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Das Magazin für Geschichte

Vorschau: Zweiter Weltkrieg

67 verfeindete Staaten, Schlachtfelder vom Eismeer bis zum Südpazifik, vom Ural bis zu den Dschungeln Burmas, von den Vororten Moskaus bis zum Brandenburger Tor. Sechs Jahre Krieg, vertriebene Völker, verschobene Grenzen, mehr als 55 Millionen Tote: Der von Adolf Hitler ausgelöste Zweite Weltkrieg ist in seinen Dimensionen so gewaltig und folgenschwer, dass GEOEPOCHE erstmals seit seinem Bestehen einem Thema zwei aufeinanderfolgende Ausgaben widmet

Aus 4000 Meter Höhe sieht das Bombardement einer Stadt wie ein ebenerdiges Feuerwerk aus: die roten, gelben und grünen Zielmarkierungen; die Lichtkaskaden der „Tannenbäume“, die langsam zu Boden sinken und die Stadt in gleißenden Schein tauchen. Die grellen, kurz aufzuckenden Blitze der Sprengbomben. Die verzögerten Detonationen der 4000-Pfünder, die sich gleichsam in Zeitlupe und wie riesige Sonnenblumen öffnen, während sie zerbersten. Die blinkenden, kleinen weißen Flammen der Brandbomben. Und schließlich die Feuer, die rot aufglühen und sich wie lodernder Schaum ausbreiten, bevor dichter Qualm sie verbirgt.

Unter den Einschlägen hebt und senkt sich der Bunker in Hamburgs Zentrum in dieser Nacht wie ein Schiff. Drinnen ist die Lage unerträglich: Alle Wasser- und Luftpumpen sind ausgefallen, das Licht ist erloschen.

Die Luft wird beängstigend knapp. Es ist erdrückend heiß, und es riecht nach Schweiß und nach Urin, der sich in Lachen auf dem Boden sammelt. Die Insassen atmen flach oder schreien – nach Luft, nach Wasser, nach Rettung.

Und alle beten.

Jedes Zeitgefühl geht verloren in dem lichtlosen Bau. Was draußen geschieht, ahnt niemand. Sonst hätten die Bunkerinsassen die Tür wohl nicht geöffnet. Als sie es tun, weil es ihnen drinnen zu heiß wird, ist es, als stießen sie das Tor zur Hölle auf. Menschen stürzen herein – „aber waren das noch Menschen?“, erinnert sich eine damals 14-Jährige. „Sie hatten fast keinen Fetzen mehr am Leib, Gesicht, Hände, Arme, alles eine Brandwunde. Wohin sie stürzten, dort blieben sie liegen, stöhnten, wimmerten, verendeten.“

Luft, Wasser, Erde - alles brennt

Ein Feuersturm hat die Menschen in den Bunker geweht. Es ist, als hätten sich alle Elemente entzündet. Luft, Wasser, Erde – alles brennt. Mit einem schrillen Pfeifen beginnen die Flammen die umliegende Luft anzusaugen. Innerhalb weniger Augenblicke steigert sich der Sturm auf Geschwindigkeiten, die kaum ein Orkan erreicht: Mit bis zu 270 km/h rasen vulkanheiße Feuerwirbel durch Hamburgs Straßen, wechseln ständig ihre Richtung und jagen Glutflocken, groß wie Walnüsse, vor sich her.

Der Feuersturm dreht meterdicke Bäume aus dem Grund, er biegt Pappelspitzen auf den Boden, hebt Kioske aus den Fundamenten und Autos von den Straßen. In mehreren Meter Höhe wirbeln brennende Holzbohlen und Fenster und ganze Dachteile, gebackener Mörtel aus den Mauerfugen der eingestürzten Häuser weht in glühenden Schwaden durch die Luft.

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Diese Ausgabe erscheint am 09. Juni 2010

Der Sturm reißt Babys aus den Armen ihrer Mütter, Gebrechliche weht er in die Flammen. Mancherorts herrschen Temperaturen von bis zu 1000 Grad, Fensterglas und Küchenkacheln schmelzen. Menschen gehen in Flammen auf und auch Häuser: In einer einzigen Verpuffung stehen sie vom Boden bis zum Dach in Brand.

