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New York 1625-1945 Die zwei Gesichter von Nieuw Amsterdam

1991 wurde in Wien eine zerteilte, fast 350 Jahre alte Amateurzeichnung entdeckt, die sich als älteste realistische Ansicht Manhattans herausstellte. Und als Instrument in einem gewagten politischen Doppelspiel

Dem Gelehrten Dr. Franz Wawrik fielen in der Sammlung der Albertina an der Österreichischen Nationalbibliothek 1991 zwei getrennt aufbewahrte Blätter in die Hände: jeweils Abbildungen von Häusern und Schiffen an einem Ufer, gemalt in Tinte und Wasserfarben. Wawrik erkannte, dass beide zusammengehörten, und setzte die Zeichnungen aneinander.

Plötzlich hatte er ein Panorama von Nieuw Amsterdam im 17. Jahrhundert vor sich, der ersten europäischen Siedlung an der Südspitze Manhattans und Keimzelle der späteren Weltstadt New York.

Eine sehr ähnliche Ansicht - sie zeigt einen Segler links, dann unter anderem eine Windmühle, einen Flaggenmast, eine Kirche, mehrere Häuser, einen einfachen Kran - war von einer Reihe gedruckter Stiche aus dem 17. Jahrhundert bereits seit langem bekannt. War Wawriks Fund nun eine weitere Kopie davon? Oder war das Bild – der Ausführung nach das Werk eines talentierten Amateurs, keines Berufsmalers – das Original, die Vorlage für alle Stiche? Und falls ja: Wer hatte es gezeichnet? Und wann?

Ein Firmenmanager herrscht über Nieuw Amsterdam

Nieuw Amsterdam war 1625 von Niederländern gegründet worden, doch nicht als Kolonie, also als überseeisches Territorium eines Staates - sondern als Niederlassung einer Aktiengesellschaft, der Westindien-Kompanie. Der Firma gehörte die Stadt, die Insel Manhattan und ein riesiges Gebiet, das sich ungefähr zwischen Connecticut River und Delaware River erstreckte und Nieuw Nederland genannt wurde.

Die Kaufleute des 17. Jahrhunderts erwarben in dem Land vor allem Biberpelze von den Indianern, die sie mit ordentlichen Profiten in Europa wieder loszuschlagen hofften.

Nieuw Amsterdam, das schon bald einige Hundert Einwohner zählte, und das nur dünn besiedelte Umland wurden von einem Generaldirektor regiert, der von der Westindien-Kompanie ernannt wurde: Ein Firmenmanager, der aber nicht nur Geschäfte einfädeln sollte, sondern auch mit konzerneigenen Truppen Kriege führen und ungehorsame Untergebene sogar mit dem Tod bestrafen konnte.

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Verfallene Häuser, düstere Straßen, menschenleeres Ufer: Zeigt das 1991 in Wien aufgetauchte Bild die Stadt Nieuw Amsterdam so, wie Stuyvesant sie einst gesehen hatte?

Der berühmteste Generaldirektor war der seit 1647 amtierende Petrus Stuyvesant, ein calvinistisch-frommer, cholerischer, starrsinniger, einbeiniger Veteran der Westindien-Kompanie.

Zeigt das in Wien aufbewahrte Bild Manhattan und die Stadt so, wie Stuyvesant sie einst gesehen hatte? Die Zeichnung selbst gibt wertvolle Indizien. Einige Dutzend Häuser sind zu sehen – mehr, als Nieuw Amsterdam in den 1620er und 1630er Jahren zählte. Andererseits befahl Stuyvesant, der ein energischer Verwalter war, den Bau eines großen, steinernen Lagerhauses am Ufer. Jenes Gebäude wird in einem bis heute erhaltenen Brief vom 27. Januar 1649 als bereits vollendet erwähnt. Doch auf der Wiener Zeichnung fehlt das Bauwerk.

