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Venedig. Macht und Mythos der Serenissima: Buchtipps

Empfehlungen der GEOEPOCHE-Redaktion für eine vertiefende Lektüre
In diesem Artikel
Gesamtdarstellungen
Anfänge – Flucht auf die Inseln
Frieden – Versöhnung vor San Marco
Kreuzzug – Kriegsfahrt nach Osten
Kampf mit Genua 1379
Handel – Der Kaufmann von Venedig
Expanison – Kampf ums Festland
Tizian – Fürst der Farben
Palazzi – Die Kunst am Kanal
Flottenbau – Stolz der Serenissma
Seeschlacht von Lepanto 1571
Die "Spanische Verschwörung" 1618
Pest – Das große Sterben 1630
Murazzi – Bollwerk gegen das Meer
Der Verführer – Casanova
Untergang – Der letzte Doge
Venedig um 1900

Gesamtdarstellungen

VENEDIG – GESAMTDARSTELLUNGEN

Frederic C. Lane, Seerepublik Venedig (Prestel, München 1980), 743 Seiten, antiquarisch ab etwa 45 Euro erhältlich.

Das umfangreiche Werk des amerikanischen Venedig-Forschers bietet nach wie vor den vielleicht besten Überblick über die Geschichte Venedigs. Es baut vor allem auf den grundlegenden Studien des Autors zur venezianischen Wirtschafts- und Handelsgeschichte im 14. und 15 Jahrhundert auf, bietet aber auch ausführliche Informationen über die politische und soziale Geschichte, die Entwicklung von Verfassung und Staat, von Kunst und Kultur. Wie es bei einem so weitgefassten Thema kaum ausbleiben kann, ist Lanes Darstellung nicht in allen Einzelheiten immer ganz zuverlässig, dennoch bleibt das gut geschriebene Buch in hohem Maße lesenswert.

Heinrich Kretschmayr, Geschichte von Venedig (Scientia Verlag, 2. Nachdruck der Ausgabe von 1905-1934 Aalen 1986), mehr als 1800 Seiten in drei Bänden, antiquarisch erhältlich ab 35 Euro (amazon.de).

In den Jahren von 1905 bis 1934 erschien die dreibändige "Geschichte von Venedig" des österreichischen Historikers Heinrich Kretschmayr. In manchen Einzelpunkten und Interpretationen ist sie heute zweifellos überholt, doch bleibt das monumentale Werk aufgrund seines immensen Reichtums an historischen Fakten und Zitaten und der gut lesbaren Darstellung eine wichtige Basis für jede Beschäftigung mit der Geschichte Venedigs. Und legt zugleich Zeugnis ab vom stoischen Fleiß des Autors: Der Brand des Wiener Justizpalastes am 15. Juni 1927 zerstörte das bereits abgeschlossene Manuskript des dritten Bandes und alle handschriftlichen Quellenaufzeichnungen. „Es hätte mir ungeziemender Kleinmut geschienen," schreibt Kretschmayr sechs Jahre später im Vorwort des Buches, "hätte ich mich durch das erlittene Unglück von dem Werke abdrängen lassen, und ich habe so das Buch wiederhergestellt."

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John Julius Norwich, A History of Venice (Penguin Books, 2. Auflage London 2003), 704 Seiten, etwa 20 Euro.

Auf knapp 700 Seiten gibt der englische Historiker und ehemalige Diplomat Norwich einen leicht zu lesenden Überblick der Geschichte Venedigs von den Anfängen im 5. Jahrhundert bis zur Unterwerfung durch Napoleon im Jahr 1797. Detailreich, manchmal etwas eigenwillig, aber nah an den historischen Quellen stellt der Autor die großen gesellschaftlichen und vor allem politischen Entwicklungen der Stadt vor und verbindet sie gekonnt mit den Biografien der wichtigsten Akteure. Wer das Buch liest, wird auf unterhaltsame Weise belehrt und in Spannung versetzt. Mit seinem Kartenmaterial, den Fotografien wichtiger Gebäude und Kunstwerke, und dem ausführlichen Register ist Norwichs ursprünglich 1981 erschienenes Buch auch ein gutes Nachschlagewerk.

Gerhard Rösch, Venedig. Geschichte einer Seerepublik (Kohlhammer, Stuttgart 2000), 190 Seiten, 25 Euro.

Die zurzeit beste kurze Einführung in die Geschichte der Serenissima aus der Feder eines deutschsprachigen Autors. Auf knapp 200 Seiten zeichnet Rösch die Entwicklung der Stadt Venedig und ihres Staates nach und berücksichtigt dabei sowohl politische wie wirtschaftliche Aspekte. Allerdings steht die frühe Zeit entschieden im Vordergrund: Gut 150 Seiten des Buches beschäftigen sich mit dem Zeitraum von den Anfängen der Siedlung in der Lagune bis zum Jahr 1500, die darauf folgenden drei Jahrhunderte bis zum Ende der Republik im Jahre 1797 - wie die meisten Gesamtdarstellungen zur venezianischen Geschichte schließt auch Rösch mit dem Erlöschen der Unabhängigkeit - sind auf gerade einmal 17 Seiten skizziert. Eine Zeittafel und eine Liste aller Dogen ergänzen das Buch.

