und binnen Tagen befreite die neue Koalition die Städte Urbino und Camerino aus Cesares Hand. Doch dann ging alles so schnell vorbei, wie es begonnen hatte. Cesares Vater erklärte die Abtrünnigen kraft seiner päpstlichen Autorität zu Feinden Christi, versprach jedoch zugleich Vergebung. Auch Cesare öffnete seine Arme den immer unsicherer agierenden Rebellen. Schon Anfang November waren die alten Bundesgenossen wieder die neuen.

Am Nachmittag erblickt Cesare endlich die Mauern von Senigallia. Etwa vier Kilometer vor der Stadt erwarten ihn vier Condottieri. Der Herzog begrüßt seine Verbündeten herzlich und schüttelt ihnen nach französischer Sitte die Hand, ehe er sie umarmt. Dann reiten sie gemeinsam stadteinwärts, angeregt plaudernd. Nichts deutet darauf hin, dass der Feldherr den Söldnern die zurückliegende Untreue übel nähme. Doch weshalb erscheint Cesare mit solch großer Streitmacht? Tausende seiner Soldaten sammeln sich jetzt, aus allen Richtungen kommend, vor der Stadt unter rot-gelben Fahnen, hundertfach blinken die langen Piken der Schweizer Söldner. Und noch etwas beunruhigt die vier Truppenführer: Jeder von ihnen wird von Schwerbewaffneten eskortiert, die sie keinen Moment aus den Augen lassen.

Die Falle schnappt zu

Die Gruppe erreicht über eine hölzerne Brücke das einzige offene Stadttor. Auf Befehl Cesares ziehen 1000 Kämpfer seiner Infanterie voraus in die Stadt, er selbst und der Tross der Condottieri folgen. Leise wird das Tor hinter ihnen geschlossen. Im umfriedeten Kern Senigallias befinden sich jetzt nur noch Soldaten der Borgia-Armee - abgesehen von ein paar persönlichen Wachen der Condottieri. Die übrigen Truppen lagern vor den Mauern, so hat es der Herzog angeordnet. Isoliert und sichtlich verunsichert, begleiten die Söldnerführer Cesare zu dessen Quartier. Vor dem Haus versuchen sie sich zu verabschieden, ohne von ihren Pferden abzusitzen, doch der Herzog bittet sie leutselig, mit hineinzukommen.

Als die Gäste das Anwesen betreten, schnappt die Falle zu: Auf einen Wink des Borgia überwältigen bereitstehende Schergen die Condottieri, fesseln sie und führen sie wortlos ab. Noch in derselben Nacht ordnet Cesare an, zwei von ihnen zu erdrosseln. Um zwei Uhr früh, es ist der Neujahrstag 1503, werden ihnen, Rücken an Rücken sitzend, die Würgeisen umgelegt. Die beiden anderen werden zunächst eingekerkert und später ebenfalls ermordet. Ihre führerlosen Truppen draußen vor der Stadt haben inzwischen vor der Übermacht der gegnerischen Armee kapituliert. Die Rache des Herzogs ist vollkommen: Er steht auf dem Höhepunkt seiner Macht.

Die Zahl der Gegner wuchs ins Unermessiche

Gemeinsam mit seinem Vater Rodrigo - seit 1492 als Alexander VI. auf dem Papstthron - und seiner Schwester Lucrezia betrieb er um 1500 vom Vatikan aus eine skrupellose Machtpolitik von europäischem Ausmaß, die selbst die weiten Grenzen des damals Gewohnten überschritt. Ausschweifend im Lebensstil, gerissen in der Diplomatie, grausam im Umgang mit Feinden, war die Familie besessen von einer einzigen großen Vision: ein eigenes Reich im Herzen Italiens zu schaffen, einen unabhängigen Staat der Borgia. Dafür wagten der Papst und seine Kinder alles - um schließlich alles zu verlieren. Die Zahl ihrer Gegner stieg ins Unermessliche. Nicht wenige Zeitgenossen sahen im Pontifex Alexander VI. den leibhaftigen Antichrist. Und der Nachwelt galten die Borgia bald als die Prototypen des amoralischen Renaissance-Herrschers.

Ein folgenreicher Mord

Rom, 16. August 1497. Die Leiche von Alexanders jüngerem Sohn Giovanni wird aus dem Tiber gezogen, die Kehle aufgeschlitzt, der Körper von acht Dolchstößen gezeichnet. Eines ist klar: So brutal tötet nur ein hasserfüllter Mörder. Aber so sehr die rasch ausgesandten Spione und Häscher des Papstes auch forschen, kein Täter wird gefunden. Dafür schwirren Gerüchte durch die engen Gassen Roms: Waren die Orsini, jene römische Adelsfamilie, deren Oberhaupt vor kurzem unter mysteriösen Umständen in Gefangenschaft des Papstes gestorben ist? Hat etwa ein brüskierter Edelmann, dessen Tochter der Weiberheld Giovanni nachstellte, die Fassung verloren? Oder hat gar Cesare, von Eifersucht getrieben, auf den jüngeren Bruder eingestochen?

