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Die deutsche Romantik Friede den Hütten! Krieg den Palästen!

Ein Medizinstudent verfasst im Frühjahr 1834 das wohl schärfste Pamphlet des Vormärz: In seiner Flugschrift „Der Hessische Landbote“ prangert Georg Büchner die Verschwendungssucht der Reichen und Mächtigen an – und ruft die arme Landbevölkerung zum Umsturz auf
In diesem Artikel
Botanisiertrommeln als Tarnung
Der Titel der Flugschrift täuscht
Doch der Umsturz bleibt aus

Botanisiertrommeln als Tarnung

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Ein unbekannter Künstler hat Georg Büchner um 1830 porträtiert: als jugendlichen Freimaurer

Die beiden jungen Männer, die in der Nacht vom 5. auf den 6. Juli 1834 durch die hessische Flur wandern, sind schon seit Stunden unterwegs. Sie tragen Botanisiertrommeln über der Schulter – zwei Biologiestudenten, die, so scheint es, fleißig Proben sammeln.

Doch tatsächlich befindet sich in ihren Büchsen kein Pflanzengut, sondern etwas äußerst Gefährliches. Eine Flugschrift, mit der sie auf keinen Fall erwischt werden dürfen, weil die Polizei sie sonst sofort wegen Hochverrats verhaften würde: „Der Hessische Landbote“, verfasst von dem 20-jährigen Medizinstudenten Georg Büchner, der das Werk nun mit einem Freund zu einer geheimen Druckerei in Offenbach trägt.

Kühne Dinge sind darin zu lesen - dass die Regierung jährlich über sechs Millionen Gulden Steuern und Abgaben einnimmt, für die die Einwohner des Großherzogtums Hessen „schwitzen, stöhnen und hungern“ müssen. Dass die Oberschicht auf Kosten ihrer Untertanen im Luxus lebe und deren Rechte beschneide. Und dass Bauern und Handwerker sich dieses Unrecht nicht länger gefallen lassen sollten.

 

„Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ fordert die Flugschrift. Niemals zuvor hat es jemand gewagt, die Unterdrückung und Ausbeutung des einfachen Volkes derart scharf zu kritisieren.

 

In Deutschland herrscht ein Klima der Angst

Kaum irgendwo in Deutschland ist die Not um 1830 größer als in Hessen. Die meisten Einwohner sind arm. Wer nicht arbeitslos ist und als Bauer, Handwerker oder Tagelöhner ein karges Auskommen hat, schuftet häufig bis zu 18 Stunden täglich. Besonders leidet die Bevölkerung Oberhessens, der ärmsten Provinz des Großherzogtums: Hier müssen die meisten Einwohner nicht nur an die Regierung Steuern und Abgaben zahlen, sondern auch an ihren jeweiligen Standesherrn, den adeligen Grundbesitzer. Zahllose Menschen hungern, essen nur Kartoffeln oder erbetteln sich das Lebensnotwendige. Wer kann, betäubt sich mit Alkohol – oder verlässt das Land und wandert aus.

Politische Mitsprache gewährt die hessische Regierung den Menschen nicht. Im Gegenteil: Seit der Bundestag in Frankfurt 1819 die „Karlsbader Beschlüsse“ erlassen hat, herrscht in allen Staaten des Deutschen Bundes ein Klima der Angst. Die Behörden zensieren Zeitschriften, Flugschriften und Bücher. Burschenschaften und andere patriotische Organisationen sind verboten, Regierungsspitzel überwachen das Treiben der Studenten an den Universitäten.

Doch im Untergrund formieren sich geheime oppositionelle Zirkel – und immer wieder entstehen Unruhen. Im September 1830 verwüstet eine aufgebrachte Menge im hessischen Hanau das Zollhaus, verbrennt die Akten und das gesamte Inventar. Auch in anderen Orten erheben sich die Menschen, bis Soldaten den Tumulten ein blutiges Ende setzen.