Anfänge – Flucht auf die Inseln

ANFÄNGE – FLUCHT AUF DIE INSELN

John Julius Norwich, Venice. The Rise to Empire (Verlag A. Lane, London 1977), 320 Seiten, nur noch antiquarisch erhältlich.

Über die frühe Geschichte Venedigs, die Zeit als die Siedlungen der späteren Metropole noch "rivus altus" genannt wurden, ist nur wenig bekannt. Die dennoch überlieferten Fakten, dazu die Bedingungen der einzigartigen Gründung in der Lagune und den Aufstieg der Stadt seit etwa dem Jahr 1000 zur Herrin der Adria schildert der Brite Norwich, einer der herausragenden Kenner venezianischer Geschichte. Die Zeit nach der Jahrtausendwende kann der Autor deutlich ausführlicher behandeln, da ihm erheblich mehr Quellen zur Verfügung stehen.

Reinhard Lebe, Als Markus nach Venedig kam. Venezianische Geschichte im Zeichen des Markuslöwen (Casimir Katz Verlag, Gernsbach 2006), 247 Seiten, 11,80 Euro.

Viele Legenden ranken sich um die Frühzeit Venedigs - Geschichten, die sich zumeist Chronisten Jahrhunderte später ausgedacht haben, um ihre Stadt zu verherrlichen: Die Gründung am 5. März 421 hat es ebenso wenig gegeben wie die erste Dogenwahl 697; und die gewonnene Schlacht gegen die Franken bei der Belagerung der Lagune 810 ging möglicherweise verloren. Lebe erzählt die Frühzeit Venedigs anhand des wichtigsten Mythos der Stadt: dem abenteuerlichen Raub der (angeblichen) Gebeine des Evangelisten Markus in Ägypten im Jahr 828. Ausführlich und geistreich schildert der Autor die Legende, analysiert, was tatsächlich geschah, und zeigt, welche Bedeutung Markus als Schutzpatron und Identifikationsfigur für die Venezianer hatte.

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Frieden – Versöhnung vor San Marco

FRIEDENSKONGRESS - VERSÖHNUNG VOR SAN MARCO

Die deutsch- und englischsprachige Literatur über den legendär gewordenen Frieden von Venedig im Jahre 1177, bei dem sich Papst und Kaiser in der Lagunenstadt versöhnten, ist äußerst rar. Eine zwar kurze aber doch detailreiche und anschauliche Darstellung der Ereignisse liefert John Julius Norwich in seinem A History of Venice (siehe Gesamtdarstellungen). Als einer der wenigen Historiker gibt er auch die lateinischen Augenzeugenberichte zum Friedensschluss in moderner Sprache wieder.

Richard Eichner, Beiträge zur Geschichte des Venetianer Friedenskongresses vom Jahre 1177 (Schade, Berlin 1886), 66 Seiten, in guten Fachbibliotheken erhältlich.

Der Berliner Geschichtsstudent Richard Eichner wurde 1886 mit diesem schmalen Bändchen promoviert, das heute leider kaum zu kaufen und nur in wenigen Fachbibliotheken vorhanden ist. Das Buch überzeugt weniger durch seine historische Analyse, sondern durch die Fülle an zeitgenössischen Zitaten und Details, die Eichner zusammengetragen hat. Wer nach dem Wortlaut der mittelalterlichen Friedensverträge sucht, die diplomatische Korrespondenz zwischen Kaiser Friedrich I. und Papst Alexander III. eingehend studieren möchte oder den genauen Verlauf der Schlacht von Legnano erfahren will, wird in Eichners Dissertation reichlich Material finden. Lateinkenntnisse sind dabei hilfreich, denn Eichner übersetzt die Originalquellen nicht.

Kreuzzug – Kriegsfahrt nach Osten

KREUZZUG – KRIEGSFAHRT NACH OSTEN

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Thomas F. Madden, Enrico Dandolo and the Rise of Venice (Johns Hopkins University Press, Baltimore 2003), 320 Seiten, etwa 27 Euro.

Das beste Buch über Enrico Dandolo und jene abenteuerliche kriegerische Expedition, die der Doge ab 1202 mit anführte und die Venedig schließlich ein Kolonialreich im Mittelmeer einbrachte, hat ein US-amerikanischer Geschichtsprofessor geschrieben. Thomas F. Madden, mehrfach ausgezeichneter Experte für die Kreuzzüge und die venezianische Geschichte des Mittelalters, leistet viel: Er rekonstruiert das Leben und den Aufstieg Dandolos, beschreibt ausführlich die Familie, in die dieser geboren wurde, stellt dabei auch das Venedig jener Zeit vor, die Verfassung, die Mentalitäten seiner Bürger. Madden erzählt, wie es zum "Vierten Kreuzzug" kommen konnte, wie die christlichen Kämpfer - vor allem Venezianer und Franzosen - schließlich Konstantinopel, die Hauptstadt des Byzantinischen Reiches, einnahmen und wie Venedig erstmals ein weitgespanntes Seereich begründete. Der Autor ist ein guter Wissenschaftler - er argumentiert kenntnisreich, klar und differenziert, setzt sich etwa deutlich von alten Meinungen ab, Dandolo und die Venezianer hätten die Kriegsfahrt an den Bosporus von Anfang an aus Habgier und Hass auf Byzanz geplant, diskutiert Forschungsprobleme wie die Erblindung des Dogen oder die schwierige Quellenlage für dessen frühe Jahre. Und der Autor ist zugleich ein sehr guter Erzähler - das Buch ist durchweg spannend und leicht lesbar.

