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Der Feind stand nicht nur rechts

Für die aktuelle Ausgabe hat GEOEPOCHE den Spezialisten für die Wirtschaftsgeschichte der Weimarer Republik Carl-Ludwig Holtfrerich zu den Auswirkungen des „Schwarzen Freitags“ 1929 auf die erste deutsche Demokratie befragt. Das Interview zur Weltwirtschaftskrise ist im Heft nachzulesen. Als es beendet war, wollte GEOEPOCHE-Redakteurin Anja Herold aber doch noch etwas wissen

GEOEPOCHE: Herzlichen Dank für dieses Gespräch! Oder haben wir etwas Wichtiges vergessen?

Carl-Ludwig Holtfrerich: Nein. Wichtig ist eben der internationale Rahmen, in dem sich die deutsche Wirtschaftspolitik bewegen musste; die offenen Kapitalmärkte einerseits – und die Reparationszahlungen an die Alliierten andererseits. Aber das haben wir ja genügend behandelt.

Eines fand ich persönlich besonders interessant: Ganz anders als der Staat von Weimar wurde ja die Sowjetunion kaum von der Weltwirtschaftskrise betroffen.

Richtig. Die Amerikaner hatten dort bis in den Ersten Weltkrieg nur wenig Kapital investiert. Das war durch die UdSSR ohnehin blockiert und konnte in der Krise nicht abgezogen werden. Deutschland, den größten Empfänger amerikanischen Kapitals in den 1920er Jahren, traf es — solange der Kapitalmarkt offen und die Währung konvertibel war (bis zum Sommer 1931) — natürlich umso schlimmer. Die UdSSR war sowieso weitgehend abgeschottet. Die Sowjetregierung betrieb eine relativ autarke Wirtschaft. Zwar wurde durchaus exportiert, etwa Getreide nach Deutschland, aber nur, um mit den gewonnenen Devisen Maschinen einkaufen zu können. Das "Russlandgeschäft" war der deutschen Wirtschaft während der Krise sogar eine Stütze. Insbesondere den Maschinenbauern, deren Produkte ansonsten kaum mehr nachgefragt wurden, was ja darin zum Ausdruck kommt, dass in den frühen 1930er Jahren die Produktion sehr stark zurückging.

Die NSDAP hat die ganze Zeit gegen die „Konjunkturabkurbelungspolitik“ der Regierung Brüning polemisiert. Mit Erfolg. Bei den Reichstagswahlen im Juli 1932 wird die NSDAP stärkste Fraktion, hat 37,3 Prozent aller Wählerstimmen gewonnen. Hat denn auf der anderen Seite die KPD-Propaganda nicht auch versucht, Vorteile daraus zu schlagen, dass ausgerechnet die UdSSR die Krise unbeschadet zu überstehen schien?

Natürlich. Das war für die KPD ein ganz starkes Argument: Seht!‚ konnten nun die Kommunisten rufen, dies ist das Ende der kapitalistischen Wirtschaft. Wir haben doch immer gesagt, das endet im Chaos und die Anarchie des Marktes führt zu nichts.

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Im Gespräch: Carl-Ludwig Holtfrerich, Frank Otto und Anja Herold

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Von der Krise hat also nicht nur das rechtsextreme Spektrum profitiert?

Die Ultralinke hat ebenso versucht, damit Wählerstimmen und Mitglieder zu gewinnen. Reichskanzler Heinrich Brüning hatte ja keine Mehrheit im Parlament. Er ist von der SPD nur toleriert worden, weil diese hoffte, mit ihm eine nationalsozialistische Regierung und Adolf Hitler verhindern zu können. Die übrigen Parteien haben Brüning nicht mehr gegen die KPD auf der einen Seite oder die Nationalsozialisten und Deutschnationalen auf der anderen Seite geschützt. Tatsächlich erhielt auch die KPD jetzt regen Zulauf. Und weil Brüning schon vor den 1932er Wahlen keine Mehrheitsregierung bilden konnte, musste er ja mithilfe von Notverordnungen regieren, ...

... die ihm Reichspräsident Paul von Hindenburg gewährte.

Das war die so genannte Reserveverfassung von Weimar. Sie war für den Notfall gedacht, wenn die Ordnung des öffentlichen Lebens in Gefahr war. Gemäß Artikel 48 der Verfassung konnte eine Regierung auch ohne Mehrheit die Geschicke des Landes lenken, Gesetze eben per Notverordnung des Reichspräsidenten in Kraft setzen. Damit war der demokratische Parlamentarismus allerdings ausgeschaltet, längst bevor Reichspräsident Hindenburg am 30. Januar 1933 Adolf Hitler zum Kanzler ernannte, zwei Tage später den Reichstag zwecks Neuwahl auflöste und einen Tag nach dem Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 durch den gleichen Artikel 48 die Regierung Hitler ermächtigte, die Gesetzgebungsgewalt auszuüben. Praktisch auf Dauer gestellt wurde die Entmachtung des am 5. März 1933 neu gewählten Parlaments durch das dort beschlossene "Ermächtigungsgesetz" vom 23. März 1933.

Was wäre eigentlich geschehen, wenn die Nationalversammlung von Weimar 1919 nicht den Artikel 48 in der Verfassung festgeschrieben hätte?

Eine interessante Frage, ebenso wie die folgende: Was wäre passiert, wenn sich die parlamentarische Vorgängerregierung des Präsidialregimes von Heinrich Brüning nicht am 27. März 1930 über so eine Lappalie wie einen halben Prozentpunkt bei den Beiträgen zur Arbeitslosenversicherung zerstritten hätte.

Sie meinen die Regierung unter Reichskanzler Hermann Müller.

Die Regierung Müller war diejenige, die mit rund 21 Monaten von den insgesamt 20 Kabinetten der Weimarer Republik tatsächlich am längsten im Amt war. Die Große Koalition aus SPD, Zentrum, Bayerischer Volkspartei, Deutscher Demokratischer Partei und Deutscher Volkspartei hat über diese relativ lange Zeit große Kompromissfähigkeit bewiesen. Vielleicht hätten sie sogar die Weltwirtschaftskrise mildern können. Der Weimarer Parlamentarismus schien auf einem guten Weg zu sein. Dass nun gerade der Streit um 0,5 Prozentpunkte bei den Beiträgen zur Arbeitslosenversicherung im Frühjahr 1930 deren frühzeitiges Ende herbeigeführt hat, das ist schon tragisch.

Dr. Carl-Ludwig Holtfrerich ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftsgeschichte am John-F.-Kennedy-Institut der Freien Universität Berlin. Das Interview führten Dr. Anja Herold und PD Dr. Frank Otto.