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Weltneuheit: Das Rumpler Tropfen-Auto

Nie war Deutschland politisch gespaltener als zu Zeiten der Weimarer Republik, nie war es innovativer. Und so präsentiert die Berliner Rumpler-Motoren-Gesellschaft mbH auf der Deutschen Automobilausstellung im Herbst 1921 eine Sensation: den weltweit ersten in Serie gefertigten stromlinienförmigen Personenkraftwagen - die Zukunftsvision eines so genialen wie glücklosen Erfinders

Brennen soll sie, die Verräterin Maria. Dafür haben die aufgebrachten Menschen einen Scheiterhaufen errichtet, aus Schreibtischen, Sesseln, Türen, ja sogar zwei futuristischen Automobilen, stromlinienförmig wie Fische, die Fensterscheiben zerborsten, die Wagentüren herausgerissen. "Metropolis", Fritz Langs verstörende Zukunftsvision über eine von unterdrückten Arbeitern am Leben erhaltene glitzernde Mega-City, steuert auf ein dramatisches Finale zu.

Der bilderbesessene Regisseur hat für die Dreharbeiten in den Studios von Neubabelsberg Gewaltiges errichten lassen, haushohe Kulissen, riesige Wasserreservoire, um die Flutung der unterirdischen Arbeiterstadt realistisch einfangen zu können. 36 000 Komparsen spielen mit, 200 000 Kostüme werden geschneidert und 1,3 Millionen Meter Film verbraucht. Sogar 50 Automobile sind in Langs Auftrag für das expressionistische Stummfilmepos entworfen worden. Kosten interessieren den Regisseur nicht, die Ufa zahlt ihm seinen cineastischen Traum.

Die beiden Wagen auf dem Scheiterhaufen aber sind keine Produkte der Berliner Filmfabrik. Sie sind die Realität gewordene Vision eines anderen Mannes. Sein Name: Edmund Rumpler. Geburtsort: Wien. Beruf: Automobil- und Flugzeugkonstrukteur. Firmensitz: Berlin, Friedrichstraße 100. Seine Idee: ein aerodynamischer Personenwagen.

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Traurige Nebenrolle in Fritz Langs Stummfilmepos "Metropolis": Bereits fünf Jahre nach der Präsentation in Berlin landet Edmund Rumplers Zukunftsvision auf dem Scheiterhaufen der Despotie. Zwei Tropfenwagen sollen helfen, Maria zu verbrennen

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Das Rumpler Tropfen-Auto

Wie ein fallender Wassertropfen

Und tatsächlich: Im Herbst 1921 präsentiert Edmund Rumpler den ersten in Serie produzierten, stromlinienförmigen Kraftwagen der Welt auf der Deutschen Automobilausstellung in Berlin. In einer Zeit, als Personenkraftwagen noch immer wie Pferdedroschken aussehen, und sich Konstrukteure wenig Gedanken um Luftwiderstände machen, eine Sensation.

Von oben betrachtet gleicht die Umrissform der Karosserie einem fallenden Wassertropfen. Die Werbung für das "Rumpler Tropfen-Auto" verheißt: "Kleinster Luftwiderstand, geringster Brennstoffverbrauch, geringste Staubentwicklung". Kolossal!

Doch nicht nur das: Rumpler versetzt den Motor vor die Hinterachse und erfindet damit die Mittelmotorbauweise, die heute in jedem Rennwagen üblich ist. Zusätzlich sind die Räder unabhängig voneinander aufgehängt und gefedert. "Schwingende Hinterachse", verkündet die Anzeige, "unerreichte Federung".

Die Fachpresse ist begeistert und konstatiert, "dass die vielfach verbreitete Ansicht von der Unmöglichkeit der Weiterentwicklung des Kraftwagens irrig ist, und durch die beschriebene Konstruktion widerlegt wird".

Am Markt ohne Fortune

Gleichwohl, wirtschaftlich ist dem Tropfen-Auto kein Erfolg beschieden. Denn dem Mann, der mit dem zweisitzigen Motorflugzeug "Taube" vor dem Ersten Weltkrieg den Durchbruch gefeiert hat, sind schwere handwerkliche Fehler unterlaufen: Als Reisewagen beworben hat das erste Tropfen-Auto nicht einmal einen Kofferraum. Der serienmäßig vorgesehene Sechszylinder-Fächermotor läuft nicht rund, muss durch einen Vierzylinder-Reihenmotor ersetzt werden. Die Vorderräder flattern, die Lenkung leidet. Käufer schrecken zurück.

Auch der Versuch, die Taxifahrer der Reichshauptstadt für den Wagen zu begeistern, scheitert. Zwar können die Fahrgäste leicht einsteigen, sitzen hoch, auf einer Zweierbank hinter dem Fahrer auch sehr bequem. Zwar erhält ein Nachfolgemodell auch einen Kofferraum, wird 1924 die Karosserie verlängert. Aber die Schwierigkeiten mit der Lenkung bringen der Tropfen-Kraftdroschke im immer dichter werdenden Verkehr Berlins das Aus.

1925 fertigt die Rumpler-Motoren-Gesellschaft mbH das letzte ihrer vielleicht 100 Tropfen-Autos. Noch im gleichen Jahr stiftet der Konstrukteur ein Exemplar dem Deutschen Museum in München, wo seit 1911 auch schon eine Ausfertigung der "Rumpler Taube" an der Decke der Luftfahrtabteilung zu besichtigen ist. 1925 beginnt Fritz Lang mit den Dreharbeiten zu "Metropolis".

Die Weimarer Republik befindet sich endgültig im Technik- und Temporausch der Goldenen Zwanziger, allein in Berlin verneunfacht sich in wenigen Jahren die Zahl der Automobile. Die Bedeutung der Aerodynamik im Fahrzeugbau aber gerät zunächst in Vergessenheit - für fast ein halbes Jahrhundert.

Positive Energiebilanz

Heute sind in Deutschland zwei Rumpler Tropfen-Autos zu besichtigen, im Deutschen Museum München und im Deutschen Technikmuseum Berlin. Als Ingenieure 1979 im Windkanal des VW-Werkes Wolfsburg das Münchener Exemplar auf seine aerodynamischen Qualitäten untersuchen, wird ein Luftwiderstandswert (cw) von nur 0,28 gemessen. So eine positive Energiebilanz haben selbst die meisten Autos der 1980er Jahre nicht.

Dr. Ing. Edmund Rumpler stirbt am 7. September 1940 in Neu Tollow, dem heutigen Züsow, bei Wismar. Der Maschinenbauer, der immer an der Spitze des Fortschritts arbeiten wollte und als ein Vater der Aerodynamik gilt, ist 68 Jahre alt geworden.

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Wie ein fallender Wassertropfen sieht der von Rumpler zu Beginn der Weimarer Republik erstmals getestete Wagen von oben aus. Die überaus energiersparenden Luftwiderstandswerte bleiben über Jahrzehnte unerreicht im Autobau