Karl-Hartmann Necker, Dandolo. Venedigs kühnster Doge (Böhlau, Wien 1999), 406 Seiten, ab etwa 12 Euro.

Eine solide Darstellung über Dandolos Wirken und den Vierten Kreuzzug. Necker bettet das Leben des Dogen und die Ereignisse der Kriegsfahrt ebenfalls ausführlich in den historischen Kontext ein. Der Autor hat viele Fakten recherchiert, bietet interessante Details und stellt zahlreiche weitere Protagonisten der Ereignisse einzeln vor. Doch das Werk lässt sich weniger als durchgehende Geschichte lesen, zerfällt in viele separat wirkende Teile, ist mitunter etwas spröde geschrieben. Und bei aller Detailliertheit ist die Darstellung nicht immer völlig zuverlässig.

Kampf mit Genua 1379

KAMPF MIT GENUA – ENTSCHEIDUNG AN DER LAGUNE

Leider existiert kein Buch, das sich ausschließlich mit dem so genannten Chioggia-Krieg zwischen Venedig und Genua 1379/80 beschäftigt, bei dem die Lagunenrepublik an den Rand des Untergangs gerät. Einen guten ersten Überblick über den fast 200-jährigen Konflikt der beiden großen italienischen Handelsstädte gibt es jedoch in Gerhard Röschs Venedig. Geschichte einer Seerepublik (siehe Gesamtdarstellungen), besonders im Kapitel "Das Seereich", S. 65-83. Weitere Informationen bietet A History of Venice von John Julius Norwich (siehe ebenfalls Gesamtdarstellungen), besonders ab S. 245. Der britische Historiker erzählt die Vorgeschichte des Chioggia-Krieges brillant und mit vielen lebendigen Einzelheiten. Wer etwa wissen möchte, warum sich Venezianer und Genuesen auf einer Adelshochzeit in Zypern mit Broten bewarfen und was das für die Geschichte Italiens bedeutete - unbedingt Norwich lesen.

Vittorio Lazzarini, La presa die Chioggia, in: Archivio Veneto 81, 1952, Seite 53-64, nur in Fachbibliotheken erhältlich. Die einzige gründliche Darstellung des Sturms auf Chioggia am 16. August 1379 findet sich in diesem Aufsatz, der leider nur auf Italienisch vorliegt - eine detailreiche und gelegentlich blutrünstige Chronik des wohl dramatischsten Tages in der Geschichte Venedigs.

Handel – Der Kaufmann von Venedig

HANDEL – DER KAUFMANN VON VENEDIG

Frederic C. Lane, Andrea Barbarigo. Merchant of Venice (The Johns Hopkins Press, Baltimore 1944), 224 Seiten, leider nur in Fachbibliotheken erhältlich.

"Merchant of Venice" ist bis heute das einzige Werk, das sich ausführlich mit dem Leben und Wirken Andrea Barbarigos befasst. Dessen Aufzeichnungen zählen zu den am besten erhaltenen Kaufmannsbüchern des 15. Jahrhunderts - jener Zeit, als Venedig die bedeutendste christliche Handelsmacht war. Lane, ein profunder Kenner der venezianischen Geschichte, hat Barbarigos Journale, Brief- und Hauptbücher entziffert, übersetzt, Geschäftsvorgänge minutiös analysiert und in ihren wirtschaftlich-politischen Kontext eingeordnet. So beschreibt er, wie der venezianische Fernhandel funktionierte und neue Techniken wie die doppelte Buchführung den Beruf von Männern wie Andrea Barbarigo revolutionierten.

Legendär für seine exorbitanten Mieten und schillernden Märkte, geschätzt als Informationsbörse, Bankenviertel und Warenlager, ist der Rialto im 15. Jahrhundert der wichtigste Handelsplatz des Abendlandes. Richard Goy schildert in einem Kapitel seines Buches Stadt in der Lagune. Leben und Bauen in Venedig (siehe unten Palazzi - Die Kunst am Kanal) knapp und mit leicht verständlichen Worten die Entstehungsgeschichte des Viertels und seiner berühmten Brücke.

Expanison – Kampf ums Festland

EXPANSION – KAMPF UMS FESTLAND

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Dennis Romano, The Likeness of Venice. A Life of Doge Francesco Foscari 1373-1457 (Yale University Press, New Haven 2007), 468 Seiten, ca. 40 Euro.

