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GEOEPOCHE Klassiker: Kampf dem Papst

31. Oktober 1517: In Wittenberg protestiert der Mönch Martin Luther gegen die Exzesse des korrupten Klerus – und wird zum Begründer der Reformation. Lesen Sie eine historische Rekonstruktion von Cay Rademacher aus GEOEPOCHE Nr. 10 "Die Macht der Päpste" über die Spaltung der abendländischen Christenheit

Der Mönch kommt wie ein Triumphator in die Stadt: Unter dem Banner des Papstes und einem großen roten Kreuz reitet der Dominikaner ins magdeburgische Jüterbog. Ein gewaltiger Tross von Bewaffneten, Knechten und Schreibern folgt ihm. Auf den Karren, die mit ihnen rumpeln, stapeln sich Hunderte Dokumente, daneben stehen ein paar eisenbeschlagene Kisten.

Glockengeläut. Der Magistrat eilt dem Würdenträger entgegen. Feierliche Begrüßung. Das Volk läuft erwartungsvoll herbei, denn die Gerüchte sind dem Mann vorausgeeilt. Alle Kirchen sind geöffnet, doch kein Priester darf eine Messe abhalten - die Gotteshäuser stehen allein dem Neuankömmling zur Verfügung.

Johann Tetzel aus Leipzig, Prior des Dominikanerordens, Inquisitor, Generalsubkommissar Seiner Eminenz des Herrn Erzbischofs von Mainz und im Namen Seiner Heiligkeit des Papstes unterwegs, hat mal wieder einen großen Auftritt.

Er ist Ablassprediger und in diesem Moment, im Herbst anno Domini 1517, im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Doch er ist dabei, den schrecklichsten Fehler seines Lebens zu begehen - und er ahnt es nicht einmal.

Der Ablass ist eine verteufelt geschickte Erfindung der katholischen Kirche: in seiner Mischung aus scholastischer Spitzfindigkeit und Volksglauben, aus Frömmigkeit und materiellem Pragmatismus ein typisch mittelalterliches Werk. Die Kirche verhängt bei Sünden zeitlich begrenzte Strafen zur Buße - etwa den Gemeindeausschluss. Seit dem 11. Jahrhundert kann jeder Bischof, später nur der Papst, diese Strafen verkürzen, wenn der reuige Sünder stattdessen fromme Werke verrichtet; dann auch, wenn er Geld spendet.

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Der Theologieprofessor Martin Luther, 1529 gemalt von Lucas Cranach d. Ä.

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Die scholastischen Gelehrten haben sich dafür eine feinsinnige theologische Begründung ausgedacht: Die vielen Heiligen der Kirche hätten inzwischen so viele gute Taten angesammelt, dass die Amtskirche, gewissermaßen als Verwalterin der Gottgefälligkeit, aus diesem "Kirchenschatz" jedem Sünder etwas zuteilen könne. Gegen klingende Münze, versteht sich.

Formal betrifft der Ablass dabei aber nur die von der Kirche verhängten Sündenstrafen. Die vor Gott geltende Sündenschuld kann dagegen kein Mensch beeinflussen. Aber wen interessiert schon diese Spitzfindigkeit? Im Volk glaubt man, dass mit dem Ablass auch himmlische Vergebung, zumindest ein Erlass qualvoller Jahre im Fegefeuer erkauft werden könne. Und die Kirche fördert sogar dieses Missverständnis.

Generationenlang funktioniert dieser Tausch von Aberglauben gegen Geld gut, denn stets bleibt der Ablass lokal begrenzt. Doch zu Beginn des 16. Jahrhunderts gerät diese Erfindung des Mittelalters in den Handel der frühen Neuzeit, in die Welt der großen internationalen Geschäfte, der Riesen-investitionen, des Kredits und Risikokapitals und der transnationalen Bankkonsortien. Kurz: Der Ablass wird zu einem Motor des katholischen Kapitalismus.

So auch bei der Karriere eines Hohenzollern, des Markgrafen Albrecht von Brandenburg. Der 23-Jährige wird 1513 zum Erzbischof der reichen Diözese Magdeburg gewählt, einen Monat später kommt die Bischofswürde von Halberstadt hinzu. Und im Jahr darauf wird Albrecht auch noch Erzbischof von Mainz. Mit diesen drei Bistümern wird er einer der mächtigsten Landesherren. Albrechts steile Karriere hat nur einen Schönheitsfehler: Sie ist illegal.

Denn nach kanonischem Recht darf niemand zwei oder gar drei Bischofsämter auf sich vereinigen. Aber da gibt es ja noch den Papst ...

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