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Das Magazin für Geschichte

Die Geschichte, mit der (fast) alles begann

Im August 1994 erschien in GEO das minutiös recherchierte Protokoll einer Flugzeugkatastrophe. Vier Wochen lang hatte der Historiker und freie Journalist Cay Rademacher dafür in der Library of Congress in Washington geforscht. Mit seiner Geschichte begründete er bei GEO ein neues Genre: die historische Rekonstruktion

1994 schickte der damals 29-jährige Cay Rademacher unverlangt ein Manuskript bei der GEO-Redaktion ein: das minutiös recherchierte Protokoll einer Flugzeugkatastrophe, die sich am 28. Juli 1945 in New York zugetragen hatte. Der Text wurde auf dem Titel der Augustausgabe von GEO als "Extra" angekündigt und auf Sonderpapier gedruckt. Fünf Jahre und viele GEO-Artikel später siedelte der Historiker und Journalist Rademacher von Köln nach Hamburg über und produzierte gemeinsam mit Michael Schaper die erste Ausgabe von GEOEPOCHE.

Heute ist Cay Rademacher der Geschäftsführende Redakteur des Magazins für Geschichte aus der GEO-Familie, das Michael Schaper als Chefredakteur verantwortet. Die historische Rekonstruktion ist mittlerweile ein Markenzeichen von GEOEPOCHE geworden. Daher möchten wir Ihnen an unserem Geburtstag nicht vorenthalten, mit welcher Geschichte einstmals (fast) alles begann:

CRASH IN DER 79. ETAGE

Am 28. Juli 1945 kam es in New York zum wohl größten anzunehmenden Unfall: Im Nebel verirrt, steuerte ein Militärpilot seine Maschine quer durch Manhattans Hochhaus-Stalakmitenfeld und prallte mit über 300 km/h gegen das Empire State Building. Fast 50 Jahre später hat der Historiker Cay Rademacher die Katastrophe rekonstruiert: die Ursachen, den Ablauf, die Folgen. Eine aufregende und lehrreiche Geschichte noch heute

Bedford Army Air Base. Massachusetts, 8.55 Uhr. Der Morgen des 28. Juli 1945 ist ungemütlich und kalt. Eine geschlossene Wolkendecke lässt die Sonne nicht durchkommen, gelegentlich nieselt es. Der Krieg in Europa ist seit über zwei Monaten beendet und auch der Fall Japans scheint nur noch eine Frage von Tagen - obwohl hier auf der Army Base niemand etwas von der Atombombe ahnt. Die Zeit der großen Katastrophen ist, so hoffen die Offiziere, vorbei.

Vor Lieutenant Colonel William E Smith Jr. liegt die letzte Etappe auf einem Routineflug. Seine zweimotorige B-25 Mitchell gehört zur 457. Bombergruppe, stationiert in South Dakota. Smith fliegt sie in mehreren Stationen quer durch die USA. Bedford ist der letzte Halt vor dem Endziel Newark in New Jersey.

Smith, ein erfahrener und hochdekorierter Pilot, kommt aus Alabama und hat 1942 die Elite-Militärakademie in West Point abgeschlossen. Danach flog er rund 100 Kampfeinsätze über Deutschland, davon 34 als Pilot einer "Fliegenden Festung". Nach 18 Monaten in Europa ist der 27-Jährige, der so aussieht, wie sich Hollywood einen wagemutigen Kampfpiloten vorstellt, im Juni 1945 in die USA zurückgekehrt.

Neben dem Piloten besteigen an diesem nebligen Morgen zwei weitere Männer die B-25: Sergeant Christopher S. Domitrovich, auch er ein hochdekorierter Flieger, und Albert G. Perna, Flugzeugmechaniker bei der Navy in Bedford. Perna ist als Passagier an Bord, weil er über Newark nach New York City reisen will. Er muss seinen Eltern beistehen, die den Tod seines Bruders betrauern, der vor Okinawa auf dem Zerstörer "Luce" gefallen ist.

Es ist genau fünf Minuten vor neun, als die B-25 zu ihrer letzten Etappe abhebt. Der Wetterdienst hat für die gesamte Ostküste anhaltenden Nebel und eine tiefhängende Wolkendecke vorhergesagt.

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Nach dem Aufprall der B-25 ergießen sich rund 3000 Liter Flugbenzin in die Flure und Fahrstuhlschächte des Empire State Building und setzen mehrere Stockwerke des damals größten Gebäudes der Welt in Flammen. 14 Menschen sterben, 25 werden verletzt

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Die Journalisten der Stadt wagen sich für ihre Stories bis an den Rand der Einschlagstelle vor. Alle Zeitungen und Radiosender bringen Sondermeldungen. Die "New York Times" setzt 25 Reporter und Rechercheure ein

Empire State Building. Manhattan, New York City, 9.40 Uhr. Dieser Büroturm ist eine Stadt für sich, eine Stadt in der Vertikalen. 102 Stockwerke, 381 Meter hoch, mit einer Nutzfläche von gut 200 000 Quadratmetern. Allein die Stahlträger wiegen 55 000 Tonnen - damit hätte man auch zwei Schienenstränge von New York nach Baltimore legen können. Der Wolkenkratzer wurde am 1. Mai 1931 eröffnet und ist 1945 noch immer das höchste Gebäude der Welt.

