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Harald Blauzahn: Der bekehrte König

Er überzieht sein Land mit Festungen von rätselhaft symmetrischer Form und lässt sich aus politischem Kalkül als erster Wikingerherrscher christlich taufen: Mithilfe einer geschickten Reichs- und Kirchenpolitik begründet Harald Blauzahn in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts den Aufstieg Dänemarks zu einem nordischen Großreich

Bei Thors Hammer, was ist das für ein Mann? Ein wilder Hund in der Schlacht, wie es in Legenden heißt? Ein durchtriebener Stratege auf dem Thron, ein auf Beutezügen reich gewordener Machtmensch, der sich zwar als erster Wikingerkönig zum Christentum bekennt, doch nur, um seine Herrschaft zu sichern?

Der nach Vergrößerung seines Reiches giert, dabei aber doch weitsichtig genug ist, sein sumpfiges Land mit dem Bau von Straßen zu festigen, mit Brücken, mächtigen Bollwerken – und am Ende doch fast nichts hinterlässt als viele Fragen und einen gewaltigen Stein.

Knapp zehn Tonnen wiegt das in Fels gemeißelte geradezu unumstößliche Zeugnis seines Lebens und seiner Taten, aufgestellt am einstigen Königshof seiner Dynastie im dänischen Jütland. Ein paar Runen in rotem und schwarzem Granit nur, die von einem der wichtigsten Ereignisse in der dänischen Geschichte berichten: "König Harald ließ dieses Denkmal zur Erinnerung an König Gorm, seinen Vater, und seine Mutter Thyra errichten; jener Harald, der ganz Dänemark und Norwegen gewann und die Dänen zu Christen machte."

Viel mehr Beweise gibt es nicht für diesen Harald Gormsson, der erst um 1200, mehr als 200 Jahre nach seinem Tod, als Harald "Blauzahn" in einer dänischen Chronik erwähnt wird und in der Sagenwelt soviel lebendiger ist als in den historischen Quellen.

Dabei vollzieht sich unter jenem legendären Wikingerkönig der vielleicht tiefgreifendste Wandel in der Geschichte Dänemarks: Harald Blauzahn führt das Land aus der Bedeutungslosigkeit an die Spitze Skandinaviens.

Harald Blauzahn: Der bekehrte König

Das Goldrelief zeigt die Taufe Harald Blauzahns um das Jahr 970

DÄNEMARK AM ENDE DES ERSTEN JAHRTAUSENDS, ein Land aus Inseln und Wäldern, Seen und Marschen, fruchtbaren Äckern und sandigen Böden. Eine Region, in der die Menschen noch an Elfen und Riesen glauben und Odin verehren, den einäugigen Gott der Magie und des Krieges, der ein Auge für einen Schluck aus der Quelle der Weisheit gab. Das Christentum verachten sie, sofern sie ihm begegnet sind. Einen "blutrünstigen Drachen" nennt der Kleriker Adam von Bremen Harald Blauzahns Großvater, den Dänenherrscher Harthaknut, der angeblich Geistliche verfolgen und nicht selten zu Tode foltern lässt.

Bereits seit dem frühen 8. Jahrhundert gibt es Versuche, das Evangelium nach Skandinavien zu bringen. Als einer der Ersten reist der Angelsachse Willibrord nach Dänemark, um einen als grausam geltenden Herrscher zu bekehren. Der Missionar scheitert, kehrt aber mit 30 Jungen im Gefolge zurück, die er im christlichen Glauben unterrichten darf.

829 macht sich der aus Gallien stammende Benediktinermönch Ansgar im Auftrag des fränkischen Kaisers Ludwig der Fromme auf den Weg ins schwedische Birka, einem blühenden Fernhandelsplatz im Mälarsee unweit von Stockholm. Der dortige König hat selbst um einen Geistlichen gebeten: Zwar ist er kein Christ, aber die christlichen Händler in der Stadt sind ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Die Möglichkeit, an einem Gottesdienst teilzunehmen, soll weitere Kaufleute anlocken.

Unterwegs wird Ansgars Schiff von Wikingern überfallen und ausgeraubt. Doch der Mönch setzt seine Reise fort – und sorgt tatsächlich dafür, dass in Birka eine erste Kapelle errichtet wird. Nach seiner Rückkehr erhält Ansgar vom Papst den Auftrag, Dänen und Schweden für den christlichen Glauben zu gewinnen.

