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Reformation Europa vor der Glaubensspaltung

Um das Jahr 1500 erleben die Christen des Abendlandes gewaltige Umbrüche. Die folgenreichste aller Umwälzungen geht von einem deutschen Theologieprofesssor aus, der sich gegen die Allmacht der Kirche erhebt
In diesem Artikel
Lang währt die Macht der Kirche
Muslime bedrohen die Christenheit
Bußprediger erhalten regen Zulauf

Lang währt die Macht der Kirche

Im Jahr 1500 zeigt die katholische Kirche die ganze Fülle ihrer Macht über die Christenheit. Papst Alexander VI. hat ein „Heiliges Jahr“ ausgerufen, das den Gläubigen bei einer Pilgerschaft nach Rom den vollständigen Erlass ihrer Sündenstrafen verspricht. Hunderttausende reisen daraufhin aus allen Teilen der christlichen Welt in die Ewige Stadt.

Sie alle fürchten das Fegefeuer und hoffen auf den straferlösenden Segen, den der Pontifex urbi et orbi, der Stadt

und dem Weltkreis, erteilt. Jenen Segen, den nur der Nachfolger des Apostels Petrus spenden kann, das Oberhaupt der „einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche“.

Ein Jahrtausend lang überdauert die Macht der Kirche

Seit mehr als 1000 Jahren regiert die una sancta catholica et apostolica ecclesia das geistliche Universum des Abendlandes. Allein, ohne Widerspruch zu dulden. Seit dem 5. Jahrhundert ist Rom der Mittelpunkt der westlichen Welt und sein Bischof – der Papst – der Erste unter den Kirchenführern; auch kein weltlicher Fürst steht im Rang über ihm.

Es ist den katholischen Theologen vorbehalten, die Bibel auszulegen. Nur die Geistlichen der römischen Kirche dürfen Gottesdienste abhalten und das Abendmahl spenden; Tag für Tag diktieren sie den Gläubigen, wie sie ihr Leben

zu führen haben, und drohen mit dem ewigen Höllenfeuer, wenn die Menschen sich nicht an Ge- und Verbote halten.

Denn die Macht der Kirche reicht über das Diesseits hinaus. Das Beten, Wirken und Sterben Jesu Christi und der Heiligen habe einen Schatz von Verdiensten angehäuft, heißt es in einer päpstlichen Bulle von 1343 – und diesen Schatz kann der Pontifex nach Belieben einsetzen: etwa, um für einen Gläubigen oder dessen bereits verstorbene Vorfahren die Qualen des Fegefeuers zu verringern (in das Purgatorium geht die Seele des Menschen nach dessen Tod ein, um dort von den Sünden gereinigt zu werden und auf das Jüngste Gericht zu warten).

Allerdings ist die Großzügigkeit des Heiligen Vaters nicht kostenlos zu haben: Man muss dafür Ablassbriefe erwerben. Deren Verkauf ist eine wichtige Einnahmequelle des Vatikans, der häufig in Geldnot ist. Ein Jahrtausend hat diese beispiellose Macht weitgehend unangefochten überdauert – bis nur wenige Jahre nach dem heiligen 1500 ein deutscher Mönch gegen sie rebelliert. Und damit die vielleicht tiefstgreifende Revolution in der europäischen Geschichte auslöst.

Als Martin Luther 1517 mit 95 Thesen den Ablasshandel verdammt, ist er noch ein frommer und gehorsamer Mönch, der auf eine Reform innerhalb der römischen Kirche hofft. Doch statt sich der maßvollen Kritik anzunehmen an dem Unwesen, Erlass für Sündenstrafen gegen Geld zu verkaufen, exkommuniziert Papst Leo X. den Augustinerbruder.

Und bringt Luther dazu, immer radikalere Pamphlete zu formulieren: gegen die Lebensführung der Priester, gegen Geldgier und Prunksucht des Vatikans. Für eine Theologie, die sich nur noch an der Bibel orientiert. Gegen eine Kirche, die ein Instrument weltlicher Macht ist.

