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Das Leben der australischen Aborigines heute: Viele Probleme sind hausgemacht

Prof. Dr. Adi Wimmer, Vorsitzender der deutschen Gesellschaft für Australienstudien, zu Calmas Darstellung der sozialen Probleme der Indigenous Communities

Das Interview mit Tom Calma unternimmt einen nur halbherzigen Versuch, die gravierenden Probleme der Indigenous Communities zu beleuchten. Im Jahr 2004 wurde von den Medien aufgedeckt, was jahrelang von den Aboriginal Elders und den politisch korrekten Akademikern der Aboriginal Studies unterdrückt wurde: sexueller Missbrauch von Minderjährigen und sexuelle Gewalt gegen Frauen waren an der Tagesordnung.

Ich selbst erhielt im Jahr 2000 in einem Interview mit dem Australian of the Year und Vizevorsitzenden des Reconciliation Council, dem gebürtigen Österreicher Sir Gustav Nossal, den ersten Hinweis. Nossal bezeichnete sexuellen Missbrauch in den selbstverwalteten Communities vor allem "in the North" als "systemisch". Die Missstände waren spätestens ab 2004 bekannt, doch es änderte sich nichts.

132 Anklagen wegen Kindesmissbrauchs allein in den Kimberleys

Calma (nomen est omen) versucht, die Missbräuche als Einzelfälle kleinzureden; sein Satz "natürlich (!!) stimmt es, dass Kinder missbraucht und vernachlässigt wurden" ist skandalös. Und wie fast immer in solchen Fällen werden die Medien beschuldigt, die Missstände zu übertreiben. Das australische TV-Magazin "Lateline" etwa zitierte am 15. Juni 2007 eine Oberstaatsanwältin Darwins mit folgenden Worten: "Die von der Regierung eingesetzte Untersuchungskommission kam zu dem Schluss, dass es in beinahe jeder Aboriginal Community der Northern Territories sexuellen Missbrauch von Kindern gibt, vielleicht in allen." Die Zeitung "The Weekend Australian" (Ausgabe 28/29. März 2009, S. 20) berichtet, dass seit Juli 2007 allein in der Kimberley Region 132 Anklagen wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern erhoben wurden. In den Northern Territories wurden 79 Verhaftungen vorgenommen, 124 Fälle sind im Erhebungsstadium, und 41 Fälle sind gerichtsanhängig. Alles Einzelfälle?

Intervention der Regierung war dringend nötig

Die Intervention der Regierung Howard im Jahr 2007 war dringend nötig, um die Strukturen systemischer Gewalt aufzubrechen. Wenn Calma sagt, diese Intervention sei "symptomatisch für den paternalistischen Ansatz" der Regierung, die "Ureinwohner lieber zu kontrollieren als mit ihnen zusammen zu arbeiten", stellt er keck die Verhältnisse auf den Kopf. Es waren die Aboriginal Elders der autonomen Communities, die nicht kooperierten und die einen extremen Paternalismus kultivierten. Das haben übrigens auch Professor Marcia Langton (Melbourne University) und Noel Pearson, zwei weitaus bekanntere indigene Aktivisten als Tom Calma, konstatiert.

Zusammenarbeit mit der "weißen" Polizei gilt als Verrat

Langton kritisierte, dass die Intervention viel zu spät kam – was richtig ist, aber aus Gründen der political correctness wagte auch sie es nicht, schon früher Alarm zu schlagen. Noel Pearson, der im Gegensatz zu Calma nicht in einem kommoden Canberraner Büro sitzt, sondern auf Cape York wertvolle Basisarbeit leistet, hat gefordert, in manchen Communities müsse man alle Kinder in Internatsschulen nach Brisbane geben, um sie dem verderblichen Einfluss einer korrupten Männerclique zu entziehen. Pearson kam als Kenner der örtlichen Lage zum Schluss, die meisten indigenen Communities seien in Bezug auf eine gemeinsame Ethik dysfunktional geworden. Kriminelles Verhalten werde nicht mehr als solches empfunden. Pearson verwies auf mehrere Fälle, wo Massenvergewaltigungen von minderjährigen Mädchen nicht einmal von deren Müttern angezeigt wurden, weil die Täter selbst aus dem Familienclan stammten und eine Zusammenarbeit mit der "weißen" Polizei als Verrat gilt.

Nebenbei bemerkt: Das Problem mit dem weit verbreiteten Alkoholismus in den indigenen Communities (Dieses Thema wird in einem Kasten zur sozialen Lage der indigenen Bevölkerung auf Seite 162 der gedruckten Ausgabe erläutert, Anm. d. Red.) wurde ebenso wenig angeschnitten wie das Problem mit der allgegenwärtigen Pornografie.

Es braucht mehr ungeschönte Reportagen

Die Geschichte der australischen Aborigines weist schmerzhafte Kapitel auf, und viele Verbrechen an ihnen wurden erst in jüngerer Zeit aufgearbeitet. Auch ihre autochthon gewachsene, bewundernswert komplexe Kultur ist von großem Interesse von uns. Es ist aber Zeit, den romantisch verbrämten Blick auf die heutigen Zustände abzulegen und ungeschönten Reportagen mehr Raum zu geben. Nicht alle Wissenschafter trauen sich das, werden sie doch dafür fast reflexartig des Rassismus geziehen.

Univ.-Prof. Dr. Adi Wimmer

Universität Klagenfurt

Vorsitzender der deutschen

Gesellschaft für Australienstudien

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GEO Nr. 05/97