Auch andere lokale Fürsten erkennen bald die Vorteile, die eine Duldung der Religion für sie hat.

850 erlaubt der dänische König Horik den Bau einer Kirche in Haithabu, der ersten in Dänemark. Sein Thronfolger gestattet einige Jahre später obendrein das Läuten der Glocken, zum Ärger der heidnischen Bevölkerung. Aber die Zugeständnisse sind wohl kalkuliert: So genießt der Dänenherrscher jetzt diplomatische Anerkennung durch Papst und Kaiser. Da er sich aber nach wie vor zu den Göttern seiner Vorfahren bekennt, unterstützt ihn weiterhin auch der eigene Adel.

Und der Handel blüht. Etliche heidnische Kaufleute entscheiden sich für die prima signatio, einen christlichen Segen, der aber die Anbetung der alten Götter erlaubt. So können die Getauften mit Christen wie Nichtchristen gleichermaßen guten Umgang pflegen.

DOCH OBWOHL WEITERE KIRCHEN in Ribe entstehen, verbreitet sich der Glaube in der Bevölkerung nicht. Zumal die Bekehrungsversuche immer häufiger unter Zwang erfolgen: Römisch-deutsche Kaiser und Könige drängen auf die Missionierung der Dänen, weniger aus religiösem Eifer, eher aus politischem Kalkül - bedeutet die Unterwerfung unter Christus doch nichts anderes als eine Unterwerfung unter den weltlichen Herrscher. So fordert König Heinrich I. – nachdem er die Dänen 934 im Kampf besiegt hat – seine Gegner angeblich dazu auf, sich taufen zu lassen. Überzeugte Christen werden sie dadurch nicht.

Auch Harald Blauzahns Vater lehnt den neuen Glauben vermutlich ab. Nicht viel ist über Gorm den Alten bekannt, dem es aber offenbar gelingt, sich in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts an die Spitze eines oft in Bürgerkriegen versunkenen und von einer Vielzahl von Häuptlingen oder Königen regierten Reiches zu setzen.

Nach Norden erstreckt sich Dänemark seit etwa dem Jahr 800 bis in die heutigen südschwedischen Gebiete Halland und Schonen. Die südliche Grenze markiert ein rund 30 Kilometer langes Bollwerk aus Gräben und mit Holzpalisaden versehenen Erdwällen: das Danewerk.

Gorm stammt vermutlich aus dem Süden des Landes und heiratet aus politischen Gründen eine Prinzessin, die man später in Schriften für ihre Schönheit preist, ihren Geist, ihre Kraft: Thyra, den "Stolz Dänemarks", wie der König in Runen in einen Stein ritzen lässt; es ist das erste Mal, dass der Name "Dänemark" schriftlich auf dänischem Boden erwähnt wird. Zum Zentrum seines Reiches macht Gorm den Ort Jelling im reichen Jütland, der größten Halbinsel des dänischen Archipels.

Harald Blauzahn: Der bekehrte König

Das Relief aus dem 10. Jahrhundert zeigt König Harald - bekannt als Harald Blauzahn (911-987)

UM DAS JAHR 930 BRINGT KÖNIGIN THYRA ihren zweiten Sohn zur Welt, Harald. Er rückt an die Seite seines Vaters auf, als der ältere Bruder stirbt – den Lieblingssohn Gorms trifft bei einem Überfall in Irland ein Pfeil, so berichtet es der dänische Chronist Saxo Grammaticus. 15 Jahre lang regiert er gemeinsam mit seinem Vater, bis zu dessen Tod im Winter 958/59.

Handelt es sich tatsächlich um sein Skelett, das Wissenschaftler Jahrhunderte später in Jelling entdecken, ist Gorm noch an seinem Lebensende von robuster Statur. Ein 1,73 Meter großer und höchstens 50 Jahre alter Mann, den jedoch Arthritis im Rücken und Zahnschmerzen geplagt haben müssen.

Harald lässt für seinen Vater ein gigantisches Grabmal errichten: ein 350 Meter langes, aus mannshohen Steinen geformtes Schiff, das die Reise ins Totenreich symbolisiert. Der Leichnam wird in einer 18 Quadratmeter großen und knapp 1,50 Meter tiefen, mit Holz ausgekleideten Grube im Zentrum beigesetzt.

Rund drei Jahre lang häufen Arbeiter Steinmassen über die Kammer, überziehen das Monument mit einem Gerüst aus Ästen und bedecken es schließlich mit Heide und Grassoden. 64 Meter beträgt der Durchmesser des Hügels, ein acht Meter in der Landschaft aufragendes Denkmal.

