Logo GEO Epoche
Das Magazin für Geschichte

Reserve-Polizeibataillon 101

Ganz normale Männer: Wie rund 500 Arbeiter und Angestellte als Polizisten im vom NS-Regime besetzten Polen zu Mördern werden.

Jahre später wird sich der Reserve-Polizist Friedrich M. vor allem an die Kinder erinnern. „Ich habe mich bemüht, nur Kinder zu erschießen“, wird der damals 35-jährige Metallarbeiter aus Bremerhaven aussagen. „Es ging so vor sich, dass die Mütter die Kinder bei sich an der Hand führten. Mein Nachbar erschoss dann die Mutter und ich das dazugehörige Kind, weil ich mir aus bestimmten Gründen sagte, dass das Kind ohne seine Mutter doch nicht mehr leben konnte.

Es sollte gewissermaßen eine Gewissensberuhigung für mich sein, die nicht ohne ihre Mutter mehr lebensfähigen Kinder zu erlösen.“ Es ist möglich, dass sich Friedrich M. für den Rest seines Lebens als Erlöser sah. Am frühen Morgen des 13. Juli 1942 ist Friedrich M. noch kein Erlöser, sondern nur ein ganz gewöhnlicher Polizist des Reserve-Polizeibataillons 101, dessen drei Kompanien an diesem Tag in der Nähe des polnischen Dörfchens Józefów stationiert sind. Die Männer werden mitten in der Nacht geweckt. Die meisten wissen nichts über ihren Auftrag, zumindest nicht mehr, als das, was Hauptmann Julius Wohlauf einigen von ihnen am Vorabend angekündigt hatte: Sie erwarte eine „hochinteressante Aufgabe“.

1937, fünf Jahre zuvor. Die Abteilungen der Landespolizei sind seit Oktober 1935 in das Heer eingegliedert. Die verbliebenen Kräfte für Katastrophen oder andere Großeinsätze im Deutschen Reich leiden unter Personalmangel. Damit die Polizei im Kriegsfall ihre Aufgaben erfüllen kann, beginnt die NS-Führung nun einen „Verstärkten Polizeischutz“ aus Reservisten aufzubauen. Zu ihnen gehören auch gewöhnliche Männer, die tagsüber weiter ihrer Arbeit nachgehen und meist zwei Mal wöchentlich in den Abendstunden Unterricht in Waffengebrauch und „Weltanschauung“ erhalten.

Wer Polizeidienst leistet, wird nicht eingezogen

Nach Kriegsbeginn im September 1939 sind die Posten sogar überaus begehrt – wer Polizeidienst leistet, wird nicht eingezogen und die Jüngeren haben die Möglichkeit, nach Kriegsende als Polizist weiterzuarbeiten. Für viele Männer ist das ein attraktives Angebot, zumal sie als Ordnungspolizisten große Chancen haben, in der Nähe ihres Wohnortes eingesetzt zu werden.

Von den rund 500 Polizisten der Mannschaften des Reserve-Bataillons 101 ist kaum einer besonders jung. Der Altersdurchschnitt liegt 1942 bei 39 Jahren. Seeleute, Lagerarbeiter, Lastwagenfahrer oder Kellner sind darunter – größtenteils Arbeiter, viele aus Hamburg.

Sie alle sind im Kaiserreich geboren und unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges groß geworden. Die meisten von ihnen sind von Kindesbeinen an gewöhnt, Befehle zu befolgen. Ob als Sohn, als Lehrling oder Auszubildender. Zwischen Mai 1941 und Juni 1942 tritt der Großteil der Reservisten seinen Dienst an, ihre Aufgabe besteht zunächst in der Deportation Hamburger Juden „in den Osten“.

Doch im Juni 1942 wird das Reserve-Polizeibataillon 101 von Major Wilhelm Trapp nach Polen versetzt, wo es dem Befehl des Lubliner SS- und Polizeiführers Odilo Globocnik unterstellt ist. Fast 80 Prozent der Männer des Bataillons betreten zum ersten Mal den Boden des vom NS-Regime besetzten Polen, viele verlassen zum ersten Mal ihre Heimatstadt. Und kaum einer von ihnen besitzt militärische Erfahrung.

