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Stalin Stalin: Aufstieg eines Gangsters

Mord, Brandstiftung, Schutzgelderpressung: Der junge Stalin ist bereit, alles zu tun, um Geld für die Bolschewiki zu organisieren und vermeintliche Verräter auszuschalten
In diesem Artikel
Attentat in Tiflis
Jugend in Georgien
Protest gegen den Zaren
Stalins Feldzug beginnt
Flucht aus Sibirien
Kobas brutale Gang
Stalin muss zum Militär

Attentat in Tiflis

Auf dem Eriwanskij-Platz im Zentrum von Tiflis, dem russischen Verwaltungszentrum des Kaukasus, stehen zwei schlanke Mädchen und lassen ihre bunten Sonnenschirme kreiseln. Georgierinnen in schwarzen Kopftüchern flanieren über den Platz, neben ihnen mondän gekleidete Russinnen.

Nahe dem Übergang in das Viertel der Basare und der Karawanserei, der Seidenhändler, Gewürzkrämer und Taschendiebe lungern Soldaten mit hohen Stiefeln herum. Einheimische und Gäste vertreiben sich vor den Hotels und in den Schenken den schwülen Morgen mit einem ersten georgischen Rotwein oder mit armenischem Brandy.

Es ist der 13. Juni 1907, gegen 10.30 Uhr. Mit polternden Rädern rollen zwei Kutschen auf den Platz, begleitet von einem Trupp Kosaken, Reitersoldaten des Zaren. Ein Geldtransport. Er hält auf die Einmündung jener Straße zu, in der sich das Portal der Staatsbank mit seinen Götter- und Löwenstatuen erhebt. Kaum einer der Passanten bemerkt, wie die Mädchen mit den Sonnenschirmen und einige Männer vortreten und runde Gegenstände zwischen die Beine der Kutschpferde werfen.

Ein Blutbad erschüttert die morgendliche Ruhe von Tiflis

Plötzlich betäubt das Krachen von Explosionen die Ohren der Menschen auf dem Eriwanskij-Platz, weitere Detonationen folgen, Schreie. Männer und Pferde werden zerfetzt, Fensterscheiben bersten, der Druck von mehr als zehn Sprengsätzen wirft in der Nachbarschaft Schornsteine um. Abgerissene Gliedmaßen liegen auf dem Pflaster, kreischend suchen Unbeteiligte Deckung. Junge Burschen in bunten Bauernblusen, die eben noch herumgeschlendert sind, feuern aus Browning- und Mauser-Pistolen auf die Wachmannschaften. Dutzende Schützen sind es, dichter Rauch behindert die Sicht.

Einige Angreifer laufen auf die Kutsche mit den Geldsäcken zu, da bäumt sich ein gestürztes Pferd auf, bricht aus und zieht den Wagen mit sich fort. Einer der Banditen behält die Nerven, springt neben das Tier und wirft eine weitere Granate – Pferdebeine, Innereien sowie der Bombenwerfer selbst wirbeln durch die Luft. Ein anderer eilt herbei, zerrt die Geldsäcke aus der Kutsche. Doch er weiß nicht, wohin in dem Chaos, dem Rauch, dem Lärm.

Die überlebenden Wachen greifen zu ihren Waffen. In diesem Moment prescht ein Wagen auf den Platz: Ein weiterer Angreifer, in einer Hand die Zügel, in der anderen eine feuernde Mauser, flucht und brüllt, reißt die Säcke an sich, schafft es noch, eines der Mädchen aufzugreifen – und jagt los. Fort von dem Schlachtfeld, über den Golowinskij-Prospekt, vorbei am Statthalterpalast, der dem Vertreter des Zaren im Kaukasus als Residenz dient und wo jetzt Soldaten zusammenlaufen, Kosaken ihre Pferde satteln, sich der stellvertretende Polizeichef zum Tatort aufmacht. Das Geld sei in Sicherheit, schreit der Fliehende ihm zu: „Fahren Sie zum Platz!“

Den Banditen gelingt die Flucht

Der Bluff gelingt. Der Räuber fährt weiter, biegt ab und verschwindet schließlich im Hof einer Tischlerei. Dort sitzt er ab und gießt sich einen Eimer Wasser über den schweißnassen Kopf – geschafft! Zahlreiche Tote und Dutzende Verwundete liegen auf dem Hauptplatz, als Verstärkung eintrifft. Da sind die Banditen bereits in die Seitenstraßen und schwirrenden Basars getaucht. Patrouillen schwärmen aus. Jeder Spitzel und Informant wird befragt: Das Geld darf Tiflis auf keinen Fall verlassen.

Am Abend des gleichen Tages kommt ein 28-jähriger Mann heim in eine Wohnung auf der Frejlinskaja-Straße, in der er mit seiner Frau und seinem zwölf Wochen alten Sohn lebt, wenige Fußminuten vom Ort des Verbrechens entfernt.

Wo er den Vormittag verbracht hat, ist unbekannt; vielleicht hat er in der Bahnhofsgegend gewartet, um notfalls rasch verschwinden zu können.

Denn er ist es, der den Auftrag zum Blutbad auf dem Eriwanskij-Platz gegeben hat. Der Drahtzieher – einer der brutalsten, raffiniertesten und effizientesten Gangster des Russischen Reiches. Ein kleiner, zäher Georgier mit dichtem, kastanienbraunem Haar, das er lang und zurückgekämmt trägt. Trotz der Pockennarben an Gesicht und Händen ein gut aussehender, vielleicht sogar schöner Mann mit markantem Profil, die dunklen Augen honigfarben gesprenkelt. Zum roten Satinhemd trägt er einen grauen Mantel und einen schwarzen Filzhut. Dass er einen leicht steifen linken Arm hat, versucht er zu verbergen.

