Logo GEO Epoche
Das Magazin für Geschichte

Australien Ende der Isolation: Australiens Draht zur Welt

1872 endet die Jahrzehnte währende Isolation Australiens vom Mutterland: mit der Fertigstellung des "Overland Telegraph", jener Telegraphenlinie, die Adelaide im Süden erstmals mit Port Darwin im Norden verbindet - und damit zugleich mit Großbritannien. Denn in Darwin endet das Überseekabel, das den Nachrichtenweg zwischen South Australia und London fast auf Echtzeit verkürzt. Doch der Weg dorthin ist voller Hürden
In diesem Artikel
Junge Männer mit Visionen
Todd und der Trinker
Eine gewaltige Herausforderung

Mount Stuart, Zentralaustralien, 22. August 1872.

Der Abend dämmert bereits, als Charles Todd sein tragbares Morsegerät an eine Drahtleitung anschließt. Der Oberste Telegraphenbeauftragte South Australias schickt eine Botschaft nach Adelaide, die Hauptstadt der britischen Kolonie an der Südküste: „Wir haben heute, nach zwei Jahren, eine 2000 Meilen lange Nachrichtenverbindung mitten durch das Innere Australiens fertiggestellt, das bis vor wenigen Jahren noch eine terra incognita war und als Wüste galt.“ Dann wartet er auf Antwort.

Jedes Morsezeichen aus der südaustralischen Kapitale würde einen Triumph bedeuten, einen Sieg über die Wüste, die Hitze, die Politik und die Technik. Gleich welche Antwort zu ihm durchdringt, sie würde beweisen, dass der „Overland Telegraph“ funktioniert. Jene transkontinentale Leitung, die Adelaide im Süden erstmals mit Port Darwin im Norden verbindet - und damit zugleich mit Großbritannien. Denn in Darwin endet das Überseekabel, das über Asien bis nach Europa verläuft und den Nachrichtenweg zwischen South Australia und London von ein paar Monaten auf vielleicht einen einzigen Tag verkürzen kann. Auf diesen Moment hat Todd mehr als 15 Jahre lang hingearbeitet.

Australien – der isolierte Kontinent

Als der 28-jährige Engländer 1855 nach Australien übersetzt, dauert es noch drei, manchmal sogar fünf Monate, bis Nachrichten aus London über den Seeweg in die britischen Kolonien in Down Under gelangen: Australiens Politiker erfahren erst nach Wochen, was an der Themse über ihre Zukunft entschieden wurde. Schafzüchter schicken weiterhin ihre Wolle nach England, und können nicht wissen, dass der britische Marktpreis dafür bereits um ein Drittel gefallen ist. Die Übersee-Rubriken der großen Tageszeitungen vermelden ausschließlich Nachrichten, die im Mutterland und im übrigen Europa längst vergessen sind.

f0ff3ba816e2ea4f72c8eabff2c2a6b8

Charles Todd (1826-1910) ist die treibende Kraft hinter dem Bau des "Overland Telegraph"

zurück zur Hauptseite

Junge Männer mit Visionen

Charles Todd will die gewaltige Kluft zwischen England und Australien überwinden. Die Vision des Ingenieurs, Astronomen und Pioniers der Morse-Technik: Ein kupferner Telegraphendraht soll die Menschen auf dem Fünften Kontinent mit denen im Mutterland verbinden, sodass sie in beinahe Echtzeit miteinander kommunizieren können.

Junge Männer mit Visionen

Und Todd ist nicht allein: Mit ihm reist sein Landsmann und künftiger Assistent Edward Cracknell, der bald zum „Superintendent of Telegraph“ von New South Wales aufsteigt. Cracknells Bruder wird diese Position in Queensland bekleiden – und auch die Kolonie Victoria beruft einen Telegraphenbeauftragten, den Amerikaner Samuel McGowan. Sie alle träumen davon, sich fern der Heimat einen Namen zu machen. Und Australien in ein neues Kommunikationszeitalter zu führen.

Todd nimmt schon bald nach seiner Ankunft Kontakt zu seinen Kollegen auf. Gemeinsam mit McGowan veranlasst er den Bau der Telegraphenlinie Adelaide-Melbourne. Das erste Teilstück verbindet Adelaide zunächst mit dessen Hafen. Es ist der Beginn eines grenzübergreifenden Binnennetzes, das Jahr für Jahr erweitert wird. 1858 erreicht die Linie Sydney, 1861 ist Brisbane angeschlossen. Und stetig werden mehr Kleinstädte und Siedlungen in das Kabelnetz eingegliedert.

