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100 Jahre Oktoberrevolution Wie Lenin die Macht in Russland ergriff

Russland scheint im Juli 1917 reif für eine zweite Revolution. Zehntausende protestieren gegen die Provisorische Regierung, die sie für das Hungern der Arbeiter und das Sterben russischer Soldaten an der Weltkriegsfront verantwortlich machen. Doch der Kommunistenführer Wladimir Lenin verweigert seine Unterstützung, er wartet ab, monatelang – und greift dann unerbittlich nach der Macht
Lenin hält eine Rede

Wladimir Iljitsch Lenin (auf der Rednertrüne) führt die Bolschewiki an, als sie im Oktober 1917 nach der Macht in Russland greifen. Doch die konkrete Organisation des Aufstandes obliegt Leo Trotzki (auf der Treppe stehend)

Petrograd, 3. April 1917. Die Stadt gleicht im dritten Jahr des Weltkriegs einer Bombe, in die man nur noch den Zünder hineinschrauben muss. Die einstige  Zarenkapitale mit ihren Palästen und Kirchen, ihren Theatern und Boulevards  ist zugleich der Werkhof des Riesenreiches. In Vierteln wie der Wyborger Seite qualmen die Waffen- und Automobilfabriken Russlands, hier schuften 390 000 Arbeiter, fast ein Fünftel der Bevölkerung. In keiner anderen Stadt des ansonsten bäuerisch geprägten Landes sind die Proletarier so stark. Petrograd ist überdies eine monströse Kaserne. Etwa eine Viertelmillion Soldaten bemannen die Peter-und-Paul-Festung oder sind anderswo in der Stadt untergebracht; in der nahen Marinebasis Kronstadt sind weitere 30 000 Soldaten und Matrosen stationiert. Die Arbeiter sind nun noch ärmer und hungriger als vor der Februarrevolution. Die Inflation hat die Kaufkraft ihrer Löhne auf etwa ein Drittel des Niveaus von 1914 zusammenschmelzen lassen. Zudem gibt es kaum etwas zu kaufen. Mangel allerorten, selbst für einen Laib Brot muss man stundenlang anstehen. Und die Soldaten? Die Garderegimenter der Petrograder Garnison gehörten einst zur Elite des Reiches, doch die ist längst in den Schützengräben verblutet. Jetzt stehen in der Hauptstadt vor allem undisziplinierte Bauernburschen unter Waffen, die alles wollen, nur nicht an die Front abkommandiert werden, um sich in diesem schier endlosen Krieg verheizen zu lassen. Hunderttausende hungrige Arbeiter, Hunderttausende rebellische Soldaten, alle nur wenige Straßen entfernt: Man sollte glauben, dass sich jeder Machthaber in Petrograd bewusst ist, eine Geisel dieser bedrohlichen Masse zu sein. Tatsächlich aber wird Russland seit der Februarrevolution von gleich zwei Regierungen, nun ja: fast blind und taub und vertrauensselig verwaltet.

Da ist zum einen die Provisorische Regierung im Winterpalast, mit ihren Ministern, mit ihrer Bürokratie und dem traditionellen Gehabe. Hier arbeiten liberale „Kadetten“-Politiker mit einem gemäßigten Linken zusammen: dem jungen Sozialrevolutionär Alexander Kerenskij. Da sind zum anderen die sowjety, die Räte, die sich spontan während und nach der Revolution gebildet haben. In vielen Fabriken, Kasernen, Dörfern haben Arbeiter, Soldaten und Bauern Selbstverwaltungsorgane geschaffen. Über diesen lokalen Sowjets werden schon bald zwei Institutionen stehen, die das ganze Land repräsentieren sollen: Das „Gesamtrussische Zentrale Exekutivkomitee der Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten“ sowie das „Gesamtrussische Exekutivkomitee der Sowjets der Bauerndeputierten“.

Welche Macht haben die Sowjets?

