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Leseprobe: Die bedrohte Metropole

Um 125 v. Chr. errichten die Kelten im heutigen Manching eine gewaltige Befestigungsanlage. Als Zeichen ihrer Macht – aber auch aus Angst.

Lesen Sie einen Auszug aus der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE zum Thema "Die Kelten":

Eine Mauer um eine Siedlung kann zweierlei sein: ein Zeichen der Stärke – oder eines der Angst. Sie kann von der Leistungsfähigkeit der Bewohner künden, von Größe, Macht und Reichtum. Aber sie kann auch bedeuten: Wir fürchten uns, wir suchen Schutz.

Niemand vermag heute mehr genau zu sagen, weshalb die Einwohner der Siedlung Manching in Bayern um 125

v. Chr. einen Befestigungsring um ihre Häuser und Werkstätten, Tempel und Höfe errichten. Weshalb sie Wälder roden, Steinbrüche ausbeuten, Hunderte Öfen zur Eisenherstellung anfeuern. Weshalb sie Auen trockenlegen und Bäche umleiten. Warum Tausende Menschen über Monate, vielleicht Jahre arbeiten, um eine gewaltige Einfriedung zu schaffen. Ist es kluge Berechnung? Ist es Größenwahn? Oder Panik?

Kelten erschaffen die ersten Städte nördlich der Alpen

So viel immerhin scheint klar: Mit der Mauer entwickelt sich die Manchinger Siedlung, 200 Jahre nach ihrer Gründung, endgültig zu einer keltischen Metropole. Der Ort an der Donau, etwa 70 Kilometer nördlich des heutigen München, gehört damit zu einer Zivilisationsform, die die Kelten ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. erschaffen: den ersten Städten Europas nördlich der Alpen.

Leseprobe: Die bedrohte Metropole

Im Osten von Manching empfängt ein mächtiges Tor jeden Ankömmling. Im Falle eines Angriffs können hier Wachen von den Seiten einer kurzen Gasse anstürmende Krieger in die Zange nehmen. Zudem soll der abgeschlagene Kopf eines Feindes, an einen Pfosten genagelt, Respekt einflößen. Doch um 105 v. Chr. ist Manching offenbar derart in Gefahr - vermutlich durch Germanenstämme, die raubend durch Süddeutschland ziehen -, dass die Bewohner eine Fallgrube ausheben, die die Zufahrt fast vollständig versperrt

Leseprobe: Die bedrohte Metropole

Mindestens 5000 Menschen leben um 120 v. Chr. in der keltischen Metropole, so schätzen Archäologen. Möglicherweise aber sind es sogar doppelt so viele. Doch dicht bebaut ist das Stadtgebiet innerhalb der Mauer nicht. Weite Flächen dienen, von Zäunen oder kleinen Gräben umgeben, als Weiden oder Äcker, mit denen die Einwohner einen Teil ihres Lebensmittelbedarfs decken

Archäologen werden später von der Oppida-Zivilisation sprechen (nach oppidum, lat. für Stadt). Zwar hat es in Mitteleuropa auch zuvor schon einige vereinzelte Großsiedlungen gegeben, etwa jene Ortschaft, die im 6. Jahrhundert

v. Chr. den Fürstensitz Heuneburg nahe Sigmaringen umgab.

Doch erst jetzt entwickelt sich ein wirkliches Städtewesen. Eine urbane Kultur, in der sich Tausende Menschen zu komplexen Gemeinschaften zusammenfinden. In der diese Menschen in großem Stil Geldwirtschaft und Arbeitsteilung betreiben, Schrift und neue Techniken nutzen, einen weit gespannten Handel organisieren, das Handwerk verfeinern, die Produktivität steigern. Mindestens 150 Oppida entstehen jetzt zwischen der Atlantikküste und Ungarn.

Es ist der Höhepunkt der keltischen Geschichte: jener Moment, in dem die Lebensweise dieser Völkerschaft an der Schwelle zur Hochkultur steht. Eine Zeit auch, in der Bauwerke von bis dahin ungekanntem Ausmaß verwirklicht werden.

So wie jene große Befestigungsanlage, die in Manching um das Jahr 125 v. Chr. emporwächst – für die damalige Zeit ein Projekt titanischer Dimension. Und ein ambivalentes Symbol. Denn die neuen keltischen Städte, deren Herren über weite Regionen gebieten, sind nicht nur kraftstrotzend und mächtig. Sie können auch sehr verwundbar sein.

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Die Männer lassen sich mit ihren Flößen stromabwärts treiben. Vorsichtig, damit sie nicht kentern und die schweren Kalksteinbrocken in die Fluten der Donau rutschen, halten sie ihre Gefährte auf Kurs. Arbeiter haben zuvor in Steinbrüchen nahe dem Fluss Spalten in den Fels geschlagen, dann hölzerne Keile hineingetrieben und mit Wasser übergossen. Das aufquellende Holz hat das Gestein abgesprengt.

Nach einer Tagesreise manövrieren die Flößer ihre Gefährte in eine teilweise versandete ehemalige Flussschleife, die ein paar Hundert Meter später endet.

