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Luftwaffenhelfer

Zehntausende Jungen dienen 1944/45 an Flugabwehrgeschützen in Deutschland. Was die damals 16-Jährigen erlebt haben, hat sich tief in ihre Erinnerung eingebrannt. GEOEPOCHE hat mit zwei von ihnen gesprochen

Vielleicht ist Kindersoldat das richtige Wort, um die Geschichte dieser beiden Männer zu verstehen. Irgendwo steckt es noch, das Kind in diesen beiden alten Männern, von denen der eine in Köln lebt, mit Blick aufs Grüne, inmitten von Zeugnissen seiner Kindheit, die er chronologisch geordnet hat. Der andere empfängt in seinem Haus in Düsseldorf auf Krücken, weil er nur noch ein Bein hat, seitdem seine Kindheit vorbei ist. Herbert Sauer und Rolf Schörken. Zwei alte Männer. Zwei Kindersoldaten.

Beide werden schlank gewesen sein, mit knochigem Jungens-Oberkörper, als man sie als Luftwaffenhelfer einzog. Sie werden albern gewesen sein, schüchtern und manchmal auch großspurig und verpickelt. Ihre Augen werden strahlend gewesen sein. Vertrauensvoll.

Der Controller

Herbert Sauer ist 82 Jahre alt. Ein behänder Mann mit rosigen Wangen und sehr gepflegten Fingernägeln. Er hat zwei Töchter und einen Sohn großgezogen und Karriere bei Bayer Leverkusen gemacht, zuletzt als Controller. Seit zwölf Jahren lebt er im Ruhestand. Kostenplanung, Kostenkontrolle, Planzahlen, das war seine Welt.

Nach der Pensionierung brachte er Ordnung in sein Leben und legte Mappen an, von der Schulzeit, von der Flakhelferzeit, er ordnete seine Passfotos chronologisch, legte Klarsichthüllen mit den Luftwaffenhelferabzeichen an, mit den Schulterklappen vom Mantel, denen von der Windbluse und der Mütze, heftete seine Ausweise ab: den brüchig gewordenen Mitgliedsausweis der Hitlerjugend, in dem noch die kleine Todesanzeige eines Freundes klebt, der „vom Feindflug nicht mehr zurückkehrte“, den „Bescheid über die Heranziehung von Schülern zum Kriegshilfseinsatz der deutschen Jugend in der Luftwaffe“, mitsamt der allgemeinen, zusätzlichen und besonderen Anordnungen, den vergilbten Luftwaffenhelferausweis, die Abschrift vom Luftwaffenhelferzeugnis, den Entlassungsschein der Alliierten mit dem Vermerk „Not properly discharged from Air Force on 15.1.45. No papers.“ Er schrieb auch seine Erinnerungen an das Kriegsende auf. Sieben Blatt. Noch heute ist seine Schrift so sauber und gleichmäßig wie als 16-Jähriger.

Der Geschichtsprofessor

Rolf Schörken ist ebenfalls 82 Jahre alt, Pädagoge und emeritierter Geschichtsprofessor. Er hat Hunderte von Tagebüchern, Briefen und Aufzeichnungen ehemaliger Luftwaffenhelfer gelesen und analysiert. Die Verarbeitung dauert bis heute an, sagt er. Es ist „Vergangenheit, die nicht vergeht.“

Rolf Schörken wächst in Wuppertal auf und sieht, wie die Stadt in einer warmen Frühlingsnacht 1943 in Schutt und Asche gelegt wird. Wie Herbert Sauer besucht er das Gymnasium und wird im Januar 1944 zum Dienst als Luftwaffenhelfer eingezogen, zum Dienst an der schweren Flak in Recklinghausen und Dorsten. Wie Herbert Sauer ist er Einzelkind.

Zur Zeit der Einberufung als Luftwaffenhelfer ist der eine noch 15, der andere bereits 16 Jahre alt - und beide haben schon zu viele Tote gesehen, um noch an den Endsieg glauben zu können. Herbert Sauer beginnt vom ersten Tag an Tagebuch zu führen, in sauberer und gleichmäßiger Schrift.

Dellbrück, 25. Januar 1944: „Ich sitze hier am Fenster und sehe hinaus in das weite Übungsfeld, das hinter der Kaserne liegt. Es ist über und über voll von Löchern mit einzelnem Heidekraut und Gras bedeckt und von einem dichten Waldgürtel begrenzt. Hinter dem Wald ragen die Schornsteine der IG Farben AG Leverkusen. Dort arbeitet jetzt Hans. Dort wird die Chemie betrieben, dort ist die deutsche Wissenschaft. Und hier? Sturer, uninteressanter Kommis. Hoffentlich ist das bald hier zu Ende. Damit ich auch wieder bald an meinem Interessengebiet schaffen darf. Wie oft bin ich früher hier frei mit dem Fahrrad vorbeigekommen. Bei meinen kleinen Touren durch die schöne Heimat. Alles ist mir heute versagt. Ob das alte, ungebundene Leben noch mal wieder kehrt? Ich fürchte nicht. Wenn ich auch hoffe, dass der Krieg recht bald zu Ende geht.“

Der Krieg ist für sie Alltag - nichts Politisches

Der Krieg ist für sie Alltag. Nichts Politisches, sondern eher ein Fluch, eine Naturkatastrophe, der man schutzlos ausgesetzt ist. Für Jungen wie Herbert Sauer und Rolf Schörken ist der Frieden so weit weg, dass sie sich nicht mehr an ihn erinnern können. Sie schwärmen für U-Boot-Kapitäne, Ritterkreuzträger und spotten über hoch dekorierte Parteifunktionäre. Eine Welt jenseits von Not und Krieg existiert für sie nicht.

Ihr Alltag, das sind die seltsam friedlichen Gesichter einer sechsköpfigen Familie, erstickt unter dem Schutt ihres bombardierten Hauses: die ersten Toten im Leben von Herbert Sauer. Das sind die zerrissenen Leiber nach dem Volltreffer auf den Rettungsbunker, in dem Herbert Sauer als Gehilfe des Ortsgruppenleiters Dienst tun muss. Ein Mädchen aus seiner Straße verliert ihre Beine, er selbst überlebt unverletzt, wie durch ein Wunder, neben zwanzig Toten. Das ist jenes Blutrinnsal, neben einem toten Bahnbeamten, den man nicht schnell genug wegräumen konnte. Als die Alliierten ihre drei Tausend-Bomber-Angriffe auf Köln und das Ruhrgebiet fliegen, ist Herbert Sauer 14 Jahre alt.

Herbert Sauer nimmt sich vor, zu überleben, so wie man sich ein Prüfungsziel steckt. Er beschließt, sich klein zu machen. Wenig Angriffsfläche zu bieten. Keine Risiken einzugehen. Kein Held zu sein. Einfach nur zu hoffen, lebend aus allem herauszukommen. Rolf Schörken wird das später als „stoizistische Grundhaltung“ bezeichnen, die vielen seiner Generation gemein war: Anfang 1944 gab es nur noch wenige Großstädte, die nicht zerstört waren, es konnte nur noch schlimmer kommen.
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Ausbildung junger Luftwaffenhelfer durch einen Flakoffizier am Flakfernrohr 1943. Wie diese Jungen lernen auch Herbert Sauer und Rolf Schörken das Erkennen und Ansprechen anfliegender Flugzeuge

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