An Dänemarks Spitze steht nun ein König, über dessen Wesen sich die historischen Quellen ausschweigen. Die Sagas immerhin stellen Harald Blauzahn als unerschrocken, aber durchaus sorgsam abwägenden Mann dar, der angeblich Island erobern will – doch von seinem Plan ablässt, als ihm ein Kundschafter mit übernatürlichen Fähigkeiten von Monstern berichtet, die auf der Insel leben.

Der aber auch ein gefühlloser Tyrann ist, wie der Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus notiert: Stellt angetrunken in großer Runde einen treuen Kriegsbruder namens Palna-Toki auf eine teuflische Probe und zwingt ihn, mit einem Pfeil einen Apfel vom Kopf seines ältesten Sohnes zu schießen.

Der nach den Schilderungen eines Mönches letztlich so von Missgunst und Eifersucht zerfressen ist, dass er sogar den Krieg mit dem eigenen Sohn riskiert.

ZWEIFELLOS ABER IST HARALD BLAUZAHN ein selbstbewusster Herrscher. Zu Beginn seiner Regentschaft treibt ihn vor allem der schwelende Konflikt mit den Nachbarn im Süden um: Die Soldaten des römisch-deutschen Königs Otto I. drängen in Richtung Danewerk, um die Dänen zur Anerkennung seiner Vorherrschaft und zum Christentum zu zwingen.

Wohl aus der Einsicht heraus, dass er Ottos Truppen nicht dauerhaft standhalten könnte, raubt Harald dem Herrscher aus dem Süden um das Jahr 960 jeden Vorwand für einen Angriff – und trifft eine der folgenreichsten Entscheidungen in der Geschichte Dänemarks: Harald Blauzahn, heidnischer König der Dänen, bekennt sich zum Kreuz Christi.

Der Wikinger lässt sich wohl in Haithabu oder Aarhus taufen, in einem aufwendigen, von Jagden und Gastmählern begleiteten Zeremoniell. Doch seltsam: Kein Dokument, keine Aufzeichnung beschreibt das Ereignis. Nur eine vergoldete Reliefplatte aus dem 12. Jahrhundert zeugt von dem Taufakt. Sie zeigt König Harald in einem großen Bottich, neben ihm der deutsche Missionar Poppo, der den Heiden angeblich durch eine Wundertat bekehrt hat: Auf einem Fest habe Harald den Priester auf die Probe gestellt und behauptet, dass andere Götter zu weitaus größeren Taten und Zeichen fähig seien als Christus – so berichtet es der sächsische Mönch Widukind. Poppo habe daraufhin ein glühendes Eisen umfasst und dem König schließlich eine unversehrte Hand gezeigt.

Doch es bleibt fraglich, ob Harald den alten Göttern wirklich aus Überzeugung abschwört - oder ob ihn nicht vor allem politische Erwägungen treiben. Fest steht nur, dass er seinem Bekenntnis Taten folgen lässt. Christliche Symbole werden in den folgenden Jahren alltäglich. Kirchen entstehen, und in neue Silbermünzen ist nicht selten auf beiden Seiten ein Kreuz geprägt. Sogar seinen Vater, der als Heide gestorben war, lässt der König exhumieren und in einer Holzkirche direkt neben dem Grabhügel im Geist des neuen Glaubens wieder begraben.

Als geradezu vorbildlichen König preist der Geistliche Adam von Bremen das Dänenoberhaupt, und tatsächlich scheinen sich die Beziehungen zu den südlichen Nachbarn nach der Taufe zu bessern.

Dass Otto I. 960 Patenonkel von Haralds Sohn Sven Gabelbart wird, den der skandinavische Herrscher angeblich mit einer Mätresse zeugt, mag Legende sein. Sicher aber erkennt der König den Dänen nun als christlichen Herrscher an und verzichtet auf seine kaiserlichen Rechte über die wenige Jahre zuvor vom Erzbischof des Bistums Hamburg-Bremen gegründeten drei dänischen Diözesen Haithabu, Ribe und Aarhus.

IN DEN NEUEN ZEITEN PROFITIERT, wer Handel treibt. Etwa in einer der drei Bischofsstädte, die seit Langem florierende Handelsmetropolen sind – allen voran Haithabu, wo Kaufleute aus fast ganz Europa und sogar aus dem Orient Waren anbieten: feine Tuche, Schmuck, Tischgeschirr, Gläser – und Sklaven.

