Logo GEO Epoche
Das Magazin für Geschichte

Paläontologie: Die Bilder von Laas Gaal

Kunstvolle Felszeichnungen in Somaliland belegen die Domestizierung von Rindern am Horn von Afrika vor über 5000 Jahren

"Die Kinder erzählen von bunten Bildern, wenn sie vom Spielen in den Felsen nahe der Wasserstelle Laas Gaal zurückkommen", sagt der Schäfer Osman Ali Bileh zu den drei französischen Archäologen. "Sie befindet sich nur zehn Kilometer außerhalb der Stadt." Ein kurzer, aber gefährlicher Weg. Im heißen Sand des Wüstenplateaus liegen damals, im Jahr 2002, vielerorts noch Minen verscharrt. Es sind Relikte des Unabhängigkeitskrieges am Horn von Afrika, der 1991 zur umstrittenen Abspaltung der nördlichen Provinz Somaliland von der Republik Somalia führte.

Das Risiko einzugehen, zahlt sich für die Archäologen jedoch aus. Nach einer Stunde stehen sie und ihr Führer Osman vor zwei imposanten Granitfelsen: Einer davon ist übersät mit Abbildungen von Rindern. Über 150 Zeichnungen aus der Jungsteinzeit sind es, viele davon mehrfarbig und in erstaunlich gutem Zustand. Die Laboranalyse von Holzkohle und Knochen, die später bei Ausgrabungen in unmittelbarer Nähe der Zeichnungen entdeckt wurden, hat inzwischen ergeben, dass die Bilder von Laas Gaal vor 5000 bis 5500 Jahren entstanden sind - die ältesten bekannten Felszeichnungen am Horn von Afrika. Dominiert werden sie von stilisierten Rindern, stets von der Seite gemalt, jedoch so, dass zwei große, gebogene Hörner sichtbar werden. Die auffallendste Eigenart ist ein breiter Schal, der den Kühen vom Nacken teils bis auf Kniehöhe herabhängt. Die ser Umhang oder "Plastron", wie die Archäologen ihn nennen, ist häufig mit vertikalen Streifen dekoriert. Die vielgestaltigen Muster erinnern an Stickereien - ein Hinweis, dass das Plastron aus Stoff oder Leder gefertigt war. Womöglich wurden die Rinder so für religiöse Zeremonien drapiert.

Neben den Tierbildern finden sich zahlreiche Darstellungen von Menschen, die jedoch stets viel kleiner als die Rinder gemalt und meist unter dem Bauch oder Kopf eines Tieres angeordnet worden sind. Ihre aufrechte Haltung mit weit ausgebreiteten Armen erinnert ebenfalls an eine rituelle Handlung. Xavier Gutherz, der Leiter des Archäologenteams, hält es für möglich, dass die steinzeitlichen Künstler Nomaden waren, die ihre Rinder nicht schlachteten, sondern sich von Blut und Milch der Tiere ernährten. Eine Lebensweise, wie man sie heute noch bei den Massai in Kenia findet. Laas Gaal bedeutet in der Sprache der Somali so viel wie "Wasserloch für Dromedare". Die Tränke wird von einem unterirdischen Strom gespeist, der gewiss auch schon die Nomaden der Jungsteinzeit mit Wasser versorgte.

Die lokale Bevölkerung betrachtet die Felszeichnungen von Laas Gaal mit wachsendem Stolz als ein kulturelles Erbe ihres noch jungen Landes. Doch radikale Muslime drohen, sie würden die Bilder zerstören: Eine sehr strenge Auslegung des Islam verbietet sogar die Darstellung von Menschen und Tieren.