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Das Britische Empire Küste der Verdammten

Seit 1788 nutzt London Australien als Sträflingskolonie. Zudem sollen die Kriminellen den Kontinent für die Krone erschließen. Doch als 1849 erneut ein Gefangenentransport Sydney erreicht, kommt es zum Protest: Die Pioniere wollen, dass aus dem Kontinent nun ein ehrbarer Teil des Empire wird

Vor sechs Tagen ist die "Hashemy" in Sydney eingelaufen. Ein Hauptmann hat die 212 männlichen Passagiere gemustert, sie zu ihrer Überfahrt befragt, ihre Quartiere inspiziert. Dann hat er das Schiff freigegeben. Und so dürfen an diesem 14. Juni 1849 endlich jene Männer an Bord des Seglers gehen, die schon seit Wochen auf seine Ankunft gewartet haben: Schafzüchter und Gutsbesitzer. Sie suchen Knechte und billige Arbeitskräfte. Auf dem Achterdeck machen sie den Ankömmlingen ihre Angebote: Kost und Logis frei, dazu zwölf bis 16 Pfund Verdienst im Jahr, das ist etwa halb so viel wie bei freien Landarbeitern in England. Einige Handwerker bekommen sogar 28 Pfund. Unter den Passagieren stehen auch einige Minderjährige. Sie alle sind in Großbritannien als Kriminelle verurteilt worden. Manche haben Silberlöffel gestohlen, andere seidene Taschentücher, wieder andere Wollstoff oder Hüte. Doch im Grunde waren die meisten ihrer Vergehen gering. So wie das des 16-jährigen Bäckerlehrlings William Henry Groom, den ein Gericht zu sieben Jahren Haft wegen des Diebstahls von Brot verurteilt hat.

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Mehr als 800 britische Gefangenen- schiffe laufen Australien an, etwa 160.000 Menschen werden verbannt

Verurteilte sind nicht länger willkommen

Die "Hashemy" ist ein Sträflingstransport. Kurz nach der Ankunft der Bark demonstrieren Tausende Bürger Sydneys dafür, dass es der letzte ist. In der Stadt, die 61 Jahre zuvor als Gefangenenkolonie gegründet wurde, sind Verurteilte nicht länger willkommen. New South Wales, die älteste der zu dieser Zeit vier britischen Kolonien in Australien, wandelt sich von einem Straflager zu einem Ziel ehrlicher und ehrgeiziger Siedler. Auf dem Kontinent geborene Kinder weißer Einwohner beteiligen sich an dem Protest gegen die Neuankömmlinge. Und keiner kann sich vorstellen, dass ausgerechnet William Henry Groom, der Dieb, hier eine politische Karriere machen wird.

Früh schon hat das Empire Strafgefangene nach Übersee verschifft, um so seine wenigen Gefängnisse zu entlasten, die dramatisch überfüllt sind. Oft sind es Kinder oder junge Erwachsene, die in den schnell wachsenden Städten Englands keine Arbeit finden, aus Hunger stehlen und betrügen und dafür zu jahrelanger Haft oder gar zum Tode verurteilt werden. Weil London sie für unverbesserlich hält, Todgeweihte aber immer öfter begnadigt, sind im 17. und 18. Jahrhundert Tausende Gauner, Schuldner, Prostituierte und klauende Waisenjungen nach Nordamerika geschickt worden. Doch nach der Unabhängigkeitserklärung der USA 1776 musste die Krone viele Gefangene auf Schiffen unterbringen, die in der Themse und in südenglischen Häfen ankerten. Da erinnert man sich in der Obrigkeit an einen Küstenstreifen, der sich für eine Gefangenenkolonie eignet: New Holland, eine noch unerforschte Landmasse, 1770 an ihrer Ostküste von dem Entdecker James Cook für die Krone in Besitz genommen.

Viele der ersten Siedler sterben bald

1787 schickt Großbritannien elf Schiffe mit über 700 Sträflingen auf die Reise zum Fünften Kontinent. Insgesamt werden in den folgenden 80 Jahren mehr als 800 britische Schiffe etwa 160.000 Gefangene auf die südliche Halbkugel bringen. Wer die Reise übersteht, soll das Land unter Militäraufsicht urbar machen und erhält nach Ablauf seiner Strafzeit die Freiheit sowie ein Stück Boden. Viele der ersten Siedler sterben schon bald. Sie gehen bei Fluchtversuchen in den Busch zugrunde, erliegen Krankheiten, enden wegen Diebstahls oder Meuterei am Galgen. Und manche verhungern schlicht.

