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Das Magazin für Geschichte

Die Weimarer Republik: Buchtipps

Empfehlungen der GEOEPOCHE-Redaktion für eine vertiefende Lektüre
In diesem Artikel
Gesamtdarstellungen
Friedrich Ebert
Dadaismus
Nachtleben in Berlin
Hitler-Putsch 1923
Bauhaus
Hyperinflation
Fotojournalismus
Konferenz von Locarno 1925
Fritz Langs "Metropolis"
Max Schmeling und das Radio
Brecht und die Dreigroschenoper
"Raketen-Fritz"
"Blutmai" 1929
Döblins "Berlin Alexanderplatz"
Kurt Tucholsky
Wirtschaftskrise 1929-1933
Parlament im Abseits
Die letzten Tage der Republik

Gesamtdarstellungen

DIE WEIMARER REPUBLIK - GESAMTDARSTELLUNGEN

Eberhard Kolb, Die Weimarer Republik (Oldenbourg Grundriss der Geschichte, 6. Auflage München 2002), 347 Seiten, 24,80 Euro.

Wie alle Bände aus der Reihe „Grundriss der Geschichte“ bietet auch dieser eine knappe, klare Darstellung des Themas und eine ausführliche Diskussion des Forschungsstandes – unentbehrlich für jeden, der sich näher mit der Weimarer Republik beschäftigen möchte. Denn auch heute noch ist die erste deutsche Demokratie Gegenstand ausgedehnter Kontroversen in der Geschichtswissenschaft: etwa über vergebene Chancen einer durchgreifenden Demokratisierung in der Revolution 1918/19 oder über Handlungsspielräume der Regierung unter Reichskanzler Heinrich Brüning in der Weltwirtschaftskrise nach 1930.

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Detlev J. K. Peukert, Die Weimarer Republik. Krisenjahre der klassischen Moderne (Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt a. M. 1987), 312 Seiten, 12 Euro.

In der Weimarer Republik seien, so deutet es der 1990 verstorbene Peukert, die im Kaiserreich angelegten sozialen Modernisierungstendenzen zur vollen Entfaltung gelangt. Gleichzeitig aber sei die deutsche Industriegesellschaft in ein Reihe von tiefgreifenden Krisen geraten: Die schwerwiegenden Belastungen des Friedensschlusses etwa, der die Deutschen als Alleinschuldige des verlorenen Krieges demütigte und mit hohen Reparationen belud; die Enttäuschung der Linken über die „unvollendete Revolution“; Hyperinflation und Weltwirtschaftskrise. Vor diesem Hintergrund schildert der Autor gesellschaftliche, ökonomische und politische Entwicklungslinien eines Staatswesens, das außerordentlich modern und belastbar war – und doch an dem Umfang der Krisen scheiterte. Das Buch ist weniger geeignet für die Erstlektüre. Demjenigen jedoch, der sich schon ein wenig mit der Weimarer Republik beschäftigt hat, bringt es überraschende und neue Einsichten.

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Heinrich August Winkler, Weimar 1918-1933. Die Geschichte der ersten deutschen Demokratie (Verlag C.H. Beck, 4. Auflage München 2005), 709 Seiten, 39,90 Euro.

Das Standardwerk zur Weimarer Republik, geschrieben von ihrem profiliertesten Kenner, dem emeritierten Berliner Professor für Neueste Geschichte, Heinrich August Winkler. Er beleuchtet die Schicksalsjahre der deutschen Geschichte von 1918 bis 1933 ausführlich und beschränkt sich dabei nicht auf die politischen Entwicklungen: Wirtschaft und Gesellschaft, Kunst und Kultur werden ebenfalls einbezogen bei der differenzierten Suche nach einer Antwort auf die Frage: Musste Weimar scheitern? Das Buch ist glänzend geschrieben, auch für Laien verständlich, die Interpretationen sind mit zahlreichen Zitaten aus den Quellen belegt – der einzige schwerwiegende Mangel ist das Fehlen eines Sachregisters, das dem Leser eine schnelle Orientierung erleichtern würde.

Friedrich Ebert

FRIEDRICH EBERT - DAS GESICHT DER REPUBLIK

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Walter Mühlhausen, Friedrich Ebert 1871-1925. Reichspräsident der Weimarer Republik (Verlag J. H. W. Dietz, Bonn 2006), 1064 Seiten, 48 Euro.

Friedrich Ebert hat die Weimarer Republik entscheidend geprägt: Als letzter Kanzler des Kaiserreichs (für wenige Stunden), als Vorsitzender des Rates der Volksbeauftragten in der Revolution im November 1918, als Reichspräsident. Mühlhausen liefert (81 Jahre nach dessen Tod!) die erste umfassende Biografie des ersten demokratischen Staatsoberhauptes in Deutschland. Seine These: Ebert habe sich von seiner parteipolitischen Herkunft aus der SPD freigemacht und sich ganz in den Dienst der Republik gestellt, für die er sich aufopferte. Dies belegt der Autor, der große Sympathie für seinen „Helden“ hegt, in seinem umfangreichen, bisweilen zu detailreichen Werk mit einer Vielzahl von Quellen.

Dadaismus

DADAISMUS - DAS ENDE DER SCHÖNHEIT

George Grosz, Ein kleines Ja und ein großes Nein. Sein Leben von ihm selbst erzählt (Rowohlt Verlag Hamburg, 1955/1974), 289 Seiten, nur noch antiquarisch erhältlich.