Dieses Buch ist ein Glücksfall für alle, die sich für Venedigs goldenes Zeitalter, das 15. Jahrhundert, interessieren. Von 1423 bis 1457 regierte Francesco Foscari als Doge in der Lagunenstadt, länger als irgendjemand sonst, und doch gab es bislang keine seriöse Biografie dieser zentralen Figur der venezianischen Geschichte. Dennis Romano, Geschichtsprofessor an der US-amerikanischen Syracuse University, hat diese Lücke nun auf bravouröse Weise gefüllt.Wie so oft bei der Beschäftigung mit der Geschichte der Serenissima, musste auch Romano sich durch einen Wust von Mythen und Legenden hindurchkämpfen, die von anderen Forschern leider viel zu selten hinterfragt werden. Von der tausendfach zitierten Rede, die der Foscari-Vorgänger Mocenigo auf dem Totenbett gehalten haben soll, über die angebliche Spaltung des Patriziats in Befürworter und Gegner der Festlandseroberungen bis zu der berühmten, von Byron und Verdi nachempfundenen Abschiedsszene zwischen Foscari und seinem Sohn: Alles kommt bei Romano auf den Prüfstand. Nüchtern analysiert er die Quellen, trennt die Legende vom historischen Faktum. Manchmal, so gesteht Romano selbst ein, ist das Abschiednehmen von oft erzählten und lieb gewonnenen Geschichten ein schmerzhafter Akt, doch letztlich überwiegt bei Autor und Leser dieses Buches die Freude über den gewaltigen Erkenntnisgewinn. Eine ausführliche, quellenkritische Biografie, auf dem neuesten Stand der Forschung und glänzend geschrieben - mehr lässt sich nicht wünschen.

Tizian – Fürst der Farben

TIZIAN – DER FÜRST DER FARBEN

Norbert Huse & Wolfgang Wolters, Venedig. Die Kunst der Renaissance (C.H. Beck Verlag, München 1996), 424 Seiten, 49,90 Euro.

Die Kunsthistoriker Norbert Huse und Wolfgang Wolters interessieren sich nicht nur für die Kunst und Kultur der venezianischen Renaissance, sondern auch für ihre sozialhistorischen, politischen und ökonomischen Hintergründe. Neben Texten der Zeitgenossen zur Kunst zitieren sie Inventare, Briefe und andere historische Dokumente. So ist etwa zu erfahren, dass selbst Häuser der "popolani", der einfachen venezianischen Bürger, mit Gemälden geschmückt waren: Nur einer von zehn Hausherren besaß um 1600 kein einziges Bild. Das gut geschriebene Nachschlagewerk von Huse und Wolters kann man immer wieder zur Hand nehmen und Neues zur venezianischen Kunst entdecken.

Filippo Pedrocco, Tizian (Hirmer Verlag, München 2000), 334 Seiten, 102 Euro.

Die neueste Monografie über Tizian ist leider an vielen Stellen unglücklich übersetzt. So werden aus den Enkeln von Papst Paul III. dessen Neffen, weil das Italienische für beide Wörter den Begriff "nipote" verwendet. Und der eigentlich sehr informative Haupttext gleitet hin und wieder ins Pathetische ab, etwa, wenn sich der Autor um die „empfindsame Seele" Tizians sorgt. Doch der Katalogteil mit seinen hervorragenden Abbildungen und ausführlichen Bildangaben macht solche Schwächen wett. Der große Überblicksband eignet sich gut zum Einstieg in Tizians vielseitiges Werk. Außerdem lernt man Tizian als Person genauer kennen, denn der Autor befasst sich auch mit dem Privatleben des Venezianers.

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Giorgio Vasari, Das Leben des Tizian (Wagenbach Verlag, Berlin 2005), 144 Seiten, 12,90 Euro.

Der Kunstschriftsteller Giorgio Vasari (1511-1574) verstand sich auf die Kunst der versteckten Bosheit. So lobt er seinen Zeitgenossen Tizian in dessen Lebensbeschreibung bloß als "tüchtigen Künstler" - nicht gerade ein erstklassiges Arbeitszeugnis. Dann zitiert er seinen engen Freund Michelangelo, der sich für den "anmutigen und lebendigen Stil" des Konkurrenten aus der Lagunenstadt erwärmt und hinzufügt, wie schade es doch sei, dass Venezianer wie Tizian nicht richtig zeichnen könnten. Victoria Lorini hat die Tizian-Vita im Rahmen der mehrbändigen Vasari-Edition des Wagenbach-Verlages neu übersetzt; von Christina Irlenbusch stammt der umfangreiche Anmerkungsteil, der einen profunden Einblick in die aktuelle kunsthistorische Forschung zu Tizian bietet. Wem das zu viel Kleingedrucktes ist, der findet auch so in dieser Neuübersetzung der spitzzüngigen Vita von Vasari eine amüsante Lektüre.

Palazzi – Die Kunst am Kanal

PALAZZI – DIE KUNST AM KANAL

Deborah Howard, Das goldene Zeitalter. Jacopo Sansovino und die "römische" Architekturreform, in: Marion Kaminski, Venedig. Kunst und Architektur, S. 280-303 (Ullmann/Tandem-Verlag, Köln 2007) 736 Seiten, 19,95 Euro.