Die Hitzestrahlung macht viele Menschen schlagartig blind: Hornhaut und Augapfel verglühen, die Opfer taumeln orientierungslos in die Flammen. Die enorme Hitze lässt Wasserkessel in den Kellern platzen und das siedende Wasser über die Schutzsuchenden sprühen. Der Asphalt auf den Straßen schmilzt. Eine 19-Jährige erinnert sich: „Es waren Menschen auf der Fahrbahn, einige schon tot, andere lebten noch, aber sie waren in dem Asphalt stecken geblieben und konnten sich nicht befreien.“

Britische Bomberpiloten tragen den Feuersturm am 28. Juli 1943 nach Hamburg. Binnen Stunden stehen 16 000 Wohnblocks in Flammen, sterben 35 000 Menschen, ist der Widerschein des Feuers noch in 200 Kilometer Entfernung zu sehen. Und obwohl sich Briten und Deutsche bereits seit dem Frühjahr 1940 gegenseitig aus der Luft attackieren, ist Hamburg ein Fanal des totalen Kriegs.

Im vierten Jahr des Zweiten Weltkrieges fällt die Gewalt auf jenes Land, das sie gesät hat, und dessen Verbündete zurück: Die Deutschen kapitulieren Anfang 1943 in Stalingrad vor der Roten Armee, die Japaner verlieren die Salomon-Insel Guadalcanal nach mehrmonatigen Kämpfen an die Amerikaner. Und der italienische Diktator Benito Mussolini wird von seinen Landsleuten abgesetzt und gefangen genommen.

36 Reportagen rekonstruieren den Verlauf des Zweiten Weltkriegs

1943 ist ein Wendejahr. Es markiert auch die Trennung zwischen den beiden Ausgaben, in denen GEOEPOCHE die Geschichte des Zweiten Weltkrieges erzählt. In minutiösen Rekonstruktionen wie der über den Hamburger Feuersturm porträtieren die beiden Hefte jene 72 Monate zwischen dem 1. September 1939 und dem 2. September 1945, in denen Deutschland, Italien und Japan versuchten, sich die Welt untertan zu machen.

Es sind Geschichten wie die des britischen Jägerpiloten Harry Newton, der im August 1940 in der Luftschlacht um England kämpft. Im Einsatz trägt der 19-Jährige drei Paar Handschuhe übereinander – denn seine größte Angst ist Feuer im Cockpit. Geschichten wie die des deutschen Schlachtschiffes „Bismarck“, dessen mehr als 2000 Matrosen in der Nacht zum 27. Mai 1941 freien Zugang zu den Provianträumen erhalten – weil der Kampf des Schiffes im Nordatlantik aussichtslos geworden ist.

Geschichten von jungen GIs, die seekrank und von Angst gepeinigt am 6. Juni 1944 an den Stränden der Normandie landen – und von denen viele nur noch wenige Minuten zu leben haben. Geschichten von Kollaboration und Widerstand, Spionen und U-Booten, Luftkriegen und Panzerschlachten, unvorstellbaren Verbrechen – und Hoffnungsschimmern im Bösen.

In 36 Reportagen zeichnet GEOEPOCHE das Porträt des opferreichsten Konfliktes der Geschichte. Eines Konfliktes, in dem Menschen Dinge tun, die noch wenige Jahre zuvor undenkbar gewesen wären. In dem Millionen ermordet werden, weil nationalsozialistische Ideologen sie zu „Untermenschen“ erklären. In dem sich bewaffnete Kinder anrollenden Panzern in den Weg stellen. In dem Fernraketen wie die deutsche V2 das Töten anonymisieren.

Und in dem schließlich die Kraft der Atombombe entfesselt wird, die in wenigen, schrecklichen Sekunden noch weitaus mehr zerstörerische Gewalt freisetzt, als Hamburg in jener langen Sommernacht des Jahres 1943 zu erleiden hatte.

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Diese Ausgabe erscheint am 11. August 2010

Einige Themen aus Heft eins:

Überfall auf Polen: Mit welchen Lügen Nazi-Deutschland den Krieg beginnt

Quisling: Ein Norweger verrät sein Land

Luftschlacht um England: Ein Tag im Ringen um die Macht

Wüste: Der Krieg des Erwin Rommel

Ostfront: Verbrechen hinter den Linien

Pearl Harbor: Wussten die USA vom Angriffsplan der Japaner?

Stalingrad: Kampf um jedes Haus

Einige Themen aus Heft zwei:

Aufstand: Im April 1943 erheben sich die Juden des Warschauer Ghettos

Tito: Partisanenkampf auf dem Balkan

Der längste Tag: Die Landung der Alliierten in der Normandie

Bergen-Belsen: Der Schrecken der Befreiung

Berlin: Tod einer Stadt

Nagasaki: Die letzte Bombe des Krieges

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