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Die Germanen Interview: Wo siegte Arminius?

Der Historiker Rainer Wiegels über die Lesart archäologischer Funde und die Suche nach dem Schauplatz der legendären Varusschlacht

GEOEPOCHE: Herr Professor Wiegels, im Jahre 9 n. Chr. verliert der römische Kaiser drei Legionen in den germanischen Wäldern, mehr als 10 000 Soldaten sterben im Kampf gegen den aufständischen Cheruskerfürsten Arminius. Der römische Feldherr Varus stürzt sich noch auf dem Schlachtfeld in sein Schwert ...

Rainer Wiegels: ... für die Römer eine dramatische Niederlage, keine Frage. Militärisch, ideologisch, wirtschaftlich.

Inwiefern?

Der Verlust von drei Legionen, drei Reitereinheiten und sechs Infanterieregimentern an Hilfstruppen wog schwer. Prestige und Selbstbewusstsein der sich unbesiegbar gebenden Weltmacht waren angekratzt. Zudem war das Imperium zu jener Zeit in einer finanziellen Krise. Mindestens zwölf Legionen, wohl die Hälfte der römischen Armee, führten von 6 bis 9 n. Chr. Krieg im Raum Illyricum und Pannonien (zwischen Ostalpen, Donau und der Save im heutigen Kroatien): ein Kampf, der große Opfer an Menschen und Material bedeutete. Der Verlust der drei Legionen in Germanien hat die Situation natürlich erheblich zugespitzt. Kaiser Augustus musste ja in kürzester Zeit für Ersatz sorgen. Vor allem aber fürchtete er, dass sich der Aufstand auf Gallien ausweiten könnte.

Nach der Niederlage verließen die römischen Truppen die Gebiete östlich des Rheins. Bedeutete die Schlacht eine Wende in der Germanienpolitik Roms?

Nein. Nur ein einziger römischer Historiker spricht von einem Wendepunkt: Florus, der im 2. Jahrhundert n. Chr. lebte. Tatsächlich hat ja Germanicus, einer der Nachfolger des Varus, in den folgenden Jahren versucht, die verlorenen Gebiete zurückzuerobern. Ende des Jahres 16 n. Chr. berief Kaiser Tiberius seinen Oberbefehlshaber aber ab und gab zunächst das massive militärische Engagement im rechtsrheinischen Germanien auf. Manche Wissenschaftler meinen daher: Nicht 9 n. Chr. war ein Wendepunkt, sondern 16 n. Chr. Doch dass Rom mit dem Rückzug des Germanicus jede Option auf eine Wiedergewinnung des Landes zwischen Rhein und Elbe aufgab, ist nicht erwiesen.

Weshalb zogen die Römer ab?

Wie Tiberius richtig urteilte, waren die Kosten, das verloren gegangene Land zurückzuerobern, einfach zu hoch. Mehrfach hatten römische Heere während des Rückzugs in die Winterquartiere schwere Verluste erlitten, etwa bei Herbststürmen in der Nordsee. Andererseits waren die Germanen so sehr mit eigenen Streitigkeiten beschäftigt, dass sie – so glaubten die Römer – keine Gefahr waren für das Reich.

Was wäre geschehen, wenn nicht Arminius, sondern Varus die Schlacht gewonnen hätte?

Die Römer hätten wohl versucht, das Gebiet bis zur Elbe – dem östlichsten Hauptverkehrsweg in Germanien – ebenso wie zuvor Gallien allmählich zu zivilisieren und zu befrieden.

Noch heute behaupten manche Historiker, ohne den Sieg des Arminius würde man in Deutschland, Großbritannien und Nordamerika nicht Deutsch und Englisch sprechen, sondern romanische Sprachen.

Das halte ich für völligen Unsinn. Auf dem Gebiet der heutigen Niederlande etwa hat sich keine romanische Sprache durchgesetzt – obwohl die Region teilweise fast ein halbes Jahrtausend zur römischen Provinz Germania Inferior gehörte. Und über kontrafaktische Urteile der Art „Was wäre gewesen, wenn ...“ historische Zusammenhänge herzustellen, ist gleichermaßen willkürlich wie belanglos. Ebenso unsinnig ist die Behauptung, Arminius hätte mit seinem Sieg für die Unabhängigkeit Germaniens gesorgt und somit dafür, dass wir Deutsche Deutsche sind.

