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Der Glanz von Versailles

Ludwig XIV. ist der größte Bauherr des Zeitalters: Seine Residenz bei Paris wird zur Bühne der Höflinge und Mätressen, die rauschende Feste feiern - und eisige Intrigen spinnen.

Lesen Sie einen Auszug aus der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE zum Thema "Der Sonnenkönig":

Je später die Stunde, desto düsterer wird es im Schloss. In manchen Treppenhäusern verglimmen die Kerzen: Wer sich dorthin verirrt, muss sich, über glatte Marmorstufen taumelnd, durch die Dunkelheit tasten. Die langen Galerien im Erdgeschoss von Nord- und Südflügel sind die Arterien von Versailles: Nirgendwo können Höflinge so rasch von einem Bereich des Schlosses zum anderen wandeln. Und nirgendwo ist es so einfach, sich zu erleichtern.

Wen ein Bedürfnis überwältigt, der tritt in den schlecht beleuchteten Gängen zwischen die marmornen Bögen der Galerie oder hinter eine der Statuen französischer Feldherren, beschmutzt Vorhänge oder Gobelins. Aber auch der Latrinengestank der wenigen Toiletten, die sich mehrere Familien aus den jeweils umliegenden Gemächern teilen, weht an manchen Tagen bis in die königlichen Appartements.

Manchen Höflingen ist selbst der Rest an Scham, sich in einen Winkel zurückzuziehen, abhandengekommen: die Prinzessin von Harcourt, die Falschspielerin, erleichtert sich, getarnt nur von ihrem weiten Unterrock, wo sie gerade steht – und überlässt es ihren Dienerinnen, hinter ihr aufzuwischen.

Im trüben Licht verschwinden auch die körperlichen Makel, die bei Tage vielleicht die Lüsternheit gestoppt hätten: die schwarzen Zähne, die bloß durch Wachs geweißt sind; die braunen Flecken im Gesicht vom übermäßigen Schnupftabakgebrauch; der syphilitische Ausschlag, der unter Puder und Spitzenhandschuhen schimmert.

Gegen den Gestank helfen parfümgetränkte Spitzentücher, die man sich vor Mund und Nase hält. Da atmet man dann Tausendblümchenwasser ein oder Ungarisches Wasser – was nicht nur betörend duftet, sondern auch berauscht. Manche Damen sind süchtig danach. Und mancher Kavalier stärkt seine Manneskraft, indem er Austern schlürft oder die „Spanische Fliege“ isst, ein Pulver aus zermahlenen Käfern. Ein Spiel auf Lust und Tod: Denn das Potenzmittel ist ein starkes Gift – eine Prise zu viel, und die Nieren versagen für immer.

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Wie eine prunkvolle, mehr als 400 Meter lange Mauer trennt das Schloss den Garten von der Straße Richtung Paris. Mindestens 82 Millionen Livres verschlingt der Bau. Eine kolossale Summe - und doch weniger, als der König in einem einzigen Jahr für Heer und Flotte verschleudert

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Der gut 70 Meter lange Spiegelsaal. Der Architekt Masart, so heißt es, bringt auch deshalb Spiegel an, um seinen Rivalen, dem Maler Charles Le Brun, weniger Platz für dessen Gemälde zu lassen

So finden sich denn Paare für eine Nacht oder auch nur für eine Stunde. Einige Schönheiten verbergen ihre Züge unter schwarzen Halbmasken aus Seide, sodass ihre Galane nicht einmal wissen, wer ihnen die Gunst schenkt. Über andere Liebhaber hingegen spricht der ganze Hof. Über den Marquis d’Effiat etwa, den Oberstallmeister des Königsbruders Philipp, von dem jedermann weiß, dass er jungen Pagen nachstellt. „Einer der ehrvergessensten und debauchiertsten Kerle von der Welt“, schimpft ihn Liselotte von der Pfalz. Und Marie Anne, eine Tochter Ludwigs mit einer Mätresse, ist mit einem Prinzen von Conti verheiratet, doch nimmt sie die Ehe nicht sonderlich ernst. Offen scherzt sie mit Liselotte über ihre „drei Stück Galane“ – sehr zum Missfallen ihres königlichen Vaters.

Spätabends beendet ein Mahl die Feierlichkeiten

An Ludwigs Tafel spätabends im Schloss darf Marie Anne ohnehin nicht sitzen. Nachts um zehn erst lässt sich der Monarch zum souper au grand couvert nieder, zum Abendmahl, das die Feiern beendet. Mit dem Rücken zum Kamin sitzt der Monarch in der Antichambre de la Reine, einem großen Vorzimmer im Appartement der verstorbenen Königin. (Madame de Maintenon zieht sich dafür zurück.) Gegenüber stehen die Höflinge – und sehen wieder einmal zu.

Sie beobachten rund zwei Dutzend Diener, die goldene und silberne Schüsseln ins Zimmer tragen. Sehen Herzöge und Grafen, die sich am Nebentisch als Vorkoster betätigen. Sehen, wie ein Prinz dem Monarchen seine Serviette aus dem nef reicht, einer blau-goldenen Prunkschale, die so geheiligt wird, dass man sich vor ihr verneigen muss wie vor einer Reliquie (und die Ludwig im Salon de l’Abondance sogar als Deckengemälde verherrlichen lässt). Noch einmal, spät am Abend, eine Stunde monumentaler Nutzlosigkeit. Mögen die Kavaliere und ihre Damen auch lüstern sein oder hungrig oder bloß gelangweilt, sie müssen ehrfurchtsvoll auf das Ende des Menüs warten. (Nächtens wird sich Ludwig noch verdünnten Wein bringen lassen, um den strapazierten Magen zu beruhigen.)

Sie müssen auch dann noch warten, wenn sich Ludwig erhebt und im Kabinettssaal Befehle für den nächsten Tag ausgibt – sei es zur Politik, sei es, um ein Fest in Versailles zu organisieren. Sie müssen warten und durch geöffnete Türen zusehen, wie ihr Herr sich anschließend in einem Gemach mit Verwandten trifft oder mit Madame de Maintenon, um noch ein wenig zu plaudern. (Glücklich, wer in Ludwigs Schlafzimmer einen der Klappstühle erkämpft hat und dösend ruhen darf.)

Erst um Mitternacht, wenn draußen Wachen die vergoldeten Tore schließen, erlischt das Licht der Sonne: Der König hat sich zum coucher begeben, wurde, vor Publikum, ebenso zeremoniell entkleidet, wie er etwa 15 Stunden zuvor in Gewänder gehüllt worden ist.

Bevor endlich der Erste Kammerdiener die Vorhänge vor dem Bett zuzieht, zerstreuen sich die Höflinge, eilen die Diener in ihre kargen Kammern. Dann setzt sich Ludwig, im Dunkel seiner Schlafstatt, die schwere Allongeperücke ab.

Jetzt erst ist er ungestört.

Den vollständigen Text können Sie in der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE zum Thema "Der Sonnenkönig" nachlesen.

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