„Sosso“ rufen ihn seine Familie und Freunde, sein Taufname ist Iossif. Die russischen Behörden führen ihn als Iossif Wissarionowitsch Dschugaschwili. Lieber nennt er sich indes „Koba“; andere kennen ihn als „der Pockennarbige“, als „Petrow“ oder „Iwanow“. Er benutzt viele Tarnnamen, viele wird es noch geben, bevor einer haften bleibt.

Stalin.

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Zwar wird Iossif Dschugaschwili mehrmals verhaftet, so 1919 in Baku, wo die Polizei diese Registerkarte über ihn anlegt. Doch man verurteilt ihn stets nur für politsche Delikte - niemals wegen seiner zahlreichen Gewalttaten

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Jugend in Georgien

Der Raubüberfall seiner Bande an diesem Vormittag ist einer der spektakulärsten in der Geschichte des Russischen Reiches. Die Beute ist für den Kampf gegen die Zarenmacht gedacht: Das Geld soll an eine Untergrundgruppe gehen – an jene Partei, die zehn Jahre später die Herrschaft in Russland übernehmen und noch später ebendiesen Stalin an

ihre Spitze heben wird. Als mächtigsten Diktator des 20. Jahrhunderts.

Die erforderliche Härte und Schläue, sein Sendungsbewusstsein und Organisationstalent, sein zwanghaftes Misstrauen erwirbt der Georgier auf einem langen Weg: durch ein orthodoxes Priesterseminar und die kriminelle Unterwelt des Kaukasus, durch Verbannungen nach Sibirien und die inneren Kämpfe einer revolutionären Kaderpartei.

Jede Station hinterlässt ihre Spuren. Und trägt dazu bei, dass aus Iossif Dschugaschwili Josef Stalin wird.

Der junge Stalin wächst in einer archaischen Welt auf

Zu Beginn der 1880er Jahre, als er noch zärtlich Sosselo gerufen wird, bewohnt die Familie Dschugaschwili ein kleines Häuschen in der Stadt Gori, 65 Kilometer von Tiflis entfernt. Der Landstrich gehört wie die meisten Teile Georgiens seit Beginn des 19. Jahrhunderts zum Zarenreich. Zuvor unterstanden die verschiedenen Fürstentümer zumeist dem Persischen Reich oder den Osmanen. Das Volk der Georgier ist in zahlreiche Sprachgruppen und Clans untergliedert. Eine archaische Welt.

Vater Besso Dschugaschwili, ein selbstständiger Schuster, beschäftigt mehrere Lehrlinge und bis zu zehn Arbeiter. Es reicht fast immer für Butter, gefüllte Auberginen, Fladenbrot und Wein, gelegentlich auch für Schaschlik. Die Mutter Jekaterina, „Keke“, hängt an dem kleinen Sosso – zwei ältere Brüder sind als Säuglinge gestorben. Iossif aber, 1878 geboren, übersteht das erste Lebensjahr. Von der überglücklichen Mutter vergöttert, entwickelt er früh ein gebieterisches Selbstbewusstsein.

Keke ist eine schöne, lebensfrohe Frau. Sie hat Verehrer. Es gibt Gerüchte. Sie tragen wohl dazu bei, dass Besso

bald häufiger in der Schenke sitzt als in der Werkstatt. Er fängt an, die Frau und den Sohn zu schlagen, auch ohne Grund, und in einem Maße, das selbst im wenig zimperlichen Gori auffällt. Die Geschäfte leiden. Die Familie verliert das Haus, ein Wanderleben zwischen immer neuen Mietwohnungen beginnt.

Sosso wird als erster in der Familie eine Schule besuchen

Kekes Leben zerfällt, doch sie hegt einen Traum: Ihr Sohn soll als Erster in der Familie eine Schule besuchen, vielleicht danach das Priesterseminar. Der Vater reagiert mit rasender Wut. Er will einen Schuster zum Sohn. Doch als Sosso neun Jahre alt ist, hat der Vater seine Werkstatt schon aufgegeben. Er sucht in Tiflis Arbeit. In jenem Jahr, 1888, kommt sein Sohn in die örtliche Kirchschule.

Der Junge ist fleißig und begabt; er hat eine schöne Stimme und singt im Schulchor die Soli. Respekt aber verschafft man sich in Gori anders: auf der Straße, in Ringkämpfen, mit Fäusten. Zu Festtagen kämpfen Dreijährige gegen Dreijährige, dann die älteren Kinder, am Ende treten die Männer zur Massenschlägerei an. Alkohol fließt, Blut auch, bisweilen artet die Schlacht in Plünderungen aus. Es ist ein archaisches Ritual der Gewalt, geformt in Jahrhunderten des Krieges, um Männer an das Töten und Ertragen von Schmerzen zu gewöhnen. Dass Kinder und Jugendliche nicht nur zu traditionellen Festzeiten gegeneinander kämpfen, sondern auch alltags, in Banden, wird von einem großen Teil der Erwachsenen geduldet.

Wohl als Sechsjähriger zieht sich Iossif die Verkrüppelung des linken Arms zu – angeblich durch einen Unfall beim Schlittenfahren –, doch lässt ihn die Behinderung nur umso wilder um Respekt prügeln. Er tritt sogar gegen ältere Jungen zum Ringkampf an; notfalls bricht er die Regeln. Bis zum Schuleintritt vergeht kaum ein Tag, an dem er nicht von Stärkeren verdroschen wird, woraufhin er weinend nach Hause rennt – oder selbst jemanden zusammenschlägt. In der Schule aber lernt er gut. Mit 15, im August 1894, wird er am georgischen Priesterseminar in Tiflis angenommen.