Also muss das Bild deutlich vor dem 27. Januar 1649 gemalt worden sein. Da die Bäume auf dem Werk zudem sommerliches Laubkleid tragen, entstand es wahrscheinlich in einem Sommer der 1640er Jahre, womöglich 1648.

Rebellen wollen die Macht Stuyvesants brechen

Genau in jenen Wochen versammelten sich nämlich einige einflussreiche Männer von Nieuw Amsterdam unter Führung des Juristen Adriaen van der Donck, um zu beraten, wie sie Stuyvesants Macht brechen könnten. Die Bürger um van der Donck wollten sich, um größere politische Autonomie zu erlangen, direkt der Regierung in Den Haag unterstellen.

Zwischen Sommer 1648 und Sommer 1649 entwarfen die Rebellen eine umfangreiche Protestresolution, die einige ihrer Abgesandten 1649 in Den Haag der Regierung vorlegten. Darin behaupteten sie unter anderem, dass Stuyvesant und die Westindien-Kompanie Nieuw Amsterdam schlecht verwalteten, ja regelrecht verfallen ließen.

Die Zeichnung, die 1991 in Wien auftauchte, ist nun wahrscheinlich von den Rebellen geschaffen worden, vielleicht gar von van der Donck selbst. Denn nicht nur ihre Entstehungszeit passt zum Protest, auch die deutlich dargestellte Tristesse: Die zweiflügelige Windmühle ist offenbar beschädigt, die Häuser sind verfallen, Ufer und Straßen menschenleer. Die demolierte Windmühle wird im Protestschreiben ebenso erwähnt wie die Vielzahl verkommener Bauwerke.

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Wagt in einem politischen Doppelspiel den Aufstand gegen Petrus Stuyvesant und wird von der Geschichtsschreibung dennoch ignoriert: Adriaen van der Donck

Wahrscheinlich also war die Zeichnung einst Teil jenes Rebellenschreibens an die Regierung zu Den Haag. Und damit ist sie die älteste (schonungslos) realistische Darstellung von Manhattan und jener halb verfallenen Siedlung, aus der einmal New York erwachsen sollte.

Van der Donck verbrachte mehrere Jahre in den Niederlanden bei seinem - letztlich vergeblichen - Versuch, die höchsten Politiker des Landes dazu zu überreden, der Westindien-Kompanie ihre nordamerikanischen Besitzungen wegzunehmen. In jenen langen Monaten erschöpfender Lobby-Arbeit verfasste van der Donck ein Buch mit dem neutralen Titel „Beschreibung von Nieuw Nederland“. Hier nun schilderte er plötzlich das Land in fast hymnischen Tönen.

Van der Donck wirbt um das Wohlwollen der Bevölkerung

Der scheinbare Widerspruch war Teil einer politischen Strategie, wenn auch vielleicht keiner klugen: Während van der Donck der Regierung gegenüber in seiner Resolution behauptete, dass Nieuw Nederland praktisch ruiniert sei, um Stuyvesant zu entmachten, so warb er mit seinem Buch um die Sympathie der Öffentlichkeit. Er wollte damit neue Kolonisten anlocken, denn, so hoffte van der Donck, je mehr Siedler nach Amerika strömten, desto schwerer sei das Land noch von Stuyvesant und der Westindien-Kompanie zu kontrollieren.

Seinen Bericht illustrierte er nun mit einem Stich, der offenbar nach dem Vorbild der älteren Zeichnung angefertigt worden war. Es ist dies die Ansicht, die über all die Jahrhunderte bekannt geblieben ist. Doch passend zu van der Doncks veränderter politischer Intention, ist diese zweite Ansicht geschönt, denn es sollten ja Siedler angelockt werden: Die Windmühle ist vierflügelig und intakt, die Häuser sind sauber und hübsch - und 72 Menschlein flanieren nun über die Wege von Nieuw Amsterdam.

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Seinen Bericht über Nieuw Amsterdam illustriert van der Donck mit einem geschönten Bild der Stadt. Die Ansicht ist Teil seiner politischen Strategie und soll Siedler zur Auswanderung in die Kolonie bewegen

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