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Die Mörder Rosa Luxemburgs

Sie war eine Aufrührerin, stritt lange bevor Frauen wählen durften mit gestandenen Arbeiterführern um den Kurs der SPD, agitierte mitten im Ersten Weltkrieg trotzig gegen Militarismus: Rosa Luxemburg, die „Göttliche“ wie sie voller Bewunderung von ihren Anhängern genannt wurde. Nach Kriegsende versucht sie die proletarische Revolution zu organisieren. Als sie von einer verwilderten Soldateska ermordet wird, hat die deutsche Linke eine Märtyrerin – bis heute. Wie aber starb Rosa Luxemburg? Wer sind die Täter?

Samstag, 31. Mai 1919. Auf dem Weg zur Arbeit bemerkt der Tischler Otto Fritsch an der Tiergartenschleuse im Zentrum Berlins einen Wärter, der vergeblich versucht, etwas aus dem Landwehrkanal zu ziehen. Hilfsbereit fasst er mit an. Gemeinsam bergen die beiden eine Frauenleiche. In seinem Betrieb angekommen, lässt Fritsch sofort die sozialdemokratische Zeitung „Vorwärts“ von dem schrecklichen Fund informieren. Denn er glaubt in der Toten Rosa Luxemburg, die Mitbegründerin der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), erkannt zu haben.

Doch ist es tatsächlich die Revolutionärin, die der Tischler am letzten Maitag des Jahres 1919 tot aus dem Landwehrkanal zieht?

Berlin-Wilmersdorf, Mittwoch 15. Januar 1919. In einem verdunkelten Raum in der Wohnung der Familie Markussohn, Mannheimer Straße 43 (heute Nr. 27), schläft die 47-jährige Rosa Luxemburg. Sie ist erschöpft. Nebenan spricht der gleichaltrige Karl Liebknecht mit Wilhelm Pieck, dem späteren Präsidenten der DDR. Der hat den beiden Wortführern der KPD falsche Papiere mitgebracht. Denn sie werden steckbrieflich gesucht. Wegen ihrer Beteiligung am „Januaraufstand“, dem gescheiterten Putsch gegen die sozialdemokratische Revolutionsregierung in den ersten Tagen des neuen Jahres. Schon seit knapp zwei Wochen wechseln sie ständig die Wohnung. Erst gestern haben die Markussohns ihnen Zuflucht gewährt.

Gegen 21.00 Uhr dringen plötzlich Männer in die Wohnung ein, erklären die erschrockenen Parteifunktionäre für verhaftet. Von den gefälschten Ausweisen lassen sie sich nicht täuschen. Zuerst wird Liebknecht abgeführt. Ein Wagen bringt ihn ins „Hotel Eden“ am Kurfürstendamm 246-247, dem Stabsquartier der Garde-Kavallerie-Schützen-Division.

Unterdessen packt Rosa Luxemburg eilig Bücher und andere Utensilien für den erwarteten Gefängnisaufenthalt in einen kleinen Koffer. Sie war schon mehrfach wegen ihrer politischen Überzeugung inhaftiert worden. Zuletzt fast zweieinhalb Jahre, weil sie während des Ersten Weltkriegs unablässig gegen Militarismus und Imperialismus protestiert hatte. Im Gefängnis schrieb sie ihren wohl bekanntesten Satz: „Freiheit ist immer nur die Freiheit des anders Denkenden.“ Nach der Entlassung am 9. November 1918, zu Beginn der deutschen Revolution, hatte sie gemeinsam mit ihrem langjährigen Mitstreiter Karl Liebknecht und anderen Linkssozialisten die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) gegründet, um auf den Trümmern des Kaiserreichs eine basisdemokratische Räterepublik zu errichten.

Berlin-Tiergarten, 15. Januar 1919. "Rosa, du alte Hure!", beschimpfen umherstehende Offiziere die Gefangene, als sie gegen 22.00 Uhr die Hotellobby betritt, "Heute Nacht wird euch beiden das Maul gestopft." Zielstrebig werden Luxemburg und Pieck in die Erste Etage gebracht. Dort erwartet der 38-jährige Hauptmann Waldemar Pabst, Erster Stabsoffizier der Division, bereits die zierliche Frau. „Sind Sie Frau Rosa Luxemburg?“, fragt er. – „Entscheiden Sie bitte selber.“ – „Nach dem Bilde [auf einem Steckbrief] müssten Sie es sein.“ Damit ist die Befragung beendet. Rosa Luxemburg setzt sich in eine Ecke und liest in „Faust. Der Tragödie zweiter Teil“. Sie hat Kopfschmerzen.