Die Reserve-Polizisten sollen Judon direkt vor Ort töten

Odilo Globocnik, ein Österreicher mit streng zurückgekämmtem Haar, ist ein besonders brutaler Mann, dem der „Reichsführer SS“ Heinrich Himmler die Ermordung aller Juden im besetzten Teil Polens aufgetragen hat. Als im Sommer 1942 wegen einer Transportsperre wochenlang keine Züge aus der Gegend um Lublin in die Globocnik unterstehenden Vernichtungslager fahren, geht ihm das Morden nicht schnell genug. Und so behilft er sich mit mobilen Erschießungskommandos - wie dem Reserve-Polizeibataillon 101. Die Reserve-Polizisten sollen die Dörfer im Distrikt Lublin durchkämmen und die Juden direkt vor Ort töten.

In Józefów stehen die Männer am frühen Morgen des 13. Juli 1942 im Licht der aufgehenden Sonne im Halbkreis um Major Wilhelm Trapp. Der 53-jährige Berufspolizist ist unruhig und blass, während er den Befehl erläutert. Trapp, der bereits im Ersten Weltkrieg gekämpft hat, ist ein befehlsgläubiger Mann; und eher einer, der sich wohl gelegentlich wünscht, in anderen Zeiten zu leben. Bevor er den Befehl erteilt, der - so sagt er - „von ganz oben“ komme, ihm selbst aber sehr missfalle, sammeln sich in seinen Augen Tränen.

Er schlägt seinen Männern vor, während der Exekutionen an die sterbenden deutschen Frauen und Kinder im Bombenhagel zu denken. Anschließend bietet er an, dass die Älteren von ihnen, die sich nicht in der Lage sähen, auf Frauen und Kinder, Alte und Kranke zu schießen, beiseite träten. Es ist eine ungewöhnliche Offerte.

Stille. Zu seltsam klingt das Angebot für die Männer, die nicht gewohnt sind, Befehle in Eigenverantwortung zu behandeln. Das Ganze muss ihnen vorkommen wie eine Falle, mit der Feiglinge und Drückeberger aus dem Bataillon gefiltert werden sollen. Zögernd tritt der Erste vor. Hauptmann Wolfgang Hoffmann, zu dessen Kompanie der Mann gehört, reagiert wütend. Doch Trapp, vielleicht wünschend, dass er selbst die Verweigerung wagen würde, verteidigt den Polizisten. Nun treten zehn bis zwölf weitere Männer vor und geben ihre Gewehre ab (später werden sie zur Bewachung von Juden eingesetzt).

„Sie bedachten mich mit Bemerkungen wie ‚Scheißkerl’‚ Blutarmer’ und anderem, womit sie ihr Missfallen zum Ausdruck brachten“, berichtet einer, der erst später an den Erschießungen nicht teilnehmen will. „Irgendwelche Folgen sind daraus für mich nicht entstanden.“

Auch Leutnant Heinz B. verweigert den Befehl. Der 38-jährige international tätige Holzhändler aus Hamburg macht schnell deutlich, dass er sich „in keinem Falle an einer derartigen Aktion, bei der wehrlose Frauen und Kinder erschossen werden“, beteiligen wird.

Er hatte zuvor in Hamburg viele Juden kennengelernt und mit ihnen zusammengearbeitet. Und er ist ein Mann, der seine Karriere bereits gemacht hat. „Mir kam es nicht darauf an, befördert zu werden oder sonst wie weiterzukommen, denn ich hatte ja zuhause mein gut gehendes Geschäft.“ Anders als etwa die beiden jüngeren Kompaniechefs, die auf eine Karriere hoffen, wenn sie die Befehle ausführen.

