Logo GEO Epoche
Das Magazin für Geschichte

Revolutionär der Kunst: Caravaggio

Er spottet, prügelt, trinkt und tötet. Doch vor allem bricht er die Gesetze der Kunst: Der 1571 geborene Caravaggio rebelliert gegen den Stil der Renaissance und deren Suche nach dem schönen Ideal. Für seine Madonnen posieren Prostituierte, seine Helden sind jugendliche Rabauken. Roms Aristokratie feiert ihn. Doch dann muss er den Preis für seine Eskapaden zahlen.

Lesen Sie einen Auszug aus der Erstausgabe von GEOEPOCHE EDITION zum Thema "Barock":

Er hat ein Dach über dem Kopf. Eine Matratze in der Ecke. Eine Staffelei, Farben und einen Arbeitsvertrag. Monatelang ist der junge Lombarde Michelangelo Merisi durch Rom gezogen, hat Zimmer und Ateliers gewechselt. Einmal kam er als Diener bei einem Kleriker unter, der ihm jeden Abend nur Salat zu essen gab. Es war eine hoffnungslose Zeit. Jetzt aber, im Jahr 1593, wird alles anders. Hier, in dieser Werkstatt im historischen Zentrum nahe der Piazza della Torretta, will er es schaffen: Roms zweiter Michelangelo werden. Ein Maler, so brillant, dass er sich alles erlauben kann.

0168a48932e0f21938a855a2e4925a0c

Die Klinge hat die Kehle schon fast bis zum Rückgrat durchschnitten, Blut spritzt auf Bett und Kissen, aus dem halb geöffneten Mund entweicht ein letzter Atemzug. Caravaggios Zeitgenossen kennen die biblische Geschichte der Judith, die ihre Heimat rettet, indem sie den Tyrannen Holofernes ermordet. Doch kein Maler hat sie ihnen jemals so gezeigt: voller Gewalt und sexueller Spannung

d7dc36bb93b4bd51d5f281101c3654a0

Erst wenn er den Finger in die Wunde an dessen Seite gelegt habe, will der Apostel Thomas glauben, dass Jesus tatsächlich auferstanden ist. Caravaggio malt diese Szene aus dem Johannesevangelium in schonungslosem Realismus - und prangert damit den Betrachter des Bildes an. Denn auch dieser schaut ja hin, während Christus diejenigen für selig erklärt, "die nicht sehen und doch glauben"

So, wie seine beiden neuen Dienstherren, die Brüder Giuseppe und Bernardino Cesari, es möchten. Der eitle und ruppige Giuseppe ist nur wenig älter als der 22-jährige Merisi und gilt schon bald als erfolgreichster Maler der Heiligen Stadt. Der Papst schwärmt für ihn. 1594 ist Giuseppe an einer Messerstecherei beteiligt und wird zwei Jahre später mit einer verheirateten Frau erwischt, doch es bleibt bei einer Geldstrafe.

Sein Bruder Bernardino Cesari ist im Sommer vor Merisis Ankunft zu einer Geld- und Körperstrafe verurteilt worden, weil er südlich von Rom mit befreundeten jungen Feudalherren zum Spaß brutale Raubüberfälle auf Reisende verübte.

Um einer Verhaftung zu entgehen, flohen die Brüder nach Neapel, Giuseppe kehrte im Januar, Bernadino erst im Juni nach Rom zurück, nachdem ein Kardinal interveniert hatte und die Strafe aufgehoben wurde.

Die Kirche braucht die Kreativen mehr denn je

Einem Künstler wird, solange sein Stil begehrt ist, fast alles verziehen. So ist es schon 100 Jahre zuvor gewesen, in der Renaissance. Doch jetzt, wo die Kirche in Zeiten der Glaubenskrise, der Gegenreformation und der Religionskriege auftrumpfen muss, braucht sie die Kreativen mehr denn je. Und jeder hohe Kleriker, jeder Adelige in der Stadt wünscht sich einen Künstler, der seinen Namen in die Welt trägt.

Vermutlich imponiert Merisi (der sich nach der Geburtsstadt seiner Eltern auch Michelangelo da Caravaggio nennt) das Gebaren seiner neuen Werkstattchefs, die gern mit illegalen Feuerwaffen hantieren – wie ein Prozess von 1607 zeigt. Das sind keine braven Handwerker, die fleißig dienen.

aef5a3b6c3b42e0ae4faea7e82f75d7d

Die Oberfläche des Weins kräuselt sich, in der Karaffe perlen Luftblasen, und der Granatapfel ist vor Reife geborsten. Caravaggio malt so sinnlich wie keiner seiner Konkurrenten; seine Farben sind erdig statt grell, und seine Modelle - hier für den Gott des Weines - holt er sich von den Straßen Roms

a73e8e4e3ceb7f991cd257d99a9973c1

Die Schlangen züngeln noch auf ihrem Haupt, doch Medusa ist verloren. In der Renaissance war der Tod des Monsters aus der altgriechischen Mythologie ein beliebtes Thema, aber niemand hat die Szene so brutal dargestellt wie Caravaggio

Die Brüder Cesari begegnen möglichen Auftraggebern auf Augenhöhe, wenn nicht sogar von oben herab. Raubüberfälle sind das liebste Hobby junger Adeliger, die sich nicht den Gesetzen des Kirchenstaates unterwerfen wollen. Gelegentliches Banditenwesen adelt so gesehen auch Künstler, die nicht qua nobler Geburt, sondern nur durch ihr Tun aufsteigen können. Wenn ihnen dann noch wegen ihrer Kunstfertigkeit vergeben wird, strahlt ihr Ruhm umso heller.

Caravaggio kann am Verhalten seiner neuen Arbeitgeber nichts Anstößiges finden. Zumal sie ihm freie Hand lassen. Giuseppe Cesari erkennt schnell, welches Talent der temperamentvolle Jüngling aus dem Norden mitbringt. Die römische Gesellschaft giert nach ästhetischer Innovation. Und dieser junge Kollege versucht gar nicht erst, den künstlich verbogenen Körpern und metallischen Farben der mittelitalienischen Manieristen nachzueifern.

Den vollständigen Text können Sie in der Erstausgabe von GEOEPOCHE EDITION zum Thema "Barock" nachlesen.

zurück zur Hauptseite