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Die deutsche Romantik Essay: Zwischen Traum und Wirklichkeit

von: INSA BETHKE und FRANK OTTO Ein vom Krieg geplagtes Land wird zum Geburtsort der Romantik: Unter dem Ansturm Napoleons zerfällt 1806 das Heilige Römische Reich. Doch aus seinen Trümmern erwächst die Sehnsucht nach einer deutschen Nation – die sich 1848 für kurze Zeit erfüllt
In diesem Artikel
Die Rebellen aus Jena
Französische Ideen und Soldaten
Dichter greifen 1813 zu den Waffen

Die Rebellen aus Jena

Eine deutsche Revolution bricht im Spätsommer 1799 aus – in einem Hinterhaus der Kleinstadt Jena im Herzogtum Sachsen-Weimar. Dort versammeln sich bei dem 32-jährigen Sprachforscher und Übersetzer August Wilhelm Schlegel junge Intellektuelle, Rebellen allesamt.

Zu ihnen gehören: Augusts Bruder Friedrich Schlegel, 27, der nach abgebrochener Kaufmannslehre als freier Schriftsteller eine „progressive Universalpoesie“ fordert, die Dichtung und Philosophie, Genialität und Gesellschaftskritik zusammenführen soll; der ehemalige Theologiestudent und Verfasser grotesker Geschichten Ludwig Tieck, 26; der exzentrische Medizinstudent und Dichter Clemens Brentano, 22, der bei den Treffen die acht Jahre ältere Autorin Sophie Mereau umwirbt; Friedrich Wilhelm Schelling, 24, Philosoph aus Leipzig und verliebt in Caroline, die schöne Gattin des Gastgebers; der Naturforscher Johann Wilhelm Ritter, 22, der galvanische Versuche unternimmt; und Friedrich von Hardenberg, 27, ein todesverliebter Bergassessor, unter dem Pseudonym „Novalis“ Verfasser mystischer Literatur.

Die Jenaer wettern gegen das Vernunftdiktat der Aufklärung, verspotten die Klassik

Die Freunde tragen einander unveröffentlichte Zeilen vor, verspotten beim Mittagessen Verse Friedrich Schillers, des Dichterfürsten der Klassik, parodieren sich gegenseitig, spazieren durch die Natur, trinken Brüderschaft bei Vollmond, buhlen um dieselben Frauen. Und sie besprechen Artikel für die Zeitschrift „Athenäum“, das Organ ihrer intellektuellen Abenteuer.

Die Jenaer Rebellen geißeln das Vernunftdiktat der Aufklärungsphilosophie und bürgerliches Nützlichkeitsdenken. Sie sprengen die Gattungsgrenzen der Literatur, erklären das Fragment, das Unvollendete, zur neuen Ausdrucksform. Sie verfechten die erotische Libertinage, feiern das Ich, versenken sich in die Natur, schwärmen, träumen, spekulieren.

Die Geburt der „Romantik“

„Romantik“ heißt diese revolutionäre Weltanschauung, die 1799 in Jena ihren ersten Höhepunkt findet – benannt nach den abenteuerlichen, unwirklichen und sentimentalen Welten, die Verfasser von Ritter- und Liebesromanen seit Langem ihren Lesern erschließen.

Die Romantiker entfesseln die Phantasie in einer Zeit grundstürzender Veränderungen, die 1789 mit der Französischen Revolution ihren Anfang genommen haben. Der Sturm auf die Bastille, der Ruf nach „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, die Erklärung von Menschen- und Bürgerrechten: All das versetzt auch das Heilige Römische Reich

deutscher Nation in Unruhe – ein Staatengebilde, das seit Jahrhunderten erstarrt ist unter der Herrschaft absolutistischer Fürsten.

Sächsische Bauern wagen es nun, ihren Grundherren den Dienst zu verweigern. Tagelöhner, Krämer und Handwerker protestieren in Städten wie Augsburg gegen die Ratsherren. Vor allem aber feiern junge Intellektuelle den Umsturz.

„Nahe dich, Freiheit / Dass ich mich stürze / Dir in die Arme“, dichtet Ludwig Tieck. Und Friedrich Schlegel verficht in einer Abhandlung die Demokratie.

Franz II. aber, der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches aus dem Geschlecht der Habsburger, schickt den neuen Ideen Soldaten entgegen – um „die Angriffe auf Thron und Altar aufzuhalten“, wie der Oberbefehlshaber der Truppen verkündet. 1792 marschieren österreichische und preußische Soldaten in Frankreich ein. Doch die Invasoren werden geschlagen – und aus den Revolutionären werden Eroberer.