Und doch ist der Friede im Land brüchig; Harald scheint Otto I. nicht zu trauen. Auch versucht er nicht, wie unter Herrschern üblich, die Beziehung mit dem Nachbarreich durch eine Ehe zu festigen. Stattdessen heiratet er die Tochter eines Fürsten der slawischen Abodriten, eines mächtigen Stammes im heutigen Holstein und Mecklenburg – eines Fürsten, der mit den Ottonen verfeindet ist.

Aus Furcht vor einem Angriff aus Süden lässt Harald um 968 das Danewerk ausbauen, mit Palisaden verstärken und an den Schutzwall heranführen, der seit Kurzem den Handelsplatz Haithabu im Südwesten Jütlands umgibt.

Doch zum Krieg kommt es erst Jahre später - nachdem sich der Däne Teile Norwegens unterworfen hat: Das bergige Land mit seiner langen, zerfurchten Küstenlinie ist schwer unter Kontrolle zu bringen und zerfällt zu Beginn der Wikingerzeit in zahlreiche Herrschaftsgebiete. Zwar gelingt es König Harald Schönhaar um 880, große Teile Norwegens zu vereinen. Doch der Norden bleibt unabhängig, über ihn gebieten die Jarle von Lade, eine bei Trondheim beheimatete Häuptlingssippe.

Frieden findet Norwegen indes nicht: Um 955 erheben sich die Enkel Harald Schönhaars gegen einen Empörer auf dem Thron – und bitten einen mächtigen Verwandten um Unterstützung: Harald Blauzahn, den Bruder ihrer Mutter.

Der Däne verhilft einem von ihnen tatsächlich zur Herrschaft. Jedoch nur, um ihn bald mit Hilfe des Jarls von Lade umzubringen. Harald sieht sich fortan selbst als Regent der Norweger.

Neben dem Grabmal seines Vaters in Jelling errichtet er nun einen zweiten, noch größeren Hügel. Er dient wohl einzig dazu, auf den gewaltigen Runenstein aufmerksam zu machen, den Harald genau zwischen den beiden Erhebungen platzieren lässt: ein ebenso kunstvolles wie kryptisches Zeugnis des Zeitenwechsels in Dänemark, ein Monument, auf dem eine gemeißelte Inschrift von Haralds Ruhm als erster christlicher Herrscher Dänemarks und Eroberer Norwegens kündet, auf dem eine Schlange mit einem Fabelwesen kämpft und ein Löwe mit Pferdemähne vor Christus eine Pfote hebt.

Harald beruft den Jarl von Lade als seinen Stellvertreter, sichert sich dessen militärische Unterstützung und fällt 974, ein Jahr nach dem Tod Ottos I., in das Reichsgebiet südlich der Eider ein. Die alte Loyalität gegenüber Otto I. gilt für dessen Nachfolger nicht.

Doch im Kampf gegen Otto II. unterliegt Harald. Bei einem Gegenschlag nehmen die Soldaten des Kaisers sogar das Danewerk ein, auch Haithabu fällt in ihre Hände.

ES FOLGEN SCHWERE JAHRE für den König. Der Süden seines Landes bleibt von Otto II. besetzt, fremde Wikingerflotten suchen wiederholt die dänischen Küsten heim - und im Norden verweigert ihm der Jarl von Lade schon bald die Gefolgschaft. Zum Bruch führen vor allem Haralds Missionierungsversuche, denen sich der Jarl – obwohl selbst getauft – zunehmend widersetzt: Er wendet sich vom Christentum ab und betet wieder die alten Götter an.

Mit einer Armee fällt Harald Blauzahn daraufhin in Norwegen ein, verheert das Land, muss sich dann aber in einer Seeschlacht vor Hjorungavag in Westnorwegen einer Flotte des abtrünnigen Jarls geschlagen geben.

Gleichzeitig versiegt der Silberfluss aus dem Orient, der bisher zigtausende Münzen nach Skandinavien gespült hat; statt mit dem Geld aus dem Osthandel finanziert Harald seine Herrschaft nun über höhere Steuern.

Doch er weiß, dass sich ein großes und zentral regiertes Reich nur mithilfe gut ausgebauter Straßen, Brücken sowie Burgen zusammenhalten lässt – und mit Soldaten. Jütlands Haupttangente, die auch "Ochsenweg" genannte Heerstraße, ist bisher nicht mehr als ein breiter Trampelpfad. Andere Straßen enden nicht selten an Seen oder Flüssen, die nur mit einer Fähre oder an einer Furt durchquert werden können.