Der erste Gouverneur von New South Wales – der neu gegründeten Kolonie an der Ostküste des in weiten Teilen noch unbekannten Kontinents – erkennt bald, dass er vor allem Bauern braucht. Auf sein Drängen hin wirbt man in England daher schon ab 1792 erste Freiwillige an, verspricht ihnen Land und für sie arbeitende Sträflinge. Doch anfangs interessieren sich nur wenige Auswanderer für das Angebot - bis 1800 nehmen es nur 20 an. Daher zahlt die Kolonialregierung manchen britischen Bürgern nun die Schiffspassage und hilft, Farmen oder Geschäfte zu gründen. Vor allem im überbevölkerten London wirbt sie um Emigranten – auch um Frauen, damit die überwiegend männlichen ehemaligen Sträflinge in ihrer neuen Heimat Familien gründen können. Und nun kommen nach und nach auch immer mehr Einwanderer nach Australien, wie der Kontinent seit 1824 offiziell heißt – benannt nach terra australis incognita (lat., unbekanntes Südland). Bald entdecken die neuen Siedler im Hinterland Weiden für Schafe und erzielen mit der Wolle innerhalb kurzer Zeit enorme Profite. Die abgelegene Gefängnisinsel wird wohlhabend – und in Sydney, der Hauptstadt der sich immer weiter ins Landesinnere ausdehnenden ersten Kolonie New South Wales, beginnt der dortige Gouverneur, bei Bauprojekten die Architektur des Britischen Empire zu kopieren: Wohnhäuser im georgianischen Stil werden errichtet, eine Bank, Straßen, Brücken und ein Leuchtturm. Sydney wächst von 2000 Einwohnern im Jahr 1800 auf 50.000 ein halbes Jahrhundert später. Und als weitere größere Städte an den australischen Küsten entstehen, gründen die Briten fünf zusätzliche eigenständige Kolonien.

Am wenigsten gelten die Ureinwohner

Um 1850 leben auf dem Kontinent bereits mehr als 400.000 aus Europa stammende Menschen, alle in den britischen Besitzungen. Es entsteht eine neue Gesellschaft: Am wenigsten gelten die Ureinwohner, die Aborigines. Sie haben kaum Rechte, werden oft straflos gejagt und getötet. Über ihnen stehen die Sträflinge aus Europa, darüber diejenigen, die ihre Strafe abgeleistet haben. Die Oberschicht bilden die Vertreter der Regierung und die Soldaten Ihrer Majestät sowie die freiwillig Eingewanderten. Auch auf ihren Druck hin beschließt die britische Regierung 1840, fortan keine Delinquenten mehr nach New South Wales zu verschicken. Denn zwar profitieren manche Siedler wirtschaftlich von den Gefangenen, viele Kolonisten aber wollen endlich den Makel des Kriminellen loswerden. So werden weitere Verurteilte auf die noch abgelegenere Insel Tasmanien geschickt. Acht Jahre später aber ist sie überfüllt – und Großbritannien rüstet doch wieder Sträflingsschiffe zur Fahrt nach Sydney aus, darunter die "Hashemy". Es ist einer der letzten Gefangenentransporte: Nach der Demonstration im Hafen von Sydney gegen seine Landung werden nur noch drei Schiffe mit Verurteilten die Stadt anlaufen, das letzte wenige Monate später.

William Henry Groom, der 16-jährige Junge von der "Hashemy", steigt nach seiner Ankunft schnell auf: Er wird schon nach vier Monaten bedingt begnadigt und zahlt von seinen ersten Gehältern die Kosten seiner Passage zurück. Offenbar kann der Junge gut mit Zahlen umgehen und arbeitet bald unter anderem als Buchhalter. Schließlich geht er in die Stadt Toowoomba, heiratet in eine etablierte Familie ein und wird binnen weniger Jahre Besitzer eines Hotels und später Miteigentümer einer der örtlichen Zeitungen. Zudem gelingt ihm eine ungewöhnliche politische Karriere: 1861 wird William Groom Bürgermeister von Toowoomba, 1862 Abgeordneter im ersten Parlament von Queensland, der neu gegründeten, sechsten und damit letzten britischen Kolonie in Australien. Er debattiert über Gesetze und kontrolliert die Regierungen der Kolonie. Er kämpft für Landverteilung und für Schutzzölle beim Import. Sein größtes Ziel, den Ministerposten für Landfragen, erreicht er allerdings nicht, vermutlich wegen seiner kriminellen Vergangenheit.

Australien wandelt sich radikal

Im Jahr 1870 zieht Großbritannien seine Truppen aus dem Kontinent ab, sodass fortan Freiwilligenverbände Australien beschützen, ehe 1901 eine eigene Armee gegründet wird. Von 1890 an diskutieren die sechs Kolonien die Gründung eines gemeinsamen Staates, und im Mai 1901 tritt das neue Parlament von Australien erstmals zusammen – mit Groom als einem der ersten Abgeordneten. Wenige Monate später stirbt er an einer Lungenentzündung. So wie er sich zu seinen Lebzeiten gewandelt hat, so hat sich auch Australien radikal verändert. Die Kolonie hat ihre verrufenen Anfänge hinter sich gelassen und ist zum "Dominion" aufgestiegen – einem selbstbewussten, autonomen und von freien weißen Siedlern beherrschten Teil des Britischen Empire.

Schon bald wird der Kontinent sich als zuverlässiger Verbündeter erweisen: Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbricht, werden die Nachfahren jener Sträflinge, die Großbritannien einst an das andere Ende der Erde verbannte, für das Mutterland in die Schlacht ziehen.

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Der Artikel stammt aus dem neuen

GEOEPOCHE Nr. 74 "Das Britische Empire".

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