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Geschäftsfreunde: Tizian und Aretino

Gemeinsam sind der Maler und der Dichter berühmt geworden, gemeinsam haben Tizian und Aretino die Großen und Mächtigen der italienischen Renaissance mit Geschenken umworben. Einmal rettet ein unverlangtes Gemälde dem Literaten sogar das Leben

Wie ein Herrscher tritt dieser Mann auf: den großen Körper in rosaroten Samt gehüllt, das Gesicht in Dreiviertelansicht, ein strenger Blick. Doch es ist kein König oder Papst, den Tizian hier porträtiert. Das Ölgemälde von 1545 zeigt seinen besten Freund: den Schriftsteller Aretino.

Aretino ist nicht irgendein Literat: Die italienischen Herrscher fürchten den 53-Jährigen wegen seiner Spottverse; der Dichter Ariost nennt ihn die „Geißel der Fürsten". Und in dieser Rolle gefällt sich Aretino - nicht weil er ein Rebell gewesen wäre. Sondern weil einer, vor dem die Mächtigen so viel Angst haben, ein wichtiger Mann sein muss.

Seine Eitelkeit ist Legende. Der Dichter lässt sich nicht nur immer wieder porträtieren, sondern sein Bildnis auch in Medaillen prägen und auf Schmuckdöschen anbringen. Als er im Frühjahr 1545 Tizian Modell sitzt, sind seine Haare gefärbt. Er trägt Handschuhe, um die Narben zu verdecken, die er sich einst bei einer Messerstecherei zugezogen hat. Die schwere Goldkette um seinen Hals ist wohl ein Geschenk des französischen Königs.

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Pietro Aretino, wie ihn Tizian 1545 gemalt hat

Gemälde als Werbegeschenk

Normalerweise präsentieren sich Dichter und Gelehrte der Renaissance zurückhaltender, mit einem Buch oder in Denkerpose, das Kinn in der Hand. Tizian dagegen zeigt Aretino als einen Mann, der so mächtig ist wie seine Leibesfülle. Nicht ohne Hintergedanken: Denn der Dichterfreund braucht das Gemälde. Es soll ein Geschenk werden für Cosimo I. de Medici, den mächtigen Großherzog der Toskana. Dazu bestellte Aretino in der Tizian-Werkstatt ein Porträt von dessen verstorbenem Vater Giovanni dalle Bande Nere. Der Dichter wünscht sich nun, Cosimo möge die beiden Bilder nebeneinanderhängen - so, als wären er und der frühere Herrscher vom selben Rang.

„Euer Exzellenz ergebenster Sklave“

Im Frühjahr 1545 sind der Maler und der Dichter nicht nur Freunde, die beiden verbindet auch geschäftlich viel. Sie haben gemeinsam Karriere gemacht. Schon früh kamen sie auf die Idee, potenzielle Auftraggeber mit Präsenten zu umgarnen. So erhielt etwa der Herzog von Mantua, Federico Gonzaga, 1527 überraschend ein Geschenk aus Venedig: ein Porträt Aretinos aus der Hand Tizians. Dem Bildnis lag ein Brief bei, verfasst von Aretino und unterzeichnet von „Euer Exzellenz ergebenster Sklave, Maler Tizian“. Der Künstler sende diese kleine Gabe, da Aretino „wie ein zweiter Paulus das Lob Eurer Exzellenz“ predige.

Dabei handelten die beiden aus gutem Grund: Federico liebäugelte damit, den unbequemen Satiriker kurzerhand umbringen zu lassen, um dem Papst einen Gefallen zu tun. Davon ließ er nun ab.

Aretino war gerettet und Tizian hatte bald einen neuen Auftraggeber: Federico ließ fortan fast alles von ihm malen, sogar eine Gazelle, die auf einem Schiff in Venedig eintraf. So stolz war Federico auf seinen Künstler, dass er ihn dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation Karl V. empfahl. Schnell wurde der Venezianer der Lieblingsmaler des Habsburgers. Die List mit dem Bildnis als Werbegeschenk hatte Tizian nach ganz oben gebracht.

Doch bei aller Männerfreundschaft: Aretino wäre nicht Aretino, würde er nicht auch über seinen Kumpanen lästern. Über Tizians Bildnis von 1545 schreibt er an Cosimo: „Wären es mehr Scudi gewesen, die ich ihm hingezählt hätte, dann wären die Stoffe wahrhaftig leuchtend, weich und steif wie echter Atlas, Samt und Brokat.“

Info:

Das Tizian-Porträt des Dichterfreundes von 1545 hängt zurzeit an zentraler Stelle in der Schau „Der späte Tizian und die Sinnlichkeit der Malerei“, die bis zum 6. Januar 2008 im Kunsthistorischen Museum Wien (www.khm.at) zu sehen ist. Zweite Station ist die Galleria dell' Accademia in Venedig (www.gallerieaccademia.org), wo die Ausstellung vom 1. Februar bis zum 21. April läuft.