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Die Germanen Nibelungensage: Epos aus uralten Zeiten

Das Nibelungenlied, um 1200 verfasst, scheint ein grausames Märchen zu sein. Und doch verbirgt sich hinter der Sage eine wahre Geschichte - vom Untergang zweier Germanenreiche
In diesem Artikel
Mord, Verrat und ewige Treue
Der Drachentöter soll sterben
Wer ist der Verfasser der Verse?
Das Gedicht bewahrt uralte Mythen
Epos einer ganzen Nation
Das Drama verzaubert bis heute

Mord, Verrat und ewige Treue

Uns ist in alten maeren – wunders vil geseit, schreibt vor rund 800 Jahren ein unbekannter Dichter: „Uns wird in alten Geschichten vom Wunderbaren viel erzählt.“ Und dann reiht er Zeile an Zeile.

Niemand weiß, wie lange er an seinem Werk arbeitet, Jahre werden es wohl sein. Am Ende sind es mehr als 2300 Strophen: ein Heldenepos über Krieger und Spielleute, Königinnen und Jungfrauen, über Drachen, Zwerge und einen fluchbeladenen Schatz.

Mord, Verrat und ewige Treue

Eine Geschichte von Treue und Verrat, von Liebeshochzeit und Brudermord, von Festen und Zweikämpfen. Ein Drama, das in Glanz und Abenteuer beginnt, doch in Feuer und Blut endet. Eine Erzählung, deren Wurzeln tief in die germanische Zeit zurückreichen, deren Wirkung aber noch heute spürbar ist: das Nibelungenlied. Das deutsche Nationalepos.

Der Drachentöter soll sterben

Es ist die Geschichte vom Glück und Verhängnis der Burgunderprinzessin Kriemhild. Ihre Brüder Gunther, Gernot

und Giselher herrschen als Könige am Hof der Burgunder in Worms über das Reich am Rhein. Ihr wichtigster Ratgeber ist der finstere Hagen von Tronje. Eines Tages erscheint dort Siegfried, Königssohn aus dem kleinen Reich von Xanten

am Niederrhein: ein Held, der von Kriemhilds legendärer Schönheit gehört hat und sie heiraten will. Hagen seinerseits hat bereits von dem Krieger vernommen und berichtet seinen monarchischen Herren warnend von dessen Taten.

In einem fernen Land – „gut hundert lange Meilen oder mehr“ von Island entfernt – habe Siegfried die Söhne des

Königs Nibelung mit seinem legendären Schwert Balmung erschlagen und deren Schatz geraubt sowie dem Zwerg, der den Schatz bewachte, eine Tarnkappe abgenommen, die unsichtbar macht und übermenschliche Kräfte verleiht. Zudem habe Siegfried einen Drachen erstochen und in dessen Blut gebadet, was seine Haut unverwundbar macht.

Trotzdem wird Siegfried in Worms gastlich aufgenommen. Doch bevor er Kriemhilds Hand erhalten kann, soll er Gunther bei einem Abenteuer beistehen. Schon bald segelt Siegfried mit ihm nach Island, wo Brünhild herrscht – eine Königin mit magischen Kräften, solange sie jungfräulich bleibt. Gunther will sie zur Gemahlin gewinnen. In drei Wettkämpfen muss sich der älteste der Burgunderkönige mit Brünhild messen. Und gewinnt sie nur, weil ihm Siegfried, unsichtbar dank der Tarnkappe, hilft, die Unbesiegbare zu besiegen.

Siegfried, der Drachentöter und Held, soll sterben

Mit Brünhild kehren die Helden zurück nach Worms. Die Isländerin wird Gunthers Gattin, am selben Tag heiratet Siegfried die schöne Kriemhild. Doch in der Nacht hilft er seinem Schwager: Verborgen dank der Tarnkappe, ringt er Brünhild im Schlafgemach des Burgunderkönigs nieder, sodass Gunther ihr die Jungfräulichkeit nehmen kann. Zehn Jahre vergehen, dann verrät Kriemhild im Streit Brünhild, dass Gunther sie einst nur mithilfe des unsichtbaren Siegfried bezwungen habe. Die tief beleidigte Königin fordert von ihrem Gatten Siegfrieds Tod. Auch Hagen rät zum Mord: Lange schon fürchtet er die Macht des Drachentöters, die sich speist aus dessen Kraft und dem Reichtum des Nibelungenhortes.