 

Auf dem Hambacher Schlossberg fordern Demonstranten Pressefreiheit und Volkssouveränität

Im Mai 1832 versammeln sich weit mehr als 20 000 Demonstranten auf dem Hambacher Schlossberg und fordern Pressefreiheit, ein geeintes Deutschland und Volkssouveränität. Elf Monate später stürmen Dutzende Oppositionelle, vornehmlich Studenten, Polizeiwachen in Frankfurt: Sie befreien politische Gefangene, um das Fanal für eine Volkserhebung zu geben. Doch der Aufstand scheitert nach nur einer Stunde.

Im Frühjahr 1834 gründet der Medizinstudent Georg Büchner in Gießen eine radikal-freiheitliche „Gesellschaft für Menschenrechte“, die einen politischen Umsturz in Hessen vorbereiten soll. Der Sohn des Darmstädter Medizinalrats und Amtchirurgen, bereits als Schüler gesellschaftskritisch, hat sein Studium 1831 in Straßburg begonnen. Dort demonstrieren nach der französischen Juli-Revolution von 1830, die nur die Lage der Großbürger verbessert hat, republikanische Gruppen. Dort auch leben viele politische Flüchtlinge aus Deutschland – und Büchner kommt 1833 mit Revolutionsplänen ins heimatliche Hessen zurück.

 

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Der Titel der Flugschrift täuscht

Seiner bald darauf gegründeten „Gesellschaft für Menschenrechte“ schließen sich zwar nur wenige Mitstreiter an, doch Büchner agiert weiter. Er will die Not leidenden Bauern und Handwerker mit einem radikalen Pamphlet zum Aufstand gegen die Reichen und Mächtigen aufrütteln: In einer Schrift beschreibt Büchner anschaulich, wofür die Staatseinnahmen von der Regierung verschwendet werden, während das einfache Volk ein elendes Leben ohne Bürgerrechte führt. Er verwendet die Sprache der Bibel, um die fromme Landbevölkerung zur Gegenwehr aufzufordern.

 

Der brave Titel der Flugschrift täuscht
Im April erhält der oppositionelle Schulrektor Ludwig Weidig das Manuskript. Er und Büchner haben sich durch einen gemeinsamen Freund kennen gelernt. Weidig, der zuvor schon Flugschriften verfasst und den Frankfurter Wachensturm mitorganisiert hat, gibt Büchners Pamphlet den Titel „Der Hessische Landbote“: Es soll so für die Behörden wie eine brave Bauernzeitung wirken. Außerdem entschärft er den radikal antikapitalistischen Text, um nicht Wohlhabende für die Revolutionsbewegung zu verlieren.

Büchner ist wütend, als er die stark redigierte Flugschrift liest. Aber seine Mitstreiter, zu denen auch der Jurastudent Jakob Friedrich Schütz gehört, haben die Tendenz der veränderten Schrift mehrheitlich abgenickt, und Büchner fügt sich diesem Votum.

Am Abend des 5. Juli 1834 holt er mit Schütz das achtseitige Manuskript in Butzbach bei Ludwig Weidig ab. Im Schutze der Dunkelheit bringen sie es zu einer geheimen Druckerei ins etwa 40 Kilometer entfernte Offenbach. Auf ihrem Weg müssen sie einen kleinen Teil des angrenzenden Kurfürstentums Hessen-Kassel durchwandern und Kontrollen befürchten.

 

Mehr als 1200 Exemplare des „Hessischen Landboten“ lassen die Studenten drucken

Die Tarnung als Pflanzensammler funktioniert. Ohne erwischt zu werden, überqueren die Studenten mit ihren Botanisiertrommeln zwei Landesgrenzen und den Main und geben das Manuskript am Nachmittag des 6. Juli in Offenbach ab. Gut drei Wochen später sind mehr als 1200 Exemplare des „Hessischen Landboten“ fertig gedruckt. Schütz und zwei weitere Freunde Büchners holen die Schriften am 31. Juli bei Ludwig Weidig ab.