Zeitgenössische Literatur ist am Priesterseminar verboten

Die vorherrschende Sprache im Seminar ist Russisch – Zar Alexander I. hatte die zuvor autonome Kirche der Georgier 1811 der russischen Orthodoxie unterstellt. Der Tagesablauf ist streng geregelt, das Essen karg, der Unterricht konservativ und anspruchsvoll, schon die Aufnahme setzt überdurchschnittliche Leistungen voraus. Zeitgenössische russische Literatur ist verboten, ebenso weltliche Schriften in georgischer Sprache. Die Aufseher, Mönche zumeist, beschäftigen Spitzel unter den Jungen; Missetäter kommen in den Karzer. Verbittert reagieren viele der begabten Zöglinge auf die geistige Enge. Es gibt geheime Lesezirkel, Schulstreiks. Am Tifliser Priesterseminar gärt es. So wie im gesamten Reich.

Gewaltig erstreckt sich das russische Imperium über zwei Kontinente. Es umfasst die fruchtbaren Weiten der Ukraine, die wilden Bergregionen des Kaukasus, die ehemaligen Khanate an der zentralasiatischen Seidenstraße. Seine eisige Nordküste reicht von Lappland bis kurz vor Alaska. Insgesamt hat das Riesenreich des Zaren, der auch über Finnland und Polen herrscht, mehr als 125 Millionen Einwohner, nimmt fast ein Sechstel der globalen Landfläche ein.

Voller Neid blicken die Bauern – eine vielfach verarmte Masse, die etwa 80 Prozent der Bevölkerung ausmacht – auf die Ländereien der adeligen Grundbesitzer. Immer mehr Menschen ziehen in die Elendsquartiere der großen Städte. Wer Arbeit in der expandierenden Industrie findet, schuftet für Löhne, die weit unter denen westeuropäischer Fabrikarbeiter liegen. Gewerkschaften gibt es nicht, die Presse ist zensiert; von einem Parlament, einer Verfassung gar will der Zar nichts wissen.

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Protest gegen den Zaren

Das missfällt auch vielen Bessergestellten: Unternehmern etwa, die aus eigener Kraft reich geworden sind, politisch jedoch unmündig gehalten werden, aber auch Ärzten, Anwälten, Lehrern, Ingenieuren und aufgeklärten Beamten. Derweil fordern Millionen mehr Rechte für ihre Sprache, Kultur oder Religion. Denn Russland ist ein Vielvölkerreich. Über 130 Idiome verzeichnen die Behörden. In Kirchen zahlreicher christlicher Konfessionen, in Synagogen, Moscheen, buddhistischen Tempeln beten die Untertanen des Zaren.

Und immer öfter gibt es Auseinandersetzungen. Im Kaukasus stehen sich christlich-orthodoxe Armenier und muslimische Aseris gegenüber, im Westen des Reiches kommt es zu Pogromen gegen Juden, polnische Katholiken fühlen sich durch die russische Sprach- und Religionspolitik diskriminiert, zunehmend auch die deutschbaltischen Lutheraner.

Im ganzen Reich formiert sich Protest gegen den Zaren

Elend, Unfreiheit, ethnische Konflikte: Überall im Reich wächst die Opposition. Radikale Intellektuelle haben bereits in den 1870er Jahren Geheimbünde gegründet, propagieren den Umsturz und schrecken selbst vor Terror nicht zurück.

Nationale Unabhängigkeitsbestrebungen gewinnen Anhänger auch im einfachen Volk; liberale Adelskreise fordern ebenso wie die bürgerliche Intelligenz Reformen. Arbeiter versammeln sich in geheimen Lesezirkeln, organisieren Streiks, reden von Revolution.

Doch der Zar sieht in dem Imperium nach wie vor eine Art riesiges Landgut, dessen Eigentümer allein er ist. Nikolaus II., 1894 auf den Thron gekommen, glaubt an die persönliche Regentschaft eines Monarchen, der göttlicher Eingebung folgt, schwelgt in Ritualen und Kostümen des 17. Jahrhunderts. Von Beginn an ist er mit der Regierungsarbeit überfordert – kann aber auch keine starken Minister ertragen und entlässt immer wieder seine fähigsten Berater.

Reformen lehnt er grundsätzlich ab. Nur so, meint er, könne er seinem Erbe treu bleiben. Anders als die Regierungen selbst der Vielvölkermonarchie Österreich-Ungarn oder des Deutschen Reiches macht Nikolaus praktisch keine sozialen oder politischen Zugeständnisse. Sein Regime setzt auf „Sicherheit“. Die Geheimpolizei öffnet Briefe, überwacht staatsfeindliche Kreise, wirbt in Terrorzellen Doppelagenten an, die sich anschließend selbst an Morden beteiligen. Hunderttausende werden nach Sibirien verbannt – ein großer Teil von ihnen für politische Vergehen.

Dennoch bilden sich in den 1890er Jahren immer neue Geheimzirkel, mehren sich die Streiks, gehen Woche für Woche oppositionelle Studenten in die Fabriken, um Untergrund-Lesekreise zu organisieren – darunter mehr und mehr solche, die sich an den Lehren von Karl Marx orientieren.

