Logo GEO Epoche
Das Magazin für Geschichte

Industrielle Revolution Mythos Weberaufstand

Aufgebrachte Arbeiter ziehen am 4. Juni 1844 durch das schlesische Dorf Peterswaldau zum Haus eines geizigen Textilfabrikanten. Es ist der Beginn einer mehrtägigen Revolte, die zum Symbol für die Schattenseiten der Industrialisierung wird

Staunend beobachten die Bewohner der Dorfstraße im schlesischen Peterswaldau am Morgen des 4. Juni 1844, wie an ihren Fenstern ein langer Tross von Baumwollwebern vorbeizieht. Entschlossen marschieren die Männer und voller Zorn. Ihr Ziel ist das Anwesen des Textilkaufmanns Zwanziger, der Heimarbeitern wie ihnen immer weniger Geld zahlt. Doch der Hausherr ist bereits geflohen. Wütend schlagen die Weber deshalb Fenster ein, stürmen das Haus und zertrümmern die Einrichtung. Es ist der Auftakt zu einem mehrtägigen, bald legendären Aufstand.

Denn schon kurz nach den Ereignissen im schlesischen Eulengebirge beginnen Schriftsteller, Philosophen, Journalisten und Künstler damit, das Geschehen zu deuten. Doch die Interpreten stützen sich auf widersprüchliche Presseberichte, kein Journalist hat den Aufstand persönlich miterlebt.

298000727fc6f7b181cbe4b0e40415bf

Inspiriert von Gerhard Hauptmanns Drama „Die Weber“, vollendet die Graphikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz zwischen 1895 und 1897 den Zyklus „Ein Weberaufstand“. Diese Radierung zeigt den Zug rebellierender Textilarbeiter im schlesischen Eulengebirge

So werden den rebellierenden Webern im Laufe des Jahrhunderts verschiedenste Motive zugeschrieben. Der Theoretiker des Kommunismus Karl Marx erklärt den Aufstand zum Fanal des Klassenkampfes deutscher Arbeiter. Gerhard Hauptmann, bürgerlicher Schriftsteller, macht aus dem Geschehen in seinem 1892 uraufgeführten Schauspiel „Die Weber“ eine Elendsrevolte: Aus purer Angst vor dem Hungertod hätten die Weber wild und unkontrolliert losgeschlagen. Wieder andere deuten den Aufstand als einen „Maschinensturm“ – die Rebellen hätten sich von den Spinn- und Webmaschinen der Fabrikanten verdrängt gefühlt.

Was 1844 wirklich im schlesischen Eulengebirge passiert ist, rekonstruieren Historiker erst in den Jahren nach dem Zusammenbruch der DDR, als zeitgenössische Untersuchungsakten und Zeugenberichte wieder zugänglich sind. Rasch ist die Legende vom schlesischen Weberaufstand entzaubert: Tatsächlich war die Revolte nichts weiter als eine typische frühindustrielle Arbeiterunruhe, wie es sie in jener Zeit in Deutschland häufiger gab. Und sie begann ohne politische Absichten.

Der tatsächliche Verlauf der Ereignisse

Am Tag vor dem Aufstand verabreden sich rund 20 junge Weber vor der Villa des Fabrikanten Zwanziger, um ein Schmählied auf den geizigen, prunksüchtigen Textilunternehmer zu singen. Eine Prügelei bricht aus, einer der Sänger wird festgenommen.

Um den Gefangenen zu befreien, formiert sich am nächsten Morgen ein Protestzug, dem sich fast alle Heimweber der Umgebung anschließen. Die Arbeiter marschieren zu Zwanzigers Villa - um ihren Kollegen zu befreien und sich für Lohnkürzungen zu rächen. Niemand aber solle verletzt werden, mahnen die Anführer.

8c877cc4692a0b707e4a3a524950ac93

Eine Mutter wacht bei ihrem hungernden, kranken Kind. Kollwitz prangert mit ihren Werken das Elend der Arbeiterklasse an (verworfene Platte des Zyklus „Ein Weberaufstand“)

Auf dem Anwesen von Zwanziger vernichten die Rebellen zunächst die Geschäftsbücher; erst danach verwüsten sie die Privaträume und Fabrikgebäude des Unternehmers. Ein Landrat, der sich vor Ort umschaut, wird später vor Gericht aussagen, dass die Weber ruhig und entschlossen aufgetreten seien – von einem wilden und unkontrollierten Verhalten, wie es später Hauptmanns Theaterstück zeigt, kein Wort.

Nach der Zerstörung des Anwesens schließen sich auch Weber aus den umliegenden Dörfern dem Protestzug an. Die Leinenweber der Region aber, die tatsächlich in Hunger und Elend leben und zu den Verlierern der beginnenden Industrialisierung gehören, nehmen an dem Ausstand nicht teil.

Die Menge zieht von Fabrik zu Fabrik – und verschont jene Unternehmer, die gut zahlen. Auch die Maschinen bleiben meist unberührt: Die Weber haben es vor allem auf die Kontore abgesehen.

Schließlich erreichen sie die Fabrik der Gebrüder Dierig in Langenbielau. Die sind besonders verhasst, weil sie ausschließlich auswärtige Arbeiter beschäftigen. Friedrich Dierig bezahlt seine eigenen Weber dafür, dass sie die Angreifer vertreiben.

Nun kämpfen Weber gegen Weber. Als das Militär eintrifft, eskaliert die Situation: Elf Arbeiter werden getötet, 26 verwundet. Das brutale Vorgehen schürt die Wut noch, es folgen weitere Plünderungen, bis der Aufstand am 6. Juni 1844 endet. 112 Teilnehmer der Rebellion werden verhaftet, fieberhaft fahnden die Behörden nach vermeintlichen Hintermännern.

Noch im selben Jahr verfasst Heinrich Heine sein Gedicht „Die schlesischen Weber“: „Im düstern Auge keine Träne, / Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne: / Deutschland, wir weben dein Leichentuch, / Wir weben hinein den dreifachen Fluch / Wir weben, wir weben!“

Es ist der Beginn eines Mythos.

Buchtipp: Christina von Hodenberg, Aufstand der Weber. Die Revolte von 1844 und ihr Aufstieg zum Mythos. Dietz, Bonn 1997. 304 S., 9 Euro