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Aufstand der Todgeweihten

Die deutschen Besatzer Warschaus haben Hunderttausende Juden in ein Ghetto gesperrt – und beginnen damit, sie in Vernichtungslager zu deportieren. Doch im April 1943 begehren die Eingeschlossenen auf. In einem verzweifelten Kampf auf Leben und Tod.

Lesen Sie einen Auszug aus der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE zum Thema "Der Zweite Weltkrieg - Teil 2":

Dunkelheit. Ein paar flackernde Kerzen. Mühsam tastet die Gruppe sich vor. Die Hände suchen Halt am feuchten Mauerwerk. Zehn Flüchtende, erschöpft, kotverschmiert, verloren im Labyrinth der Warschauer Kanalisation. Der Gestank der Exkremente ist unerträglich.

Leise müssen sie sein, vorsichtig. Über vielen Ausstiegslöchern, oben, wo jetzt Nacht ist, stehen deutsche Posten. Hören die Wachen etwas, schießen sie in den Kanal, werfen Handgranaten, leiten Gas hinab. An manchen Stellen haben sie Sprengfallen installiert, anderswo die Deckel zugeschweißt. Keiner, der in die Unterwelt der Kanäle geflüchtet ist, soll entkommen, nicht einer überleben.

Die zehn im Dunkeln wollen nichts anderes als das: überleben. Drei Wochen lang haben sie gegen

die Deutschen gekämpft – seit jenem 19. April 1943, an dem die deutschen Besatzer begannen, das Warschauer Ghetto zu räumen, und der Aufstand der Eingeschlossenen losbrach.

Das stickige Labyrinth ist der letzte Ausweg

Tausende sind seither umgekommen. Als es aussichtslos wurde, als das Ghetto brannte und die Anführer des Aufstands tot waren, sind die zehn hinabgestiegen in das stickige Labyrinth. Es ist ihr letzter Ausweg. Ein tückischer Ausweg. Wer die Gänge nicht kennt, hat kaum eine Chance. Zahllose Verzweifelte haben es versucht und sind ertrunken, erstickt, verhungert, von den Deutschen aufgegriffen und erschossen worden.

Nervös waten die zehn weiter. Immer tiefer brennen die Kerzen in ihren Händen herunter. Plötzlich hören sie Geräusche. Die Gruppe verharrt. Ein deutscher Suchtrupp? Das Ende? Ein Wort kommt aus dem Dunkel. Stille. Dann noch einmal: „Jan?“

„Jan“, der Allerweltsname: ihr Kennwort! Sekunden später stehen die zehn vor Szymon Ratajzer, genannt „Kazik“, einem Kundschafter der Aufständischen auf der anderen Seite, jenseits der Ghettomauern. Bei ihm stehen ein weiterer Rebell und zwei polnische Kanalarbeiter, die in der Finsternis jeden Winkel kennen: die Rettungsmission, auf die sie im Ghetto gewartet haben.

Rund 60 Männer und Frauen wagen die Flucht

Sie kommt zu spät. Unter Tränen berichten die zehn von dem Grauen der vergangenen Tage. Umso mehr, entscheidet Kazik, zählt jetzt jedes einzelne Leben. Er schickt zwei aus der Gruppe los, um zwischen den zerstörten Häusern und Verstecken im Ghetto weitere Überlebende zu suchen.

Er selbst wird zurückgehen, in die Welt außerhalb des Ghettos, und den Ausstieg organisieren. Den Weg wird er ihnen kennzeichnen. Gegen Morgen sind es rund 60 Männer und Frauen, die Kaziks Markierungen folgen. Stellenweise verengt sich der Kanal so sehr, dass sie kriechen müssen: Oft bleibt nur noch ein schmaler Streifen Atemluft zwischen der schleimigen Brühe und der Decke. An anderen Stellen, dort, wo der Hauptkanal sich bis zu zwei Metern Höhe wölbt, wird der Strom reißend, kann einen Menschen fortspülen.

Dann gelangen sie in eine niedrige Röhre, kaum 70 Zentimeter hoch. Sie sind da. Hier sollen sie warten. Die Stunden vergehen. Immer wieder fallen Einzelne in Ohnmacht. Mancher kann seinem Durst nicht widerstehen und trinkt von dem dicken Kanalwasser. Aus den Stunden wird ein Tag.

Dann klappt jemand den Kanaldeckel zur Seite.