Längst begeistert der deutsche Vordenker des Kommunismus auch viele Unzufriedene im Russischen Reich. 1898 gründen seine Anhänger in Minsk eine konspirative Dachorganisation: die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands (SDAPR). Ihr Ziel: Die Arbeiter mit den Thesen von Karl Marx über das Wesen des Kapitalismus und die Gesetze der Geschichte vertraut zu machen – und so die Revolution vorzubereiten.

Stalin lernt schnell, wird jedoch häufig bestraft

Der Priesterschüler Iossif Dschugaschwili hat ein hervorragendes Gedächtnis und einen wachen Verstand. Er bekommt gute Noten. Allein: Schon bald erwischen ihn die Mönche mit Büchern moderner russischer und ausländischer Schriftsteller. Doch Sosso lässt sich nicht einschüchtern. Sein großes Idol ist der rebellische Held eines georgischen Romans, der gegen die Russen kämpft und zugleich einen blutigen persönlichen Rachefeldzug führt: Koba. So, fordert Iossif, sollen die Freunde ihn fortan nennen.

Präzise politische Vorstellungen hat der junge Seminarist nicht – vielmehr bestimmt noch jenes diffuse Freiheitsverlangen, das die romantische Abenteuergeschichte um Koba in ihm angesprochen hat, sein Denken: die Neigung zur Aufsässigkeit, der Widerwillen gegen das autoritäre Regiment der Mönche, sein georgischer Stolz. Doch dann, im vierten Jahr am Priesterseminar, stößt Sosso mit seinem Freundeskreis heimlicher Leser auf eine Lektüre völlig anderer Art: Karl Marx.

Der Jugendliche ist sofort beeindruckt. Die Theorien von Klassenkampf, Sozialismus und unaufhaltbarer Revolution geben seinem Trotz einen ideologischen Rahmen – seiner instinktiven Rebellion geschichtlichen Sinn. Die politische Welterklärung des Karl Marx ersetzt ihm den längst verlorenen Kinderglauben. Freiheit und Glück, wohl auch Rache für alle kleinen und großen Kränkungen: All das erwartet Koba nun von der proletarischen Revolution.

Vermutlich Anfang 1898 schleicht er sich zum ersten Mal aus dem Internat, um einen geheimen Arbeiterzirkel zu besuchen. Und im gleichen Jahr tritt der inzwischen 19-Jährige einer Gruppe georgischer Marxisten bei, die wenig später das Tifliser Komitee der SDAPR gründen wird. Mit dem Priesterberuf hat er innerlich schon lange abgeschlossen, doch die Ausbildung am Seminar setzt er noch fort. Im Frühjahr 1899 aber erscheint er nicht mehr zu den Abschlussprüfungen des fünften Studienjahres.

Möglicherweise hat die Seminarleitung ihm die Entscheidung erleichtert und ihm wegen fortdauernder Aufsässigkeit und nachlassender Leistungen das Stipendium für bedürftige Zöglinge gestrichen, das er zuvor erhalten hat. Als Dschugaschwili das Seminar verlässt, nimmt er eine solide klassische Bildung sowie ein quasi-religiöses Sendungsbewusstsein als junger Marxist mit – und angeblich auch einen Satz gestohlener Bücher aus der Bibliothek.

Er geht für einige Zeit aufs Land, kehrt aber bald nach Tiflis zurück. Ein Freund besorgt ihm einen Posten im meteorologischen Observatorium, wo er die Beobachtungsbücher führt und auswertet. Zwischen den wechselnden Tag- und Nachtschichten bleibt ihm Zeit, um zu lesen oder an lauen Abenden unter duftenden Akazien am Ufer der Kura über die Revolution zu diskutieren.

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Stalins Feldzug beginnt

Den größten Teil seiner Freizeit jedoch verbringt Dschugaschwili nun im Maschinenlärm der Eisenbahnbetriebsstätten oder im Güterbahnhof. Gemeinsam mit anderen Aktivisten verkündet er den Arbeitern die Ideen von Karl Marx, predigt die Revolution und stachelt zu Streiks an.

Er erweist sich als militanter Radikaler, der Kompromisse strikt ablehnt und stets rücksichtslos auf Eskalation setzt.

Die revolutionäre Bewegung soll nach seinen Vorstellungen von einer Elite eingeschworener Intelligenzler ausgehen – gewöhnliche Arbeiter hält er für unzuverlässig. Manchem Mitstreiter erscheint so viel Arroganz unerträglich. 1901 organisieren Sosso und seine Genossen eine Demonstration zum 1. Mai, dem internationalen Tag der Arbeiterbewegung. Etwa 2000 Menschen folgen einer roten Fahne in Richtung Eriwanskij-Platz.

Doch Soldaten und Polizisten warten schon, Kosaken galoppieren los. Klatschend gehen die schweren Riemenpeitschen, die einen Mann töten können, auf die Demonstranten nieder. Vielleicht eine halbe Stunde dauert die Straßenschlacht, dann fliehen die Teilnehmer der Kundgebung, viele werden verhaftet.

Am Schwarzen Meer soll Dschugaschwilli Streiks anzetteln

Mehrfach entgeht Dschugaschwili in den folgenden Monaten nur knapp der Geheimpolizei. Und steigt unterdessen auf: Im November wird er in das Tifliser Komitee der SDAPR gewählt. Um seine Fährte zu verwischen, zugleich aber wohl auch, um den allzu radikalen jungen Mann vorerst aus der Stadt zu schaffen, sendet ihn das Komitee auf eine Propagandamission: nach Batumi am Schwarzen Meer. Es ist der Ort, an dem Dschugaschwili den Umsturz proben wird.