Listig entlockt er Kriemhild Siegfrieds verwundbare Stelle, denn als der einst im Drachenblut badete, legte sich ein Lindenblatt zwischen seine Schultern. Bei einer Jagd stößt Hagen eine Lanze in jene Stelle und tötet Siegfried. Den Leichnam legt er Kriemhild vor das Schlafgemach. Später versenkt er den Nibelungenhort im Rhein. Kriemhild, verraten von ihrem Bruder, lebt 13 Jahre lang machtlos in Worms. Dann erscheint dort ein Brautwerber, gesandt vom mächtigen Hunnenkönig Etzel: Der Monarch der wilden Krieger will Kriemhild heiraten. Hagen ist dagegen, doch die Burgunder lassen ihre Schwester ziehen.

Noch einmal vergehen 13 Jahre, dann lädt Kriemhild, längst Etzels Gemahlin, ihre Brüder in den Hunnenhof ein. Wieder warnt Hagen vergebens, der eine Falle ahnt: Die Könige und mehr als 1000 Recken ziehen vom Rhein los, die Donau entlang bis zum Palast von Etzel.

Nun, da sie sich auf diese Schicksalsreise begeben, nennt der Dichter die Burgunder fortan „Nibelungen“ – der Schatz hat seinen Besitzern, zuerst den Söhnen König Nibelungs, dann Siegfried, den Tod gebracht. Bald wird sein Fluch auch die Burgunder treffen, der Namenswechsel deutet dies an.

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'Wie Iring erschlagen ward' - Holzstich aus der Marbachschen Ausgabe des Nibelungenliedes, Leipzig 1840, nach Zeichnung von Alfred Rethel (1816-1859)

Wer ist der Verfasser der Verse?

Und tatsächlich flammt an Etzels Hof tödlicher Streit auf. In der brennenden Königshalle verschanzen sich die Nibelungen und fechten gegen Hunnen sowie germanische Gefolgsleute Etzels – unter anderem Dietrich von Bern. In einem Blutbad gehen die Recken unter, schließlich leben nur noch zwei: Gunther und Hagen, die beide von Dietrich von Bern bezwungen und gefesselt worden sind.

Kriemhild, außer sich vor Rachsucht, lässt ihren Bruder köpfen. Hagen erschlägt sie mit eigener Hand – ein so unerhörter Akt, dass Dietrichs Waffenmeister wiederum Kriemhild niederstreckt. Alle Burgunder/Nibelungen sind gefallen, Kriemhild ist tot, der Nibelungenschatz für immer im Rhein verschwunden...

Wer hat sich diese finstere Geschichte ausgedacht? Seinen Namen hat der Verfasser im Epos nirgendwo genannt, sein Manuskript hat die Zeiten nicht überdauert. Doch 36 mehr oder weniger vollständige mittelalterliche Abschriften sind erhalten geblieben, die älteste entstand wohl zwischen 1200 und 1225.

Diese Manuskripte und der Text selbst verbergen wertvolle Indizien: Das Originalmanuskript wurde wahrscheinlich im bayerischen Dialekt des Mittelhochdeutschen verfasst, der höfischen Sprache um 1200. Auch kennt der Autor den Donauraum besonders gut, nennt etwa Details der Landschaft, während er bei seinen Beschreibungen von Worms oder dem niederrheinischen Xanten vage bleibt. Und schließlich wird die Stadt Passau, wird vor allem der dortige Bischof auffallend häufig und rühmend erwähnt.

Walther von der Vogelweide: Verfasser der Verse?