Der Klerus verliert das Monopol auf die Deutung der Religion

Es sind Vorwürfe, die viele Menschen für gerechtfertigt halten. Deshalb gewinnt die neue protestantische Lehre rasch immer mehr Anhänger und spaltet die Christenheit. Neben der katholischen Kirche wachsen in Deutschland, der Schweiz, Skandinavien, den Niederlanden, Britannien und Frankreich evangelische Konfessionen heran und grenzen sich scharf von den Altgläubigen ab. In den 130 Jahren nach Luthers 95 Thesen werden sich die Anhänger der verfeindeten Kirchen immer wieder in Religionskriegen gegenüberstehen, die weite Teile des Kontinents verwüsten.

Die protestantischen Prediger verwerfen bislang unumstrittene Pfeiler des Glaubens, die das Alltagsleben der Menschen seit Jahrhunderten bestimmen. Diese Grundpfeiler seien nicht durch die Bibel gerechtfertigt, lehren die Reformatoren, sondern nachträgliche Erfindungen der katholischen Kirche: etwa die Sakramente der Priesterweihe und der Letzten Ölung oder die Verehrung von Heiligen (deren Statuen Bilderstürmer daraufhin aus den Kirchen werfen).

Jeder Christ solle selbst in der Bibel lesen, um zu Gott zu finden. Die Heilige Schrift bedürfe, anders als von den Katholiken gepredigt, keiner Interpretation durch einen Priester. Den Papst, der sich anmaße, allein über das Wort Gottes zu richten, verflucht Luther als Antichristen. Damit verliert der katholische Klerus das Monopol auf Vermittlung und Deutung der Religion – und der Papst seine Autorität als alleiniges geistliches Oberhaupt des Westens.

Die Macht der säkularen Landesherren hingegen wächst: Heinrich VIII. von England etwa ernennt sich selbst zum Oberhaupt seiner nationalen Kirche. Und die evangelischen Fürsten des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation setzen gegen den katholischen Kaiser den Anspruch durch, über die Konfession ihrer Untertanen selbst zu bestimmen.

Auch altgläubige Herrscher drängen um 1500 den Einfluss des Vatikans zurück: Mit der Drohung, keine Gelder mehr nach Rom zu überweisen, zwingt das spanische Monarchenpaar den Papst dazu, ihm die Oberhoheit über Inquisition und Ritterorden abzutreten. Und der französische König nimmt sich das Recht, fortan Bischöfe selbst einzusetzen.

Die protestantischen und katholischen Fürsten schaffen so – indem sie die Macht des Papstes beschneiden, die Kirche ihrer Souveränität unterwerfen und die Herrschaftsrechte in ihren Territorien auf sich konzentrieren – eine wesentliche Voraussetzung für die Entstehung moderner Staaten.

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Geschäft mit der Angst: Durch den Ablasshandel finanzieren die Päpste Kriegszüge und Kathedralen (Holzschnitt von 1521)

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Muslime bedrohen die Christenheit

Diese Sprengkraft können die in gelehrtem Latein verfassten Thesen des Wittenberger Theologen jedoch nur entfalten, weil sie auf eine zutiefst verunsicherte Christenheit treffen – eine Gesellschaft, deren Fundamente bereits in Bewegung geraten sind: durch gewaltige Entdeckungen und grundstürzende Erfindungen. Sowie durch eine einschneidende Katastrophenerfahrung. Denn zwei Generationen zuvor, am 29. Mai 1453, hat die christliche Welt ihre bedeutendste Stadt neben Rom verloren: Damals eroberte Sultan Mehmet II. Konstantinopel – die Kapitale des byzantinischen Kaiserreichs und Metropole der östlichen Christenheit.

Bei ihrem Angriff zerschmetterten die Osmanen die gewaltige Stadtmauer, die von den Zeitgenossen für unbezwingbar gehalten wurde, mit einer neuartigen Kanone, deren Lauf acht Meter lang war und 500 Kilogramm schwere Steinkugeln verschoss. Die Eroberer plünderten die Stadt, töteten und versklavten Zehntausende und wandelten die prächtige Hagia Sophia, Kathedrale der Heiligen Weisheit, zur Moschee Ayasofya um.

