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Bilder aus dem Jenseits

Die Götterszenen und religiösen Inschriften in den Pharaonengräbern von Luxor sollten den Herrschern zur Unsterblichkeit verhelfen. Nun sind sie selbst vom Verfall bedroht. Ein Mann aber ist entschlossen, die Kunstwerke für die Nachwelt zu bewahren - in außergewöhnlichen Bildern. Der italienische Fotograf Sandro Vannini zeigt mit seinen digitalen Panoramen nie zuvor erblickte, unverzerrte Ansichten jener Decken- und Wandmalereien, die den Schlüssel zur altägyptischen Glaubenswelt bergen. Mit Videos

Nut, die Himmelsgöttin, ist krank. An ihrem Bauch klafft eine weiße Wunde; ein salziger Grauschleier hat sich auf das Gold ihres Körpers gelegt. Vor mehr als 3000 Jahren haben Künstler im ägyptischen Tal der Könige die Göttin auf die Deckenwölbung über dem Sarkophag Ramses’ IV. gemalt: eine unverhüllte Frau, die sich mit ihren langen, dünnen Armen und Beinen auf der Erde abstützt, und die allabendlich die Sonne verschlingt und sie jeden Morgen aufs neue wieder gebiert. Nut sollte dem einbalsamierten Pharao zu ewigem Leben verhelfen. Doch nun vergeht sie selbst.

Oder doch nicht? Er habe die Göttin gerettet, sagt Sandro Vannini. Mit sechs Gigabyte auf der Festplatte seines Computers. Im Jahr 2004 hat der 47-jährige italienische Fotograf begonnen, die schwindenden Reliefs und Malereien in den verborgenen Schluchten am Nil mit einer Spezialkamera abzulichten und sie digital zu archivieren. Die meterlangen Wände und Decken der Gräber fotografiert Vannini in so hoher Auflösung, dass er sie größer als das Original und in gestochen scharfen Abbildern reproduzieren kann. Vannini kennt jeden Winkel im Tal der Könige. Geformt wie eine Hand mit gespreizten Fingern, erstreckt es sich über knapp drei Hektar Fläche inmitten eines Wüstengebirges: ein Friedhof, vermeintlich für die Ewigkeit, den Pharaonen des Neuen Reiches anlegen ließen, die Ägypten zwischen 1550 bis 1069 v. Chr. regierten. Unter ihnen Ramses IV.

Als KV 2 wird Ramses’ 90 Meter tief in den Fels geschlagene Gruft von Archäologen bezeichnet. Es ist stickig und heiß darin. Das Haar klebt den hier arbeitenden Männern am Kopf, die Hose an den Beinen. Es riecht nach abgestandenem Schweiß. Hamdy Hemdan, Vanninis ägyptischer Assistent, hält es oft kaum aus. Während der Fotograf für Stunden im Inneren der Gräber verschwindet, sitzt Hemdan immer wieder draußen und fächelt sich frische Luft zu. Er sei schon ohnmächtig geworden während der Fotoproduktionen, sagt Hemdan. Jedenfalls könne er all die Touristen nicht verstehen, die freiwillig in die muffigen Korridore hinabsteigen - Tausende sind es täglich. Und genau das ist eine Gefahr für die Kunst in den Gräbern. Archäologen haben dem Fotografen erklärt, wie das steigende Grundwasser, vor allem aber der Schweiß und Atem der Touristenmassen in den Korridoren und Kammern ungewolltes Leben erzeugen. Mit Taschenlampen haben sie die Pilze und Bakterien ausgeleuchtet, die in dunklen Flecken Grabwände und Decken übersäen, als seien diese von Pocken befallen. Ein schleichender Prozess, in dem zunächst Feuchtigkeit das Salz im Inneren des Gesteins löst, dann das Salz an die Oberfläche dringt und die Malereien darauf wie Blätterteig zerbröseln lässt.