Von 1191 bis 1204 war Wolfger von Erla Bischof von Passau: ein Adeliger, der Dichter förderte. So ist sein Rechnungsbuch erhalten, das für den 12. November 1203 einen Geldbetrag verzeichnet, den der Bischof dem Minnesänger Walther von der Vogelweide für einen wertvollen Mantel übergab.

Die meisten Forscher vermuten deshalb, dass der anonyme Autor des Nibelungenliedes ein gebildeter Mann am Hof des Passauer Bischofs war und um 1200 sein Meisterwerk vollendete. Eine These sieht in dem Unbekannten niemand anderen als Walther von der Vogelweide selbst. Doch wer es auch gewesen sein mag: Der Verfasser formte Sagen um, die schon seit Jahrhunderten in Mittel- und Nordeuropa erzählt wurden – und die bis in die Germanenzeit zurückreichten.

Auf der schwedischen Insel Gotland zeigen Grabsteine, die vor dem Jahr 800 gesetzt wurden, in Reliefs bereits Motive aus der Sage. Und um 800, das belegen erhaltene Totengedenkbücher aus Klöstern, hießen Adelige im Raum Worms und in Bayern auffallend häufig „Siegfried“, „Hagen“, „Kriemhild“ oder nach anderen Gestalten des Epos – beides Indizien dafür, dass bereits zu jener Zeit die Geschichte im Süden Deutschlands wie in Skandinavien populär gewesen sein muss, wahrscheinlich als Lied, das mündlich vorgetragen wurde.

Ab etwa 850 sind dann konkrete Texte erhalten, zunächst aus Skandinavien, später auch aus England und Deutschland. Die Sagen variieren: In manchen Versionen vollbringt Siegfried andere Heldentaten; Hagen ist Gunthers Bruder; Siegfried und Brünhild sind verlobt.

Doch von den ältesten skandinavischen Sagen an bleiben manche Dinge auffallend konstant: Stets spielt die Handlung zwischen Rhein und Donau, fast immer dreht sie sich um den Untergang der Burgunder, stets sind die Hunnen dabei präsent.Deutet dies auf einen historischen Kern der Sage hin? Ist die Geschichte

also im geschichtlichen Sinne „wahr“? Reflektiert sie, gleich einem fernen Spiegel, dramatische Ereignisse aus der Zeit der Völkerwanderung? Oder gar Ereignisse noch früherer, antiker Jahrhunderte?

Drei epochale Ereignisse, die sich im Lauf zweier Generationen zutrugen, sind vermutlich zur Sage verschmolzen:

1. Attila und die Hunnen

Um etwa 400 eroberte das zentralasiatische Reitervolk ein Reich von der Schwarzmeerküste bis zu den Alpen. Im Jahr 434 bestieg Attila den Herrscherthron – aus seinem Namen wurde im Mittelhochdeutschen „Etzel“. Er brach die Macht der einzelnen Stammesführer und einte so das Reich. Seine Hauptresidenz errichtete er in einer Ebene östlich der Donau – oder vielleicht im heutigen Budapester Stadtteil Obuda, wo im Mittelalter die Festung „Ecilburgu“ stand. 453 starb Attila, angeblich an einem Blutsturz in der Hochzeitsnacht mit seiner neuen, burgundischen Nebenfrau Ildiko. Bald wurde berichtet, die Frau habe den König ermordet, um Verwandte zu rächen. Das germanische Ildiko wiederum bedeutet „Hildchen“, eine Verniedlichung jedes Frauennamens, der mit „Hild“ beginnt oder endet – wie etwa Kriemhild.

2. Der Untergang der Burgunder

Die Burgunder zogen spätestens im 3. Jahrhundert n. Chr. aus ihrer Heimat zwischen Weichsel und Oder in Richtung

des römischen Imperiums. Im Jahr 407 gründete ihr König Gundahar am Mittelrhein ein Reich, zu dem auch Worms

gehörte. Doch 436 besiegte der römische Heermeister Flavius Aëtius die Burgunder in einer fürchterlichen Schlacht. Gundahar und fast alle seine Adeligen fielen. Zu den Truppen des Aëtius gehörten hunnische Krieger, die damals mit Rom verbündet waren.