Islamische Kämpfer bedrohen die abendländische Christenheit

Die Menschen in Europa waren entsetzt: „Noch nie ist etwas Schrecklicheres geschehen, und es wird niemals etwas Schrecklicheres geschehen“, notierte ein Mönch. Kaiser Friedrich III. weinte, als er die Nachricht hörte. Viele der rund 50 Millionen Christen im Abendland sahen in den Osmanen die „Zornesrute“, mit der Gott sie für ihre Sünden strafen wolle; manche glaubten sogar, in der Katastrophe am Bosporus kündige sich das Ende der Welt an.

Die islamischen Angreifer rückten scheinbar unaufhaltsam weiter gegen Zentraleuropa vor, nahmen in den

folgenden Jahren Serbien ein, den Peloponnes, Albanien. Landeten in Süditalien, wo sie in Otranto einen Erzbischof am Altar ermordeten sowie 12 000 Bürger der Stadt. Im Herbst 1477 verheerten osmanische Truppen das

Hinterland von Venedig; vom Campanile auf dem Markusplatz war der Rauch ihrer Feuer zu erkennen. Ein Kleriker klagte, die Axt sei an die Wurzel gelegt: „Wenn uns nicht göttliche Hilfe zuteil wird, ist es um den christlichen Namen geschehen!“

Doch anstatt der islamischen Expansion gemeinsam entgegenzutreten, überzogen sich die drei bedeutendsten christlichen Mächte – der römisch-deutsche Kaiser sowie die Könige von Frankreich und Spanien – mit Krieg. Im Jahr 1494 fiel der französische Monarch Karl VIII. in Italien ein, um das Königreich Neapel zu erobern, das zum spanischen Besitz gehörte (einer seiner Nachfolger, Franz I., verbündete sich später sogar mit den Osmanen gegen den Kaiser).

Der Feldzug war nur der Beginn eines jahrzehntelangen Hegemonialkampfes um die Apenninenhalbinsel – eines Konfliktes, in dem sich der Kirchenstaat nun, im 16. Jahrhundert, mal auf die eine, mal auf die andere Seite schlägt. Als Papst Clemens VII. 1527 gerade in einer Allianz mit Frankreich steht, nehmen deutsche und spanische Söldner kurzerhand Rom ein: Die Landsknechte Karls V., des Schutzherrn der katholischen Kirche, plündern (im Verlauf dieses „Sacco di Roma“) das Zentrum der Christenheit, rauben Kunstschätze aus Palästen und Kirchen und ermorden Tausende Bewohner.

Kolumbus entdeckt Amerika, der Buchdruck verändert die Welt

Während das christliche Europa im Südosten immer kleiner wird und in Kriegen zerfällt, findet ein Genueser namens Christoph Kolumbus auf der anderen Seite des Globus eine neue Welt: Am 12. Oktober 1492 erreicht der Kapitän die Bahamas, die er für die ihn finanzierende spanische Krone in Besitz nimmt. Es wird nicht lange dauern, bis die Europäer erkennen, dass der Entdecker nicht, wie er glaubte, an einer asiatischen Inselgruppe gelandet ist, sondern an den Küsten eines unbekannten Kontinents. Es muss für die Menschen des Abendlandes eine erschütternde Nachricht sein, dass es einen riesigen Erdteil gibt, dessen Bewohner den Namen Jesus Christus noch nie vernommen haben.

Schon 1494 teilt der Papst die gesamte westliche Hälfte des Erdballs unter den iberischen Seemächten auf. Und verleiht dem König von Spanien das Recht, die Bewohner Amerikas für die katholische Kirche zu missionieren. Und noch auf eine andere Weise wächst die Welt des Christentums. Denn um 1500 hat bereits ein weiterer Umbruch begonnen: jene wissenschaftliche Revolution, deren Forschungsergebnisse und Neuerungen das Denken und Leben der Menschen verändern werden.

Es sind Erfindungen wie die des Mainzers Johannes Gutenberg: Um 1455 entsteht in dessen Werkstatt Europas erstes mit beweglichen Metalllettern gedrucktes Buch – eine Bibel. Bis zum Ende des Jahrhunderts werden 40 000 Titel mit einer Gesamtauflage von acht Millionen Exemplaren unter die Leute gebracht. In ungeheurer Geschwindigkeit verbreiten sich nun religiöse, politische, soziale Meinungen in Pamphleten, Schriften und auf Flugblättern.