Um 23.40 Uhr befiehlt Pabst dem Transportführer Oberleutnant Kurt Vogel vor Zeugen, die Revolutionärin nach Moabit ins Gefängnis zu bringen. Zuvor hat er Vogel und seinen Männern – alle haben sich freiwillig gemeldet, beteuert Pabst später – indes einen anderen, verbindlichen Befehl gegeben: Liquidation der verhassten Revolutionärin.

„Ich ließ Rosa Luxemburg richten“, wird er sich noch 1962 in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ brüsten. Pabst glaubt durch die Tötung Luxemburgs – und die ebenfalls von ihm befohlene Ermordung Liebknechts – Deutschland vor dem Kommunismus zu bewahren. Auf die Frage der „Spiegel“-Redakteure, warum er die Gefangenen nicht einem Kriegsrichter übergeben habe, antwortet er lakonisch mit einer Gegenfrage: „Was hätte ich mit dem Mann anfangen sollen? – Es stand ja in dem Steckbrief drin, wessen sie beschuldigt“ wurde. Wozu also den Richter suchen? In jener Nacht vom 15. auf den 16. Januar 1919 ist er der Richter. Es gibt keine höhere Instanz als ihn, glaubt Pabst.

Unmittelbar nach dem Befehl zum Abtransport hilft Oberleutnant Vogel Rosa Luxemburg in den Mantel, geleitet sie – umringt von der Begleitmannschaft – hinunter, durch den Seitenausgang auf die Kurfürstenstraße. „Bitte geradeaus in den Wagen“, fordert er sie höflich auf. Da schlägt Husar Otto Runge – von Beruf Dreher, ein echter Proletarier also – die Frau mit seinem Gewehr nieder. Als sie am Boden liegt, haut er abermals zu, trifft sie an der Stirn, holt wieder aus – erst dann kann ihn ein Kamerad zurückhalten: „Hör auf, es ist genug!“ Mühsam zerrt Vogel die fast Bewusstlose zum Wagen. Jetzt drischt ein anderer Soldat auf sie ein. Endlich setzt der Fahrer das Automobil langsam in Bewegung. Vogel steht auf dem Trittbrett.

Von der Kurfürstenstraße biegt der Gefangenentransport rechts in die Budapester Straße ein. Etwa 500 Meter hat der Wagen zurückgelegt, da schießt ein Soldat Rosa Luxemburg in die linke Schläfe; ein Augenzeuge sagt später, Vogel sei der Schütze gewesen. Ungerührt setzt der Chauffeur die Fahrt bis zur nahen Brücke über den Landwehrkanal fort. Dann hält er an. Zwei Männer werfen die Tote in das schlammige Wasser. Einem patrouillierenden Kameraden geben sie freimütig Auskunft über ihr Tun. Der meldet seinem Vorgesetzten: „Eben ist die Rosa Luxemburg ins Wasser geworfen worden, man kann sie noch schwimmen sehen.“

Es ist kurz vor Mitternacht. Zu diesem Zeitpunkt ist Karl Liebknecht schon etwa eine Stunde tot – rücklings erschossen von Leutnant Rudolf Liepmann.

Pieck wird bald wieder entlassen: „Herr Pieck war nämlich so freundlich“, schreibt Pabst später, „mir alle Angaben zu machen über Wohnungen und Ausweichquartiere prominenter Führer seiner Partei.“

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Rosa Luxemburg (1871–1919)

DHM/Lebendiges virtuelles Museum Online

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Karl Liebknecht (1871–1919)

DHM/Lebendiges virtuelles Museum Online

„Liebknecht auf der Flucht erschossen – Rosa Luxemburg von der Menge
 getötet!"

Berlin, 16. Januar 1919. „Liebknecht auf der Flucht erschossen – Rosa Luxemburg von der Menge
 getötet!", meldet die „BZ
am Mittag“. Die Redaktion ist auf die Lügen der Mörder hereingefallen. Pabsts Plan scheint aufzugehen. Im Wissen, dass ihren Männern nichts ernstes passieren kann, verspricht die Garde-Kavallerie-Schützen-Division vollständige Aufklärung: „Zur Feststellung, ob die beiden Führer der Begleitmannschaften von Dr. Liebknecht und Frau Rosa Luxemburg ihre dienstlichen Pflichten erfüllt haben, ist eine kriegsgerichtliche Untersuchung eingeleitet worden“, erklärt ein Sprecher der Presse.