Doch als einer der Studenten am folgenden Abend mit 139 Exemplaren der Schrift das Giessener Stadttor passieren will, wird er festgenommen: Ein Freund Weidigs, Pleitier und wegen früherer Reibereien mit Weidig rachsüchtig, hat den hessischen Behörden bereits im Vorjahr den bevorstehenden Frankfurter Wachensturm gemeldet und die Gruppe nun als bezahlter Regierungsspitzel verraten.

Büchner eilt zu seinen Helfern in Butzbach und Offenbach, um sie zu warnen. Als er nach ein paar Tagen nach Gießen zurückkommt, hat die Polizei bereits sein Zimmer durchwühlt - jedoch keine Beweise gefunden. Büchner zieht sofort vor Gericht, beschwert sich selbstsicher über die Durchsuchung und kann seine Reise als harmlosen Ausflug abtun.

Er bleibt auf freiem Fuß, aber unter Verdacht. Im September 1834 kehrt Büchner wieder in sein Elternhaus zurück und lebt dort in ständiger Angst vor Verhaftung, plant aber weitere Aktionen.

Zur selben Zeit wird der „Landbote“ in Hessen verteilt. Wie viele Menschen die Flugschrift lesen, bleibt ungewiss. Doch das Pamphlet findet offenbar guten Anklang. Bereits im November bringt der Kreis um Büchner eine von Weidig überarbeitete zweite Auflage unters Volk.

 

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"Der Hessische Landbote" von 1834: Den Behörden gilt Büchners Werk unter allen Flugschriften des Jahres als „die bei weitem gefährlichste und strafbarste“

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Doch der Umsturz bleibt aus

Doch der erhoffte Umsturz bleibt aus

Den Behörden gilt der Landbote unter allen Flugschriften des Jahres 1834 als „die bei weitem gefährlichste und strafbarste.“ Der von Büchner erhoffte Umsturz aber bleibt aus. Einige seiner Mitstreiter werden verhaftet, er selbst wird mehrmals zum Verhör vorgeladen und gibt sich ansonsten seinen schriftstellerischen Neigungen hin.

Anfang 1835 schreibt Büchner heimlich das Revolutionsdrama „Danton’s Tod“. Im März flieht er nach Straßburg – in jene Stadt, in der er ein paar Semester studiert, revolutionäre Einstellungen gewonnen und seine Verlobte Wilhelmine Jaeglé kennen gelernt hat. Die hessische Polizei sucht Büchner im Sommer per Steckbrief. „Danton’s Tod“ wird derweil stark zensiert als Buch veröffentlicht.

In Straßburg schreibt Büchner nicht nur eine Doktorarbeit über das Nervensystem einer Fischart, sondern arbeitet auch an der Novelle „Lenz“ sowie den Dramen „Woyzeck“ und „Leonce und Lena“. Im Herbst 1836 zieht er nach Zürich und arbeitet dort als Privatdozent: Der Aufrührer aus Hessen will nun Professor werden und Literat bleiben.

 

Die Revolution von 1848 wird Büchner nicht mehr erleben

Aber er wird nicht mehr schreiben, nie wieder in seine Heimat zurückkehren und die Revolution von 1848 nicht mehr erleben. Er wird auch nicht erfahren, dass einige seiner inhaftierten Freunde später emigrieren, Weidig aber nach fast zwei Jahren Folter und Isolierhaft unter mysteriösen Umständen mit aufgeschlitzten Hand- und Fußgelenken und durchschnittener Kehle in seiner Zelle gefunden wird.

Denn Georg Büchner erkrankt Anfang 1837 an einer tödlichen Form von Typhus. Er liegt fiebernd im Bett, leidet an blutigem Stuhl und Kopfschmerzen, fällt schließlich ins Delirium. Büchners Verlobte reist an sein Sterbebett. Er erkennt sie in ein paar wachen Momenten, doch sein Geist verabschiedet sich bereits.

Der Verfasser des wichtigsten Flugblattes der Epoche stirbt am 19. Februar 1837, im Alter von nur 23 Jahren.

 

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