Doch solch pompöse Titel aus dem Wahntraum eines Politfunktionärs verbergen nicht den blinden Punkt in  Russlands neuer Macht: Was haben die Sowjets zu entscheiden? Welche Macht haben sie? Wen repräsentieren sie? Bestimmen Fabriksowjets nun Produktion und Preise und nicht mehr die Fabrikanten? Erteilen Soldatensowjets fortan Befehle und nicht mehr Offiziere? Verteilen Bauernsowjets das alte Adelsland? Welche Macht hat demgegenüber die Provisorische Regierung? Sie ist ja ihrerseits bloß eine Institution auf Abruf, denn eigentlich soll sie eine Konstituierende Versammlung vorbereiten, auf der letztlich über Russlands neue Verfassung und Regierungsform entschieden wird. Kompetenzgewirr, widersprechende Anweisungen, Chaos: Dass überhaupt noch Entscheidungen umgesetzt werden, liegt vor allem an den Menschewiki und Sozialrevolutionären, die in den Sowjets die Mehrheit stellen und die Politik der Regierung zumeist mittragen. Das wichtigste Zugeständnis machen sie den Liberalen zuliebe: Russland wird weiterkämpfen! Der verhasste Krieg, der Arbeitern das Brot nimmt und Soldaten das Leben kostet, soll fortgeführt werden. Kein Separatfrieden mit Deutschland, sondern Sieg, koste es, was es wolle!

So ist Petrograd an diesem Aprilmontag 1917 eine triste, missgelaunte, vom Krieg gezeichnete Stadt, in die Wladimir Iljitsch Lenin nun nach Jahren des Exils zurückkehrt. Er zieht in die Wohnung seiner älteren Schwester Anna Jelisarowa, aber richtig willkommen kann er sich nicht fühlen. Zwar ist die Zahl seiner Parteigenossen, der Bolschewiki, in Petrograd hochgeschnellt – im Februar waren es 2000, Ende April werden es 16 000 sein –, doch ist die Partei immer noch klein. Und schlimmer, so Lenin: Die Genossen sind zahm geworden! Viele Bolschewiki denken wie einer der prominentesten Parteiführer, der sanfte, redegewandte, 34 Jahre alte Lew Kamenew: Man muss sich arrangieren. Die Bolschewiki sind zu unbedeutend, um die Macht an sich zu reißen. Mehr noch, selbst alle Arbeiter Russlands vereint wären zu wenige, um sich gegen die Bauern oder gegen ausländische Mächte zu behaupten. Daher müsse man, irgendwie, mit den anderen linken Parteien in der Regierung, den Sowjets und in der noch zu bestimmenden Konstituierenden Versammlung zusammenarbeiten.

Lenin und die Aprilthesen

Lenin sieht das ganz anders. Vier Tage nach seiner Ankunft hämmert er in der Zeitung „Prawda“ („Wahrheit“) den Genossen Ideen ein, die als „Aprilthesen“ berühmt werden. Er fordert, neben anderen Punkten, ein sofortiges Kriegsende. Und dann: „Keine Unterstützung für die Provisorische Regierung“, die eine „Regierung der Kapitalisten“ sei. „Keine parlamentarische Republik“, sondern eine „Republik der Sowjets“. Das ist der Aufruf zum Klassenkampf. Zwar fordert er nicht die Einparteiendiktatur, aber jedem Leser wird auch so klar, dass dieser Mann keine Meinung neben der seinen duldet. Linke, die nicht auf seiner Linie liegen, schmäht er als „arme russische Sozialchauvinisten“. Selbst anderen Führern der Bolschewiki erscheinen Lenins Aprilthesen derart radikal und ohne Aussicht auf Erfolg, dass die Zentralkomitees der Partei in Petrograd und Moskau sie offiziell ablehnen. Am Tag nach dem Abdruck in der „Prawda“ veröffentlicht Kamenew, einer der leitenden Redakteure der Parteizeitung, an gleicher Stelle einen beschwichtigenden Essay, in dem er deutlich macht, dass der Text lediglich die „persönliche Meinung“ des Genossen Lenin zum Ausdruck bringe.

Lenin, so scheint es, ist völlig isoliert. Sowohl die bürgerlichen Politiker der Regierung als auch die führenden Menschewiki, Sozialrevolutionäre und Bolschewiki, die alle den Zorn der unzufriedenen Arbeiter und Bauern fürchten, machen Politik auf Zehenspitzen: Bloß keine Provokationen! Bloß keine Unruhe! Versuchen wir, irgendwie den Zünder aus der Bombe Petrograd behutsam herauszudrehen. Nur Lenin, so scheint es, wartet auf den Augenblick, um mit dem Hammer auf diesen Zünder einzuschlagen. Er muss nicht lange warten.