Die besten Geschichten aus seinem ereignisreichen Künstlerleben erzählt der Zeichner, Maler und Bühnenbildner George Grosz selbst: Wie er den Ersten Weltkrieg erlebte – und ihm gleich darauf entkam. Wie er im Berliner „Hotel Kempinski“ den Kellner mit Dada-Sprüchen verwirrte. Und wie er 1933 in die USA floh und wenige Tage später die Nationalsozialisten in Berlin sein leeres Atelier stürmten. Grosz’ Autobiografie liefert wichtige Hintergrundinformationen, um seine Kunst und ihr politisches und künstlerisches Umfeld zu verstehen.

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Karl Riha (Hrsg.), Dada Berlin. Texte, Manifeste, Aktionen (Reclam Verlag, Ditzingen 1994), 184 Seiten, 4,40 Euro.

Niemand attackiert den „deutschen Spießer“ so furios und virtuos wie der Installationskünstler und Schriftsteller Raoul Hausmann. In dem gehaltvollen kleinen Quellenband sind nicht nur seine Pamphlete zu finden, sondern auch die Manifeste, Zeitungsartikel und Lautgedichte der anderen Berliner Dadaisten und ihrer Weggefährten. Immer noch vergnüglich lesen sich die Beobachtungen von Kurt Tucholsky. Der Kritiker besuchte die „Erste Internationale Dadamesse“ und nannte sie einen „ganz putzigen Kramladen“. Später verfolgte er im Gerichtssaal den Prozess gegen den Zeichner George Grosz, der wegen Beleidigung des Militärs verurteilt wurde.

Nachtleben in Berlin

BERLIN BEI NACHT - MORGEN FRÜH IST WELTUNTERGANG

Lothar Fischer, Anita Berber – Göttin der Nacht (edition ebersbach Berlin, Juli 2006), 205 Seiten, 25 Euro.

„Sie war eine Legende, jede Kokotte wollte aussehen wie sie.“ (Klaus Mann). In der Tänzerin Anita Berber hatte das Deutschland der Inflationsjahre seine Symbolfigur gefunden. Sie liebte Männer und Frauen, berauschte sich an Kokain und Morphium, kannte keine Scham. Lothar Fischer zeichnet das kurze und schnelle Leben der Anita Berber nach: von der behüteten Kindheit bei der Großmutter in Dresden über die Anfänge als Balletttänzerin im unschuldigen Harlekinkostüm bis zu ihren legendären Nacktauftritten in den Kabaretts der Hauptstadt. Die zahlreichen Abbildungen im Buch dokumentieren auch Berbers Bedeutung als Stilikone ihrer Zeit: Sie wurde porträtiert auf Gemälden, Titelblättern und als Porzellanfigur. Mithilfe von Zitaten, Zeitungskritiken und Polizeiprotokollen lässt der Autor das Berlin der „Wilden Zwanziger“ wiederauferstehen.

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Curt Moreck, Führer durch das „lasterhafte“ Berlin (Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 1996), 229 Seiten, nur antiquarisch erhältlich, ab ca. 60 Euro.

Dieser Stadtführer widmet sich den Sehenswürdigkeiten im Berlin der Weimarer Zeit, die nicht im Baedeker zu finden waren: Autor Curt Moreck, eigentlich Konrad Hämmerling (1888-1957) führt den Leser zu den Fünf-Uhr-Tees mit Eintänzern in den Salons der großen Hotels und beschreibt die privaten Knutschlogen in den Mokkadielen. Er besucht die verruchten Kabaretts, die Lesbenclubs und Transvestitenlokale der Hauptstadt und kehrt in den Kaschemmen der Halb- und Unterwelt ein. Weitere Stationen sind der Sportpalast, der Lunapark und der Tanzsaal Resi, wo die Gäste per Tischtelefon und Rohrpostanlage miteinander flirteten. Der ursprüngliche Stadtführer erschien 1931, diese Ausgabe ist ein originalgetreues Faksimile mit vielen farbigen Zeichnungen von unter anderem von George Grosz und Heinrich Zille.

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Mel Gordon, Voluptuous Panic: The Erotic World of Weimar Berlin (Feral House, Los Angeles 2006), 305 Seiten, etwa über Amazon für rund 25 Euro.

Wer ganz genau Bescheid wissen will über das Sexleben der Weimarer Republik, liegt mit diesem englischsprachigen Buch richtig. Allerdings sind die Texte, Zeichnungen und Fotos nichts für schwache Nerven: Lustmorde, sadomasochistische Praktiken, Prostitution und Pornographie werden von dem kalifornischen Professor für Theater Mel Gordon - der auch eine englischsprachige Anita-Berber-Biografie veröffentlicht hat - mit offenen Worten und in allen zur Verfügung stehenden Details beschrieben. Am Ende des Buches ist ein Berlin-Stadtplan beigefügt mit präzisen Beschreibungen der Schauplätze.

Hitler-Putsch 1923

HITLER-PUTSCH - MÜNCHEN UNTERM HAKENKREUZ

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John Dornberg, Der Hitlerputsch - 9. November 1923 (Langen Müller, 2., durchgesehene Auflage München 1998), 420 Seiten, Sonderausgabe 14,50 Euro.

Dornberg, 1931 in Erfurt geboren und 1939 gemeinsam mit seinen Eltern in die USA ausgewandert, arbeitete viele Jahre lang als Korrespondent amerikanischer Zeitungen und Magazine in Deutschland, später wurde er Chefredakteur von „Newsweek“. Obwohl seine Darstellung des Hitlerputsches schon vor mehr als 25 Jahren in der Erstausgabe veröffentlicht wurde, ist sie die bis heute genaueste und zugleich farbigste Darstellung jener zwei Tage im November, die Hitler berühmt und berüchtigt gemacht haben. Dornberg hat dazu nicht nur Akten ausgewertet (Polizeiberichte, Prozessunterlagen etc.), sondern auch noch Dutzende damals noch lebende Zeitzeugen befragt - ehemalige Nationalsozialisten ebenso wie deren Gegner.