Batumi, erst seit 1878 Teil des Zarenreichs, ist die Endstation einer Eisenbahnstrecke, die in Baku am Kaspischen Meer beginnt. Dort wird rund die Hälfte des weltweit verbrauchten Erdöls gefördert, und von dort bringen Züge das Petroleum über die kaukasische Landenge nach Batumi, wo es auf Schiffe verladen wird. Tausende Arbeiter schuften hier in Öllagern und Fabriken.

An der Promenade reihen sich weiße Villen. Im Kasino, im Yachtclub, in Luxusbordellen verkehren einheimische Magnaten, reiche Russen, die leitenden Angestellten internationaler Konzerne. Die prominentesten Unternehmer in Batumi sind die schwedisch-russische Industriellendynastie Nobel und die französischen Rothschilds. Ende 1901 heuert Dschugaschwili im Lagerhaus der Rothschild’schen Fabrik an, zu einem Tageslohn von 1,20 Rubel. Kurz darauf lädt er gut zwei Dutzend revolutionär gestimmte, besonders entschlossene Arbeiter zu einem Neujahrsabend in eine konspirative Wohnung und schwört sie auf ein härteres Vorgehen ein. Wenige Tage später steht ein dichter, schwarzer Rauchpilz über dem Hafen: Rothschilds Lager brennt.

Iossif Dschugaschwilis Feldzug hat begonnen. Denn das Unternehmen verweigert den Arbeitern, die beim Löschen geholfen haben, die ihnen zustehende Prämie – und der Genosse Koba sieht darin einen Anlass zum Streik. Schnell lenkt die Geschäftsführung ein, doch der Arbeitskampf in Batumi geht weiter. Dschugaschwili dehnt seine Agitation auf die Fabrik eines armenischen Ölmagnaten aus, dort können die Streikenden im Februar 1902 Lohnerhöhungen von 30 Prozent durchsetzen.

Dann sind wieder die Rothschilds betroffen: Das Management kündigt Massenentlassungen an, die Arbeiter treten erneut in den Ausstand. Die Obrigkeit inhaftiert einige Rädelsführer. Als am 9. März Hunderte Demonstranten das Gefängnis stürmen wollen, lässt ein Offizier das Feuer eröffnen, 13 Menschen sterben. Dschugaschwili jubelt. Denn das „Massaker von Batumi“ befeuert die Wut der Unzufriedenen im ganzen Land. In der Logik des georgischen Revolutionärs ist das ein Sieg.

Stalin befiehlt seinen ersten politschen Mord - an einem Spitzel

Koba schafft es in dieser Zeit, eine illegale Druckwerkstatt in Batumi zu installieren. Hier produzieren seine

Getreuen unablässig Flugblätter in georgischer, russischer und armenischer Sprache. In Batumi befiehlt er seinen vermutlich ersten Auftragsmord, an einem Spitzel: ein Tötungsbefehl, dem im Laufe seines Lebens Tausende folgen werden, letztlich Millionen.

Geheimhaltung, Misstrauen werden dem Georgier zur zweiten Natur – so wie auch die Vergeltungsbereitschaft, die er in den Bandenkämpfen seiner Jugend gelernt hat. Doch dann, im April 1902, vier Monate nach Dschugaschwilis Ankunft in Batumi, umringen Gendarmen ein Haus, in dem er eben noch eine konspirative Versammlung geleitet hat. Koba ist ohne Chance. Fast anderthalb Jahre sitzt er in verschiedenen Gefängnissen ein – und wird dann in die Verbannung nach Sibirien geschickt: nach Nowaja Uda. Ein Dorf im Nichts, zwischen Sumpf und Wald, gut 120 Kilometer vom nächsten Bahnhof entfernt.

Die Verbannten müssen sich in einer Bauernhütte einmieten; das Geld dazu, auch für Kleidung und Lebensmittel, erhalten sie vom Staat. Dann bleibt ihnen nichts als Ausharren – lesen, trinken, Dorfmädchen verführen. Zwischen den kaltgestellten, von Langeweile und Untätigkeit niedergedrückten Intellektuellen kommt es zu erbitterten ideologischen und persönlichen Kämpfen.

Jahrzehnte später wird sich Stalin damit brüsten, in der Verbannung den Ehrenkodex der übrigen politischen Delinquenten gebrochen zu haben, indem er sich mit gewöhnlichen Kriminellen einließ: Während seine Genossen die einfachen Verbrecher mieden, aus Furcht und aus Verachtung, sei er mit jenen auf ausschweifenden Zechtouren durch die Schenken gezogen.

Ehe er im November 1903 in Nowaja Uda eintrifft, nimmt Dschugaschwilis Partei eine folgenreiche Entwicklung. Im Sommer versammeln sich Delegierte der SDAPR erst in Brüssel, dann in London zu einer Parteikonferenz. Zwei Fraktionen stehen einander gegenüber.

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Flucht aus Sibirien

Die einen interpretieren Marx so, dass im rückständigen Russland der Kapitalismus erst noch voll aufblühen, eine bürgerliche Revolution stattfinden müsse, ehe die Arbeiterschaft den proletarischen Umsturz wagen könne. Bis dahin müsse man mit Gewerkschafts- und Bildungsarbeit den Schritt zum Sozialismus vorbereiten. Dagegen halten die Ungeduldigeren einen direkten Sieg des Proletariats für möglich – sofern es von einer straff gelenkten Kaderpartei geführt werde: „Gebt uns eine Organisation von Revolutionären, und wir werden Russland aus den Angeln heben“, schreibt ihr Führer, der aus Russland nach Westeuropa geflohene Wladimir Iljitsch Uljanow.