Die Sommeroffensive in Lemberg

Lemberg, 18. Juni. Angriff! Die Provisorische Regierung lässt Hunderttausende Soldaten gegen die deutschen Stellungen nahe der Stadt in der Ukraine los. Diese große Sommeroffensive hat ein militärisches und ein politisches Ziel. Militärisch will die Regierung den äußeren Feind schwächen, der bei einer Offensive an  der Ostfront Truppen von der Westfront abziehen muss. Und politisch will sie den inneren Feind auflösen.
„Je rascher wir unsere Truppen in Aktion versetzen, desto schneller wird sich ihre Leidenschaft für Politik abkühlen“, hofft einer der höchsten Generäle des Landes. Und selbst der bedachte Schriftsteller Maxim Gorkij, öffentliches Gewissen der bürgerlichen Mittelschicht, baut darauf, dass der Angriff „etwas Ordnung in das Land bringt“.

Wohl niemand setzt so sehr auf diese Offensive wie Kriegsminister Alexander Kerenskij. Der junge Rechtsanwalt – schmächtig, hohe Stimme – sieht sich, in grotesker Selbstüberschätzung, als Russlands Napoleon, als Militärführer und Retter der Nation. Der Minister einer Revolutionsregierung, die den  Zaren gestürzt hat, stellt sich ausgerechnet eine Büste des Franzosenkaisers,  der einst Moskau niederbrannte, auf  den Schreibtisch. Kerenskij, der niemals  Soldat gewesen ist, wirft sich in eine Pseudo-Uniform: Schaftstiefel, Offiziersreithose, khakifarbene Jacke.

Vor der Offensive bereist er militärische Stellungen und feuert die Soldaten in leidenschaftlichen, ins Hysterische kippenden Reden an. Viele Zuhörer sind begeistert, jubeln, überhäufen ihn mit Blumen. Was der Minister nicht merkt, wohl auch nicht merken will: Ihm lauschen hauptsächlich Offiziere, kriegswillige Intellektuelle – aber nur wenige einfache Soldaten. Die haben zumeist genug von Reden und Versprechungen.
Nun rollt Russlands Armee los, ihr Hauptstoß richtet sich gegen Lemberg. Und tatsächlich: An den ersten zwei Tagen überrennt sie deutsche Stellungen (obwohl manche Einheiten ohne Maschinengewehre ins Feuer geschickt werden und anderswo Soldaten so schlecht ausgebildet sind, dass sie ihre Handgranaten schleudern, ohne zuvor den Sicherungsstift gezogen zu haben).

Vom vermeintliche Sieg zum Debakel

Sieg! Petrograds Presse feiert den Triumph in großen Überschriften. Kaum jemand aber erfährt, dass da bloß ein Mob aus den Schützengräben losläuft: Viele Soldaten stoppen nach wenigen Kilometern ihren Vormarsch, weil sie keine Lust haben, weiterzugehen. Sie vergewaltigen Bäuerinnen, massakrieren Juden. Sie plündern Schnapsvorräte und betrinken sich bis zur Bewusstlosigkeit. Oder sie machen sich einfach davon. An einem Frontabschnitt werden in einer Nacht 12 000 Deserteure gestellt.

Und dann beginnt der deutsche Gegenangriff. Nach nur drei Tagen verwandelt sich die russische Offensive in ein Debakel. Mit 6000 eigenen Toten hat ein General gerechnet. Es werden 400 000. Und wohl noch mehr Soldaten fliehen in die Weiten des Landes; die Armee scheint sich regelrecht aufzulösen. Jeden Tag rücken die Deutschen nun weiter vor, bis das Undenkbare möglich erscheint: Petrograd könnte fallen. Das katastrophale Scheitern von Kerenskijs Offensive beschädigt das Ansehen der ohnehin schwachen Koalitionsregierung aus Kadetten, Menschewiki und Sozialrevolutionären – einer Regierung ohne klare Strategie, wie Russland aus der Krise zu führen wäre. Wenn es einen idealen Moment für Lenin gibt, um zuzuschlagen, dann in diesem mörderischen Sommer. Allein: Lenin macht Urlaub.