Aufstand der Todgeweihten

Mit vorgehaltener Waffe führen SS-Männer jüdische Familien währen des Aufstands im Warschauer Ghetto ab. Die Widerständler haben den Deutschen wenig entgegenzusetzen. Dennoch gelingt es ihnen, den Besatzern empfindliche Verluste zuzufügen

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Dreieinhalb Jahre zuvor. Warschau, 5. Oktober 1939: Deutsche Truppen paradieren durch die zerstörte polnische Hauptstadt. Dort begegnen viele junge Soldaten erstmals den Menschen, die die NS-Propaganda seit Jahren karikiert: Männer mit langen Schläfenlocken und dichten Bärten, gekleidet in dunkle, knöchellange Kaftane. Orthodoxe Juden. „Untermenschen“, haben die Besatzer von ihren Führern gelernt, Wesen, denen kein Respekt gebührt.

Die Deutschen reißen alten Männern die Hüte vom Kopf, stoßen sie nieder, nehmen jüdischen Passanten Geld und Wertsachen ab. Es spricht sich herum, dass es einen orthodoxen Juden zutiefst demütigt, den Bart zu verlieren. Lange Scheren kommen in Gebrauch. Anderswo halten die Deutschen brennende Zeitungen an die Bärte. Indes sind die Orthodoxen nur eine, wenn auch starke Minderheit unter den rund 375 000 Warschauer Juden, knapp einem Drittel der Stadtbevölkerung.

Viele gehören liberalen Gemeinden an; andere sind säkularisiert. Es sind Kaufleute darunter und einfache Arbeiter, sterbensarme Bettler, gewöhnliche Handwerker, Offiziere, Zahnärzte und Lehrer. Manche sind internationalistisch gestimmte Sozialisten, andere arbeiten in zionistischen Organisationen für die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina. Zwischen diesen Gruppen bestehen tiefe ideologische Gräben.

Polens jüdische Gemeinschaft gehört zu den größten der Welt. 3,3 Millionen Menschen. Seit dem Mittelalter leben sie mal im Frieden mit der katholischen Mehrheit, zumeist aber angefeindet: Auch an Bug und Weichsel ist der Antisemitismus verbreitet.

Noch hoffen die Juden auf ein gütiges Ende der Besatzung

Nun, nach der Eroberung Polens, leben mehr Juden unter deutscher Herrschaft als je zuvor. Bang fragen sie sich, was mit ihnen geschehen wird. Und hoffen doch: Die Deutschen, ordnungsbeflissen und kultiviert, werden nach den anfänglichen Exzessen ein Besatzungsregime errichten, unter dem es sich aushalten lässt. Und am Ende den Krieg ohnehin verlieren. Bis dahin gilt es, sich einzurichten.

Wahrscheinlich hat mancher Warschauer Jude gehofft, dass die Gemeinde durch eine der ersten Entscheidungen der neuen Obrigkeit sogar eine gewisse Unabhängigkeit erlangen würde: Anfang Oktober 1939 erhält der Ingenieur und Politiker Adam Czerniaków, ein assimilierter Jude, die Anweisung, 24 Kandidaten für ein Selbstverwaltungsgremium zu benennen – den Warschauer „Judenrat“.

Czerniaków sucht angesehene Vertreter der verschiedenen politischen Lager in der Gemeinde aus. Die Deutschen akzeptieren seinen Vorschlag. Doch bald stellt sich heraus, dass die Besatzer in erster Linie einen Apparat wollen, der ihre Anordnungen und Befehle reibungslos ausführt – Befehle, gegen die es kaum einen Einspruch gibt.

Auch die christlichen Polen leiden unter der Okkupation: Zwangsarbeiter werden rekrutiert, politische Führer verhaftet. Die Juden aber trifft all das spürbar härter. Ihre Konten werden eingefroren, Geschäfte unter Zwangsverwaltung gestellt, religiöse Rituale, wie das Schlachten von Tieren nach jüdischen Regeln, verboten. Ende November ergeht ein Erlass, dass jeder Jude eine weiße Armbinde mit einem blauen Davidstern zu tragen hat. An den Zugangsstraßen

des traditionell jüdisch dominierten Viertels von Warschau errichten die Besatzer Stacheldrahtsperren und Warnschilder, die auf eine angebliche Seuchengefahr hinweisen.

Ende März 1940 befehlen die Deutschen dem Judenrat, das „Seuchensperrgebiet“ mit einer Mauer zu umgeben – auf eigene Kosten. Schließlich wird Warschau in einen deutschen, einen polnischen und einen jüdischen Wohnbezirk geteilt. Juden aus dem deutschen Bezirk, ab Oktober 1940 auch aus dem polnischen, müssen in das erweiterte Sperrgebiet umziehen. Dann wird ihnen verboten, das Areal ohne Sondergenehmigung zu verlassen. An den Eingängen ziehen Wachen auf.