Blasse Kritzeleienauf Griechisch und winzige, in die Wände geritzte Namen belegen, dass der Besucherstrom kein Phänomen der Neuzeit ist, sondern schon während der Antike einsetzte. Nach den Römern entdeckten auch die ersten Christen das Tal am Nil, nutzten das Grab Ramses’ IV. als Kirche und hinterließen koptische Inschriften in den Korridoren. 1708 notierte der Jesuit Claude Sicard, die mit leuchtenden Farben ausgemalten Wände der Königsgruften wirkten "frisch wie am ersten Tag". Dann führte Napoleon 1798 ein Expeditionsheer nach Ägypten, mit Wissenschaftlern im Gefolge. Später entdeckten Preußen und Briten die königliche Nekropole. Und rechts an der Wand vor der Rampe zum Sarkophag Ramses’ IV. hat sich auch ein Landsmann Vanninis verewigt: "1835, Carmelo Bonello". Wenn aber nicht bald etwas zur Rettung der Königsnekropole geschehe, so warnen renommierte Wissenschaftler, werde in weniger als 100 Jahren alle pharaonische Totenpracht für immer erloschen sein.

Was da verschwinden würde, sind unersetzliche Zeugnisse altägyptischer Begräbnis-Kultur. Im Alten und Mittleren Reich hatten sich Ägyptens Herrscher in Pyramiden bestatten lassen, in monumentalen Festungen, die ins himmlische Jenseits strebten. Aber erst mit Beginn des Neuen Reiches (ab 1550 v. Chr.) ordneten die Pharaonen an, ihre Grabstätten in die felsige Unterwelt im Tal der Könige zu versenken; vor allem, weil sie dort, geheim und verborgen, für keinen Grabräuber mehr sichtbar sein sollten.

Nacht auf einer goldenen Barke, umgeben von mächtigen Göttern, durch die Unterwelt gleiten würde. Das "Amduat", eines der bedeutendsten Unterweltsbücher der alten Ägypter, beschreibt eine solche Bootstour Stunde um Stunde. Das Amduat war lange die einzige Vorlage für die Dekorationen der Gräber. Erst Darstellungen aus späteren Perioden berichten an den Wänden und Decken auch aus anderen Unterweltsbüchern wie dem Pforten- und dem Höhlenbuch oder zeigen die Litanei des Sonnengottes Re. Allen Bildern und Hieroglyphen ist gemein, dass sie den verstorbenen Herrschern als Kosmographie des Jenseits dienten. Sie stellen die Wesen und Geschehnisse der Unterwelt dar, zum Beispiel die Ermordung des Apophis, des großen Widersachers des Sonnengottes.

Als Sandro Vannini beschloss, die noch erhaltenen Kunstwerke im Tal der Könige auf seine Weise unsterblich zu machen, sah er sich vor allem mit technischen Problemen konfrontiert. In den schlecht beleuchteten Gängen, in denen er oft Tage verbringt, kalkuliert er jeden Winkel, um seine Gerüste aufzustellen. Er baut Strahler mit schonendem Kaltlicht auf, um die Farben der Malereien, längst verblasst, dennoch zur Geltung zu bringen. Auf Schienen schiebt er die Kamera vor und zurück, um die meterhohen Wände in ganzer Länge fotografieren zu können; mit bis zu 144 hochaufgelösten Aufnahmen pro Malerei. In Italien verschmelzen Vanninis Assistenten die Fotos am Computer zu einer "vision impossible", einem unmöglichen Bild, wie der Fotograf das Ergebnis nennt. Denn es zeigt die Wände, wie sie das menschliche Auge vor Ort nie erfassen könnte. Dort versperren Säulen die Sicht, auch die Enge der Korridore begrenzt oft den Blick auf das Ganze.

Vor allem Wissenschaftler, welche die Unterweltsbücher erforschen, schätzen Vanninis Arbeit. Seine Aufnahmen geben nicht nur perfekt ausgeleuchtete, ganzheitliche Ansichten der Bildnisse wieder. Per Mausklick am Computer können sich die Forscher auch beliebig nah an jedes Detail heranzoomen. Vor kurzem hat Vannini in Kooperation mit Zahi Hawass, dem Generalsekretär der Obersten Antikenbehörde Ägyptens, einen voluminösen Bildband über die Wandmalereien im Tal der Könige herausgebracht. Und auch dieses Buch könnte man als Teil des Konservierungsprogrammes sehen, mit dem die Antikenbehörde die Kunst im Tal der Könige doch noch zu retten hofft. Ausgeklügelte Rotationssysteme sollen fortan den Besucherstrom kontrollieren, besonders bedrohte Gräber werden nur noch zeitweise geöffnet sein. Einige Gruften, wie jene von Sethos I. und Haremhab, sind in den vergangenen Jahren derart stark in Mitleidenschaft gezogen worden, dass sie für Touristen gesperrt werden mussten. Andere, wie das vor kurzem restaurierte Grab der Nefertari, sind nur noch einer Elite zugänglich. Wer die Nekropole der Hauptfrau Ramses’ II. im Nebental der Königinnen sehen oder gar erforschen möchte, muss 20000 ägyptische Pfund, rund 2800 Euro, an die Oberste Antikenbehörde Ägyptens zahlen.