In seinen ersten Jahren erhielt es von den New Yorkern den Spitznamen "Empty State Building", weil die teuren Büroflächen in den Zeiten der großen Depression kaum zu vermieten gewesen waren. Erst während des Zweiten Weltkriegs hat sich daran etwas geändert. NBC Radio sitzt hier mit seiner Zentrale, die meisten Büroflächen sind vermietet, unter anderem an Organisationen, die erst durch die Kriegsanstrengungen Amerikas geschaffen wurden.

Doch am Morgen des 28. Juli macht das Haus seinem alten Spitznamen noch einmal alle Ehre. Samstags wird in New York auch im Krieg - gegen Japan wird noch gekämpft - gar nicht oder nur mit verminderter Belegschaft gearbeitet. Und die Aussichtsplattformen im 86. und 102. Stockwerk, auf denen sich an guten Wochenenden bis zu 10 000 Menschen täglich drängen, sind jetzt kaum besucht.

Der obere Teil des Wolkenkratzers ragt in die tiefhängende Nebel- und Wolkendecke hinein. An der Spitze hat man bei klarem Wetter einen Ausblick bis zu 130 Kilometern, doch heute ist die Sicht auf wenige Meter geschrumpft. Halten sich an einem normalen Werktag durchschnittlich bis zu 15 000 Menschen gleichzeitig im Empire State Building auf, so sind es am Morgen des 28. Juli höchstens 1500 Personen.

Flughafen La Guardia, Queens, New York City, 9.45 Uhr. An diesem Morgen hat Victor Barden Dienst als Chief Operator im Tower des Flughafens. Plötzlich meldet sich Colonel William F. Smith bei ihm: Er befinde sich 15 Meilen südlich und erbitte Hinweise über die Wetterbedingungen am Flughafen in Newark. Barden ist überrascht, denn Newark liegt knapp 15 Meilen südwestlich von La Guardia. Smith hätte mit seiner Maschine schon ungefähr am Zielort sein müssen.

Die Crew im Tower rät dem Piloten, sich direkt an Newark zu wenden. Doch kaum zwei Minuten später sehen die Männer im Kontrollturm von La Guardia die B-25 südöstlich am Himmel auftauchen. Barden vermutet, dass Smith landen will und gibt ihm die üblichen Angaben durch: Runway, Windstärke, Windrichtung. Doch der Pilot funkt zurück, er wolle unbedingt nach Newark.

Die Fluglotsen wenden sich daraufhin an ihre Kollegen von der übergeordneten Airways Traffic Control. Denen ist der Flug gar nicht gemeldet worden, denn die B-25 fliegt nach Sichtflugregeln: unterhalb der überwachten Luftstraßen. Airways Traffic Control gibt durch, dass die Wolkenhöhe in Newark zur Zeit bei nur 180 Metern liege und rät Smith dringend, in La Guardia zu landen.

Weil die B-25 eine Militärmaschine ist, muss die Flugleitung auf dem zivilen Flughafen erst lnstruktionen von der Army Advisory Flight Control einholen, um eine offizielle Landefreigabe zu erlangen. Die B-25 muss so lange südöstlich New Yorks Warteschleifen fliegen.

Zu Bardens Überraschung erklärt die Army Advisory Flight Control, die Wetterangaben ihrer zivilen Kollegen seien fehlerhaft: In Newark herrsche kein so schlechtes Wetter, die Wolkendecke liege bei 1000 Fuß, gut 300 Metern, die Sicht betrage zweieinviertel Meilen, über drei Kilometer.

Der Tower meldet sich daraufhin wieder bei Smith und gibt ihm die Angaben der Army Advisory Flight Control weiter. Der Pilot möge wegen der unterschiedlichen Wetterberichte selber entscheiden, ob er landen oder lieber nach Newark weiterfliegen wolle. Smith besteht auf Weiterflug ...

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Das Empire State Building, 1931 fertiggestellt, hält etliche Rekorde jener Zeit: 381 Meter Höhe, 102 Stockwerke, 200 000 Quadratmeter Nutzfläche. Längst ist der anfangs umstrittene Bau eine Attraktion der Stadt - Symbol des himmelwärts strebenden New York und zugleich auch der USA, die 1945 nach dem Sieg in Europa im Zenit ihrer Popularität stehen

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