Und so reagiert Harald Blauzahn auf die Bedrohungen seines Reiches geradezu kühn – mit einem einzigartigen Bauprogramm.

DÄNEMARK IM WINTER 980. Aus den Wäldern Ostjütlands dringt der Klang von tausenden Axthieben: Der König lässt mindestens 300 Hektar Wald fällen und die mehr als 500 Jahre alten Eichenstämme zu den Weiden südlich von Jelling transportieren. Bald darauf spannt sich bei dem heutigen Ort Ravning eine gewaltige Holzkonstruktion über die Vejle und macht die weite Flussniederung bei jeder Witterung passierbar: 760 Meter lang, mehr als fünf Meter breit, getragen von 280 Pfostenreihen – die größte Brücke Dänemarks.

Im Abstand von knapp zweieinhalb Metern ziehen sich die Pfosten in perfekten Linien durch das Tal; auf der gesamten Länge weicht kein Stamm mehr als fünf Zentimeter vom zuvor festgelegten Verlauf ab.

Wahrscheinlich macht die Brücke schnellere Truppenbewegungen möglich. Harald Blauzahn rüstet auf – und plant einen Krieg gegen den römisch-deutschen Herrscher.

983, als die Truppen Ottos II. in Kalabrien von den Sarazenen besiegt werden, sieht der Däne seine Chance gekommen. Er erobert Haithabu und das Grenzland zurück, während sein mit ihm verbündeter Schwiegervater, der Fürst der Abodriten, zeitgleich Holstein plündert und Hamburg angreift. Auch eine von Otto II. angelegte Burg nördlich der Eider nimmt Harald ein und brennt sie nieder; was der Kaiser 974 gewonnen hatte, verliert er ein knappes Jahrzehnt später im Handstreich.

Einen Gegenangriff muss der König zunächst nicht fürchten: Otto II. stirbt noch im selben Jahr, ihm folgt ein vierjähriges Kind auf den Thron.

Zudem hat Harald Blauzahn sein Reich durch spektakuläre Bauten gesichert: ringförmige Festungen, die das Land wohl nicht nur nach außen, sondern auch gegen Feinde im Innern schützen sollen. Deren tatsächliche Funktion jedoch bis heute Rätsel aufgibt.

SIE ENTSTEHEN UM DAS JAHR 980 IM GLEICHEN ZEITRAUM an fünf Orten Dänemarks. Keine der Festungen erhebt sich direkt an der See, alle jedoch sind über Flüsse oder Fjorde mit dem Meer verbunden.

Jede Anlage besteht aus einem exakt gezirkelten Ringwall mit einem Durchmesser zwischen 120 und 240 Metern, in den vier in die Himmelsrichtungen weisende Tore Einlass gewähren. Zwei mit Holzbohlen ausgelegte, schnurgrade Hauptwege zerteilen die Anlage in gleichmäßige Viertel, in denen wiederum vier Langhäuser ein Quadrat bilden.

Eine dieser Burgen ist Trelleborg auf Seeland. Sie erhebt sich auf einer Landzunge zwischen zwei Wasserläufen, die sich hinter der Festung treffen und wenige Kilometer später in den Großen Belt münden, die Meeresstraße zwischen Seeland und Fünen. Über fast zwei Hektar Land erstreckt sich die Anlage, der ein weiterer Wall vorgelagert ist.

Tausende Arbeiter erfordert der Bau – vor allem wohl Sklaven. Denn schwere körperliche Arbeit lassen die Wikinger oft von Unfreien erledigen, die sie auf Raubzügen gefangen und nach Skandinavien verschleppt haben. Allein um den Bauplatz für die Trelleborg einzuebnen, müssen sie 8000 Kubikmeter Lehmboden bewegen. Mit Holzspaten heben sie anschließend den Wallgraben aus. Sie verlegen zehntausende Quadratmeter Grassoden, verbauen tausende Kubikmeter Steine und Eichenstämme, aus denen Palisaden, Wege und Häuser entstehen.

Mögen die Mittel auch einfach sein, die Präzision der Arbeit ist enorm. Die Burg ist offenbar exakt geplant worden – in einer neuen, konsequent angewandten Maßeinheit: 49,3 Zentimeter misst die "Trelleborg-Elle".