Mitten im Stadtzentrum Warschaus ist ein abgeriegeltes Ghetto entstanden, umschlossen von einer etwa drei Meter hohen Ziegelsteinmauer. Anfangs führen 22 Tore in dieses Gebiet; 1943 sind es nur noch fünf.

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Das Ghetto besteht aus zwei Teilen, getrennt durch die stark befahrene Chłodna-Straße. Sie ist als Trasse für den Durchgangsverkehr unverzichtbar und von den jüdischen Gassen abgeriegelt. Im Norden befindet sich das

„Große Ghetto“, ein Arbeiterviertel mit zumeist engen, finsteren Gassen und nur wenigen bürgerlichen Häusern.

Südlich liegt das „Kleine Ghetto“, etwa zwei Drittel kleiner; vor dem Krieg war es das Quartier der Großhändler, Eisenwarenverkäufer und Obstimporteure. Hier herrscht ein intensives religiöses Leben. Nur eine Kreuzung verbindet beide Teile miteinander; später wird eine hölzerne Fußgängerbrücke über die Chłodna-Straße errichtet.

Anfangs drängen sich im Ghetto knapp 400 000 Menschen in weniger als 1500 Gebäuden, auf kaum vier Quadratkilometern. Und immer mehr Bewohner kommen hinzu, die die Deutschen aus anderen Gebieten deportieren – bald leben mehr als 450 000 Menschen hinter den Mauern.

Sie haben wenig miteinander gemein: Reiche und Arme, Gläubige und Ungläubige, Gelehrte und Kriminelle, nicht zuletzt zahlreiche assimilierte, auch zum christlichen Glauben übergetretene Familien sowie erklärte Atheisten. Das Einzige, was sie miteinander verbindet, ist die Logik der nationalsozialistischen „Rassenlehre“.

Die innere Verwaltung des Ghettos überlassen die Deutschen dem Judenrat und befehlen ihm, einen eigenen Ordnungsdienst aufzubauen. Diese jüdische Polizei regelt den Verkehr und überwacht die Wirtschaft im Ghetto, klärt Kleinverbrechen auf und bemannt gemeinsam mit deutschen und polnischen Gendarmen die Kontrollposten – privilegiert und schon bald verhasst als korrupter Handlanger der Unterdrücker.

Die Lebensmittelrationen sind zu knapp, der Schmuggel blüht

Doch auch Krankenhäuser und Suppenküchen unterhält der Rat. Es gibt Konzerte und Theateraufführungen, geheime Schulen und politische Zirkel – zudem Bars, Nachtclubs und Bordelle. Weil die Deutschen die Ersparnisse der Juden beschlagnahmt haben und weil der Handel mit dem Rest der Stadt streng reglementiert ist, wird alles geschmuggelt, was begehrt ist. Schmuck, Pelze und Möbelgarnituren werden nach draußen gebracht, an korrupten Wachen vorbei, über die Mauer, durch die Kanalisation. Schnaps und Medikamente kommen herein, vor allem aber Lebensmittel.

Denn die Rationen, die die Besatzer den Eingesperrten zugestehen, sind zum Leben zu wenig. Schon bald reihen sich auf den Straßen die Bettler und Kinder mit aufgeblähten Hungerbäuchen. Typhus und Tuberkulose grassieren. Monat für Monat sterben Tausende – 60 000 bis Ende 1942.

Seit Sommer 1941 richten deutsche Unternehmer Betriebe vor allem im nördlichen Ghetto ein. Männer wie die Textilfabrikanten Walter Caspar Többens und Fritz Emil Schultz nutzen die Not und Rechtlosigkeit der Bewohner, um sie – Sklaven gleich – oft nur für ein wenig Essen arbeiten zu lassen. Doch selbst höhere Töchter bewerben sich, um für etwas Suppe und ein paar Złoty Damenbekleidung und Uniformen herzustellen; andere arbeiten als Bürstenmacher, fertigen Schuhe oder Metallwaren vor allem für die Wehrmacht.

Kompromisslose Nationalsozialisten indes sehen in der Ausbeutung allenfalls eine Zwischenlösung. Ihr Ziel ist radikaler: „Die Juden werden vor Hunger und Elend eingehen und von der jüdischen Frage wird nur ein Friedhof übrig bleiben“, notiert Ludwig Fischer, der Gouverneur des Distrikts Warschau. Männer wie er wollen keine Sklaven. Was sie wollen, ist eine Welt ohne Juden.

Den vollständigen Text können Sie in der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE zum Thema "Der Zweite Weltkrieg - Teil 2" nachlesen.

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