Vater und Sohn wollen unvergängliche Größe

Der Papst jedenfalls ist verzweifelt. Vor den versammelten Kardinälen und Botschaftern klagt der Pontifex, sieben Papstämter könnten diesen Verlust nicht ausgleichen. Und anscheinend überkommt ihn Reue: Dies sei wohl die göttliche Strafe für seine unzähligen Sünden. Schon bald jedoch wird deutlich, dass der Mord eine ganz andere Wirkung entfaltet. Vielleicht schlägt Verzweiflung um in Aggression; vielleicht wird dem 66-jährigen Papst nun auch bewusst, wie wenig Zeit ihm noch bleibt. In jedem Fall verlieren die Borgia in diesem Sommer 1497 die letzten Hemmungen. Von nun an handeln Alexander und Cesare schnell und zielstrebig. Ihr Projekt: die unvergängliche Größe der Familie.

Cesare spielt auf der Tastatur der Diplomatie

Zunächst beschließt Cesare, sein Kardinalsamt niederzulegen - eine Sünde gegen dessen Heiligkeit. Danach nehmen die Borgia diplomatische Verhandlungen mit Frankreichs neuem König Ludwig XII. auf. Die Ausgangslage ist günstig: Der Franzose - durch die italienischen Abenteuer seines Vorgängers keineswegs abgeschreckt - will sich Mailand einverleiben und benötigt dazu einen Verbündeten in Italien. Zudem möchte Ludwig, dass die Ehe mit seiner gegenwärtigen Gattin aufgelöst wird, damit er die Witwe seines Vorgängers und Erbin des Herzogtums Bretagne heiraten und dieses so an die französische Krone binden kann. Diesen Ehedispens kann nur der Papst gewähren.

Die Borgia wiederum fordern im Gegenzug eine angemessene Ausstattung für den nunmehr im Laienstand lebenden Papstsohn: ein einträgliches französisches Fürstentum, eine hochgeborene Braut - und vor allem Truppen sowie militärisches Gerät. Denn es ist mittlerweile kein Geheimnis mehr, dass Cesare die Romagna, die reiche nördliche Provinz des Kirchenstaates, mit Krieg überziehen will, um die dort ansässigen Feudalherren zu vertreiben und ein eigenes Reich zu gründen: einen Borgia-Staat, der das Pontifikat seines Vaters überdauern soll. Ohne Hilfe ist dieses Unternehmen unmöglich.

Cesare reist mit Pomp an den französischen Hof

Alexander verhandelt von Rom aus, während Cesare mit prunkvoller Entourage an den französischen Hof reist. Tage, Wochen, Monate des Nervenkriegs und der Intrigen vergehen. Doch am Ende ist es geschafft: Die französisch-römische Allianz wird geschlossen. Cesare heiratet Charlotte d'Albret, die Tochter des von Frankreich abhängigen Königs von Navarra, die als schönste Frau bei Hofe gilt, und erhält zudem das Herzogtum Valence südlich von Lyon. Im Oktober 1499 zieht er an der Spitze einer 5800 Mann starken französischen Armee Richtung Romagna. Binnen Tagen erobert der Papstsohn die Stadt Imola mit ihren mächtigen Burganlagen. Noch im selben Jahr fällt auch Forlì, das immerhin fast zwei Monate der Belagerung standgehalten hat. Die Borgia-Truppen ziehen anschließend plündernd durch die Stadt. Das Wüten sei, so schreibt ein örtlicher Chronist, wie ein "Blick durch die Tore der Hölle" gewesen.

Markenzeichen: kalte Grausamkeit

Schon bald geht dem Feldherrn ein Ruf kalter Grausamkeit voraus. Vor Publikum massakriert er ausgewachsene Stiere mit dem Schwert - mitunter sieben am Stück. Einem Tier schlägt er, so ein Augenzeuge, den Kopf mit einem einzigen Hieb ab. Cesares Vorliebe für schwarze Gewänder ist allgemein bekannt. Selbst bei Familienfesten tritt er nur noch mit einer Maske auf, die einen Großteil seines Gesichts verbirgt. Wenn andere schlafen, in den dunklen Stun-den nach Mitternacht, ist dieser Mann am aktivsten. Fast geräuschlos scheint er sich fortzubewegen. Zu Treffen taucht Cesare auf, wenn keiner ihn erwartet, und ist Minuten später wieder verschwunden. Im Inneren des Kirchenstaates wächst allmählich das private Reich der Borgia. Stadt um Stadt fällt ihnen zu. Die unterworfenen Regenten lässt der Sieger meist ohne Umschweife hinrichten. Ihre Gebiete, die sie zuvor als Vasallen im Namen des Papstes beherrscht haben, gehen direkt auf den Papstsohn über, der sich nun Herzog der Romagna nennt.

Cesare regiert sein neues Imperium mit drakonischer Härte. Er baut Cesena mithilfe des Festungsingenieurs Leonardo da Vinci zur Hauptstadt aus und setzt den Hauptmann Ramiro de Lorqua als Gouverneur ein. Binnen Wochen ist der stämmige Spanier im ganzen Land gefürchtet - bis Cesare ihn enthaupten lässt.