Hauptmann Wolfgang Hoffmann, 1914 geboren, ist einer von diesen jungen Karrieristen. Mit 19 tritt er in die SS ein, vier Jahre später in die NSDAP. Er möchte „wie meine Vorfahren dem Staate dienen“ und steigt innerhalb der Schutzpolizei schnell auf. Im Reserve-Polizeibataillon 101 befehligt er die dritte Kompanie.

cdb8711a41b0d56a8e7d53afd167e749

Deutsche Polizisten und Helfer in Zivil beaufsichtigen wie sich jüdische Frauen kurz vor ihrer Erschießung entkleiden. Von den ersten Kriegstagen an folgen der SS unterstellte Todeskommandos den Wehrmachtssoldaten auf ihrem Vormarsch gen Osten

zurück zur Hauptseite

Am Morgen des 13. Juli riegeln seine Männer gemeinsam mit den anderen Reserve-Polizisten das Dorf ab. Dann treiben sie die jüdischen Bewohner auf dem Marktplatz zusammen und transportieren etwa 1500 von ihnen auf Lastwagen in den nahe gelegenen Wald. Seite an Seite gehen Polizisten und Opfer zu den vorher ausgesuchten Erschießungsorten, wo sich die Juden mit dem Gesicht zum Boden hinlegen müssen.

Wilhelm Trapp hält sich von den Exekutionen fern. Stattdessen dreht er Runden in seinem Büro und läuft in Jozéfów herum. Zu einem Untergebenen sagt er: „Mensch, solche Aktionen liegen mir nicht. Aber Befehl ist Befehl.“ Es ist ein Massaker. Zwar hat der Bataillonsarzt den Offizieren zuvor erklärt, in welchen Halswirbel ihre Männer schießen müssen, um einen Menschen sofort zu töten. Dennoch zielen einige Polizisten zu hoch und fügen den Opfern nicht immer tödliche Verletzungen zu. Die Schützen werden angewiesen, die Bajonettspitze ihres Gewehrs direkt auf dem Nacken des Opfers aufzusetzen, um die Tötungen zu präzisieren.

„Fehlschüsse wurden nun zwar weitgehendst vermieden, es trat aber eine andere schreckliche Folge ein“, berichtet ein Hauptwachtmeister. „Durch den dadurch bedingten Nahschuss traf das Geschoss mit derartiger Rasanz den Schädel des Opfers, dass oftmals der Schädel oder zumindest die ganze hintere Schädeldecke abgerissen wurde und nun Blut, Knochensplitter und Gehirnmasse durch die Gegend spritzten und die Schützen beschmutzten.“

Immer häufiger wenden sich vereinzelte Polizisten an ihre Vorgesetzten mit der Bitte um Ablösung. Einer gibt an, dass er „sehr weichlich veranlagt“ sei. Ein anderer, eigentlich Schneider von Beruf, bekommt eine Frau und ihre Tochter zugeteilt, die aus Kassel stammen. „Mir war die ganze Sache jetzt so zuwider, dass ich zu meinem Zugführer ging und ihm erklärte, dass mir übel sei und ich nicht mehr könne und um meine Ablösung bäte.“

Viele Schützen fühlen sich "beschmutzt" und "besudelt"

Doch die meisten der Polizisten befolgen den Befehl widerstandslos. Es sind nicht unbedingt ihre Opfer, an die sie in diesen Stunden denken, sondern sie selbst. Sie fühlen sich „beschmutzt“, „besudelt“ und „mit den Nerven runter“. Und sobald ein Mensch beginnt, sich selbst als Opfer seiner Taten zu sehen, scheint alles andere möglich: Mord, Massenmord, die Auslöschung ganzer Bevölkerungsgruppen.

Wer nicht hinterfragt, entweder weil er nicht will oder weil er aufgrund mangelnder Bildung oder einer rigiden Erziehung nicht dazu in der Lage ist, dem fällt es anscheinend leicht, sich von seiner Tat zu distanzieren. Ich konnte nicht anders, ich musste den Befehlen folgen – so lautet später die Rechtfertigung der meisten Mitglieder des Bataillons. Und wenn ich es nicht getan hätte, dann eben ein anderer: „Ich war der Meinung, dass ich die Angelegenheit überwinden könnte, und die Juden auch ohne mich ihrem Schicksal nicht hätten entgehen können.“

Wolfgang Hoffmann versichert: „Die Frage der Schuld ist hier eine der Feldpostnummer. Wenn andere an unserer Seite gewesen wären, so hätten sie sich ebenso wenig aus der Verstrickung lösen können wie wir!“ Am späten Abend des 13. Juli 1942 sind 1500 Menschen tot. Die Leichen bleiben im Wald vor Jozéfów zurück. Zur Nachtmahlzeit essen die Männer des Bataillons wenig, dafür trinken sie umso mehr. Über die Ereignisse wird nicht weiter gesprochen.