Dieser Aufsatz der renommierten Architekturhistorikerin Deborah Howard (Cambridge) ist in einem ebenso opulenten wie preiswerten Bildband erschienen, der für Venedig-Interessierte ohnehin die Anschaffung lohnt. Auf wenigen Seiten fasst die Autorin zusammen, wie Jacopo Sansovino mit seinem neuen Baustil das Erscheinungsbild Venedigs veränderte. Howard hat auch die maßgebliche Monografie über den Oberbaumeister Venedigs verfasst: Deborah Howard, Jacopo Sansovino. Architecture and Patronage in Renaissance Venice (Yale University Press, New Haven 1975). Leider ist dieses Buch vergriffen und antiquarisch unerschwinglich (Taschenbuchausgabe ab 168 Euro).

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Richard Goy, Stadt in der Lagune. Leben und Bauen in Venedig (Knesebeck, München 1998), 320 Seiten, die deutsche Ausgabe ist zurzeit vergriffen. Lieferbar ist jedoch das englische Original: Richard Goy, Venice. The City and its Architecture (Phaidon Press, London 1997), 320 Seiten, 35,95 Euro.

Der Historiker Richard Goy ist wohl einer der besten Kenner der Lagunenstadt. Auf höchst anschauliche Weise verknüpft er in diesem Buch die Geschichte Venedigs mit einer Darstellung der wichtigsten Bauten. Die Frage, wie es überhaupt möglich war, in der sumpfigen Lagune Paläste, Kirchen und Türme zu errichten, ignorieren viele kunstgeschichtliche Studien weitgehend. Bei Goy wird sie endlich einmal kenntnisreich beantwortet, zudem ist sein Buch wunderbar bebildert. Eine unbedingte Leseempfehlung. Leider ist die deutsche Ausgabe momentan nur in Fachbibliotheken zugänglich.

Norbert Huse, Venedig. Von der Kunst eine Stadt im Wasser zu bauen (C. H. Beck Verlag, München 2005), 240 Seiten, 24,90 Euro.

Etwas weniger ausführlich als Goy, aber sehr gut als Überblickdarstellung geeignet ist dieses Buch des Münchener Kunsthistorikers Norbert Huse. Es reicht von der Gründung Venedigs bis zu den städtebaulichen Problemen der Gegenwart. Ein Führer durch Stadt und Geschichte auf höchstem Niveau, aber unakademisch geschrieben.

Giorgio Vasari, Das Leben des Sansovino und des Sanmicheli. Mit Ammannati, Palladio und Veronese (Wagenbach, Berlin 2007), 271 Seiten, 15,90 Euro.

Die soeben erschienene Neuübersetzung präsentiert aus den berühmten Künstlerviten Giorgio Vasaris unter anderem die Lebensläufe Jacopo Sansovinos und Michele Sanmichelis. Beide Baumeister haben das Gesicht Venedigs im 15. Jahrhundert entscheidend geprägt. Vasari porträtiert die Künstler keineswegs objektiv, sondern ausgesprochen wohlwollend, fast schmeichlerisch. Das mindert jedoch nicht den Wert dieser historischen Quellen aus erster Hand, zumal sie vorzüglich ediert und kommentiert sind.

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Flottenbau – Stolz der Serenissma

FLOTTENBAU – DER STOLZ DER SERENISSIMA

Frederic C. Lane, Venetian Ships and Shipbuilders of the Renaissance (Johns Hopkins University Press, Baltimore 1992), 296 Seiten, etwa 20 Euro.

Das Standardwerk zum venezianischen Schiffsbau der Renaissance. Der amerikanische Historiker Frederic C. Lane (1900-1984) lehrte 35 Jahre lang an der Johns Hopkins University und galt als bester Kenner der Ökonomie und des Seehandels der Republik Venedig (siehe auch Gesamtdarstellungen). In seinem 1934 publizierten Buch beschreibt er Aufstieg und Niedergang der Schiffsindustrie, die Rivalitäten unter den berühmten Konstrukteuren sowie die Entwicklung und Organisation des Arsenals. In weiteren Kapiteln befasst er sich mit den Unterschieden zwischen Galeeren, Handelsschiffen und Galeassen und schildert detailliert die Konstruktion eines Schiffs - vom Schlagen des Holzes über das Zimmern des Rumpfs bis zu Betakelung und Bewaffnung. Der Stil des englischsprachigen Buchs ist wissenschaftlich und etwas trocken gehalten, einige wenige Illustrationen zeigen einen Grundriss des Arsenals und verschiedene Schiffstypen.

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Robert C. Davis, Shipbuilders of the Venetian Arsenal. Workers and Workplace in the Preindustrial City (Johns Hopkins University Press, Baltimore 1991), 280 Seiten, 17,99 Euro.