Die überlebenden Burgunder siedelte Aëtius in Gallien an, wo sie sich schließlich in jener Region niederließen, die bis heute ihren Namen trägt. Dort herrschten noch fast 100 Jahre lang Könige – einem traditionellen Brauch folgend oft mehrere Brüder gemeinsam. Auch ist für die Burgunder typisch, dass Männer einer Familie ähnliche Vornamen trugen. Eine Rechtssammlung überliefert den König Gibica und dessen Söhne Gundahar, Gislahar und Gundomar. Die Ähnlichkeit zu den drei Königen des Nibelungenliedes ist stark, auch wenn niemand sagen kann, ob je wirklich drei Brüder mit den Namen aus dem Epos bei den Burgundern regierten.

Das Gedicht bewahrt uralte Mythen

3. Theoderich, der Ostgotenkönig

Auch die Ostgoten waren schon durch halb Europa gezogen, als um 454 Theoderich aus der adeligen Familie der

Amelungen geboren wurde. Der junge Mann musste mehrere Jahre als Geisel in Konstantinopel leben. Später wurde er König der Ostgoten und oströmischer Heerführer – und 488 im Auftrag Ostroms nach Italien entsandt, um dort Germanenstämme zu bekämpfen. In Italien eroberte sich Theoderich, abgesegnet vom Kaiser in Konstantinopel, ein eigenes Reich. Bis zu seinem Tod im Jahr 526 regierte er als einer der mächtigsten Herrscher der Völkerwanderungszeit in seinen Residenzstädten Ravenna und Verona.

Aus dem Namen Verona wurde durch Lautverschiebung im Mittelhochdeutschen „Bern“. Und aus Theoderich: „Dietrich“. Gewaltige Schlachten, Glanz, dann jähe Katastrophe und Erlöschen – dreimal wiederholt sich das Muster. Die Burgunder verlieren nicht nur gegen Aëtius und die Hunnen, ihr Restreich wird im 6. Jahrhundert von den Franken erobert. Das Hunnenreich zerfällt bald nach Attilas Tod, das Ostgotenreich überdauert Theoderichs Dahinscheiden nur um wenige Jahrzehnte. Und so wird wohl schon bald die Geschichte der drei untergegangenen Reiche zur Sage, werden die dramatischsten Ereignisse und bedeutendsten Persönlichkeiten zur Inspiration der Liedersänger, werden Schicksalsstränge der Burgunder, Hunnen und Ostgoten zu einer neuen, dann immer wieder variierten Geschichte verwoben.

Noch andere Motive der Sage deuten auf die Jahrhunderte der Völkerwanderung hin – vor allem der Nibelungenschatz. Der wird meist als „Hort“ bezeichnet, was „verborgener Schatz“ meint. Tatsächlich sind in der Zeit zwischen dem 3. und 6. Jahrhundert, das belegen heutige Funde, häufig Kostbarkeiten versteckt worden: Gold, Silber, Münzen, Geschirr, Waffen und Schmuck.

Mal vergrub man sie aus Angst vor heranrückenden Feinden, mal gingen sie in Flüssen verloren, wenn Plünderer über die Gewässer setzten.

So sind in Neupotz bei Speyer (rund 70 Kilometer südlich von Worms) in einem Altarm des Rheins mehr als 1000 Münzen, Messer, Schalen, Siebe, Teller und andere Metallobjekte gefunden worden: gut 700 Kilogramm insgesamt, die wertvollsten Stücke aus Silber. Wahrscheinlich sind sie um das Jahr 260 von plündernden Germanen im römischen Gallien geraubt worden und bei der Rückkehr über den Rhein verloren gegangen.