Gleichzeitig veranlasst die britische Regierung den Bau einer Telegraphenleitung von London durch das Rote Meer bis nach Indien. Von Bombay aus soll die Linie über den Grund des Indischen Ozeans und über das Indonesische Archipel bis Australien verlängert werden. Zwar ist die Technik der Unterwassertelegraphie noch nicht ausgereift, die Tiefseekabel sind zu dünn und zu schlecht isoliert. Doch ist es nur eine Frage der Zeit, bis diese Probleme behoben sind und Australien an das internationale Netz angeschlossen werden kann. Nur: Wo wird das Überseekabel den 7,6 Millionen Quadratkilometer großen Kontinent erreichen?

Wettlauf um die schnellste Leitung nach Übersee

Die bisherige Routenplanung sieht vor, dass die Leitung an der Nordküste Land erreicht – weit weg also von South Australia, dafür jedoch in Reichweite von Queensland und dessen Kapitale Brisbane. Dem Nachrichtenzentrum Adelaide drohen damit wirtschaftliche Einbußen in unbezifferbarer Höhe.

658cec203585d16677b57b247d5a8fed

Partner am Draht: J.A.G. Little, Robert Paterson, Charles Todd, Alexander James Mitchell (Farblithographie, vermutlich nach einem Foto von Samuel Sweet aus dem Jahr 1873)

zurück zur Hauptseite

Todd und der Trinker

Der erste Anlaufhafen für Postschiffe aus England würde die Pressekorrespondenten aus den Nachbarkolonien verlieren: all die Nachrichtenjäger, die im Hafen warten, um die neuesten Zeitungslieferungen aus England vor Ort abzufangen und die wichtigsten Meldungen nach Melbourne oder Sydney zu telegraphieren. Die Telegraphenämter hätten gewaltige Umsatzeinbrüche zu beklagen. Und nichts könnte die Verluste ausgleichen.

Todd sieht nur eine Möglichkeit, das zu verhindern: South Australia muss auf direktem Weg mit dem Draht nach Großbritannien verbunden werden. Durch eine Überlandleitung, die quer durch das Zentrum des Kontinents führt. Doch wie? Das Innere Australiens ist noch immer völlig unerkundet. Niemand weiß, welche und wie viele Ureinwohner dort leben und ob es dort Berge, Gras oder gar Seen gibt. Bevor Todd den „Overland Telegraph“ bauen kann, muss jemand erst die Route erkunden.

Todd muss sich auf einen Trinker verlassen

Die Wahl der Regierung in Adelaide fällt auf John McDouall Stuart, einen Junggesellen von düsterem Gemüt – schwer alkoholkrank und streitsüchtig, wann immer ihm der Whiskey zu Kopf steigt. Doch der Schotte ist bei seinen letzten Expeditionen weiter ins Innere Australiens vorgedrungen als jeder andere Entdecker vor ihm. Stuart hat 1860 den nach ihm benannten Central Mount Stuart entdeckt: den geografischen Mittelpunkt des Kontinents, wie man damals glaubt. Er gilt als hervorragender Buschmann, der selbst in den lebensfeindlichen Weiten des Outback verborgene Wasserquellen aufspürt.

Tatsächlich kann sich Stuart am 24. Juli 1862 nach mehreren gescheiterten Versuchen bis zur Nordküste durchschlagen. Aber er zahlt dafür einen hohen Preis: je 3400 Kilometer Hin- und Rückweg durch Stachelbusch, flirrende Wüste und dichten Regenwald. Mit Mehlbrei als fast einzigem Proviant.

Der Entdecker der Süd-Nord-Traverse überlebt seinen Triumph nicht lange

Als Stuart nach Adelaide zurückkehrt ist sein Haar weiß. Das Laufen fällt ihm schwer. Der Skorbut hat ihn fast erblinden lassen. Drei Jahre später wird er vereinsamt in London sterben. Charles Todd dagegen erkennt: Der Bau des Überlandtelegraphen kann gelingen. Die Wasserversorgung wird schwierig werden, aber nicht unmöglich sein. Über weite Strecken bietet das Land sogar ausreichend Holz für die Telegraphenmasten.

Im Jahre 1863 teilt London der Kolonie South Australia das bisher von Weißen weitgehend unbesiedelte Northern Territory zu. Damit erhält Adelaide die Kontrolle über Port Darwin, der wahrscheinlichsten Landestelle für das asiatische Überseekabel an der Nordküste Australiens. Trotz aller Hoffnungen in Down Under aber dauert es nicht Monate, sondern Jahre, bis die Techniker der internationalen Telegraphie-Unternehmen widerstandsfähigere Leitungen für lange Tiefseestrecken entwickelt haben.

