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New York GEOEPOCHE Klassiker: Die Stadt und der Sturm

Glänzende Metropole von morgen, Labor Amerikas, reichste Stadt des Kontinents – so sehen die New Yorker Ende des 19. Jahrhunderts ihre Heimat. Doch als 1888 ein Blizzard durch Manhattan fegt, legt die Naturkatastrophe die Stadt fast vollkommen lahm – und offenbart die düsteren Seiten der wuchernden City: Lesen Sie eine historische Rekonstruktion von Cay Rademacher aus GEOEPOCHE Nr. 11 „Amerikas Weg zur Weltmacht“ über New York im Ausnahmezustand

Montag, 12. März 1888, 2.30 Uhr.

Arbeitsbeginn für William Brubaker. Der Milchmann aus Manhattan spannt das Pferd vor den Wagen. Er will durch die noch nachtdunklen Straßen bis zu einem Pier am Hudson fahren, von dort mit der Fähre übersetzen und in New Jersey frische Ware in die Kannen füllen. Gegen fünf Uhr morgens müsste er zurück sein und könnte beginnen, seinen Kunden die Milch vor die Tür zu stellen.

Doch durch die endlos geraden Straßen von Manhattans geometrischem Verkehrsnetz rauscht ein eisiger Nordwind, als würden ihn riesige Turbinen pressen. Die Bürgersteige sind 25 Zentimeter tief unter Schnee verschwunden. Dort, wo der Sturm den Boden freigeblasen hat, überzieht eine gefährliche Eisschicht die Pflastersteine.

Hände, Füße und Ohren werden vor Kälte taub

Brubaker braucht Stunden für wenige Meilen. Seine Hände, Füße und Ohren werden vor Kälte taub. Nach fünf Stunden gibt er schließlich erschöpft auf und kehrt nach Hause zurück.

Zur gleichen Zeit denkt einige Kilometer weiter südlich an Bord der „Caldwell F. Colt“ ebenfalls niemand mehr an die Arbeit. Der schnelle, 26 Meter lange Zweimastschoner gehört zur Flotte der New Yorker Lotsenschiffe – er segelt ankommenden Ozeandampfern entgegen, um einen Lotsen überzusetzen, der die großen Liner bis an ihre Piers dirigiert. Doch Kapitän James Fairgreaves muss jetzt gegen schwere See ankämpfen und einen so kalten Sturm, dass sich tonnenweise Eis in der Takelage festsetzt.

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Titelbild der Wochenendausgabe von "Frank Leslie's Illustrated Newspaper", New York, 24. März 1888

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Der Wetterbericht liegt vollkommen falsch

Irgendwann in diesen Stunden verlassen der City Editor William J. Kelly und seine Journalisten die Redaktionsräume der „New York Times“ in der Park Row 41. In der Druckerei hinter ihnen spucken die Pressen bereits die Montagsausgabe aus – mit der Wettervorhersage, die auf dem Bericht der staatlichen Meteorologen beruht: „Für das östliche New York: frische bis starke südöstliche Winde, etwas wärmer, gutes Wetter, später Regen.“

Doch tatsächlich treffen in diesen Minuten nordöstlich von New York ein aus dem Süden aufkommendes Sturmtief mit wassergesättigter Luft und eine aus Kanada heranbrausende Kaltfront aufeinander. Ein gewaltiger Sturmkreisel entsteht, und das Wasser in der Luft kühlt binnen weniger Stunden zu Schnee ab – ein Schneesturm rollt heran, ein Blizzard. Aber noch dämmert kaum einem, dass die Stadt völlig unvorbereitet in eine Naturkatastrophe hineingerät, wie es sie zwischen Hudson und East River nie zuvor gegeben hat.

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