Unterdessen gehört auch in Rom die Angst zum Alltag. Der Vatikan wird zur Festung. 600 bewaffnete Gardisten patrouillieren rund um die Uhr, die wuchtige Engelsburg am Ufer des Tibers hat Alexander VI. mit vier neuen Bastionen verstärken lassen - denn die Zahl der Borgia-Feinde, der Neider, Opfer und Empörten, wächst beinahe täglich.

Kritiker werden kurzerhand umgebracht

Auf Beschimpfungen Cesares steht jetzt die Todesstrafe; vorher wird den Lästerern die Zunge herausgerissen - und das, obwohl in Rom der Spott bislang frei war. Die Römer ducken sich vor dem Terror der Borgia. Und die Nachrichten von mysteriösen Todesfällen in der Stadt häufen sich: Ein Diener des Papstes wird tot im Tiber gefunden, neben ihm die Leiche einer Zofe Lucrezias. Der Mörder: unbekannt.

Dann werden die Opfer prominenter. Im Frühjahr 1501 tragen päpstliche Agenten aus den Palästen eines in Frankreich inhaftierten Prälaten Möbel und Wertgegenstände fort. Stirbt ein Kardinal, lässt Alexander seinen Besitz sofort konfiszieren. Bei dem greisen Purpurträger Giovanni Michiel helfen die Borgia ein wenig nach. Seine Mahlzeit wird in ihrem Auftrag mit einem "weißen, süßlich riechenden Pulver" verfeinert. Eine Audienz bei diesem Papst wird zusehends zum Wagnis. Kardinäle fliehen aus Rom. Die Zahl der plötzlichen Todesfälle unter wohlhabenden Klerikern nimmt zu.

Allgemeine Hysterie

In der allgemeinen Hysterie steigern sich die Gerüchte ins Groteske. Am 31. Oktober 1501 verzeichnet der päpstliche Zeremonienmeister Johannes Burckard in seinem Notizbuch folgenden Vorfall: Am Abend vor Allerheiligen hätten "fünfzig Kurtisanen" im Vatikanischen Palast vor den Augen des Papstes und seiner Kinder Lucrezia und Cesare "auf allen vieren nackt zwischen den Leuchtern umherkriechend" hingeworfene Kastanien aufgelesen. "Darauf wurden Ehrenpreise ausgelobt für diejenigen, die am häufigsten mit den Kurtisanen fleischlich zu verkehren vermochten. Und so geschah es auch, und zwar öffentlich."

Gruppensex im Vatikan? Wahrscheinlich ist die Geschichte erfunden. Sie reiht sich ein in eine Fülle von Legenden, die in dieser Zeit um die Borgia entstehen und die bis heute das Bild der Familie prägen: Alexander, der lüsterne Gotteslästerer; Cesare, der blutgierige Schlächter; Lucrezia, die Gift mischende Hure.

Fantasien auf dem Höhepunkt der Macht

Die Borgia spinnen derweil immer größere Machtfantasien: Siena, Pisa, ja sogar Florenz könne man über kurz oder lang an sich reißen. Selbst der florentinische Politiker Niccolò Machiavelli preist Cesare nach der Einnahme von Urbino überschwänglich als "wahrhaft glänzenden und großartigen" Feldherrn, dem keine Herausforderung zu groß sei. Doch die Anzeichen verdichten sich, dass die engsten Verbündeten sich gegen den Herzog verschwören.

Mit Cesares Rachefeldzug nach Senigallia am Neujahrstag 1503 erreichen die Borgia den Höhepunkt ihrer Macht. In der Romagna, in Latium und in Teilen der Toskana gebieten sie nun über ein Reich, so groß, wie es kein Papst zuvor beherrscht hat. Ihr privater Besitz ist gewaltig, und ein Ende der Expansion kaum abzusehen: Neun weitere Kardinalsernennungen haben ihnen mindestens 120000 Dukaten eingebracht, und Cesare hebt nördlich von Rom bereits neue Truppen aus. Gegen wen es diesmal geht, ist allerdings offen. Ebenfalls, mit wem. Die Allianz mit den Franzosen bröckelt.

Das Ende

Am Morgen des 12. August 1503 wacht Alexander VI., nachdem er am Abend zuvor den Jahrestag seiner Wahl gefeiert hat, mit einem Unwohlsein auf. Am Nachmittag hat er hohes Fieber und muss sich erbrechen. Sofort ist im Vatikan - dem Ruf der Borgia entsprechend - von Gift die Rede, aber alle Zeichen sprechen für Malaria. Die Ärzte verordnen Aderlässe. Der Zustand des Patienten bessert sich, er bekommt wieder Lust, Karten zu spielen. Doch die Erholung währt nur kurz. In den Abendstunden des 18. August stirbt Papst Alexander VI. - und mit ihm der Traum von der ewigen Macht der Borgia. Denn nach dem plötzlichen Tod des Pontifex fällt das monströse Machtgebilde der Familie in sich zusammen. Zu viele haben nur darauf gewartet, sich endlich rächen zu können.