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"Italia und Germania": eine im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts geschaffene Allegorie des Malers Johann Friedrich Overbeck auf die Freundschaft der beiden Länder - und Sehnsuchtsbild des Romantikers nach der vermeintlich tugendhaften Welt des Mittelalters

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Französische Ideen und Soldaten

Französische Ideen und Soldaten zerschlagen das römisch-deutsche Reich

Denn die Franzosen treiben die Armeen der Monarchien zurück, besetzen das linke Rheinufer von Kleve bis Konstanz. Zugleich radikalisiert sich die Revolution: Das Terrorregime der Jakobiner bringt König Ludwig XVI. auf die Guillotine, ermordet Abertausende politische Gegner.

Auch außenpolitisch wird der Kurs immer aggressiver: 1799 putscht sich der Feldherr Napoleon Bonaparte an die Macht. In der Folgezeit besiegt der Diktator die Österreicher, macht italienische und deutsche Länder zu Satellitenstaaten.

In weiten Teilen der eroberten Gebiete führen die Franzosen die Gesetze der Revolution ein: Sie bestimmen die Gleichheit aller vor dem Gesetz, gewähren die Freiheit des Gewerbes, lösen aber auch Klöster auf, requirieren Lebensmittel und fordern Soldaten für Napoleons Truppen.

Unter den Angriffen des Revolutionsgenerals zerfällt das fast 850 Jahre alte Heilige Römische Reich – 1806 legt Franz II. die Kaiserkrone nieder. Kurz darauf schlägt Napoleon auch die Großmacht Preußen. Sein Imperium erstreckt sich nun von der Biskaya bis an die Memel.

Die Romantiker sind entsetzt von dem, was aus dem inspirierenden Freiheitsideal der Französischen Revolution

geworden ist: erst blutiger Terror, dann brutale Machtpolitik. In ihren Augen hat die Vernunft – das verherrlichte Prinzip der Umstürzler – in einen mörderischen Abgrund geführt.

Und so wenden sie sich mehr und mehr ins Innere und Überrationale, setzen der Aufklärung die Überhöhung individueller Empfindungen entgegen: Sehnsucht, Leidenschaft, die gequälte Seele.

In Jena währt die Revolution der Romantiker nur kurz

In Jena währt die Revolution der Romantiker nur kurz: Schon bald zerstreut sich der Zirkel, die Zeit kühner Experimente, der Liebesverhältnisse und Zeitschriftenprojekte neigt sich dem Ende zu. Die romantischen Ideen aber durchdringen in den folgenden Jahrzehnten die Kunst in Europa, wandeln die Literatur, die Malerei, schließlich die Musik.

Die Jenaer selbst gehen auf der Suche nach universalen Idealen jenseits der Politik unterschiedliche Wege – und viele führen in die vorrevolutionäre Zeit. Friedrich Schlegel etwa flüchtet sich ebenso wie Brentano in das Reich des Glaubens und konvertiert 1808 zum Katholizismus, der kultfreudigen, sinnlichen Variante des Christentums.

Etliche Literaten wenden sich der Vergangenheit zu, verklären das christliche Mittelalter, erforschen Sagen und die germanische Mythologie. Ludwig Tieck verwandelt den Stoff der Nibelungensage in zwei Romane. Clemens Brentano schreibt bereits 1800 ein Gedicht über die „Lore Lay“ nieder – jene Zauberin, die einer alten Legende nach mit ihrem

Gesang Rheinschiffer in tödliche Felsenriffe lockt.

Andere Romantiker werden zu Pionieren des Patriotismus: Während Napoleon das Land besetzt hält, suchen sie nach dem Wesen und Ursprung der Deutschen, sammeln und verfassen volkstümliche Lieder, Märchen und Sagen.

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Dichter greifen 1813 zu den Waffen

Dichter greifen 1813 zu den Waffen

1813, als Preußens König Friedrich Wilhelm III. sein Volk zu den Waffen ruft, schließen sich einige dem Freiheitskrieg gegen die Franzosen an: Die Dichter Joseph von Eichendorff, Theodor Körner und Achim von Arnim ziehen mit Tausenden anderen Freiwilligen in den Kampf, für den Ernst Moritz Arndt Schlachtengesänge voller Fremdenhass verfasst.