Ernst Deuerlein (Hrsg.), Der Hitlerputsch, Bayerische Dokumente zum 8./9. November 1923 (DVA, Stuttgart 2005), 760 Seiten, nur noch antiquarisch, ca. 80 Euro.

Eine umfangreiche Sammlung unterschiedlichster Quellen zum Putsch: Von Mitschriften bayerischer Ministerratssitzungen über Depeschen von Diplomaten bis hin zu Augenzeugenberichten, Polizeiprotokollen und Haftbefehlen. Hier ist der O-Ton der Zeit konserviert.

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Joachim Fest, Hitler - Eine Biographie (Ullstein, 2. Auflage der Neuausgabe Berlin 2004), 1228 Seiten, 12 Euro.

Diese monumentale, brillant geschriebene Studie ist zur Recht längst ein Klassiker der Geschichtsschreibung geworden. Auch wer sich über den „frühen Hitler“ der beginnenden Zwanziger Jahre und sein dumpf-brutales Umfeld informieren will - hier findet er es anschaulich, prägnant, packend geschildert.

Bauhaus

BAUHAUS - SPIEL VON FORM UND FUNKTION

Jeannine Fiedler (Hrsg.), Bauhaus (Ullmann/Tandem, Königswinter 2006), 640 Seiten, 29,95 Euro.

„Drei Tage Weimar und man kann auf Lebenszeit kein Quadrat mehr sehen“, wetterte 1923 ein Kunstkritiker gegen die „Bauhäusler“ an der legendären Kunstschule der Goethestadt. Wer sich überzeugen lassen möchte, dass das Bauhaus weit mehr zu bieten hatte als Quadrate, dem wird dieser von der Kunsthistorikerin Jeannine Fengler herausgegebene Band Freude bereiten. Wenn ein Buch die Bezeichnung „Wälzer“ verdient, dann dieses. Doch so umfangreich diese Materialsammlung zum Thema „Bauhaus“ auch ist, so anschaulich und klar sind die einzelnen Kapitel geschrieben. Die Beiträge wissenschaftlicher Experten der Architektur und Kunstgeschichte stellen die Geschichte, Stilrichtungen und Charakterköpfe der revolutionären Institution aus vielen verschiedenen Blickwinkeln dar. Ursprünge und Folgen, Theorie und Pädagogik, Leben und Alltag der Bauhaus-Bewegung werden geschildert. Gemeinsam mit den 800 teils farbigen Abbildungen entsteht so ein gleichermaßen umfassendes wie buntes Kaleidoskop, in das man gerne mehrmals hineinschaut.

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Magdalena Droste, Bauhaus. 1919-1933. Reform und Avantgarde (Taschen Verlag, Köln 2006), 96 Seiten, 6,99 Euro.

Magdalena Droste ist mit diesem Band aus der Basic Architecture-Reihe des Taschen-Verlages eine verständliche Einführung in die Welt der Bauhaus-Bewegung und ihrer künstlerischen – insbesondere architektonischen – Ambitionen gelungen. Dieses Buch der Professorin für Kunstgeschichte der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus, das in acht Sprachen verlegt wurde, bietet einen schnellen Überblick. Texte und Bilder sind geschickt miteinander verbunden und geben so einen lebendigen Eindruck der illustren wie berühmten „Bauhäusler“ - Hintergründe und ausführliche Informationen bleiben indes anderen Büchern vorbehalten.

Hyperinflation

HYPERINFLATION - DIE STUNDE DER SPEKULANTEN

Gerald D. Feldman, Hugo Stinnes. Biographie eines Industriellen 1870–1924 (C.H. Beck, München 1998) 1062 Seiten, 29,90 Euro.

Der amerikanische Wirtschaftshistoriker Gerald D. Feldman hatte erstmals unbeschränkten Zugang zum Nachlass des Inflationskönigs, zu seinen Briefen, sogar zum Tagebuch seiner Frau. Feldmans Buch ist die derzeit umfassendste Biografie über Hugo Stinnes. Souverän verknüpft es den wirtschaftlichen Aufstieg des Industriellen mit der politischen Geschichte Deutschlands. Leider ist dem Autor kein lebendiges Porträt gelungen. Fachlich unantastbar breitet er vor dem Leser sämtliche Fakten aus, die man über Stinnes nur wissen kann; im stets gleichen Erzählfluss, ohne Bündelungen, Pointierungen oder Ausblicke. Eine wahrhaft erschöpfende Lektüre.

Gerald D. Feldman, The Great Disorder. Politics, Economics and Society in the German Inflation 1914-1924 (Oxford University Press, New York/Oxford 1993) 1040 Seiten, 74,90 Euro.

Der Stinnes-Biograf Feldman hat auch eine Studie zu den wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Hintergründen der deutschen Inflation vorgelegt, ähnlich breit in der Darstellung, ähnlich fundiert und kenntnisreich.

Carl-Ludwig Holtfrerich, Die deutsche Inflation 1914–1923. Ursachen und Folgen in internationaler Perspektive (de Gruyter, Berlin/New York 1980) 360 Seiten, antiquarisch ab ca. 60 Euro.

Wer noch tiefer in die finanztechnischen Ursachen des Geldverfalls eindringen will, dem sei dieses Buch des renommierten, deutschen Wirtschaftshistorikers Carl-Ludwig Holtfrerich empfohlen: theoretisch angelegt, aber auch für den Laien lesbar, zudem eine hervorragende Zahlenquelle.