Das Heldengedicht bewahrt uralte heidnische Mythen

Legenden von Helden und Schätzen sind zwar nicht Historie im wissenschaftlichen Sinn, sind keine Berichte „so, wie es gewesen ist“. Und Dietrich von Bern alias Theoderich kann ja niemals Etzel alias Attila begegnet sein, da der Hunne bereits tot war, als Theoderich geboren wurde.

Möglich auch, dass niemals exakt bei Worms ein großer Hort im Rhein verschwunden ist – sondern dass Berichte von anderen Desastern am Rhein, wie etwa dem zu Neupotz, aus dramatischen Gründen an den Burgunderhof verlegt worden sind. Die Nibelungensagen gleichen also mehr einem Echo auf jene historischen Umwälzungen des 5. und 6. Jahrhunderts und sind ein Versuch, sie sich immer wieder neu zu erklären.

Und womöglich sind sie auch ein Echo eines noch weitaus ferneren Zeitalters: der Antike.

Sicher ist, dass das Nibelungenlied unter einem dünnen christlichen Firnis (Kriemhild und Brünhild etwa streiten auf den Stufen des Wormser Münsters vor dem Kirchgang) uralte heidnische Mythen bewahrt: Siegfried tötet einen Drachen, besitzt magische Waffen, er bezwingt einen Zwerg und setzt ihn zum Hüter des Schatzes ein. Und die jungfräulich-mächtige Brünhild im fernen Island ähnelt den Walküren, jenen weiblichen kriegerischen Geistern, die gefallene Kämpfer vom Schlachtfeld heben.

Epos einer ganzen Nation

Bewahrt die Sage aber womöglich auch noch Relikte aus den Jahrhunderten zwischen jener mythischen Vorzeit und der Völkerwanderung auf?

Seit etwa 1830 vertreten immer wieder Gelehrte die These, dass Siegfried ebenfalls ein reales Vorbild hat: in Arminius, dem Cheruskerfürsten, der im Jahre 9 n. Chr. die Legionen des Varus vernichtete. Manche Indizien, die für diese Vermutung bemüht wurden, grenzen ans Absurde: So soll der Drache – „Lindwurm“ in

den meisten germanischen Sagen – Symbol für die in langen Reihen marschierenden Legionäre sein. Und der Hort des

Nibelung sei in Wahrheit der gewaltige Schatz gewesen, den der siegreiche Arminius erbeutet habe.

Andere Indizien hingegen sind nicht so einfach von der Hand zu weisen: Schon die ältesten Versionen der Sage spielen ja an Rhein und Donau – und mithin im antiken Grenzgebiet zwischen Imperium Romanum und freiem Germanien.

Siegfried stammt zudem aus Xanten. Dieser Ort war in der Antike ein Legionslager, das in der Nähe des Cheruskergebiets lag. Arminius, der ja lange als Soldat im römischen Heer kämpfte, mag hier einen Teil seiner Dienstzeit verbracht haben.

Gehen Nibelungs Helden auf echte Krieger zurück?

Manche Sagenversionen verbinden den Hirsch mit Siegfried, so erscheint dieses Tier einmal in einem Traum als Symbol für den Recken. „Hiruz“ aber nannten sich die Cherusker selbst, die „Hirschleute“. Und schließlich ist da noch der Name: „Arminius“ ist lateinisch, nur diesen Namen überliefern antike Geschichtsschreiber für den Cheruskerfürsten. Tacitus immerhin nennt zusätzlich die germanischen Namen von Vater, Schwiegervater und Schwager des Arminius: Alle beginnen mit der Vorsilbe „Sieg“/„Seg“.

Immerhin möglich, dass – analog zu den Burgundern und anderen Germanenvölkern – auch der ursprüngliche Name des Arminius im Gleichklang mit denen seiner Verwandten war, also mit „Sieg“ oder „Seg“ begann. Dennoch bleibt die Verbindung von Sagengestalt zu realer Person letztlich willkürlich. Wie die Figur Siegfried tatsächlich entstanden ist, bleibt bis heute schwer erklärlich – und ebenso sein großer Widersacher Hagen von Tronje. Beide Heroengestalten mögen irgendwie auf echte Krieger zurückgehen, doch bleiben deren Taten wohl für immer im Dunkeln, sind bis zur Unkenntlichkeit im Mythos verändert worden.