Was soll das denn heißen? Germanische und deutsche Geschichte kann man nicht gleichsetzen. Der Aufstand der Germanen war schon deshalb keine nationale Erhebung, weil es kein germanisches Gesamtbewusstsein, keine germanische Nation gab. Die deutsche Geschichte beginnt erst lange nach den Wirren der Völkerwanderungszeit (ca. 375–568) und nach der endgültigen Teilung des Frankenreichs Karls des Großen (843), zu dem unter anderem der größte Teil des heutigen Frankreich und der späteren deutschen Lande gehört hatten.

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Verborgen im Wald, späht ein germanischer Stammeskrieger im Herbst des Jahres 9 n. Chr. den Heerzug des Varus aus. Die Römer sind geschwächt, seit Tagen schon haben sie immer wieder Angriffe der Germanen abwehren müssen. Dicht an dicht ziehen Tausende Legionäre nun an einem Höhenzug entlang von der Weser in Richtung Westen - direkt in die Falle ihrer Feinde

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Aber der römische Historiker Tacitus nennt Arminius den „Befreier Germaniens“. War der Aufstand kein Freiheitskampf?

Natürlich hat Arminius die Cherusker und die mit ihnen verbündeten Stämme von der römischen Herrschaft befreien wollen. Und in der Tat mussten die Römer wegen seines Aufstands zunächst zurückweichen. Aber Sie müssen bedenken, wie das Urteil des Tacitus zustande kam: Er schrieb 100 Jahre nach der Schlacht, nachdem Kaiser Domitian mit dem Limes eine feste Grenze errichten ließ und formal zwei germanische Provinzen eingerichtet hatte. Damals wurde klar, dass die Römer ihre – zugespitzt formuliert – expansive Germanenpolitik nie wieder aufgreifen würden. Und Tacitus wollte sie vermutlich an ihre Verpflichtung erinnern, die Gebiete bis zur Elbe wiederzugewinnen. Er war also kein „neutraler“ Geschichtsschreiber, sondern hatte konkrete politische Absichten.

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An der schmalsten Stelle zwischen Gebirge und Moor brechen die Germanen am dritten Kampftag hinter einem mächtigen Erdwall hervor und greifen die geschwächte römische Armee an. Nur wenige Legionäre können entkommen

Also war die Varusschlacht – anders als in vielen Schulbüchern behauptet – gar keine epochale Zäsur?

Nein. Nachdem Kaiser Augustus im Jahr 10 n. Chr. die Grenze durch neue Truppen gesichert hatte und sah, dass keine weiteren Angriffe folgten, galt das Problem als militärisch gelöst. Ein nachhaltiges ökonomisches Interesse an den Gebieten hatten die Römer trotz regionaler Eisen- und Bleigewinnung ohnehin nicht; zudem waren die eigenen Kosten an Menschen und Material beachtlich. Es mag provokant klingen: Aber bedeutsamer als die Schlacht selbst war ihre historische Wirkung, ihre Instrumentalisierung ab dem 16. Jahrhundert.

Als das Geschehen zum Mythos wurde – und aus dem Cheruskerfürsten Arminius „Hermann der Deutsche“.

Ja, nachdem im frühen 16. Jahrhundert die „Annalen“ des Tacitus wiederentdeckt und verbreitet worden waren, tauchte der Name Hermann erstmals bei dem Reformator Martin Luther und in dessen Umfeld auf – wobei ein anderer Mann jener Jahre den Kult um Arminius auslöste: der Humanist Ulrich von Hutten, der den Cherusker um 1520 in einem seiner Werke als größten Helden der Geschichte bezeichnete. Jetzt entdeckten mehr und mehr Deutsche ihr vermeintliches Germanentum – und damit die Zugehörigkeit zu einem uralten Volk, angeblich älter als Römer und Griechen.

Was bedeutet der Name „Hermann“?

Luther nennt den Kriegsführer – lateinisch dux belli – Arminius „Heermann“, woraus dann Hermann wurde, der heldenhafte Krieger und Befreier.

Die Schlacht wurde also zur Legende, hinter der die tatsächlichen Ereignisse mehr und mehr verblassten.