Robert C. Davis geht es nicht um die Schiffe des Arsenals, sondern um die Männer, die sie bauten. Anhand unzähliger Inventarlisten, Petitionen und Testamente vor allem aus dem 17. Jahrhundert rekonstruiert er das Leben der Arsenalotti, der Arbeiter in der staatlichen Schiffswerft. Besonders interessiert ihn dabei die wichtige Rolle, welche die Arsenalotti im sozialen Gefüge der Republik spielten und die in einigen Aspekten die moderne Industriegesellschaft vorwegnahm. Sehr lebendig und detailliert lässt Davis die Wohnbezirke rund um das Arsenal auferstehen, beschreibt Selbstbild und Ansehen der Schiffsbauer und schildert auch ihre Fehden mit den Bewohnern der angrenzenden Viertel, die sich regelmäßig in brutalen Stockkämpfen auf Venedigs Brücken entluden.

Seeschlacht von Lepanto 1571

SEESCHLACHT VON LEPANTO – VENEDIGS LETZTER TRIUMPH

Angus Konstam, Lepanto 1571. The greatest naval battle of the Renaissance (Greenwood Press, Oxford 2003), 96 Seiten, etwa 27 Euro.

Übersichtliche, lesefreundliche Darstellung der Schlacht sowie ihrer Vorgeschichte und ihrer politischen Auswirkungen für den Stadtstaat Venedig. Zahlreiche Grafiken zur Gefechtstaktik der Kriegsflotten der "Heiligen Liga" und der Türken ergänzen den Text. Darüber hinaus geben die Abbildungen historischer Gemälde einen guten Eindruck vom Aussehen der Kriegsschiffe, der Rüstungen und Waffen - und von der Brutalität des Seekampfes.

Jack Beeching, Don Juan d'Austria - Sieger von Lepanto (Prestel Verlag, München 1983), 378 Seiten, etwa 12 Euro.

Anhand der Biografie von Don Juan d'Austria, dem Oberbefehlshaber der "Heiligen Liga", lässt Jack Beeching die politische Geschichte des Mittelmeerraums im 16. Jahrhundert wiederaufleben. Insbesondere die Seeschlacht von Lepanto schildert er detailreich. Der Autor widmet sich dabei ausgiebig den wichtigsten Protagonisten auf Seiten der Türken und der christlichen Allianz. Trotz seines hohen Gehalts an Daten und Fakten liest sich dieses Buch fast wie ein Roman.

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Die "Spanische Verschwörung" 1618

"SPANISCHE VERSCHWÖRUNG" – TOD IN DER LAGUNE

Leopold von Ranke, Zur Venezianischen Geschichte (Duncker und Humblot, Leipzig 1878), 362 Seiten, nur antiquarisch oder in Fachbibliotheken erhältlich.

Der legendäre Großmeister der Geschichtsschreibung veröffentlichte im 19. Jahrhundert die erste und bis heute maßgebliche Studie zur "Spanischen Verschwörung". Ranke entdeckte dazu in verschiedenen Archiven Italiens und in Wien fast alle noch erhaltenen Dokumente zu der rätselhaften Staatsaktion von 1618. Seine Darstellung der Affäre bildet den Hauptteil des Buches, dazu druckt er die von ihm herangezogenen Akten im Wortlaut nach. Aber Achtung: Rankes Text ist in der alten Ausgabe in Fraktur gedruckt, die Dokumente präsentiert der preußische Gelehrte im italienischen Original - ohne beigefügte Übersetzung.

Horatio F. Brown, Studies in the History of Venice, Vol. 2 (London 1907, Nachdruck: Kessinger Publications 2007), 350 Seiten, etwa 20 Euro.

Noch ein Klassiker: Der britische Gelehrte Brown lebte lange in Venedig und publizierte in den Jahrzehnten um 1900 viele Studien über die Geschichte seiner Wahlheimat. In diesem Reprint mit gesammelten kleineren Studien findet sich eine rund 50 Seiten lange Darstellung der "Spanischen Verschwörung", flüssig geschrieben und in einigen Details über Ranke hinausgehend.

Pest – Das große Sterben 1630

PESTEPIDEMIE – DAS GROSSE STERBEN

Zur Pestepidemie von 1630 und zum Alltagsleben im Venedig des 16. und 17. Jahrhunderts gibt es leider so gut wie keine Literatur auf Deutsch. Aber allen, die des Italienischen mächtig sind, sei der Ausstellungskatalog Venezia e la Peste. 1348 - 1797, Venedig 1980, empfohlen. Er versammelt und kommentiert Originalquellen zur Geschichte der zahlreichen Pestwellen in Venedig. Und zeigt etwa Beispiele dafür, wie sich die apokalyptische Erfahrung der Seuche in Kunstwerken der Zeit spiegelte.

Das 1990 ebenfalls auf Italienisch erschienene Buch von Alvise Zorzi, La vita quotidiana a Venezia nel secolo di Tiziano – Venezianisches Alltagsleben im Jahrhundert Tizians, gibt einen umfassenden Eindruck vom Leben im frühneuzeitlichen Venedig. Der bekannte venezianische Historiker hat eine Fülle von Details recherchiert. Zur Kleidung, zum Wohnen, zum Handel, zu religiösen Festen, zur Küche. Und zur Pest.