Ein gutes Jahr später ist Napoleon geschlagen. Der Wiener Friedenskongress 1814/15 beendet die Zeit politischer Wirren: Auf das Heilige Römische Reich folgt der „Deutsche Bund“, ein lockerer Zusammenschluss von zunächst 34 Staaten und vier Freien Städten. Und eine Enttäuschung für all jene, die für ein einiges, freies Deutschland gekämpft haben.

Machtvoll führen die Fürsten den Bund in die „Restauration“. Ab 1819 gehen Spitzel, Geheimpolizei und Zensoren

rigoros gegen demokratische und nationale Bestrebungen vor. Sie verbieten die Burschenschaften, in denen sich patriotisch gesinnte Studenten zusammengeschlossen haben, überwachen Presseerzeugnisse und die Universitäten. Über Deutschland legt sich politische Totenstille, die erwachte Nationalbewegung taucht ab ins Geheime.

Biedermeier dämmert herauf

Von politischer Mitbestimmung ausgeschlossen, sucht das Bürgertum sein Glück im Privaten. Die Menschen treffen

sich in literarischen Salons, vergnügen sich bei Ausflügen aufs Land, musizieren daheim. „Biedermeier“ wird man jene Jahre später nennen – nach einer fiktiven, spießbürgerlichen Figur aus den „Fliegenden Blättern“.

Einen Weg bürgerlichen Aufstrebens aber verbauen die Regierungen nicht: das Unternehmertum. Sie begünstigen die Entwicklung der kapitalistischen Marktwirtschaft – ein Ventil für das ehrgeizige, aber politisch ohnmächtige Bürgertum. So setzt, wenn auch zögerlich, in dem rückständigen Agrarland die Industrialisierung ein.

Und nach Jahrzehnten der erzwungenen Ruhe lässt sich das Bürgertum schon bald auch politisch nicht mehr besänftigen. Entflammt durch die Freiheitskämpfe benachbarter Nationen (im Juli 1830 stoßen die Franzosen den Bourbonenkönig vom Thron, Ende November erschüttert ein Aufstand das russisch besetzte Polen), erfasst die bis dahin von Intellektuellen getragene Nationalbewegung auch Handwerker, Kaufleute und Gastwirte: Oppositionelle geben liberale Schriften heraus, wo immer sie die Zensur überlisten können, schließen sich in Vereinen zusammen und tarnen politische Zusammenkünfte als Volksfeste.

Der Vormärz

Zugleich gärt es auf dem Land und in städtischen Elendsquartieren: Seit Frieden herrscht, nimmt die Bevölkerungszahl rasant zu, doch es gibt nicht genug Arbeit für alle Menschen. Als 1845 und 1846 zusätzlich Missernten die Preise für Lebensmittel in die Höhe treiben, stürmen Arme vielerorts Marktstände und Läden.

„Vormärz“ nennen Historiker später die explosive Gemengelage dieser zwei Jahrzehnte – die schließlich zum offenen Aufruhr führt: Im März 1848 zündet der Funke der Revolution, toben in Berlin und Wien Barrikadenkämpfe, ringt das Volk in vielen deutschen Ländern den Regierenden Pressefreiheit und politische Mitsprache ab. Vor allem aber: Es

ertrotzt ein Nationalparlament, das in der Frankfurter Paulskirche eine gesamtdeutsche Verfassung entwirft.

Ein Jahr lang lebt das Land die Utopie einer geeinten Nation. Dann schlagen die Fürsten zurück. Ihre Truppen treiben das Parlament auseinander und kämpfen Widerstand nieder.

Auch in Dresden werden die Demokraten inhaftiert. Dort hat sich der 36-jährige Hofkapellmeister und Opernkomponist Richard Wagner den Revolutionären angeschlossen. Bei der Zerschlagung des Aufstandes gelingt ihm in letzter Minute die Flucht nach Zürich.

In seinem Kopf: der Entwurf für ein neues Drama, ersonnen in den Monaten des Kampfes, bühnenreif erst ein Vierteljahrhundert später. „Der Ring des Nibelungen“ erzählt vom Untergang der Götter, von Tod und Nacht, Leid und Erlösung. Ein Generalangriff auf die menschlichen Sinne, ein tönender Mythos in einer ernüchterten Welt.

Ein Werk von epochalem Rang, in dem die traumverliebte Romantik rund 70 Jahre nach ihrer Erfindung in Jena ihre Vollendung finden wird.

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