Hans Ostwald, Sittengeschichte der Inflation. Ein Kulturdokument aus den Jahren des Marktsturzes (Neufeld & Henius, Berlin 1931) 280 Seiten, antiquarisch ab ca. 18 Euro.

Einen bunten Querschnitt durch die Alltagsphänomene der deutschen Inflation – von Schiebertum, Börsenfieber bis Nacktrevuen – gibt diese zeitgenössische Quellensammlung. Moralisierend wie sein Titel ist das Buch in den kommentierenden Passagen hoffnungslos veraltet, aber als Materialfundus mit vielen Fotos noch immer wertvoll und vor allem - sehr unterhaltsam.

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Ruth Glatzer, Berlin zur Weimarer Zeit. Panorama einer Metropole 1919-1933 (Siedler Verlag, Berlin 2000) 492 Seiten, 34 Euro.

Ruth Glatzer bietet ein außergewöhnliches Porträt der deutschen Hauptstadt. Insbesondere das Kapitel über die Inflation ergänzt das Werk von Ostwald: Die vielen Stimmen der Zeitzeugen sind hervorragend ausgewählt und montiert; zudem ausgezeichnet kommentiert mit bündigen Informationen zum historischen Kontext. Sehr empfehlenswert - und längst nicht nur für Fans der Wirtschaftsgeschichte.

Fotojournalismus

FOTOJOURNALISMUS - DIE WELT IM BILD

Han de Vries & Peter Hunter-Salomon, Erich Salomon. Porträt einer Epoche (Ullstein Verlag, Berlin 1963) 240 Seiten, nur antiquarisch erhältlich.

Mit immer wieder neuen Tricks schaffte sich der Fotojournalist Erich Salomon Zugang zu politischen Konferenzen und Empfängen und bewegte sich – selbst im Frack gekleidet - unter den Mächtigen Europas, als sei er einer von ihnen. Dass er fotografierte, wohin nie zuvor die Öffentlichkeit gelangt war, nahm man ihm nicht übel; im Gegenteil. Der Respekt vor seinen subtilen, stets von Achtung geprägten Beobachtungen führte in der Weimarer Republik zu dem Bonmot, dass wenn Salomon nicht da sei, es keine wichtige Konferenz sein könne. Als Salomon 1933 ins Exil ging, ließ er einen großen Teil seines Archivs in Deutschland zurück. Doch dem Sohn Peter Hunter-Salomon gelang es, aus verschiedenen Quellen soviel Material zusammenzutragen, das es in Auswahl und Umfang Salomons Buch „Berühmte Zeitgenossen in unbewachten Augenblicken“ weit übertrifft: ein „Who is Who“ der Weimarer Republik.

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Robert Lebeck & Bodo von Dewitz (Hrsg.), Kiosk. Eine Geschichte der Fotoreportage 1839-1973 (Steidl Verlag, Göttingen 2001), 328 Seiten, 39 Euro.

Erst Fotojournalist, dann Sammler von Fotografien des 19. Jahrhunderts, überraschte Robert Lebeck im Sommer 2001 mit einer Ausstellung, für die er Zeitschriften und illustrierte Zeitungen aus mehr als hundert Jahren zusammengetragen hatte. Nicht mehr die Ästhetik des Einzelbilds interessierte ihn nun, sondern das Umfeld, in dem berühmte Reportagebilder zum ersten Mal gezeigt wurden. Der begleitende Katalog, der guten Gewissens als Standardwerk bezeichnet werden darf, erzählt damit die wechselhafte Geschichte der Fotoreportage aus einer neuen Perspektive: der des Layouters, der die Aufnahmen überhaupt erst zur Bild-Erzählung arrangiert.

Konferenz von Locarno 1925

LOCARNO - VERSTÄNDIGUNG AM SEE

Peter Krüger, Die Außenpolitik der Republik von Weimar (Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1985), 606 Seiten, antiquarisch ab ca. 55 Euro erhältlich.

Die Konferenz von Locarno, ihre Vorgeschichte und ihre Folgen nehmen in dieser nach wie vor unübertroffenen Gesamtdarstellung der Weimarer Außenpolitik breiten Raum ein. Peter Krüger, Professor an der Philipps-Universität Marburg, wertet Stresemanns Orientierung auf den Ausgleich mit den Westmächten eindeutig positiv. Das wird vor allem im Vergleich zu der nach Osten gerichteten „Rapallo-Politik“ von Stresemanns Vorgängern deutlich. Aber auch durch die Darstellung der sichtlich aggressiveren Diplomatie des Deutschen Reiches nach dem Tod des langjährigen Außenministers und Friedensnobelpreisträgers Gustav Stresemann im Jahre 1929.

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Jonathan Wright, Gustav Stresemann 1878-1929. Weimars größter Staatsmann (DVA, München 2006), 650 Seiten, 39,90 Euro.

Die wohl beste, sicherlich aber die aktuellste Biografie des langjährigen Außenministers der Weimarer Republik. Bei aller grundsätzlichen Sympathie für Stresemann scheut der britische Historiker Wright vor einer kritischen Hinterfragung von dessen Politik nicht zurück.

Fritz Langs "Metropolis"

FRITZ LANG UND DER STUMMFILM - „METROPOLIS“

Thomas Elsaesser, Das Weimarer Kino – aufgeklärt und doppelbödig (Vorwerk 8, Berlin 1999), 328 Seiten, 32 Euro.

