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Invasion in der Normandie

An einem ungewöhnlich stürmischen Sommermorgen 1944 nähert sich die größte Invasionsflotte aller Zeiten der von der Wehrmacht verteidigten französischen Küste: 175 000 amerikanische, britische und kanadische Soldaten, fast alle junge Wehrpflichtige, sollen Europa befreien. Viele werden nicht einmal die ersten Minuten dieses »längsten Tages« überleben

Lesen Sie einen Auszug aus der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE zum Thema "Der Zweite Weltkrieg - Teil 2":

Dieses Bild sieht man in der Sekunde, ehe man sterben wird: ein halbmondförmiger Strand, Sand und Kies vor einer Steilklippe, Gras im Wind, die Spitze einer normannischen Kirche, so grau wie das Morgenlicht. Ein schönes Bild. Ein schreckliches Bild.

Denn dieser Strand soll eigentlich zernarbt sein von Granaten und Bomben, sodass sich nichts Lebendiges mehr regt. Diese Küste, die eine Festung ist, in der sich Soldaten verstecken, Maschinengewehre, Geschütze und felsengroße Bunker. Und dann sind die MG-Kugeln da, die Geschosse sind schneller als ihr Schall. Wen sie treffen, der ist oft schon tot, ehe er auch nur ihren Feuerknall hören könnte.

„Omaha Beach“, Normandie, 6. Juni 1944, gegen 6.00 Uhr. Wolkenfetzen am Himmel, pfeifender Nordwest, Wellen ein, zwei Meter hoch, die Küste liegt noch etliche Hundert Meter voraus. 30 schwer bewaffnete amerikanische Soldaten warten aneinandergedrängt in einem kaum seetüchtigen Boot. Das zwölf Meter lange, drei Meter breite, nur 70 Zentimeter tiefgehende Landungsboot schwankt auf den Wogen, kaltes Salzwasser schlägt über die Seiten und die Rampe am plumpen Bug.

Seit rund zwei Stunden schwitzen und frieren die Soldaten zugleich in ihren mit Chemikalien gegen Wasser und Gas imprägnierten Uniformen, behängt mit 30, 40 Kilogramm Ausrüstung, die Gewehre mit Plastikhüllen gegen Feuchtigkeit geschützt. Viele Männer sind seekrank, und die Reste des Frühstücks schwappen nun um die Stiefel.

Die meisten Männer sind junge Wehrpflichtige

Und vielleicht drückt auch Angst auf den Magen, auch Heimweh. Etwa bei Ray Stevens, einem 24-jährigen Oberfeldwebel der A-Kompanie des 116. Regiments, der wie fast alle GIs an Bord kein Berufssoldat ist, sondern ein Farmersohn aus Bedford, einer 3000-Seelen-Stadt in Virginia. Stevens ist ein Kind der Depression, mit 13 Geschwistern ist er während Amerikas schwerster Wirtschaftskrise aufgewachsen.

Seit Ray denken kann, teilt er sein Leben mit dem Zwillingsbruder Roy. Die beiden haben als Halbwüchsige abends an einer Tankstelle Boxkämpfe ausgetragen, um von Schaulustigen ein paar Cent zu verdienen. Sie haben gemeinsam eine Farm gekauft, für 3700 Dollar, denn Land war in der Krise wenig wert. Sie sind gemeinsam freiwillig zur Nationalgarde gegangen, dann zur A-Kompanie des 116. Infanterie-Regiments eingezogen worden. Sie haben den endlosen Drill gemeinsam durchgestanden und die Enge der Kasernen.

Nun aber sind Ray und Roy Stevens getrennt, fast zum ersten Mal in ihrem Leben: Die Zwillinge stehen in verschiedenen Landungsbooten. Ray hat wenige Stunden zuvor seinem Bruder noch einmal die Hand reichen wollen, zum Abschied. Doch Roy, abergläubisch, hat gesagt, dass sie sich erst zur Begrüßung wieder die Hände schütteln sollen, wenn sie beide von den Landungsbooten herunter sind – in Frankreich, im Verlauf dieses 6. Juni.

Zu dem Handschlag wird es niemals kommen.