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Klaus Bergdolt, Die Pest. Geschichte des Schwarzen Todes (C. H. Beck Verlag, München 2006), 126 Seiten, 7,90 Euro.

Klaus Bergdolt, Professor für Geschichte und Ethik der Medizin an der Universität Köln, seziert die Pest. Die verstörendste Seuche, die das Abendland je überzogen hat und die in der Hafenstadt Venedig öfter und heftiger als anderswo wütete. Die Pest hat den Lauf der europäischen Geschichte beeinflusst. Entscheidend mitgeprägt. Das belegt Klaus Bergdolt. Pointiert hält er die politischen, sozialen, kulturgeschichtlichen Folgen der Pest fest, der Seuche, die zur Chiffre von Tod und Verderben schlechthin wurde.

Albert Camus, Die Pest (Rowohlt, Reinbek 1998), 349 Seiten, 7,95 Euro.

Die Pest ist ein Roman des 20. Jahrhunderts. Doch die existentielle Situation, die er, 1947 erschienen, beschreibt, ist weit über die Zeit und den Ort hinaus gültig, an dem er spielt. Der Ausbruch der Pest in Oran bringt die nordafrikanische Stadt in einen Ausnahmezustand und in eine Abgeschlossenheit, wie sie 300 Jahre zuvor wohl auch Venedig erlebt hat. Und das Bedrohlichste an der Seuche ist, dass am Ende oft alle Abschottung und jede Vorsicht vergeblich sind. Weil wir "alle in der Pest sind". Weil der Feind, der Erreger längst schon in uns selbst sitzt.

Murazzi – Bollwerk gegen das Meer

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Piero Bevilacqua, Venedig und das Wasser. Ein Gleichnis für unseren Planeten. Aus dem Italienischen von Petra Kaiser (Campus Verlag, Frankfurt 1998), 150 Seiten, wohl nur in Fachbibliotheken erhältlich.

Bevilacqua zeichnet das jahrhundertelange Ringen der Venezianer mit dem Wasser nach. Die Lagune ist überlebensnotwendig, bildet Schutzring und Straßennetz. Aber Gewässer bedrohen zugleich die Stadt: das Meer durch seine Sturmfluten, gegen die die Venezianer erst Wälle und dann Mauern errichten; vom Lande her tragen Flüsse Schlamm und Geröll herbei. Die Bewohner leiten die Ströme um, denn eine Verlandung der Lagune würde das Ende des venezianischen Hafens bedeuten und die Stadt zudem zur leichten Beute für feindliche Krieger machen. So muss Venedig den größten Teil seiner Geschichte eine Balance finden zwischen dem Erhalten und Bändigen der Wasserkräfte um sich herum - für Bevilacqua ein Musterbeispiel für das Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Ein gut zu lesendes, geistreiches Buch.

Die Murazzi, die um 1740 begonnenen Schutzmauern auf den Nehrungen am Rand der venezianischen Lagune, sind für Bevilacqua ein Aspekt von vielen, dem er sich auf einigen Seiten widmet. Wer sich tiefer in die technischen Details des Dammbauwerks gegen das Meer vertiefen will, ist auf die italienische Fachliteratur angewiesen, etwa: Susanna Grillo Venezia. Le difese a mare (Arsenale, Venedig 1989), 251 Seiten, jedoch leider selbst in Bibliotheken selten.

Der Verführer – Casanova

DER VERFÜHRER – CASANOVA

Giacomo Casanova, Aus meinem Leben (Reclam, Ditzingen 1998), 509 Seiten, 9,60 Euro.

Eine gelungene Kurzauswahl aus Casanovas vielbändigen Memoiren - die poetische Substanz eines geschwätzigen Lebens. Die Höhe- und Wendepunkte seiner Vita sind hier versammelt: das Dreiecks-Spektakel mit der Nonne und dem französischen Botschafter, die Flucht aus den Bleikammern und, besonders ergreifend, die Erniedrigung durch die hartherzige Charpillon - in deren Beschreibung der Selbstdarsteller ausnahmsweise zum schonungslosen Selbstankläger wird.

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Ekkehard Eickhoff, Venedig - Spätes Feuerwerk. Glanz und Untergang der Republik - 1700 bis 1797 (Klett-Cotta, Stuttgart 2006), 440 Seiten, 29,50 Euro.

Selbst so etwas wie ein "Feuerwerk" ist Eickhoffs Buch über das letzte Jahrhundert der venezianischen Republik: bunt, interessant, kleinteilig aber zuweilen ohne klare Struktur und erkennbare wissenschaftliche Relevanz und Einordnung. Dennoch vermittelt der Historiker und Diplomat insgesamt einen guten Eindruck vom glanzvollen, dekadenten und zugleich durch politischen Niedergang geprägten Venedig zu Zeiten Casanovas. Eickhoff integriert ausführliche Biografien anderer wichtiger Figuren jener venezianischen Epoche.

Untergang – Der letzte Doge

UNTERGANG – DER LETZTE DOGE

George B. McClellan, Venice and Bonaparte (Princeton University Press, Princeton 1931), 307 Seiten, antiquarisch erhältlich.