Fünfzig Jahre nach Kracauers damnatio justiert Elsaesser den Blick neu. Der Niederländer vergisst nie die wirtschaftlichen Umstände, die gesellschaftlichen Zwänge und Ambitionen, bevor er sich daran macht, die „zynische Vernunft“ des Weimarer Kinos zu sezieren – mit der heiteren Ironie, aber auch dem theoriefreudigen Vokabular des Pop-Theoretikers. Ein kluges Buch, aufgeklärt und doppelbödig, für alle, denen das schnelle Urteil zu fix ist.

Klaus Kreimeier, Die Ufa-Story. Geschichte eines Filmkonzerns (Hanser, München/Wien 1992), 520 Seiten, ab 15 Euro.

Falls sie nach der Lektüre noch etwas zum Thema wissen wollen, wenden Sie sich bitte an den Fachberater. Die unübertroffen vollständige Faktengeschichte zum Mythos Ufa, von Finanzen über Stars bis Theatersaal und Tonfilm.

Rolf Aurich, Wolfgang Jacobsen, Cornelius Schnauber (Hrsg.), Fritz Lang. Leben und Werk. Bilder und Dokumente (Jovis, Berlin 2001), 512 Seiten, ab 55 Euro.

Der opulente, dreisprachige (deutsch, englisch, französisch) Ausstellungskatalog würde Lang gefallen. Das Stück wiegt seine zwei, drei Kilo – zu recht: Es strotzt vor Informationen, Dokumenten, Geschichten und Bildern zum Lebensweg, Werk, Privatmann. Wenn Sie es verschenken wollen, stellen Sie sicher, dass Sie es rechtzeitig bekommen, um ausgiebig darin zu blättern.

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Siegfried Kracauer, Von Caligari zu Hitler. Eine psychologische Geschichte des deutschen Films (Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1984; englische Erstausgabe von 1947), 632 Seiten, 17 Euro.

Der Titel sagt es schon: eine Abrechnung. Aber eine ebenso intelligente wie informative. Das Standardwerk des Filmkritikers, Emigranten, scharfen Beobachters und noch schärferen Analytikers hat ihm die wütende Abneigung Langs eingetragen – und die Stellung eines Autors, an dem keiner vorbei kommt, der mitreden möchte, wenn es ums Weimarer Kino geht. In der Suhrkamp-Taschenbuchausgabe gibt es sogar noch 300 Seiten Kracauer-Filmkritiken dazu.

Michael Töteberg, Fritz Lang. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten (rororo, Reinbek 2005), 160 Seiten, 7,50 Euro.

Der bewährte erste Zugriff auf eine historische Figur – die schmale, stets solide „rowohlts monographie“. Mittlerweile leider miserabel gebunden.

Metropolis, Deluxe Edition (Murnau-Stiftung/Transit Film 2003) 2 DVD, 118 Minuten Film, 44 Minuten Dokumentation, 25,99 Euro.

Lesen ist prima. Selber gucken ist besser. Die nach dem aktuellen Kenntnisstand rekonstruierte Fassung von Langs Zukunftsvision, dazu eine exzellente Dokumentation und viel Material: Fotos vom Set, Biografien, spannenden Informationen über die Restaurierung. Wer die DVD nicht kaufen mag, es gibt sie auch in der Videothek. Tipp: Einmal auf „fast forward“ durchlaufen lassen – Sie verstehen Langs Bildvision sofort. Und natürlich die tanzende Brigitte Helm auf „still“ bewundern.

Thomas Elsaesser, Metropolis. Der Filmklassiker von Fritz Lang (Europa-Verlag, Hamburg/Wien 2001), 112 Seiten, nur noch antiquarisch erhältlich.

Das Buch zum Film. Entstehung, Produktion, Umschnitt, Wiederentdeckung, Deutungen, Adaptionen von Madonna über „Blade Runner“ bis Thomas Pynchon: Hier findet man alles auf knappem Raum.

Max Schmeling und das Radio

RUNDFUNKÜBERTRAGUNGEN - MAX SCHMELING UND DAS RADIO

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Volker Kluge, Max Schmeling (Aufbau-Verlag, Berlin 2004), 560 Seiten, 24,90 Euro.

Wenn die alten Helden untergegangen sind, sucht ein Volk sich neue. Max Schmeling, der junge Hamburger, der sich den Weg nach oben frei boxt, trifft in der Weimarer Republik auf eine besondere Gefühlslage. Weil er aber kein wilder, spektakulärer Schläger, sondern Techniker und Taktiker ist, muss er die Gunst des Publikums erst mühsam erkämpfen. Detailreich beschreibt Kluge den Aufstieg des bislang einzigen deutschen Weltmeisters im Schwergewicht. Dennoch ist sein Werk kein Heldenepos, sondern bleibt, wie der Boxer Schmeling, immer auf Distanz. Es schildert auch die Kehrseite des Ruhms: wie der Star von Hitler zur Imagepflege benutzt wird.

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Joachim-Felix Leonhard (Hrsg). Programmgeschichte des Hörfunks in der Weimarer Republik (dtv, München, 1997) 2 Bände, 1298 Seiten, 32 Euro.

Die Väter des deutschen Rundfunks sehen das neue Medium als Erziehungsauftrag. Vorträge, Opern und Konzerte dominieren in den Anfangsjahren das Programm. Politik und leichte Unterhaltung sollen außen vor bleiben. Erst nach und nach öffnet sich das Radio den Wünschen seiner Hörer: mehr aktuelle Berichte, Schlager, Tanzmusik aus Amerika. Ein halbes Dutzend Historiker, Soziologen, Musik- und Literaturwissenschaftler nimmt die Gründungszeit des Radios penibel unter die Lupe. In der Endphase der Weimarer Republik, so das Resümee der Forscher, herrschen unter den Rundfunkmachern viel Pioniergeist und Experimentierfreude – ehe die Nationalsozialisten aus dem Radio ein furchtbares Propagandainstrument machen.