Ja. Ab dem späten 16. Jahrhundert, in der Zeit des Barock und des Rokoko, ging es vor allem um große Gefühle. In Opern, literarischen Werken und Gemälden jener Zeit stand Thusnelda, die Frau des Arminius, oft im Mittelpunkt, es ging um leidenschaftliche Liebe und Treue. Zum geheiligten Gründungsakt einer germanischen – sprich deutschen – Nation wurde die Schlacht aber erst in den Jahren ab 1808, als die napoleonischen Kriege Europa erschütterten: Nun hieß es, Arminius habe Germanien von seinen Ketten befreit.

Ein Held freilich, der jämmerlich endete: Arminius wurde von seinen eigenen Verwandten ermordet...

Diese Begebenheit haben nach dem Ersten Weltkrieg radikale Deutschnationale mit der „Dolchstoßlegende“ verwoben: Das vermeintlich ungeschlagene deutsche Heer wurde – wie dereinst der siegreiche Held Hermann – aus Missgunst von der Zivilbevölkerung rücklings „erdolcht“. So reduzierte man die ganze, historisch sehr vertrackte Geschichte um Arminius stets auf wenige einprägsame Momente: Befreier, Held, Dolchstoß.

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Den Mythos nährt auch die viel diskutierte Frage, wo die Schlacht stattgefunden haben mag. Im Laufe der Jahrhunderte wurde der Kampfplatz an mehr als 700 Orten vermutet.

Schon seit dem späten Mittelalter, als die einschlägigen Quellenzeugnisse noch verschollen waren, suchten sich bedeutende Städte mit dem Sieg des Arminius zu schmücken, etwa Augsburg. Erst als 1508 die Annalen von Tacitus wiederentdeckt wurden, gab es vage geographische Anhaltspunkte: Tacitus berichtet, die Schlacht habe sich zwischen Ems und Lippe in der Nähe des „saltus Teutoburgiensis“ ereignet.

Des Teutoburger Walds bei Detmold, wo seit 1875 das große Hermannsdenkmal emporragt.

Ja, nur ist der Teutoburger Wald nicht der Teutoburger Wald.

Sondern?

Diese Identifikation stammt von Philipp Melanchthon, einem Anhänger Martin Luthers: Er glaubte, die Schlacht habe in der Nähe eines Höhenzugs stattgefunden, der damals noch Osning hieß und den wir seit dem 17. Jahrhundert „Teutoburger Wald“ nennen. Tatsächlich gleicht die Region einem saltus – einem von Höhen und Schluchten durchzogenen Landstrich –, und sie liegt in der Nähe der beiden Flüsse Ems und Lippe.

„Teutoburgiensis“ lässt aber auch vermuten, dass Cherusker und Römer im Siedlungsgebiet der Teutonen aufeinandergetroffen sind.

Wir wissen einiges über den Kimbern- und Teutonenzug Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. Und auch in lateinischen Inschriften, die allerdings in einem südlicheren Gebiet gefunden wurden, tauchen die Namen dieser Stämme auf. Doch worauf der Name saltus Teutoburgiensis letztlich zurückgeht, entzieht sich unserer Kenntnis.

Wo vermuten heutige Forscher das Schlachtfeld?

Durch die Angaben des Tacitus reduzierte sich die Suche nach dem „wahren“ Teutoburger Wald und Ort der Varusschlacht in neuerer Zeit auf wenige Großzonen, darunter das Sauerland, den Raum nördlich von Osnabrück sowie Gegenden um Detmold und Beckum zwischen Lippe und Ems.

Wie gingen die Wissenschaftler vor?

Sie überlegten, auf welchen Wegen die Truppen vom Rhein an die Weser und dann wieder zurück in die Basislager marschiert sein könnten. Zudem verglichen sie die Berichte antiker Historiker mit der modernen Topographie.

Seit 1989 graben Archäologen auf einem Flurstück bei Kalkriese, einem Dorf in der Nähe von Osnabrück. Das dortige Museum wirbt selbstbewusst mit dem Slogan „Varusschlacht im Osnabrücker Land“. Ist das Schlachtfeld also gefunden?

In der Senke zwischen dem Kalkrieser Berg und dem Großen Moor hat unzweifelhaft eine Schlacht zwischen Römern und Germanen stattgefunden. Unstrittig ist auch, dass es sich um ein Kampfareal von enormer Ausdehnung handelt: Momentan gibt es Funde auf einer Fläche von rund 30 Quadratkilometern, was grob mit antiken Quellen übereinstimmt.