Als sich am 12. Mai 1797 der Große Rat der Republik Venedig auflöst, endet damit auch die etwa tausendjährige Geschichte dieses oberitalienischen Staates. In seinem Buch schildert George B. McClellan, ein Kenner der venezianischen Historie, detailverliebt die letzten Monate, Wochen und Tage der Republik, beschreibt eindringlich die Furcht der Patrizier vor den anrückenden Truppen Napoleons, seziert ihre Unfähigkeit zu handeln - und klärt so, warum Venedig gewissermaßen zum Untergang verurteilt war. Im Blick behält der Autor dabei die gesamte politische Entwicklung jener Zeit, die venezianische Gesellschaft, ihre Kultur und Wirtschaft, ihre Dekadenz. Das glänzend geschriebene Werk ist eine brillante Studie über den Fall Venedigs - und ein anschauliches Kaleidoskop aus dem Leben der Lagunenstadt.

Venedig um 1900

VENEDIG UM 1900 – EINE KULISSE IHRER SELBST

Werner Ross, Venezianische Promenade (Wolf Jobst Siedler Verlag, Berlin 1996), 302 Seiten, antiquarisch ab etwa 4 Euro.

Essayistisch und kenntnisreich zeichnet der deutsche Publizist und Romanist Werner Ross nach, wie Venedig, im Glanz vergehender Größe, zum Anziehungspunkt von Künstlern, Literaten und Touristen wurde - am Beispiel jener Menschen, die der Lagunenstadt auf die eine oder andere Weise verfielen. In separaten Kapiteln folgt Ross unter anderem den Spuren von Venedigliebhabern wie Johann Wolfgang von Goethe, Richard Wagner, Friedrich Nietzsche, Heinrich und Thomas Mann.

Dorothea Ritter, Venedig in historischen Fotografien. Mit einer Einführung von John Julius Norwich (C. H. Beck, 4. Aufl. München 2006), 208 Seiten, 39,90 Euro.

Ein Fundgrube für alle Venedig-Enthusiasten: Mehr als 180 frühe Fotografien zeigen das Bild der Lagunenstadt, wie es sich den Besuchern im 19. Jahrhundert bot, jener Zeit, als Venedig noch weitgehend den Venezianern gehörte und nicht vom Massentourismus überrollt wurde. Der einführende Essay des Venedig-Experten John Julius Norwich berichtet anschaulich über die Bedeutung dieser frühen Fotoaufnahmen ebenso wie über das Leben im Venedig des 19. Jahrhunderts.

Joachim Köhler, Der letzte der Titanen. Richard Wagners Leben und Werk (Claassen Verlag, Berlin 2001), 870 Seiten, 35 Euro.

Mit dem russischen Revolutionär Bakunin will er in Dresden den Götterfunken ins Pulverfass werfen, will das Kapital vernichten und die Herrschaft übernehmen. Da ist er 35 Jahre und hat „Tannhäuser" und "Lohengrin" schon komponiert: Richard Wagner. Ein Visionär, ein Dämon, der auf die Menschheit fluchte, weil die nicht einsehen wollte, dass er ein Titan sei und dass man Titanen nicht mit der Schneiderelle messen dürfe. Das tut sein Biograph Joachim Köhler nicht. Er hat Wagners Leben und Werk glänzend recherchiert und beschreibt dessen Liebschaften, Marotten, Abgründe und Genialität, dessen Begegnungen mit Baudelaire, Lassalle, Rossini, Liszt, König Ludwig II. und Nietzsche intelligent, temperamentvoll, journalistisch und, wo es sein darf, auch ironisch. Da entstehen dann pompöse Bilder, wenn der tote Wagner in einer Gondelprozession über den Canal Grande gleitet und seine Witwe Cosima sich den Schlüssel zum Bronzesarg um den Hals gehängt hat.

Friedrich Nietzsche et. al., Sämtliche Briefe. Kritische Studienausgabe in 8 Bänden (dtv, München 2003), mehr als 3500 Seiten, ab etwa 120 Euro.

Keine Angst vor Friedrich Nietzsche. Wer in seinen mehr als 1200 Briefen liest, die er in 50 Jahren geschrieben hat, lernt den Schüler, den Studenten, den Professor, den Philosophen, den ewig Kranken, den Freund und den Einsiedler kennen - liebenswert, anhänglich, voller Erzähllust, witzig auch und oft unbeschreiblich schwermütig. Ein genialer Sterblicher, der unsterbliche Gedanken denkt. Als Nietzsche den Tod Gottes verkündet, da prophezeit er die Folgen, malt das apokalyptische Bild der Zukunft von Zerstörung und Untergang. Die Idee seines Übermenschen haben die Nazis zum Unmenschen gemacht. Nietzsche hätte sie allesamt verachtet. Auch seine antisemitische Schwester, die Hitler erklärte, ihr Bruder habe wie er gedacht. Davon kann keine Rede sein. Noch in einem seiner letzten Briefe, den er kurz vor der Einlieferung in die Irrenanstalt schreibt, heißt es: "Ich lasse eben alle Antisemiten erschießen..."

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