In London erlangt seine Fraktion die Mehrheit im Zentralkomitee der Partei und nennt sich fortan bolschewiki („Mehrheitler“) – im Gegensatz zu den unterlegenen Gemäßigten, den menschewiki („Minderheitler“). Uljanow ist auch Koba bekannt. Er ist sogar einer seiner Lieblingsautoren – unter dem Pseudonym „Lenin“. Der Georgier bewundert Lenin. Keine Frage, welche Seite er wählen würde. Aber er befindet sich gerade rund 6000 Kilometer weiter östlich auf dem Weg zu seinem Verbannungsort.

Generöse Kameraden ermöglichen Flucht und Freiheit

Fluchten und Fluchtversuche aus Sibirien sind Anfang des 20. Jahrhunderts nicht ungewöhnlich. Gefälschte Papiere gibt es in fast jeder Form zu kaufen, dazu kommen Kleidung, Proviant, Fahrkarten, Bestechungsgeld – alles in allem kostet der Weg in die Freiheit rund 100 Rubel. Auch Dschugaschwili erhält Geld und Unterstützung, vermutlich von

Verwandten und Parteigenossen, und tritt schon bald die Flucht an.

Anfang Januar 1904 verlässt er Nowaja Uda, nur sechs Wochen nach seiner Ankunft. Schlägt sich zur Bahnlinie durch. Schlängelt sich per Zug entlang der von Spitzeln und Agenten überwachten sibirischen Bahnhöfe nach Westen. Etwa zwei Wochen dauert die Flucht, dann trifft er in Tiflis ein.

Es ist der denkbar beste Moment für einen entschlossenen Revolutionär. Im Februar 1904 tritt das Zarenreich in einen verlustreichen Krieg mit Japan ein. Die Untergrundparteien haben Zulauf wie nie zuvor, mehrere Minister fallen Attentaten zum Opfer. Als sich Anfang 1905 die Kriegsniederlage abzeichnet und in Sankt Petersburg eine Demonstration blutig niedergeschossen wird, brechen im ganzen Reich Streiks und Unruhen aus, die aufgestaute Wut der Bauern entlädt sich in der Verwüstung adeliger Herrenhäuser.

Dschugaschwili wähnt den historischen Moment des Umsturzes gekommen: die, wie er es nennt, „Zeit der Rache“. Rastlos pendelt er zwischen den Städten des südlichen Kaukasus, ruft Arbeiter zur Revolte gegen das Zarenregime auf – hetzt aber auch gegen die menschewistische Konkurrenz, die unter den Georgiern weit größeren Zulauf hat als die Bolschewiki.

Ende April reist er in das westgeorgische Tschiatura, eine unwirtliche Minenstadt, die einen großen Teil des weltweit produzierten Mangans liefert. Koba tritt vor 2000 Bergleuten zu einem Rededuell mit menschewistischen Agitatoren an – und setzt sich durch. Tschiatura wird zu einer bolschewistischen Festung. Dschugaschwili richtet eine Druckerpresse ein, beschafft Waffen, organisiert Kampfgruppen.

Mit Schutzgelderpressungen füllen die Redelsführer ihre Kassen

All das kostet Geld. Schon lange erhalten revolutionäre Vereinigungen fast jeder Couleur Spenden von oppositionellen Unternehmern. Koba macht daraus nun ein System der Schutzgelderpressung im großen Stil: Wer nicht „spendet“, dessen Betrieb wird gesprengt, der Geschäftsführer ermordet. Wer zahlt, ist dagegen sicher, auch vor gewöhnlichen Kriminellen und ethnischer Gewalt.

Mitte Oktober, nachdem der Krieg gegen Japan ein für Russland zutiefst demütigendes Ende genommen hat, muss der Zar in Sankt Petersburg dem Druck im Land nachgeben und ein gewähltes Parlament versprechen sowie das Recht, Gewerkschaften und Parteien zu bilden.

Zwar wenden sich Dschugaschwili und andere sofort gegen diese „Falle“, predigen den fortgesetzten Kampf gegen „die liberalen Feinde des Volkes“. Doch die Spaltung der oppositionellen Front gelingt: Während die Bürgerlichen ihre politischen Ziele erreicht sehen, radikalisiert sich der Aufstand der Arbeiter und Bauern. Aber das Regime rüstet

zum Angriff. Die Revolution von 1905 strebt auf eine Entscheidung zu. Genau in diesem Moment tritt Iossif Dschugaschwili eine lang ersehnte Reise an. Auf einer Parteikonferenz will er jenen Mann treffen, den er aus der Ferne bewundert und der soeben sein Schweizer Exil verlassen hat, um näher an den Ereignissen zu sein: Lenin.

Es ist der 12. Dezember 1905. Dschugaschwili betritt den Volkssaal im finnischen, vom russischen Zaren beherrschten Tammerfors, dem heutigen Tampere. Er geht davon aus, dass Lenin die Parteidelegierten, die sich hier versammelt haben, warten lassen wird, wie jeder große Führer.

Doch verblüfft muss er feststellen, dass der „Bergadler unserer Partei“, wie Dschugaschwili ihn nennt, bereits in einer Ecke des Saals sitzt: ein unauffälliger, ja leutseliger Kahlkopf, der sich mit den Delegierten unterhält.

Koba, so wird er sich später erinnern, ist maßlos enttäuscht.