Brecht und die Dreigroschenoper

BERTOLT BRECHT UND DIE DREIGROSCHENOPER - „GLOTZT NICHT SO ROMANTISCH!“

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Günther Rühle, Theater in Deutschland 1887-1945. Seine Ereignisse - seine Menschen (Fischer Verlag, Frankfurt 2007) 1282 Seiten, 39,90 Euro.

Günther Rühle, geboren 1924, ist der große Begleiter des deutschen Theaters - als Intendant des Frankfurter Schauspiels ebenso wie als Chef des Feuilletons von „Frankfurter Allgemeiner Zeitung“ und „Tagesspiegel“. Sein Abriss von sechs entscheidenden Jahrzehnten deutscher Theatergeschichte ist mit Leidenschaft und Parteinahme geschrieben, lässt Strömungen und Regiestile aufeinanderprallen und wichtige Personen noch einmal ans Licht treten: eine „Biografie des Theaters“, wie er selbst es nennt.

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Werner Hecht, Bertolt Brecht. Sein Leben in Bildern und Texten (Insel Verlag, Frankfurt 1998) 351 Seiten, 15 Euro.

Ein Brecht fürs Auge: Eine Fülle von Material - Fotografien, Faksimiles von Typoskripten und Manuskripten sowie amtliche Dokumente - hat Brecht-Experte Werner Hecht gesichtet und zusammengestellt. Vor allem Brechts Kinder, sein Bruder und seine Freunde haben ganze Konvolute bislang unbekannter Bilder zur Verfügung gestellt, die Brechts Reigen der Selbstdarstellungen von der neusachlichen Pose über den Revolutions-Dandy bis zum Theater-Weisen oft eindrucksvoller bezeugen als seine theoretischen Schriften.

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Carl Zuckmayer, Als wär's ein Stück von mir. Horen der Freundschaft (Fischer Verlag, Frankfurt 2006) 692 Seiten, 14 Euro.

1920, mit 24 Jahren, kam Zuckmayer, Sohn eines rheinhessischen Weinkapselfabrikanten, nach Berlin, um Theaterautor zu werden. Er tauchte in die gärende Theaterszene der Hauptstadt ein, schloss Freundschaft mit Brecht, Olaf Gulbransson und Gerhart Hauptmann, versuchte sich erfolglos an expressionistischer Bühnenkunst. Sein Heimatstück "Der fröhliche Weinberg" bescherte ihm 1925 den glorreichen Durchbruch - und militante Proteste völkischer Traditionalisten. Mit kraftvollen, farbigen Strichen beschreibt er besonders die Berliner Theaterwelt in der Weimarer Republik zwischen Kommerz und Geniekult, Idealismus und Fanatismus.

"Raketen-Fritz"

FRITZ VON OPEL IM TEMPORAUSCH - MIT 24 RAKETEN IN DIE ZUKUNFT

Klaus F. Filthaut, Projekt RAK. Das Raketenzeitalter begann in Rüsselsheim (Aero Verlag, Petershausen 1999), 244 Seiten, 19,95 Euro.

Er war besessen von der Idee raketenbetriebener Autos, Flugzeuge und Raumschiffe. Fritz von Opel, Enkel des Firmengründers Adam und ein begeisterter Rennfahrer, setzte von März 1928 bis September 1929 alles daran, mittels Feststoffraketen eine noch schnellere Art der Fortbewegung zu finden – und wird damit nebenbei zum Pionier der deutschen Raketentechnik. Heute sind Fritz von Opels waghalsige Fahrten im Raketenauto oder seine Experimente mit Flugzeugen beinahe vergessen. Der Autor Klaus Filthaut schildert erstmals ausführlich, wie Opel immer schneller wurde: vom „RAK 0“, einem umgebauten 4/12 PS Fahrzeug, bis zum Start des Raketenflugzeugs auf einer Wiese nahe Frankfurt. Empfehlenswert für alle, die anhand zahlreicher Quellen und Bilder den Anfang der Raketenforschung miterleben wollen.

Peter Borscheid, Das Tempo-Virus. Eine Kulturgeschichte der Beschleunigung (Campus-Verlag, Frankfurt a. M. 2004), 409 Seiten, 24,90 Euro.

Am Anfang war die Langsamkeit, die Trägheit des Dorfes und der Agrargesellschaft. Zwischen dem 14. und dem 16. Jahrhundert entwickelt sich jedoch in Deutschland ein neues Zeitbewusstsein, die Uhren werden präziser, das Leben hektischer. Die Menschen folgen einem rasanten Lebensrhythmus, Soldaten schießen mit schnelleren Kanonen und Gewehren, Fabrikanten produzieren unter Zeitdruck. Das 20. Jahrhundert erhebt die Beschleunigung endgültig zur Religion – oder verachtet sie wie der Flaneur um die Jahrhundertwende, der die Zeit totschlägt. Peter Borscheid, Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Marburg, beschreibt die Entwicklung vom Ende der Agrargesellschaft bis heute als eine Geschichte der sich stetig steigernden Geschwindigkeiten. Das Buch, voller spannender Details, nimmt seine Leser mit auf eine großartige Reise durch die Zeit.

"Blutmai" 1929

„BLUTMAI“ - ARBEITER GEGEN ARBEITER

Thomas Kurz, Blutmai (Dietz Verlag J. H. W. Nachf., Berlin 1988), 177 Seiten, 10 Euro.

