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GEOEPOCHE Klassiker: Der rasende Tod

Monatelang kursieren 1349 in Köln Gerüchte über eine unheimliche Seuche. Dann sind auch die letzten Zweifel ausgewischt: Die Pest ist in der Stadt. Ratten verenden auf offener Straße, ein Kölner Bürger stirbt mit eitrig angeschwollenen Lymphknoten. Binnen weniger Jahre rafft „Magna Mortalis“, das Große Sterben, ein Drittel aller Europäer dahin. GEOEPOCHE-Redakteur Cay Rademacher hat den Verlauf und die Hintergründe der Katastrophe minutiös rekonstruiert

Messina, Sizilien, Anno Domini 1347. Es ist Anfang Oktober, als am Horizont eine genuesische Galeere erkennbar wird. Sie wird schon erwartet. Denn seit einem Jahr belagern die Tataren die Stadt Caffa am Schwarzen Meer, einen der wichtigsten dortigen Handelsposten der mächtigen Stadtrepublik Genua. Und man will endlich wissen, wie es um Caffa steht.

Doch als das Schiff sich nähert, fällt aufmerksamen Beobachtern Seltsames auf: Es scheint nicht richtig gesegelt und gerudert zu werden, schleppt sich vielmehr in den Hafen wie ein halbes Wrack.

Nachdem die Galeere endlich festgemacht hat, bietet sich ein Bild des Grauens: Auf und unter Deck, zwischen den Ruderbänken, liegen Tote und Sterbende, viele entstellt von eitrigen Beulen und schwärzlichen Hautflecken. Es stinkt nach Fäulnis und Tod. Die wenigen Matrosen, die sich, von der unbekannten Krankheit gezeichnet, noch unter Schmerzen auf den Beinen halten können, berichten, daß eine schreckliche Seuche im Tatarenheer ausgebrochen sei. Als letzten grimmigen Akt sollen die Belagerer einige ihrer Toten in die Festung Caffa geschleudert haben.

Staunend hören die Bürger Messinas diesen Bericht, mit Abscheu und Schrecken blicken sie auf die Galeere. Doch ohne besondere Vorkehrungen werden die Überlebenden ins örtliche Spital gebracht und die Toten beerdigt. Amtsleute nehmen die Berichte der Matrosen zu Protokoll und inspizieren das Schiff.

Zwei, drei Tage später stirbt der erste Einwohner Messinas, gezeichnet von Beulen, von Fieber und faulig stinkenden Körperausscheidungen. Dann noch einer und noch einer... Der Tod springt von Gasse zu Gasse. Innerhalb weniger Tage bricht das öffentliche Leben zusammen, überall herrschen Hilflosigkeit und Verzweiflung. Es ist schlimmer als im Krieg. Manche fliehen aus der Stadt, doch der Tod folgt ihnen. Ohne es zu ahnen, haben die Bürger Messinas der schrecklichsten aller Seuchen Einlaß in ihre Stadt und damit ins christliche Abendland gewährt: der Pest.

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Wie kann man ins Bild setzen, was unsichtbar ist? Kein Mensch im Mittelalter weiß, wie die Pest sich ausbreitet. Aber die aufplatzenden Beulen erscheinen Augenzeugen wie Wunden, die von unsichtbaren Geschossen herühren. Und so stellt der Franzose Jean Colombe im Jahre 1473 den Tod nicht mit der Sense dar, sondern als Bogenschützen, der seine Opfer mit Pfeilen erschießt

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