Berlin-Lichterfelde, den 8. Mai 1919. In der Kaserne der Garde-Kavallerie-Schützen-Division eröffnet Kriegsgerichtsrat Paul Jorns, später Chefankläger an Hitlers Volksgerichtshof, den Prozess gegen neun an der Misshandlung und Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht beteiligte Soldaten – Pabst ist nicht darunter, er wird lediglich als Zeuge gehört.

„Angeklagter Vogel! Es spricht so viel gegen Sie“, mahnt Jorns. Doch der Oberleutnant leugnet beharrlich. Ein anderer habe geschossen. „Darüber, wer diese Person ist, verweigern Sie die Aussage?“, fragt der Vorsitzende. „Jawohl“, antwortet Vogel.

Und vielleicht ist er tatsächlich nicht der Mörder Rosa Luxemburgs. Denn zwei Jahre später behauptet der Fahrer des Todeswagens, der Schütze sei nicht Vogel, sondern Leutnant zur See Hermann Wilhelm Souchon gewesen. Doch auch der leugnet die Tat.

Leutnant Liepmann hingegen gibt zu, „Herrn Dr. Liebknecht“ getötet zu haben. Sein Transportführer habe einen Autopanne vorgetäuscht und Liebknecht gefragt, „ob er imstande wäre, zur Charlottenburger Chaussee zu gehen.“ Als Liebknecht einige Schritte gegangen sei, habe er, Liepmann, den Gefangenen „auf der Flucht erschossen.“ Dennoch spricht ihn Jorns von der Anklage des Mordes frei. Der Leutnant muss wegen kleinerer Dienstvergehen lediglich sechs Wochen Stubenarrest absitzen.

Auch Vogel wird nicht wegen Mordes, sondern unter anderem wegen „erschwerten Wachvergehens,“ Missbrauch der Dienstgewalt und „Beiseiteschaffung einer Leiche“ zu zwei Jahren und vier Monaten Gefängnis verurteilt. Die er jedoch nie verbüßen wird – Kameraden der Division verhelfen ihm zur Flucht in die Niederlande.

Nur Husar Otto Runge, dessen Schlagattacken nicht zu Pabsts Plan gehört haben, muss „wegen Wachvergehens im Felde, wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung unter Missbrauch der Waffe“ für zwei Jahre ins Gefängnis. Alle anderen werden freigesprochen.

Berlin-Tiergarten, Sonntag, 1. Juni 1919. Als der Tischler Otto Fritsch am Tag nach seinem spektakulären Leichenfund im Landwehrkanal den „Vorwärts“ aufschlägt, sucht er vergeblich nach einem Artikel über den Tod Rosa Luxemburgs. Erst in der Abendausgabe des folgenden Tages berichtet die Zeitung darüber.

Möglicherweise hat ein Redakteur des Parteiblattes den sozialdemokratischen Wehrminister Gustav Noske informiert. Und weil dieser Demonstrationen und Aufstände im immer noch unruhigen Berlin befürchtet – erst im März war es im Osten der Kapitale erneut zu Ausschreitungen zwischen Polizei und Anhängern der KPD gekommen –, hat der Politiker den Journalisten gebeten, die Meldung zurückzuhalten. Bis die Leiche aus der Stadt geschafft worden ist.

Nach Noskes Willen soll Rosa Luxemburg unter Ausschluss der Öffentlichkeit auf dem Truppenübungsplatz Zossen (etwa 50 Kilometer südlich von Berlin) beigesetzt werden. Doch das Militär gibt den Leichnam an Freunde der Toten heraus – mit dem Hinweis, dass der Reichswehrminister damit wahrscheinlich nicht einverstanden sei.

Berlin-Friedrichsfelde, 13. Juni 1919. Rosa Luxemburg wird neben Karl Liebknecht beigesetzt. Tausende nehmen auf dem Friedhof friedlich Abschied von der großen Deutschen. Den wohl feinsinnigsten Nachruf auf die Revolutionärin verfasst Eduard Bernstein, Mitbegründer der SPD: "An ihr hat der Sozialismus eine hoch begabte Mitstreiterin verloren, die der Republik unschätzbare Dienste hätte leisten können, wenn nicht falsche Einschätzung der Möglichkeiten sie ins Lager der Illusionisten der Gewaltpolitik geführt hätte."

Düsseldorf, 29. Mai 1970. Waldemar Pabst stirbt 89-jährig – für die Morde an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg musste er sich niemals verantworten.