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Um 06:30 Uhr stürmen die ersten Alliierten "Omaha Beach", einen von fünf Stränden an der Küste der Normandie, die angegriffen werden sollen. Als die Bugrampe des Landungsbootes fällt, werden die GIs von Deutschen aus versteckten Stellungen beschossen

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An diesem kühlen Frühsommermorgen bewegt sich die größte Landungsarmee aller Zeiten auf die normannische Küste zu, insgesamt 175 000 Amerikaner, Briten und Kanadier sowie rund 200 Franzosen. Die Männer kommen mit mehr als 30 Tonnen schweren Panzern und mit Geschützen. Mit Karabinern, Maschinengewehren, Pistolen, Bajonetten. Mit Flammenwerfern und Mörsern, Rohrbomben und Handgranaten, Haftsprengstoff und Minen.

Ihre Aufgabe: Sie sollen den Kontinent erobern.

Denn Europa wird auch im fünften Jahr des Weltenbrandes noch immer zum größten Teil von Berlin aus beherrscht. Vom Nordkap bis zum Schwarzen Meer reicht die Macht der Nationalsozialisten; ihre Armeen stehen in Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Luxemburg, in Dänemark und Norwegen, im Norden Italiens, auf dem Balkan, in Osteuropa, in der UdSSR. Und von Norwegen bis zu den Pyrenäen haben sich Soldaten an den Küsten hinter Bunkern und Minensperren verschanzt, um jeden Invasionsversuch abzuwehren.

Würde Ray Stevens sich in diesem Moment umdrehen, er sähe eine Welt in Grautönen. Im frühen Morgenlicht, unter den Fetzen der vom Wind zerrissenen Wolkendecke, schimmert das Meer wie zerknittertes Packpapier; Gischt fliegt von den Wellenkämmen.

Auf dem Ärmelkanal schwimmt die ungewöhnlichste Flotte der Geschichte: 2727 Schiffe aus den USA, Großbritannien, Kanada, Australien, Neuseeland, Südafrika, Frankreich, Belgien, Polen, Norwegen, Griechenland und den Niederlanden. Am Horizont hinter Stevens liegen sechs Schlachtschiffe, schwimmende Festungen wie die 175 Meter lange „USS Texas“. Die Rohre ihrer Geschütztürme weisen zur Küste.

Rund 2000 Landungsboote steuern auf die Küste zu

20 Kreuzer, 68 Zerstörer und Dutzende weitere Kriegsschiffe sowie Hunderte Patrouillen- und Minenräumboote, Fähren und Handelsschiffe formen einen weiten Fächer. Dazwischen dümpeln Truppentransporter. Vor diesen Schiffen strebt nun eine Flotte kleiner Wassergefährte zur Küste: etwa 2000 Landungsboote, die auf einen rund 90 Kilometer langen Abschnitt bei Caen zusteuern.

Die Bootsführer haben Mühe, ihre meist kastenförmigen Gefährte auf dem gut 15 Kilometer langen Kurs durch Wind und Wellen zu bringen. Die starke Strömung treibt sie ab. Viele Boote transportieren jeweils 30 Soldaten in den Ladebuchten, andere abgedichtete Sherman-Panzer, die dank zusätzlicher Propeller im Wasser fahren können, oder plumpe Schwimmlastwagen.

Ein paar Minuten zuvor sind mehr als 1000 Bomber Richtung Festland geflogen, in so dichter Formation, dass

ihre Schatten den Boden verdunkelten. Nun kreisen alliierte Jagdflugzeuge zwischen den Wolken. Größere Landungsschiffe ziehen Sperrballons an langen Leinen mit sich, um so feindliche Sturzkampfbomber auf Distanz zu halten. Doch der Wind zerrt so stark an ihnen, dass die schlackernden Seile für die Mannschaften gefährlich werden: Manche Kapitäne greifen deshalb kurzerhand zur Axt und zerhacken die Leinen der Ballons, die am grauen Himmel verschwinden.

Die Schlachtschiffe nehmen aus etwa 17 Kilometer Entfernung die Küste unter Feuer. Bei jeder Salve der 356-Millimeter-Geschütze drückt der Rückstoß die 27 000 Tonnen schweren Kolosse seitlich durchs Wasser, hohe Wellen schwappen auf. Andere Schiffe feuern aus Raketenwerfern gewaltige Salven in Richtung der Strände ab.