Zum Mythos aber ist auch das gesamte Nibelungenlied geworden: zu einem modernen, finsteren Mythos.

Im 18. Jahrhundert entdecken Gelehrte mittelalterliche Handschriften der fast vergessenen Sage wieder, 1782 wird

sie erstmals vollständig gedruckt – auch wenn der stolze Herausgeber der Verse vom Preußenkönig Friedrich dem Großen mit einem Brief von erlesener Unhöflichkeit bedacht wird: „Meiner Einsicht nach sind solche nicht einen Schuss Pulver wert und verdienen nicht aus dem Staube der Vergessenheit gezogen zu werden.“

Das kämpferische Werk wird zum Epos einer ganzen Nation

Rund zwei Jahrzehnte später jedoch hat sich diese Einschätzung deutlich geändert: Die deutschen Staaten sind von Napoleon besetzt, man kämpft gegen den scheinbar übermächtigen Franzosenkaiser – auch auf dem Feld der Kultur. Nicht mehr höfisch-französisch, am besten nicht einmal romanisch-römisch soll das militärisch und politisch gedemütigte Deutschland sein, es soll sich auf eine „eigene“ Kultur und Vergangenheit besinnen.

Ab etwa 1800 verstehen die Menschen in den deutschen Landen daher das Nibelungenlied als Nationalepos: als urdeutsches, uraltes und kämpferisches Werk. Soldaten erhalten Feldausgaben zur Erbauung mit, selbst der Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe zeigt sich vom Text berührt und doziert darüber in Weimar. In mehreren Volksausgaben wird der Stoff populär, der Dramatiker Friedrich Hebbel sowie eine ganze Reihe weniger begabter Theaterautoren bringen die Geschichte in zehn Fassungen auf die Bühne.

Doch niemand erzielt eine größere Wirkung als der Komponist Richard Wagner, der ab 1848 am „Ring des Nibelungen“ arbeitet. Wagner interessiert sich bald vor allem für die mythische, unhistorische Dimension der Geschichte, weshalb er weniger das um 1200 entstandene Nibelungenlied adaptiert als die älteren, nordischen Sagenversionen. So zelebriert seine im Sommer 1876 uraufgeführte Opern-Tetralogie beispielsweise das Walten der Götter und Walküren. Die Wagnersänger in Fellkleidern, Flügelhelmen und mit klobigen Waffen (Kreationen, die der Komponist selbst abscheulich findet) werden auf Jahrzehnte hinaus das Germanenbild der Öffentlichkeit bestimmen.

Das Drama verzaubert bis heute

Als der „Ring des Nibelungen“ uraufgeführt wird, ist das neu gegründete Deutsche Reich gerade fünf Jahre alt. Bismarcks politische Schöpfung ist im Krieg entstanden – und die kämpferischen Tugenden der Sage, das Gewalttätige und Urtümliche der Recken werden gewissermaßen zur Reichsideologie verklärt, Deutschland wird in einem Lobgedicht zum „Nibelungenland“ erhöht.

1909 erklärt Kanzler Bernhard von Bülow im Reichstag Deutschlands „Nibelungentreue“ zu Österreich-Ungarn; damit wird also ein politisches Bündnis zweier moderner Staaten mit einer mythischen Gefolgschaft gleichgesetzt – mit den Burgundern/Nibelungen nämlich, die in der brennenden Königshalle unbeirrt zusammenstehen. Dass dies in der Sage zum Untergang führt, scheint weder den Kanzler noch seine Zuhörer sonderlich zu beunruhigen.

Und 1914, da nun tatsächlich der Weltenbrand lodert, erhebt ein Reichstagsabgeordneter den „waffengewaltigen, stolzen, grimmen Hagen“ gar zum „Sinnbild Preußen-Deutschlands“. Heute ist es schwer verständlich, dass im deutschen Kaiserreich ausgerechnet die dem Untergang geweihten Nibelungen zu Vorbildern erklärt werden – vor allem der Heldenmörder Hagen, der sein Leben ja als hilflos Gefesselter verliert.