DIESE EINHEIT ENTDECKEN WISSENSCHAFTLER jedoch erst rund 1000 Jahre später, nach der Computeranalyse ihrer Grabungspläne. Ähnlich spät stoßen die Forscher auf eine Begräbnisstätte mit 135 Gräbern, darunter drei Massengräber, in dem die Überreste von Männern lagen, die alle zwischen 20 und 35 Jahren alt geworden sind. Möglich, dass es sich um gefallene Krieger handelt, denn einem der Toten wurde das Bein oberhalb des Knies abgetrennt – war die Trelleborg also Schauplatz eines militärischen Kampfes?

In den Gräbern fanden sich auch Knochen von älteren Männern, Frauen und Kindern, in anderen Bereichen des Geländes zudem Sensenblätter, Fischhaken, Schmiedewerkzeuge, Spinn- und Webgeräte. Zeugnisse eines friedvollen Alltags? Beweise, dass die Ringburgen keineswegs nur als Kaserne dienten?

750 Menschen, so schätzen Archäologen, lebten wohl zur Hochphase in der Anlage – Soldaten, Bauern, Handwerker, ganze Familien. Vielleicht nutzte Harald die Festungen auch als Verwaltungszentren, liegen sie doch in allen dicht besiedelten Regionen Dänemarks. Ließ der König etwa von der Trelleborg aus Steuern eintreiben, die Abgaben womöglich dort lagern?

Offenbar aber wurde die Ringburg nur wenige Jahre genutzt und dann für immer verlassen. Wie ein Relikt aus anderen Zeiten mag das Bauwerk noch eine Weile aus den Sümpfen Seelands geragt haben, bis alles Holz verrottet war (Nur einige Überreste der Wallanlagen sind bis heute erhalten).

Auch die gewaltige Brücke, die Harald Blauzahn über die Vejle spannen ließ, verfiel wohl binnen kurzer Zeit. Denn eine Holzbrücke muss im Abstand von zehn bis 15 Jahren repariert werden; die Konstruktion in Jütland aber wurde es nie, wie Archäologen festgestellt haben.

DOCH WARUM STECKT HARALD BLAUZAHN so viel Geld und Arbeitskraft in Bauten, die dann so rasch wieder aufgegeben werden? Regt sich Widerstand gegen seine Projekte, den hohen Aufwand, den er treibt? Um 987 kommt es jedenfalls zu einer Rebellion gegen den dänischen König, angeführt von dessen eigenem Spross - Sven Gabelbart. Mag sein, dass der Sohn Gegner seines Vaters hinter sich vereint, die sich gegen steigende Abgaben und Zwangsarbeit wehren. Denn der Thronerbe hat eine andere Vorstellung davon, wie sein Vater das Reich finanzieren sollte – nämlich durch massive Plünderfahrten nach England.

Oder aber initiiert Sven Gabelbart den Aufstand, weil sich Harald Blauzahn weigert, seine Macht mit ihm zu teilen? Weil er dem ungeliebten, mit einer Konkubine gezeugten Kind, das im Mannesalter nur plündernd umherzieht und im In- und Ausland brandschatzt, das Erbe nicht gönnt?

Welchen Grund es auch geben mag: Am Ende zieht der Sohn gegen den Vater in die Schlacht. Laut einer Saga verbündet sich Sven Gabelbart dafür mit jenem Kriegsgesellen, den Harald einst auf die Probe gestellt und zutiefst gedemütigt hatte: Palna-Toki. Nach schweren Gefechten im Nordwesten Seelands muss Sven zwar fliehen, doch sein Vater wird am Ende von einem Pfeil Palna-Tokis getroffen. Und auch andere Quellen berichten von einer tödlichen Kampfverletzung Haralds, der noch aus Dänemark fliehen kann – vielleicht zum Stamm seiner Frau oder in eine Wikingersiedlung an der Odermündung, wie es ein Chronist nahelegt. Er stirbt 937 im Exil.

Gefolgsleute überführen seinen Leichnam in die Heimat und setzen ihn in einer Kirche bei, die Harald einst auf einem Hügel am Roskilde-Fjord auf Seeland errichten ließ. Es ist die Stelle, an der sich der Dom von Roskilde erhebt.

Die Kirche ist bis heute die Grablege jener dänischen Könige, die dem ersten christlichen Herrscher des Reiches auf den Thron gefolgt sind; 30 Generationen, über die das dänische Königshaus mit der Dynastie von Jelling und Harald Blauzahn verbunden ist. Bis heute.

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