Zur gleichen Zeit verdrängt der Astronom Nikolaus Kopernikus die Erde aus dem Zentrum des Universums und rückt stattdessen die Sonne hinein, um die sich der Globus und die anderen Planeten drehen. So revolutionär ist dieses neue Weltbild, und so sehr fürchtet Kopernikus den Spott seiner Kollegen, dass er seine Erkenntnisse erst kurz vor

seinem Tod veröffentlichen lässt.

Im Verlauf des 16. Jahrhunderts wird sich die wissenschaftliche Revolution dann noch weiter beschleunigen: In Nürnberg baut ein Mechaniker die erste tragbare Uhr; explosive Kanonenkugeln und neue Gewehrzündungen verbessern die Kriegstechnik, und der Italiener Leonardo da Vinci entwirft sogar Roboter und Flugmaschinen.

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Bußprediger erhalten regen Zulauf

Auf all diese Veränderungen, vor allem aber auf Katastrophen und Umbrüche reagieren die Menschen mit Unsicherheit und Angst. Italienische Bauersfrauen wie englische Gelehrte oder kastilische Aristokraten fürchten sich nun vor alten Seuchen wie der Pest und neuen wie der Syphilis. Sie bangen vor dem Islam, vor dem Jüngsten Gericht, der Hölle, ewiger Verdammnis. Und vor dem Fegefeuer: So bringt es Kardinal Albrecht von Brandenburg, der mächtigste deutsche Kleriker, auf einen derart hohen Ablass, dass er sich damit mehr als 39 Millionen Jahre Sündenstrafe erspart.

Aber die römische Kirche ist immer weniger in der Lage, die Angst der Gläubigen zu lindern. Ein Erfurter Benediktinermönch klagt 1490, die Leute wollten schon gute Schafe sein, wenn sie nur einen guten Hirten hätten. Der Hirte aber wolle ihnen nicht nur die Wolle scheren und sie vor den Wölfen beschützen: „Er sucht ihnen auch das Fleisch vom Leibe zu reißen und zu verschlingen, Trost aber bietet er wenig oder gar nicht und Frömmigkeit – was für ein Hirte ist das?“

Viele Gläubige treibt es in die Arme von Bußpredigern

Viele Christen folgen deshalb selbsternannten Bußpredigern wie Hans Böhm, dem „Pauker von Niklashausen“ – einem Hirten, der 1476 in Franken Geistlichen und Adeligen ein furchtbares Strafgericht androht und dem Volk ein „neues Reich Gottes auf Erden“ verkündigt. 40 000 Menschen hören seine apokalyptischen Visionen, bis ihn der Bischof von Würzburg auf den Scheiterhaufen schleppen lässt. Auch der Dominikaner Girolamo Savonarola, der 18 Jahre später mit seinen radikalen Aufrufen zur Aufgabe von weltlichem Besitz zum geistlichen Diktator von Florenz aufsteigt, wird verbrannt.

Und die Amtskirche? „Das ist der Bischöfe Werk“, mahnt ein Straßburger Domprediger in einer Kanzelrede über den hohen Klerus: „Mit viel Pferden reiten, große Ehr einnehmen, den Säckel füllen, gute Hühnlein essen und den Huren nachlaufen.“ Doch ahmen manche Bischöfe damit nur jenen Luxus nach, den ihnen die Kirchenoberhäupter vorleben. Zum Beispiel Papst Alexander VI. (1492–1503) aus der berüchtigten Borgia-Familie – ein Heiliger Vater, der sich die Stimmen der wahlberechtigten Kardinäle mit ungeheuren Summen sowie der Vergabe von lukrativen Pfründen erkauft.

Alexanders Interesse gilt vor allem seinen sieben (vielleicht auch neun) Kindern, die er glänzend verheiratet und mit Fürstentümern ausstattet; seinen Sohn Cesare etwa macht er zum Erzbischof von Valencia – mit 17 Jahren, ohne dass dieser Priester ist. Ganz Europa spricht über die (zum Teil womöglich erfundenen) Skandale am Hof der Borgia; da ist von Giftmorden die Rede, von Orgien der Prälaten mit Lustknaben und vom Inzest des Heiligen Vaters mit seiner eigenen Tochter.

