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GEOEPOCHE Klassiker: Und aus Bildern wurde Schrift

Im mittelägyptischen Abydos entdeckten deutsche Forscher die ältesten Schriftzeichen der Menschheit. Und damit den Schlüssel zur bislang rätselhaften Vorgeschichte der Hochkultur am Nil. Für GEOEPOCHE Nr. 3 "Das Reich der Pharaonen" hat Christoph Kucklick sich 1999 gemeinsam mit den Archäologen auf Spurensuche begeben

Vermutlich ist es so gewesen: An einem der sengenden Tage im Niltal, irgendwann vor 5400 Jahren, hat ein kleiner Beamter des ägyptischen Königs, ein Niemand der Geschichte, einer, der für immer namen- und gesichtslos bleiben wird, eine Revolution entfesselt. Ob er sie als solche empfunden hat? Sicherlich nicht, er schätzte seine Erfindung wohl vor allem als Arbeitserleichterung.

Ein Leben lang hatte der Bedienstete Symbole auf Ölgefäße geritzt: Dreiecke, Zackenlinien, Schilfblätter - bürokratische Male, deren exakte Bedeutung man bislang nicht kennt.

Dann bekam er ein Problem. Er sollte eine Warenlieferung aus Bast, einer Stadt am Delta, kennzeichnen, für die es noch kein Zeichen gab.

Wie könnte er den Ort umschreiben, welche Chiffre sollte er nehmen? Er hatte eine geniale Idee: Lässt sich nicht die Aussprache des Ortes in Zeichen, in Symbole fassen? Kann nicht der Storch, ba, für die erste Silbe des Stadtnamens, ba, stehen? Und der Stuhl, st, für die zweite Silbe? Und würde man dann nicht zweifelsfrei bast lesen? Man las - die Zeitgenossen verstanden das revolutionäre Konzept sofort. Und der kleine Angestellte hatte die Schrift erschaffen - auch wenn er dafür noch keine Bezeichnung hatte.

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Die frühesten Schriftzeichen der Menschheit hat ein Schreiber vor mehr als 5300 Jahren in Elfenbeinplättchen geritzt. "Schlange über Berg neben Himmelsstütze" (oben) etwa heißt "Westen"

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So ähnlich mag, so muss es gewesen sein. Weil sonst die spektakulären Funde von Günter Dreyer, dem Ersten Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts in Kairo, nicht verständlich werden. Der 56-Jährige hat im mittelägyptischen Abydos die mutmaßlich ältesten Schriftzeichen der Welt ausgegraben. Storch und Stuhl. Blitz und Himmel. Schlange und Berg, insgesamt 50 Zeichen. Und damit eine neue Wendung in einen alten Streit gebracht: Wo ist die Laut-Schrift entstanden? Bislang galt Mesopotamien als Favorit, nun sieht es aus, als hätte Ägypten einen Vorsprung von einigen hundert Jahren.

Dass Dreyer mit seinem Team von derzeit acht Archäologen die Zeichen überhaupt gefunden hat, gleicht einem Wunder. Die Grabung in Abydos, 500 Kilometer südlich von Kairo, ist eine der mühseligsten im Lande.

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