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Hitler-Putsch: Heinrich Hoffmann kam zu spät

Am 9. November 1923 zieht Adolf Hitler an der Spitze von rund 2000 Bewaffneten durch München. Am Tag zuvor hat er gegen die Regierung geputscht. Doch seltsam: Von jenem dramatischen Ereignis scheint es kein einziges zweifelsfreies Foto zu geben. Hier erklärt der Geschäftsführende Redakteur von GEOEPOCHE, der Historiker Cay Rademacher, warum

Der "Marsch zur Feldherrnhalle" symbolisiert einen der finstersten Tage der deutschen Geschichte: An jenem 9. November 1923 zieht Adolf Hitler an der Spitze von rund 2000 Bewaffneten aus der SA und anderen nationalen Kampfverbänden durch München. Es ist der Höhepunkt seines ersten Versuchs, die Macht zu ergreifen. Am Tag zuvor hat er gegen die Regierung geputscht.

An der Feldherrnhalle werden die Rebellen gegen Mittag von schwer bewaffneten Polizeitrupps gestoppt. Nach einem heftigen Feuergefecht mit Dutzenden Toten und Schwerverletzten fliehen Hitler und seine Gefolgsleute - der erste Angriff der Nationalsozialisten auf den Staat ist gescheitert.

Doch seltsam: Von jenem dramatischen Ereignis scheint es kein einziges zweifelsfreies Foto zu geben. Warum?

Dabei hat Hitler schon in den frühen Zwanziger Jahren einen "Hoffotografen", der jeden Aufmarsch der NSDAP in Bildern festhält: Heinrich Hoffmann. Am 8. November 1923, gegen 14.00 Uhr, nur Stunden vor Beginn des Putsches, besucht ihn der „Führer” noch in dessen Studio in der Schellingstraße 50. Man plaudert bei Gebäck und Tee - doch Hitler verrät Hoffmann nichts von seinen Plänen.

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1921 - nur zwei Jahre nach seinem Parteieintritt - wird Adolf Hitler zum "Führer" der NSDAP. Und er weiß um die Macht der Bilder. Bereits seit den frühen Zwanziger Jahren ist Heinrich Hoffmann sein "Hoffotograf"

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Heinrich Hoffmann dokumentiert immerhin die Vorbereitungen zum Marsch durch München, wie hier das Besteigen von Lastwagen durch nationalsozialistische Truppen

Am nächsten Morgen fährt Hoffmann mit dem Fahrrad durch München und lichtet Aufständische ab - ein Foto zeigt den jungen Heinrich Himmler an einer Barrikade. Doch gerade, als Hitler und seine Mitputschisten gegen Mittag beschließen, in Richtung Feldherrnhalle zu ziehen, ist Hoffmann nicht da. Ihm sind nach seiner Bildertour am Vormittag die Glasplatten für seine Kamera ausgegangen. Erneut hat ihm niemand gesagt, dass eine spektakuläre Aktion bevorsteht.

So radelt er durch München zu seinem Studio, um Nachschub zu holen, während Hitler zum Marsch aufbricht. Und als er endlich von der Schießerei vor der Feldherrnhalle hört und dorthin rast, ist bereits alles vorüber. Einige Putschisten sind tot, viele andere, auch Hitler, haben sich eilig davon gemacht und versteckt.

So existiert bis heute nur ein einziges, anonymes, selten veröffentlichtes Bild, das angeblich Putschisten während des Marsches zur Feldherrnhalle zeigt. GEOEPOCHE zeigt es hier und druckt es auch in seiner neuesten Ausgabe ab - allerdings deutlich als "umstrittenes Foto" gekennzeichnet.

Denn zwar erkennt man darauf Uniformierte, die SA-Männer sein könnten. Auch fällt dichter Schneeregen - genau wie an jenem 9. November 1923. Doch die undeutlich im Hintergrund zu erkennenden Gebäude lassen sich kaum irgendwelchen Bauwerken auf der Marschroute der Putschisten zuordnen. Und vor allem: Die Uniformierten auf dem Bild scheinen keine Waffen zu tragen. Hitlers Männer jedoch sind an jenem Tag mit Gewehren und MGs schwer bewaffnet.

Gut möglich also, dass dieses Foto letztlich nur irgendeinen SA-Umzug irgendwo in Deutschland irgendwann in den Zwanziger Jahren zeigt - und erst später, vielleicht absichtlich, vielleicht zufällig, diesem bekannten Ereignis zugeordnet worden ist.

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Gegen Mittag des 9. November 1923 befiehlt Weltkriegsgeneral Erich Ludendorff, Hitlers prominentester Mitverschwörer, einen "Marsch in die Stadt". Angeblich zeigt dieses Foto die Putschisten dabei, wie sie dem Befehl nachkommen