Kriegsniederlagen zerstören den Nibelungenmythos nicht

Mag sein, dass sich hier eine heimliche Lust an der Apokalypse zeigt, ein uneingestandener Überdruss an der modernen Welt, eine selbstmörderische Sehnsucht, im eigenen Ende die ganze Gemeinschaft mitzureißen. Als das Beschworene allerdings in gewisser Weise tatsächlich eintritt, als mit dem verlorenen Weltkrieg 1918 zumindest das Kaiserreich untergeht, ist der Nibelungenmythos keineswegs zerstört.

Im Gegenteil: Er wandelt sich nur – und Siegfried ersetzt Hagen. Die „Dolchstoßlegende“ kommt auf, die Mär, das im Feld eigentlich unbesiegte deutsche Heer sei in der Heimat von Sozialisten, Kommunisten und Juden entscheidend getroffen worden. Besonders wirkungsvoll wird diese Legende, weil sie der ehemalige Oberbefehlshaber Paul von Hindenburg verkündet – und der vergleicht Deutschlands „ermattete Front“ mit „Siegfried unter dem hinterlistigen Speerwurf des grimmigen Hagen“.

Auch Adolf Hitler schreibt schon 1923 vom „deutschen Siegfried“. Als die Nationalsozialisten zehn Jahre später an die Macht kommen, ist die Nibelungensage längst Teil ihrer Ideologie. So sind die Burgunder, die im Kampf zusammenstehen, in ihren Augen „Volksgenossen“.

Und im Januar 1943, da die eingeschlossene 6. Armee in Stalingrad verblutet, spricht Hermann Göring im Radio: „Wir kennen ein gewaltiges, heroisches Lied von einem Kampf ohnegleichen, das hieß ‚Der Kampf der Nibelungen‘. Auch sie standen in einer Halle von Feuer und Brand und löschten den Durst mit eigenem Blut – aber sie kämpften und kämpften bis zum Letzten. Ein solcher Kampf tobt heute dort.“

Selbst als sich 1945 die Apokalypse vollendet, schlimmer wohl, als sie sich der Dichter des Nibelungenliedes je hätte ausmalen können, bleibt der Mythos bestehen. Zwar spricht danach kein ernstzunehmender Politiker mehr von „Nibelungentreue“, zwar sind Siegfried und Hagen als politische Vorbilder verweht. Doch die halb archaische, halb überzeitliche Faszination einer Erzählung von Mut und Treue, Verrat und Mord ist ungebrochen. Nur sechs Jahre nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands wird im stets von Hitler geförderten Bayreuth „Der Ring des Nibelungen“ wieder aufgeführt.

Das uralte Drama verzaubert die Menschen bis heute

Und die Sagenwelt von Drachen und Zwergen, von heroischen Schwertkämpfen, von langen Zügen weniger Getreuer, von dem fluchbeladenen Schatz ist längst in der Fantasy-Literatur aufgegangen. Der alte Mythos, der in der Germanenzeit wurzelt, ist zum modernen Mythos einer wieder verzauberten Welt geworden: Mittelerde als Gegen-Erde, die all das bietet, was die moderne Zeit nicht mehr zu geben scheint.

Niemand hat die Sagen geschickter verwoben und umgestaltet als der englische Autor J. R. R. Tolkien, einst Gelehrter in Oxford und ein Kenner alter nordischer Mythen. In seinem Roman „Herr der Ringe“ lassen sich unschwer die Helden und Finsterlinge, die Kriegszüge und Zweikämpfe und selbstverständlich der Hort der Nibelungen wiedererkennen. Eigentlich kein Wunder, dass gerade die Deutschen bei einer großen Umfrage 2004 dieses Werk zum „beliebtesten Buch“ überhaupt gewählt haben.

Ein Nationalepos, noch immer.