Und als es seinen Interessen dient – er sucht Unterstützung gegen den französischen König –, verbündet sich

Alexander sogar mit dem mächtigsten Feind der Christenheit: dem türkischen Sultan. Oder Julius II. (1503–1513), den die Italiener „Il Terribile“ nennen, den Schrecklichen, weil er kein Seelsorger ist, sondern ein Kriegsherr, der sich nur um die Ausweitung der vatikanischen Macht kümmert; einen „Blutsäufer“ wird Luther diesen Papst schmähen, der an der Syphilis stirbt.

Schließlich Leo X. (1513–1521), aus der Florentiner Kaufmannsdynastie der Medici; der venezianische Botschafter behauptet, dieser Papst habe nach seiner Wahl verkündet: „Da Gott uns das Pontifikat gegeben hat, lasst es uns genießen!“ Das kunstsinnige Kirchenoberhaupt verschenkt und verprasst während seiner Herrschaft im Vatikan 4,5 Millionen Dukaten. Das entspricht 15 Tonnen reinen Goldes – oder etwa dem Achtfachen der Bestechungsgelder, mit denen Karl V. sich 1519 die römisch-deutsche Königskrone erkauft.

Deshalb benötigt der Heilige Vater dringend Geld. Und eine der wichtigsten Einnahmequellen Leos ist der Verkauf von Ablassbriefen: jener Handel mit Freisprüchen von Sündenstrafen, die Martin Luther so erzürnen, dass er seine 95 Thesen verfasst.

Reformatoren wettern gegen die Verweltlichung der Kirche

Zwar ist Luther der erste und wichtigste Reformator im 16. Jahrhundert – aber bei Weitem nicht der einzige. Viele Theologen erkennen die Notwendigkeit einer Erneuerung der römischen Kirche: in Deutschland etwa Luthers Doktorvater Andreas Bodenstein, genannt Karlstadt, der radikal die Entfernung sämtlicher Bilder aus den Gotteshäusern fordert. Oder der thüringische Pastor Thomas Müntzer, der an das baldige Weltende glaubt und an der Spitze aufständischer Bauern gegen adelige Herren kämpft.

In der Schweiz ist es der Züricher Prediger Ulrich Zwingli, der kurz nach Luther und doch unabhängig von ihm Heiligenverehrung und Papstmacht als falsch anprangert. Und – eine Generation später – der aus Frankreich stammende Johannes Calvin, der seine theologische Lehre auch praktisch umsetzt und Genf zu einer Musterstadt seiner Reformation macht; eiserne Tugendgesetze und harte Strafen sollen die Bürger dort zu einem Leben zwingen, das allein biblischen Vorschriften folgt.

Aber auch hohe katholische Kleriker erkennen in dieser Zeit entsetzt, welche Folgen der Zustand ihrer Kirche hat. Der Franziskaner Jiménez de Cisneros, Erzbischof von Toledo, Beichtvater der Königin Isabella und Generalinquisitor, führt eine strenge Überwachung der Sitten der spanischen Mönche ein und verbessert entscheidend die Ausbildung der Priester. Der Baske Ignatius von Loyola gründet den Jesuiten-Orden, die neue intellektuelle Kraft Roms; die Brüder richten Schulen und Universitäten ein, an denen vor allem die Söhne des europäischen Bürgertums lernen.

Und Gasparo Contarini, ein venezianischer Kardinal, erstellt für den Papst 1537 ein Reformgutachten und hofft, durch grundlegende Veränderungen der katholischen Lehre die verfeindeten Konfessionen wieder miteinander vereinigen zu können – vergebens. Offenbar ist kurz nach dem Heiligen Jahr 1500 die Zeit reif für eine Umwälzung. Doch trotz der häufig ähnlichen Ziele und Erkenntnisse zahlreicher Autoren und Prediger: Es sind die Thesen Martin Luthers, die jene geistliche Revolution auslösen.

Es sind die Pamphlete und Schriften des Wittenbergers, es ist seine Kritik am Papsttum, an der Verweltlichung und Korruption der Geistlichkeit, die als Katalysator wirken für die Reformation – eine wahrhaftige Revolution, die nach 1000 Jahren die allmächtige „eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“ spaltet.

Und mit ihr das Abendland.

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