Fast drei Millionen Menschen sind ohne Arbeit, die Staatskassen leer, und politische Zusammenstöße häufen sich. Daher verbietet im Dezember 1928 der sozialdemokratische Polizeipräsident Berlins alle Versammlungen unter freiem Himmel. Am 1. Mai 1929 versammeln sich Kommunisten auf den Straßen Berlins. Trotz des Verbots. Die KPD besteht auf ihre Maidemonstration. Und der SPD-Polizeipräsident auf sein Verbot. So eskaliert die Lage in Berlin. Tagelang. Die Bilanz des „Blutmai“: 34 Tote und 200 Verwundete. In seiner sorgfältig recherchierten Studie, die sich spannend wie eine Sozialreportage liest, begibt sich Thomas Kurz auf eine Spurensuche. Entlang der Fakten geht er der Frage nach: Warum gerät die Situation auf den Straßen Berlins derart außer Kontrolle? Und er zeigt, wie die Ereignisse des „Blutmais“ die Feindschaft zwischen der SPD und der KPD vertiefen. Eine verhängnisvolle Feindschaft, die maßgeblich zum Untergang der Weimarer Republik beiträgt.

Döblins "Berlin Alexanderplatz"

ALFRED DÖBLINS „BERLIN ALEXANDERPLATZ“ - DER KLANG DER METROPOLE

Ingo Leiß & Hermann Stadler, Deutsche Literaturgeschichte, Band 9 - Weimarer Republik 1918-1933 (dtv, München 2003), 416 Seiten, 11 Euro.

Einen guten und kompakten Überblick über die deutschsprachige Literatur zur Zeit der Weimarer Republik geben die beiden Literaturwissenschaftler Ingo Leiß und Hermann Stadler. Nach einer Einführung in das philosophische und gesellschaftspolitische Geschehen der Zeit stellt ihre Literaturgeschichte klar verständlich die vorherrschenden künstlerischen und literarischen Strömungen vor - und schildert die Entwicklung der deutschsprachigen Dichtung von 1918 bis 1933. Besprochen werden Romane und Erzählungen von die Epoche prägenden Autoren wie etwa Franz Kafka, Hermann Hesse, Alfred Döblin, Thomas Mann, Erich Kästner, Robert Musil oder Hans Fallada. Leiß und Stadler geben auch Hinweise auf die Umstände der Entstehung der vorgestellten Literatur. Manches Geschichtliche, manches aus dem Leben und der Gedankenwelt der Autoren kommt dabei zur Sprache. Eingeflochten ist darüber hinaus eine Reihe von Zitaten, die den besonderen Stil, die Tonlage und Atmosphäre der Werke vorführen.

Alfred Döblin, Leben und Werk in Erzählungen und Selbstzeugnissen (Artemis & Winkler, Düsseldorf 2006), 220 Seiten, 19,90 Euro.

"Alfred Döblins Werk, das ist das 20. Jahrhundert in Literatur gefasst," schreibt "Die Zeit" über den Erzählband, der das Leben des Dichters nachzeichnet. Der Arzt und Schriftsteller Alfred Döblin (1878-1957) gilt als einer der bedeutendsten modernen Dichter. Das biografisch ausgerichtete Buch ist Döblin zu seinem 50. Todestag am 26. Juni 2007 gewidmet. Es beginnt mit einem Essay von Günter Grass, danach folgen eine Auswahl aus Döblins Meistererzählungen und Lebenserinnerungen. Ironisch humorvolle Selbstbetrachtungen und Rückblicke in der Döblin eigenen, prägnanten Sprache machen seine Erinnerungen zu einem Lesevergnügen, das weit über die rein biografische Information hinausreicht. Fotodokumente und Zeichnungen des Malers Ernst Ludwig Kirchner, eines Künstlerfreunds Döblins, illustrieren die Schriften in schöner Ergänzung.

Kurt Tucholsky

PUBLIZISTIK - DER MANN, DER THEOBALD TIGER WAR

Michael Hepp, Kurt Tucholsky. Biographische Annäherungen (Rowohlt Taschenbuch, Reinbek bei Hamburg 1999), 576 Seiten, antiquarisch bereits ab 4 Euro.

Wer alles wissen will über das Leben des Journalisten und Schriftstellers, des Satirikers und Polemikers, des homme à femmes und Liebesgeschichtenerzählers Kurt Tucholsky, der kommt an diesem Buch nicht vorbei. Der Historiker Michael Hepp hat den Menschen Tucholsky von dem Heiligenschein befreit, mit dem er nach dem Zweiten Weltkrieg in Ost- und Westdeutschland versehen worden war. Akribisch und mit Hilfe zahlloser Dokumente und Briefe sowie nicht zuletzt der Texte Tucholskys zeichnet Hepp ein facettenreiches Bild des so sensiblen wie genialischen Feuilletonisten, der sein Leben lang unter seiner Ichschwäche und Bindungsunfähigkeit litt. Auch weniger bekannten Lebensphasen Tucholskys wie dessen bescheidener Militärkarriere im Ersten Weltkrieg (ohne die der spätere scharfe Antimilitarist Tucholsky kaum zu verstehen ist) oder seiner Lehrzeit bei einem Berliner Bankhaus widmet sich Hepp ausführlich. Und schließlich stellt er die begründete Vermutung auf, dass Tucholskys lange als sicher angesehener Selbstmord auch eine versehentliche Tablettenvergiftung gewesen sein kann.

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Kurt Tucholsky. Werke, Briefe, Materialien (Digitale Bibliothek Bd. 15, Berlin 2007), CD-ROM, 45 Euro.