Dort liegt der Hafen von Manching: vermutlich nur ein sanft ansteigendes sandiges Ufer, an dem die Flöße nun

anlanden. Mehrere Helfer nähern sich und wuchten die Steine auf hölzerne Fuhrwerke um, die schon bereitstehen. Jeweils zwei Ochsen ziehen einen der Wagen durch die Siedlung zu den großen Baustellen am Rande der Stadt. Hier entsteht die neue Mauer.

Auch aus der Umgebung nähern sich in diesen Tagen unentwegt Ochsenwagen mit Baumaterial. Die Landschaft, die sie durchqueren, ist geprägt von leicht gewellten Grasflächen, von Büschen und vereinzelten Bäumen, von Bächen. An einigen Stellen glänzen Moore. In nicht allzu großer Entfernung, noch gut sichtbar, ragen die ersten

Stämme eines Eichenwaldes auf.

Gleich mehrere Teams arbeiten gleichzeitig am Wall

Die Fuhrwerke transportieren vor allem Steine, Erde und Holz. Am Bau der Mauer arbeiten mehrere Trupps gleichzeitig. Sie müssen zunächst den Boden einebnen und anschließend lange Balken, Schicht für Schicht längs und quer gelegt, zu einem Holzgerüst zusammenfügen – dem Kern des Bauwerks.

Leseprobe: Die bedrohte Metropole

Kurz vor Sonnenuntergang werfen auch die meist nur einstöckigen Häuser von Manching lange Schatten. Die Bewohner treiben Rinder und anderes Vieh, das tagsüber auf Weiden vor den Toren gegrast hat, zurück in die Stadt. Auch besonders hochgewachsene Pferde gibt es in Manching: Adelige Krieger haben sie eigens aus Italien importieren lassen

Leseprobe: Die bedrohte Metropole

Die wenigen Öffnungen in den Wohnhäusern der Keltenstadt lassen kaum Sonnenlicht nach drinnen und wenig von dem Qualm der offenen Herdstelle nach draußen. Der Rauch sorgt aber zumindest dafür, dass die in dem Raum aufbewahrten Speisen nicht von Ungeziefer befallen werden. Mehr für ihr Brot stellen die Hausbewohner mit einer steinernen Mühle her (rechts unten). Ihre Habseligkeiten - Geschirr, Vorräte, Waffen oder auch den Webstuhl - schützen die Manchinger, indem sie die Außentüren mit Schlüsseln (links unten, auf dem Tisch) schließen

Um die nötige Stabilität zu erreichen, treiben Zimmerleute gut 30 Zentimeter lange Eisennägel in die Kreuzungspunkte der unteren Balkenlage. In die Zwischenräume des auf diese Weise langsam emporwachsenden Holzskeletts füllen die Männer mit Erde vermischte Bruchsteine.

Die Außenseite verblenden sie mit hell leuchtendem Kalkstein. Steinmetze schlagen die einzelnen Quader so in Form, dass sie sich auch ohne Mörtel zu einer Wand fügen, die zugleich dem Druck der Füllung standhält. Auf der anderen Seite, zur Siedlung hin, schütten die Bautrupps entlang der gesamten Mauer eine mächtige Rampe aus Kies und Sand auf. An einigen Stellen verwenden sie zuvor erhitzten Sand, weil der fester im Schuttbett liegt.

Die Rampe schließt oben exakt mit der Mauer ab – so ist das Bollwerk später leicht von hinten zu erreichen. Eine Brustwehr aus Palisaden soll die Krieger schützen, die schon bald auf der Mauer patrouillieren werden. Die Befestigung ist fünf bis sechs Meter hoch und mitsamt der Rampe etwa 13 Meter tief. Doch ihre wahre Monumentalität erhält sie durch die Länge: Der mehr als sieben Kilometer messende Ring, den sie bildet, umgrenzt eine Fläche von 380 Hektar – weit mehr als die Stadt selbst.

Die Handwerker verarbeiten mehr als 500 000 Tonnen Baumaterial

Mit diesem Übermaß scheint Manching das Umland nach und nach förmlich aufzufressen. Denn allein für das Holzgerüst im Inneren der Mauer müssen die Arbeiter etwa 60 000 Bäume fällen; dazu kommen Tausende Stämme für die Brustwehr und weitere Tausende als Rohmaterial für die Holzkohle, welche die Handwerker benötigen, um in Öfen Eisen zu verhütten und daraus mehrere Tonnen Nägel zu schmieden. Bald schon liegen weite, ehemals bewaldete Gebiete in der Umgebung kahl.

Archäologen werden später schätzen, dass 2000 Menschen etwa 250 Tage gebraucht haben, um die Mauer zu bauen – eine erstaunlich kurze Zeitspanne. Immerhin bräuchte es 300 moderne Eisenbahnzüge mit jeweils 50 Waggons, um das gesamte Baumaterial, mehr als 500 000 Tonnen, zu transportieren.

Irgendwann aber ist das gigantische Rund endlich geschlossen. Und es öffnet sich fortan nur noch an den dafür vorgesehenen Stellen.

Den vollständigen Text können Sie in der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE zum Thema "Die Kelten" nachlesen.

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