Die Geschosse rasen dicht über die Landungsboote hinweg, die in der meterhohen Dünung schwanken. In den Booten stinkt es nach der Imprägnierung der Uniformen und nach dem Fett, mit dem Panzer und Jeeps gegen Feuchtigkeit eingeschmiert sind, nach Schweiß und Erbrochenem.

Dann verstummt das Grollen von See: Die Schlachtschiffe und Kreuzer stellen das Feuer ein, denn die ersten Kähne nähern sich dem Strand.

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„Omaha Beach“ haben die alliierten Militärplaner den zehn Kilometer breiten Abschnitt vor ihnen genannt: ein etwa 200 Meter tiefer Strand, der bei Flut fast vollständig überschwemmt ist, dahinter eine leicht ansteigende, noch einmal 200 Meter tiefe Kies-Böschung, begrenzt von einer über 30 Meter hohen Steilklippe.

Dies ist der zentrale, aber auch unzugänglichste Abschnitt jener 90 Kilometer Küste, die an diesem Tag attackiert wird. 40 000 GIs sollen allein hier angreifen, in mehreren Wellen. Zur Rechten von Stevens, außerhalb seines Blickfeldes, liegt „Utah Beach“. Auch er, wie Omaha, ein Ziel von US-Truppen.

Zur Linken, bis auf die Höhe von Caen, haben die Alliierten Strände mit den Codenamen „Gold“, „Juno“ und „Sword“ als Angriffspunkte britischer und kanadischer Einheiten bestimmt.

Die GIs sollen eine erste Basis in Frankreich erkämpfen

An diesem 6. Juni sollen die alliierten Soldaten alle fünf Strände erobern, danach mehrere Kilometer tief ins Binnenland vorstoßen und Caen einnehmen: So sollen sie einen Brückenkopf erkämpfen, eine erste Basis in Frankreich. Die Wehrmacht hat die Küste zu einem Teil ihres „Atlantikwalls“ gemacht. Vor den Stränden sind Balken in den Grund gerammt und kreuzförmige Hindernisse aus zersägten Eisenbahnschienen: monströse Stahlgebilde, die Landungsboote aufreißen sollen. Am Strand liegen, vergraben im Sand, Minen neben Stacheldrahtverhauen, Panzergräben und Betonsperren.

In den Felsen stecken getarnte, mit Beton verstärkte schachtartige Löcher, die Maschinengewehren, leichten Geschützen und Mörsern Deckung gewähren und durch Schützengräben und Tunnel miteinander verbunden sind. Die Strandaufgänge werden von „Widerstandsnestern“ gesichert: durch Panzergräben und Minen geschützte Verteidigungsanlagen, aus deren gut getarnten Stellungen die Deutschen den ganzen Strand im Blick haben.

Oben auf dem Kliff stehen massive Bunker. Grünbraune Tarnnetze überspannen ihre bis zu zwei Meter dicken Stahlbetonwände; in einigen dieser Festungen stehen moderne 88-Millimeter-Panzerabwehrkanonen, in anderen Beutewaffen aus allen Teilen Europas.

Die US-Offiziere haben angekündigt, dass diese Stellungen vernichtet sind, wenn die GIs am Strand landen: 480 schwere B-24 Bomber sollen unmittelbar vor der Landung 1300 Tonnen Bomben auf Omaha Beach werfen, die Schiffe Hunderte Granaten verschießen.

Auf der Fahrt hat Stevens den Schatten der Bomberwolke gesehen und die Luftturbulenzen der Schiffsgranaten gespürt. Nun hofft er, auf ein Trümmerfeld zu treffen: auf zerstörte Stahlsperren, zerschmetterte Bunker, tote Deutsche.

Aber in dem kurzen ersten Augenblick, da die Bugklappe seines Landungsbootes fällt, wird ihn wohl wie unzählige GIs Verwirrung und Angst packen: Der Strand liegt unberührt vor ihnen. Die deutschen Stellungen sind intakt; Stacheldrahtrollen und Stahlsperren liegen unverrückt im Sand. Und der Kirchturm des Ortes Vierville-sur-Mer direkt über Omaha Beach steht, als wäre hier kein Schuss gefallen.

Irgendetwas ist schiefgelaufen...

Den vollständigen Text können Sie in der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE zum Thema "Der Zweite Weltkrieg - Teil 2" nachlesen.

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