Erst als er Lenin kurze Zeit später reden hört – sachlich, logisch, kraftvoll – legt sich seine Skepsis. Allerdings: Der „Bergadler“ erhebt keinen Widerspruch, als die Delegierten eine Teilnahme der Bolschewiki an den Wahlen zur Duma, dem neuen russischen Parlament, erwägen. In Dschugaschwilis Augen eindeutig Kompromisslertum.

Der Georgier steht auf, greift den Plan in scharfen Worten an – und: Auch Lenin erhebt nun seine Stimme, unterstützt Dschugaschwilis Standpunkt. Zum Erstaunen der übrigen Funktionäre, aber die hält der Georgier ohnehin für Schwätzer. Die Konferenz von Tammerfors tagt noch, da erfahren die Teilnehmer vom Großangriff des Regimes: In Moskau schießen Soldaten den Arbeiteraufstand im Industrieviertel Presnja nieder, auch im Kaukasus rückt das Militär gegen die Zentren der Revolte vor.

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Kobas brutale Gang

Dschugaschwili eilt zurück nach Tiflis. In den folgenden Monaten dringen die Truppen des Zaren rücksichtslos

in die Provinzen vor und exekutieren Tausende Aufständische. Kosaken fallen peitschend, plündernd und vergewaltigend über rebellische Dörfer her. In einem blutigen Feldzug wird die Revolution von 1905 liquidiert. Dschugaschwilis Kampfgruppen im Kaukasus ziehen sich in den Untergrund zurück.

Doch die Agitation geht weiter. Um sie zu finanzieren, formt Koba aus einigen Kämpfern eine konspirative Bande, die Raubüberfälle begeht, aber auch Fluchten organisiert, Verräter tötet. Wohl im Frühjahr 1906 kann der Georgier Lenin davon überzeugen, dass er ein besonders fähiger und skrupelloser Kämpfer ist, und erhält wahrscheinlich direkt vom Anführer der Bolschewiki den Auftrag, Geld zu beschaffen.

Kobas Bande kennt kein Erbamen

Raubüberfälle und Schutzgeld dienen vielen revolutionären Gruppen als Finanzquellen. Doch Kobas Gang von rund zehn Männern und Frauen, die allein ihrem Anführer und Lenins Sache verschrieben sind, übertrifft die meisten bald an Kühnheit, Brutalität und Erfolg.

Die Bande plündert Pfandhäuser, überfällt Banken, Züge, Postkutschen, kapert wahrscheinlich sogar ein Schiff auf dem Schwarzen Meer. Sie erbeutet vermutlich Hunderttausende Rubel. Der größte Anteil wird zu Lenin geschmuggelt, der Rest dient zur Finanzierung der Agitation, für Waffenkäufe – und zur Organisation neuer Raubzüge.

Geplant werden die Verbrechen wohl unter anderem in dem Haus in der Frejlinskaja-Straße in Tiflis. Dort gewähren ein Kumpan und dessen drei Schwestern Koba Zuflucht und Unterkunft. Vor allem die jüngste, Jekaterina Swanidse, genannt „Kato“, bewundert den charmanten politischen Räuber. Die beiden beginnen eine Affäre. Im Juli 1906 heiraten sie – Kato ist schwanger. Dschugaschwili scheint aufrichtig verliebt.

Seiner Raublust tut das jedoch keinen Abbruch: Etwa um die gleiche Zeit begegnet er einem Schulfreund, der in der Tifliser Staatsbank arbeitet – und die geheimen Fahrpläne der staatlichen Geldkutschen kennt. Die Idee zu einem spektakulären Coup entsteht. Über ein halbes Jahr ziehen sich die Vorbereitungen hin. Die Bande wird um eine Anzahl erfahrener Gangster ergänzt. Dschugaschwili organisiert den Ablauf nach seiner Gewohnheit bis ins kleinste Detail, legt Treffpunkte, Uhrzeiten, Bewaffnung fest. Dann kommt der 13. Juni 1907.

Stalins Schergen erbeuten über eine Viertelmillion Rubel

Obwohl die Kosaken unmittelbar nach dem Überfall auf den Geldtransport das Viertel abriegeln, Gendarmen die üblichen Verdächtigen zusammentreiben und überall in der Stadt Häuser durchsuchen, ist keiner der Täter zu fassen – unter anderem deshalb, weil die einen wichtigen Gendarmerieoffizier bestochen haben.

Ungestört kann die Bande ihre Beute in eine Matratze einnähen: eine Viertelmillion Rubel – so viel, wie der Zar sich für ein ganzes Jahr als Privatbudget genehmigt. Eine der Frauen beaufsichtigt den Transport der gefüllten Matratze durch das nun von Polizisten und Soldaten überfüllte Tiflis zur alten Arbeitsstelle ihres Anführers, der Wetterstation. Als Koba abends heim zu seiner Familie kommt, liegt der Schatz, den halb Tiflis sucht, in der Couch eines nichts ahnenden Meteorologen.

Später wird ein Vertrauter das Geld zu Lenin nach Finnland schmuggeln, der es wiederum im Ausland waschen lässt. Und wohl endgültig zu dem Schluss kommt, dass Iossif Dschugaschwili genau die Art Mensch ist, die er braucht. Noch im Sommer 1907 bricht Dschugaschwili mit seiner Frau und dem wenige Monate alten Jakow nach Baku auf, der anarchischen, mafiösen und zugleich mondänen Öl-Stadt am Kaspischen Meer.