Sheikh Abd el-Qurna: Eine Siedlung am Berghang südlich der Straße, die ins Tal der Könige führt. Zerzauste Ziegen, Kamele und Esel verharren in den Böen, die aus der Schlucht der Pharaonengräber herüberfegen. Vermummte Frauen schleppen Wasserkrüge in Häuserruinen, die den Hügel übersäen. In den Fels geschlagene Höhlen durchlöchern den Hang. Weitab der Königsnekropole wurden hier ab 1550 v. Chr. Priester, Wesire, Schreiber und hohe Beamte bestattet - größtenteils die hauchdünne Oberschicht der 18. und 19. Herrscherdynastie. "Die Vergessenen" nennt Sandro Vannini diese Ruhestätten, die er für sein nächstes gemeinsames Buchprojekt mit der Obersten Antikenbehörde ausgewählt hat.

Lange Zeit störte sich niemand daran, dass die Bewohner von Abd el-Qurna die Gräber als Wohnungen, Ställe und Lagerräume nutzten. Dann rückten die Höhlen zurück in das Bewusstsein der Forscher. Seither haben die Inspektoren viele Gräber verriegelt und drei Kilometer östlich ein Ersatzdorf gebaut. Doch die Leute von Abd el-Qurna weigern sich, ihren Totenhügel zu verlassen, weil er ihnen einen Teil ihres Lebensunterhalts sichert: In das Kunstdorf kommt niemand mehr, der ihnen Bakschisch zusteckt und Souvenirs abkauft. Sandro Vannini hat viele der alten Häuser besucht, ist in ihre Keller gestiegen, in denen einmal Sarkophage standen. Er hat Steine vor den Eingängen am Hang weggerollt und begonnen, auch die Grabwände der "Vergessenen" zu dokumentieren. Kleiner seien die Ruhestätten der Beamten und Priester, und vor allem weltlicher als die der Pharaonen.

Ein paar Stufen führen hinab zu einem rostigen Eisentor, an das die Inspektoren ein gelbes Schild geschraubt haben: TT 30, das Grab des Chonsmose, Schatzkämmerer der 18. Dynastie. Licht fällt in die Vorhalle. Von den sechs Säulen, die den Raum in zwei Querschiffe teilen, sind nur noch Stümpfe übrig. Zerborstene Ziegel aus Nilschlamm und Mörtel bedecken den Boden. Untrügliches Zeichen dafür, dass Dorfbewohner hier gewesen sind, die Gruft geplündert und Steine aus den Wänden geschlagen haben, um sich aus ihnen neue Häuser zu bauen. Vannini steht in der Mitte des Raumes und sucht nach den Alltagsszenen, von denen die Grabwände der Noblen berichten. Er hat Bildnisse von raufenden Mädchen in durchsichtigen Kleidern entdeckt, im Grab eines Stadtschreibers. Weinlauben in TT 96, den Hafen von Theben in TT 57. In anderen Gräbern Feste, Tempelwerkstätten, Wüstenjagden und Harfenspielerinnen. Und Gelage, wie er nun eines auch in der Vorhalle des Schatzkämmerers Chonsmose sieht: mit einem Tisch voller Brot, Blumen, Rinderkeulen. Serviert für den Verstorbenen und seine Familie. Zart gepinselte Vögel flattern am Rand des Bildes.

Vannini stellt sein Stativ auf. Hemdan, sein Assistent, verlegt Kabel und wirft den Generator an. Dann verbindet Vannini die Kamera mit einem Laptop, der den Aufnahmeprozess steuert. Niemand darf sich nun bewegen, denn das würde Staub aufwirbeln. Der Fotograf wartet, bis aus dem Laptop ein leises, lang gezogenes Piepen ertönt. Eines für jede Aufnahme. Ein wenig erinnert dieses Geräusch an eine Intensivstation, auf der Schwerkranke überwacht werden - jahrtausendealte Patienten, auf deren Antlitz sich schon der Tod zeigen wollte.