Rund 500 Polizisten ermorden insgesamt 38 000 Juden

Es ist das erste von mehreren Massakern, die Angehörige des Reserve-Polizeibataillon 101 zwischen Juli 1942 und November 1943 im besetzten Polen verüben. Die rund 500 Polizisten ermorden in dieser Zeit 38 000 Menschen jüdischen Glaubens und deportieren mehr als 45 000 weitere in das Vernichtungslager von Treblinka.

Nach Kriegsende kehren die meisten Männer des Reserve-Polizeibataillons 101 nach Deutschland und in ihre alten Berufe zurück, darunter auch Wolfgang Hoffmann. Er leitet in den Fünfziger Jahren unter anderem die erste Hundertschaft der Hamburger Bereitschaftspolizei.

Erst zu Beginn der Sechziger Jahre werden die Taten des Reserve-Polizeibataillons 101 im Zuge von Vorermittlungen gegen die Beteiligten der „Aktion Reinhardt“ – so lautete der Tarnname für die systematische Ermordung der Juden im besetzten Polen – Bestandteil einer strafrechtlichen Untersuchung durch die Hamburger Staatsanwaltschaft. Nur wenige Angehörige der Bataillone mussten sich nach 1945 vor Gericht verantworten. Was das Reserve-Polizeibataillon 101 betrifft, so können die ermittelnden Staatsanwälte auf den erhaltenen Dienstplan zurückgreifen.

Nach der Vernehmung von mehr als 166 der ehemaligen Polizisten des Bataillons werden im Herbst 1967 14 Männer, darunter Wolfgang Hoffmann, angeklagt, weil sie von Ende Juni 1942 bis Anfang 1943 „im Distrikt Lublin fortlaufend an der Judenvernichtung teilnahmen und hierbei die Verschleppung in die Massenvernichtungslager, sowie Massen- und Einzelerschießungen jüdischer Menschen, darunter Frauen, Kinder, Greise, Kranke und Gebrechliche, durchführten.“

Zu Haftstrafen kommt es nur in drei Fällen

Nur drei der Angeklagten werden nach Abschluss des Verfahrens zu Haftstrafen verurteilt: Wolfgang Hoffmann ist einer von ihnen. Die Vernehmungsprotokolle der Staatsanwaltschaft, aufgeschrieben rund 20 Jahre nach den Taten, sind zwar problematische aber auch unschätzbare Dokumente der Täterforschung. Sie geben Hinweise, wie aus ganz normalen Männern Mörder werden konnten. Und sie zeigen, wieso die allermeisten die Befehle selbst dann noch ausgeführt haben, als ihnen doch längst deutlich geworden sein musste, dass Verweigerer keinerlei Konsequenzen zu erwarten haben.

Was diese Männer vereint, sind vor allem ihre Taten. Es ist der schlechteste denkbare Grund, aber es ist ein Grund. In der Gruppe bestärken sie sich gegenseitig, dass ihr Morden einen Sinn hat; sei es nur der, dass es die anderen schließlich auch tun.

Es liegt im menschlichen Wesen, sich an Mehrheiten zu orientieren. 80 bis 90 Prozent der Polizisten waren im Laufe des Einsatzes an den Tötungen beteiligt. Fast allen fiel es zumindest anfangs schwer. Doch den Männern war es wichtiger, innerhalb ihrer Truppe anerkannt zu werden, anstatt sich durch Verweigerung so wenig Schuld aufzuladen wie möglich.

„Mir war es damals nicht angenehm, Juden erschießen zu müssen. Ich hatte bei diesen Vorgängen ein ungutes Gefühl und dachte mir, dass das wohl nicht ganz richtig sein könne“, sagt ein Polizist aus. „Ich glaubte mich aber an die erteilten Befehle halten zu müssen; denn damals war Befehl eben Befehl.“

zurück zur Hauptseite