Doch während Koba Fuß fasst, Arbeiter agitiert, Macht über die örtliche Partei gewinnt, ihre bewaffneten Gruppen reorganisiert, erkrankt Kato in der fauligen Hitze von Baku. Dschugaschwili schickt sie zurück nach Tiflis – zu spät: Ende November 1907 stirbt sie mit nur 22 Jahren, vermutlich an Fleckfieber.

Der Mann, der einmal Stalin sein wird, weint wie ein Kind. Mit Kato sei „das letzte warme Gefühl für die Menschen“ in ihm gestorben, soll er bei der Beerdigung geschluchzt haben. Noch im Winter nimmt er den Kampf wieder auf. Rücksichtsloser als je zuvor. „Politik ist ein schmutziges Geschäft“, sinniert er später: „Wir alle leisteten schmutzige Arbeit für die Revolution.“

Revolutionäre, Kriminelle, Bonzen - Alle Seiten greifen zur Gewalt

Schmutzige Arbeit, das heißt: Mord, Raubmord, Brandstiftung, Schutzgelderpressung, Kindesentführungen. Der Georgier bleibt der wichtigste Geldbeschaffer der Bolschewiki. In der gesetzlosesten Stadt des Zarenreiches verschwimmen die Grenzen zwischen Revolutionären, organisierter Kriminalität und ungezügeltem Kapitalismus: Alle Seiten greifen zur Gewalt, bekämpfen sich – oder schließen unter der Hand Abkommen.

Industriebosse unterhalten zum Schutz ihrer Ölfelder Schlägertrupps oder kaufen sich mit großen Summen frei; manche sympathisieren gar mit den radikalen Feinden des verhassten Regimes, einige haben selbst eine revolutionäre Vergangenheit. Dschugaschwili schafft sich unter den zumeist analphabetischen Arbeitern eine Hausmacht. Verfolgte Revolutionäre aus allen Teilen des Landes strömen nach Baku. Der Georgier wird so etwas wie der bolschewistische Pate einer anarchischen Stadt.

Er hat keine feste Adresse, wechselt selten die Kleider und sieht aus wie ein beliebiger Arbeitsloser. Doch nach gelungenen „Expropriationen“, wie die Raubzüge im Jargon der Bolschewiki heißen, spendiert er seinen Gefolgsleuten ausgelassene Feiern in den Privatzimmern teurer Restaurants. Später nennt er es seine „Gesellenzeit“. Sie endet in der Nacht zum 25. März 1908. Bei einer Hausdurchsuchung geht der Polizei ein Gajos Bessowitsch Nischeradse in die Fänge. „Bessowitsch“, „Sohn des Besso“ – eine dieser Anspielungen in Decknamen, zu denen Dschugaschwili zeitlebens neigt. Erst nach sieben Tagen begreifen die Gendarmen, dass sie den prominentesten Bolschewiken des Kaukasus verhaftet haben.

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Stalin muss zum Militär

Bis 1917 wird Dschugaschwili nur noch anderthalb Jahre als freier Mann verbringen, auf der Flucht zwischen immer neuen Arresten und Verbannungen. Zugleich jedoch steigt er unter Lenins Protektion vom Geldbeschaffer zum Mitglied des höchsten Parteigremiums auf, des Zentralkomitees. Er beginnt, sich „Stalin“ zu nennen, abgeleitet vom russischen Wort für Stahl – wohl auch, weil es ähnlich klingt wie Lenin.

1913 verurteilt ihn ein Sondergericht zu vier Jahren Verbannung im Norden Sibiriens, nicht weit vom Polarkreis. Die Gegend ist fast menschenleer, der Winter dauert neun Monate, auf seinem Höhepunkt gibt es praktisch kein Tageslicht mehr. Die Temperaturen fallen bis auf minus 60 Grad Celsius. Eine Flucht scheint ausgeschlossen.

Stalin nimmt die Überlebenstechniken der hier heimischen Ureinwohner an. Als beim Fischen eines Tages ein Mann zurückbleibt und im eisigen Wasser ertrinkt, sagen sie: „Warum sollen wir Mitleid mit Menschen haben? Von ihnen können wir jederzeit mehr machen. Aber ein Pferd – versuch mal, ein Pferd zu machen.“

Ende 1916 hat die Verbannung ein Ende

Dschugaschwili lernt, wochenlang allein zu sein, im Wald, ohne einen Menschen. Die Wölfe, die heulend seine Hütte umkreisen, wird er nicht mehr vergessen; später zeichnet er sie bei Sitzungen auf Dokumente. Neben den georgischen Straßenkämpfer, den Priesterseminaristen, den Meister der Konspiration, den Mafiaboss und Parteisoldaten tritt nun der Eisjäger Stalin, mit seinem Selbstverlass und seiner Wachsamkeit in Kälte und Isolation. Ende 1916, der Erste Weltkrieg ist im dritten Jahr, das Regime wankt unter Niederlagen und Verlusten, werden selbst Verbannte zum Militär eingezogen. Auch Iossif Dschugaschwili.

Als er jedoch im Februar die sibirische Stadt Krasnojarsk erreicht, erklärt ihn ein Musterungsarzt für untauglich – wegen seines steifen Arms. Kurz darauf bricht das Regime zusammen: Am 2. März 1917 dankt Nikolaus II. ab. Wenige Tage später sitzt Stalin im Zug nach Petrograd, wie Sankt Petersburg seit Kriegsbeginn heißt. Am Morgen des 12. März 1917 trifft er auf dem dortigen Nikolajewskij-Bahnhof ein. Die Revolution, die er stets ersehnt hat, ist bereits im Gange.

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