Wie kam die Suche in Gang?

Tony Clunn, ein in Osnabrück stationierter britischer Major und Hobbyarchäologe, ging 1987 und 1988 mit einer Sonde über die Felder – übrigens ein Gebiet, in dem bereits der Althistoriker Theodor Mommsen gut 100 Jahre zuvor das Schlachtfeld vermutet hatte. Clunn fand unter anderem drei kleine Schleuderbleie. Das sind Waffen, die nur römische Legionäre verwendeten. Welche Truppen dort einst kämpften – und weshalb –, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar.

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Und wann kam der Gedanke auf, dass es die Legionen des Varus gewesen sein müssen?

Als die Archäologen Funde machten, wie es sie auf einst germanischem Gebiet noch nirgendwo gegeben hatte: Die bis dahin existierenden Theorien hatten sich ja nie mit archäologischen Zeugnissen erhärten lassen. Nun stießen die Forscher auf Tausende Metallteile: Fragmente von Kettenpanzern, Schwertern, Lanzen, aber auch auf Truhenbeschläge, Fibeln, Schuhnägel, Münzen, Reste von Zaumzeug, Gruben voller Tier- und Menschenknochen – und, ein Sensationsfund, eine komplette römische Helmmaske. Viele Dinge waren unter einem eingestürzten Wall begraben.

Unter einem rund zwei Meter hohen Erdwerk, hinter dem sich die Cherusker verschanzt haben sollen. Andere Experten ordnen den Wall aber einer späteren Schlacht zu. Und das ist nur einer von mehreren Punkten, die Kritiker gegen Kalkriese anführen.

Wir haben eben nur Indizien. Ein großer Streitpunkt sind die Münzen. Es gibt keine Fundmünzen, die nach 9 n. Chr. geprägt worden sind: ein entscheidendes Argument jener Historiker, die Kalkriese für den Ort der Varusschlacht halten. Diejenigen aber, die das Schlachtfeld etwa in die Zeit der Feldzüge des Germanicus (14–16 n. Chr.) datieren, argumentieren, dass jüngere Münzen schlicht nie in den fernen Norden gelangt sind. Ich kann allerdings nicht nachvollziehen, dass ein solch großes Heer keine frisch geprägten Münzen mit sich geführt haben soll. Doch auch wenn wir mit Kalkriese jetzt wahrscheinlich einen Kampfplatz im Kontext der Varusschlacht gefunden haben, tut sich noch ein ganz anderes Problem auf.

Welches?

Die Frage, welche Phase der mehrtägigen Schlacht sich dort abgespielt hat. Von einem Endkampf würde ich, anders als mancher Kollege, nicht sprechen. Es ist möglich, dass Teile des Heeres noch durch die enge Senke hindurchgezogen und erst anderswo endgültig vernichtet worden sind. Auffallend sind die zahlreichen gefundenen Überreste des Trosses – den Varus gemäß Cassius Dio bereits zu Beginn der Kämpfe hatte verkleinern lassen, um das Heer beweglicher zu machen.

Gibt es auch Spuren von Arminius, von den Attacken der Cherusker?

Schön wäre es. Die am Hinterhalt beteiligten Germanen kämpften größtenteils mit den gleichen Waffen wie die Römer. Und wenn sie in den Kampf zogen, nahmen die Krieger ja nicht Töpfe oder sonstiges germanisches Gut mit, das sie eindeutig identifiziert hätte.

Was müssten die Archäologen finden, um sicher zu wissen: In Kalkriese hat die Varusschlacht stattgefunden?

Wenn wir militärische Ausrüstungsgegenstände mit Inschriften hätten, Stücke von Panzern etwa, die auf die 17., 18. und 19. Legion hinweisen würden, also auf die Einheiten, die laut den Quellen in der Schlacht vernichtet wurden, würde das die beachtliche Indizienkette weiter verdichten. Aber endgültige Gewissheit werden wir vielleicht nie haben.

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Prof. Dr. Rainer Wiegels, 68, lehrt Alte Geschichte an der Universität

Osnabrück und ist Herausgeber des 2007 erschienenen Buches „Die Varusschlacht. Wendepunkt der Geschichte?“ (Theiss). Das Interview führten Insa Bethke und Thomas Brock.

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