Die gesammelten Werke Kurt Tucholskys, mehr als 2200 Texte, bilden den Kern des 15. Bandes der Digitalen Bibliothek. Bisher war diese von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz herausgegebene Textedition in einer 1975 erschienenen Taschenbuchausgabe erhältlich. Die CD-ROM spart erstens Platz und hat zweitens den Vorteil, dass eine kürzere Fassung der ausgezeichneten Tucholsky-Biografie von Michael Hepp mit dessen gesammelten Werken verlinkt ist. Jedes von Hepp benutzte Tucholsky-Zitat, jeder Verweis auf einen Artikel aus der Feder des eloquenten Vielschreibers kann mit einem einzigen Klick in seinem Zusammenhang aufgerufen werden. Darüber hinaus hält die CD-ROM ausgewählte Briefe Tucholskys und seine „Q-Tagebücher“ bereit. Ein Personen- und Sachverzeichnis, eine Reihe von Bilddokumenten und eine minutiöse und informative Zeittafel runden die Edition der Digitalen Bibliothek ab. Zudem ermöglicht die Suchfunktion die sekundenschnelle Auffindung von Zitaten, Redewendungen, Bonmots. Ein wunderbares Nachschlagewerk für alle Fans von Theobald Tiger, Peter Panter und den anderen Pseudonymen, hinter denen sich der schärfste Geist der deutschen Publizistik zu Zeiten der Weimarer Republik verbirgt: Kurt Tucholsky.

Wirtschaftskrise 1929-1933

WIRTSCHAFTSKRISE - IM GRIFF DER DEPRESSION

Fritz Blaich, Der Schwarze Freitag: Inflation und Wirtschaftskrise (dtv, München 1985), 174 Seiten, antiquarisch ab 22 Euro.

Dem einstigen Ordinarius für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Regensburg ist mit diesem kompakten Werk in der dtv-Reihe „Deutsche Geschichte der neuesten Zeit“ ein großartiges Büchlein gelungen. Die profunde und zugleich faktenreiche Darstellung von Inflation (1914-1923) und Weltwirtschaftskrise (1929-1933) vermittelt die wichtigsten Informationen zu jenen Jahren, in denen die Weimarer Republik fast bankrott gegangen wäre. Der Forschungsstand ist heute natürlich weiter, aber für die Grundzüge dieser beiden Krisenszenarien gibt es kaum einen besseren Überblick.

Parlament im Abseits

PRÄSIDIALREGIME - PARLAMENT IM ABSEITS

Herbert Hömig, Brüning. Kanzler in der Krise der Republik. Eine Weimarer Biographie (Schöningh, Paderborn 2000), 876 Seiten, 58 Euro.

Der Kanzler der Depression ist eine auch in der Zeitgeschichtsschreibung umstrittene Figur: Wegbereiter der NS-Dikatur oder verhinderter Retter der Weimarer Demokratie, gescheitert auf den berühmten „letzten hundert Metern vor dem Ziel“? Diese Biografie des Kölner und Dortmunder Historikers Herbert Hömig vermeidet allzu einseitige Zuspitzungen. Sie versucht, dem katholischen Junggesellen aus Münster in minutiöser Darstellung seiner beiden Kanzlerjahre gerecht zu werden. Das solide und lesbare Buch traut dem Leser durchaus ein eigenes Urteil zu.

Die letzten Tage der Republik

DIE LETZTEN TAGE DER REPUBLIK - ENDSPIEL UM DIE MACHT

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Ian Kershaw, Hitler (dtv, München 2002), 2424 Seiten, 50 Euro.

Beinahe 2500 Seiten umfasst die dreibändige Hitler-Biografie Kershaws. Ein monumentales Buch – und das Standardwerk zur Geschichte des Nationalsozialismus, geschrieben von einem ihrer besten Kenner. Detailliert schildert der Autor unter anderem die dramatischen Entwicklungen der Jahre 1932 und 1933, in denen Hitler mehrfach nach der Macht griff, bis sie ihm schließlich von einer Gruppe konservativer Verschwörer zugeschanzt wurde, in der irrigen Hoffnung, den Führer der NSDAP kontrollieren zu können. Doch Kershaw beschreibt mehr als das offene und geheime Spiel um die Macht. Er zeigt die Bedingungen, unter denen eine kleine Kamarilla in die Position gelangen konnte, die Weimarer Republik zu zerstören: Weltwirtschaftskrise, politische Radikalisierung, die Unfähigkeit der wenigen noch verbliebenen Demokraten, sich zum Widerstand gegen die rechten Feindes des Staates zusammenzuschließen.

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Henry A. Turner, Hitlers Weg zur Macht: Der Januar 1933 (Propyläen Taschenbuch im Ullstein Verlag, Berlin 1999), 304 Seiten, nur noch antiquarisch erhältlich.

Januar 1933: Die letzten Tage der Weimarer Republik sind angebrochen. Adolf Hitler schließt einen Bund mit dem ultrakonservativen Exkanzler Franz von Papen, um Reichspräsident Paul von Hindenburg trotz dessen persönlicher Verachtung für Hitler dazu zu bringen, den NSDAP-Führer dennoch zum Regierungschef zu machen. Turner, emeritierter Professor für Geschichte an der amerikanischen Yale-Universität, hat diese Intrige als erster im Detail dargestellt. Sehr lebensnah zeigt er die Protagonisten, die sich gegenseitig zutiefst misstrauen. Er erzählt von der schweren Krise der NSDAP, die nach mehreren verlorenen Wahlen am Ende schien, bis Hitler in einem letzten Anlauf doch noch Reichskanzler werden konnte. Und Turner lässt sich auf ein interessantes Gedankenspiel ein: Was gewesen wäre, wenn die verantwortlichen Politiker Hitler verhindert hätten.