Ein riskanter Plan

Erst 1870 macht die „British Australia Telegraph Company“ (BAT) den Kolonien auf dem Fünften Kontinent ein neues Angebot: Die Linie London-Bombay ist fertiggestellt und soll nun zügig über Java bis Port Darwin und von dort dann nach Brisbane verlängert werden. Die Regierung von Queensland hat genügend Geld zusammengetragen, um sich großzügig an den Baukosten für die Überseeleitung zu beteiligen. Bis South Australia den Rivalen in letzter Sekunde mit einem verwegenen Angebot aus dem Rennen wirft.

1578e8ba1d147a37dc5b2780066e6501

Der erste Telegraphenmast wird 1870 noch feierlich eingeweiht (zeitgenössische Radierung)

zurück zur Hauptseite

Eine gewaltige Herausforderung

South Australia verpflichtet sich gegenüber der BAT, den 3200 Kilometer langen Overland Telegraph für 120 000 Pfund auf eigene Kosten zu bauen: ohne fremde Hilfe, binnen 18 Monaten – einschließlich der Zusage, für jeden weiteren Tag 70 Pfund Strafgeld zu entrichten. Dafür muss Todd 2000 Tonnen Baumaterial, von Kupferdrähten bis hin zu Steinblöcken, tausende Kilometer weit durch die Wildnis transportieren lassen. Zeitungsreporter in Queensland prophezeien das Scheitern des Unternehmens. Und auch Todds Tagebucheinträge zeugen von Zweifeln: „Es war mein Lebensziel, auf das ich so eifrig hingearbeitet hatte. Doch als die Last tatsächlich auf mir ruhte, erschien sie mir kaum tragbar“, schreibt er.

Die logistische Herausforderung ist gewaltig

Todd verteilt 400 Arbeiter auf drei Streckenabschnitte, Kamelkarawanen sichern den Materialtransport. Zunächst geht es zügig voran. Dann aber überschwemmen heftige Monsunregen den Norden, die Masten finden keinen Halt mehr im Boden, die Männer kämpfen gegen Schlamm, Stechmücken und unerträgliche Schwüle. Ein Streik bringt die Arbeiten schließlich vollkommen zum Erliegen. Todds Unternehmen gerät in Verzug.

Dagegen kommt das Tiefseekabel der BAT im November 1871 termingerecht in Port Darwin an. South Australia ist indes weit davon entfernt, den Overland Telegraph bis zum vereinbarten Fristablauf am 1. Januar 1872 fertig zu stellen. Und mangels Überlandleitung muss diese Botschaft auch noch über das Queensland-Netz nach Adelaide übermittelt werden: ein Moment größter Demütigung – für Todd. Für South Australia.

Ausgerechnet ein technischer Defekt rettet das Unternehmen

Sechs Monate später belaufen sich die Bußgeldforderungen der BAT bereits auf mehr als 12 000 Pfund. Die Kolonie steht am Rande des wirtschaftlichen Ruins – als das Schicksal ihr am 24. Juni 1872 zur Hilfe eilt. Das Tiefseekabel der BAT versagt den Dienst. South Australia wird von allen Zahlungspflichten befreit.

Nur 59 Tage später schließen Todds Arbeiter die letzte Lücke in der Überlandlinie. Todd erfährt davon auf dem Heimweg nach Adelaide – und unterbricht seinen Ritt am 22. August 1872 am Central Mount Stuart, um sich persönlich von der Funktionstüchtigkeit des Overland Telegraph zu überzeugen.

Die Sonne ist bereits untergegangen in der Einöde Zentralaustraliens, als das Antwort-Telegramm der Regierung aus Adelaide eintrifft. Es enthält überbordende Glückwünsche. Königin Viktoria wird Todd für diese Leistung 1893 in den Ritterstand erheben.

Am 21. Oktober 1872 ist das BAT-Kabel repariert und verringert die Übermittlungszeit für Nachrichten aus London von Monaten auf weniger als 24 Stunden. Charles Todd baut weiter Telegraphenleitungen in Australien, steigt nach der Gründung des Australischen Bundes 1901 zum stellvertretenden Postminister auf. Den Staatsdienst verlässt er erst 1907.

Drei Jahre später stirbt der Mann, der Australien an die internationalen Nachrichtenströme angeschlossen hat, im Alter von 83 Jahren in einem Vorort von Adelaide an einer Infektion.

zurück zur Hauptseite

e2efd8dfa4107c0953c150691d408426
GEO Nr. 05/97