Lenin nichtsahnend in Finnland

Neivola, Finnland, 3. Juli. Erschöpfung, Kopfschmerzen: Lenin fühlt sich ausgelaugt. Mit seiner Schwester Maria hat er den Zug von Petrograd nach Finnland bestiegen, um sich in der Datscha eines Genossen zu erholen. Spaziergänge, Schwimmen: Es ist, als gäbe es keinen Krieg, keine Revolution, keine Partei. Manchmal verabschiedet sich dieser Mann, der die Macht und ihre Optionen so kühl und klar analysiert, aus der Wirklichkeit. Lenin, Russlands Politiker mit dem brutalsten Willen zur Macht, ist ausgerechnet nun, da diese Macht quasi zum Aufsammeln auf Petrograds Straßen liegt, der einzige wichtige Politiker, der nicht in der Hauptstadt weilt. Tags darauf aber, am 4. Juli, erreicht ein Genosse die finnische Einöde, das Zentralkomitee hat ihn eilig geschickt. Petrograd brennt! Die verheerende Offensive hat Tausende zornige Arbeiter und Soldaten zu Demonstrationen auf die Straßen getrieben. Sie sind bewaffnet. Und bereit, die Regierung zu stürzen.

Bolschewiki – nicht die führenden Genossen, sondern Funktionäre aus der zweiten Reihe, Hitzköpfe, Agitatoren – machen bereits mit! Wo ist Lenin? Der nimmt den nächsten Zug. Doch wie schon im Fall der Februarrevolution scheint er auch beim Sommeraufstand zu spät zu kommen. Gewitterwolken über Petrograd. Die Läden geschlossen. Nahe der Nikolaj-Brücke sind mehrere kleine Kähne und Kanonenboote der Kronstädter Marinebasis vertäut. 20 000 Matrosen gehen von Bord, stürmen durch die Straßen, Gewehre und Pistolen in den Fäusten, ruhelos – aber ohne Führer. Niemand könnte diese Bewaffneten jetzt stoppen, aber es gibt auch niemanden, der ihnen ein Ziel vorgibt. Die Matrosen rotten sich vor der Villa der Kschessinskaja zusammen, einer Tänzerin, die nach der Februarrevolution verjagt worden ist. Jetzt hat sich dort  die bolschewistische Partei eingerichtet. Lenin ist inzwischen im Anwesen angekommen, und er fürchtet sich.

Lenin hadert mit der Macht

Der Mann, der Russland sein Regime aufzwingen und seine Feinde  zerschmettern will, ist persönlich nicht gerade ein Draufgänger. Jetzt könnte  er den Aufstand haben, er muss ihn  nur noch befehlen: Der Mob draußen fordert, dass Lenin zu ihm spricht. Er könnte die Matrosen losschicken, um die Regierung zu verhaften, er könnte die Sowjetmacht proklamieren. Allein: Ist die Partei bereits gut genug organisiert? Und was geschieht jenseits von Petrograds Grenzen? Würden die Bauern im Riesenreich ein rotes Regiment akzeptieren, das durch einen solchen Putsch die Macht an sich gerissen hat? Lenin, der gnadenlose, zynische, eisenharte Lenin, schwankt auf einmal und zaudert, er weigert sich gar, vor die Matrosen zu treten.

Schließlich schieben ihn doch ein paar Genossen nach draußen. Lenin spricht, wenige Sekunden nur, der genaue Wortlaut dieser, seiner letzten öffentlichen Rede vor der Oktoberrevolution ist nicht wichtig: Denn er drischt nur ein paar Phrasen über die kommende Sowjetmacht, dann verschwindet er wieder. Kein Befehl, kein Aufstandsaufruf, ja nicht einmal ein eindeutiges Wort von ihm dazu, ob die Matrosen ihre Demonstration fortsetzen oder einfach nach Hause zurückkehren sollen. Ratlosigkeit. Schließlich ziehen die Matrosen in Richtung Taurischer Palast, dem Sitz des Petrograder Sowjets. Arbeiter schließen sich ihnen an. Plötzlich Schüsse: Marinekadetten feuern aus Fenstern auf die Demonstranten. Chaos. Die Menge, die eben noch wie eine erobernde Armee durch Petrograds Boulevards gezogen ist, zerstreut sich in den nächsten Stunden, zieht vorüber wie das Gewitter am Himmel. Die Bolschewiki, so scheint es, haben eine einmalige Chance vertan.

Das Ende der Revolution?

Petrograd, 18. Juli. Alexander Kerenskij schläft im Bett Alexanders III. im Winterpalast, der jetzt als Regierungssitz dient. Wenige Tage zuvor ist er zum Premier erhoben worden, nachdem sein Vorgänger zurückgetreten war. Er könnte nun die Macht aufsammeln, die Lenin liegengelassen hat. Denn der Juli-Aufstand, der so schmählich endete, hat die Bolschewiki Prestige und Anhänger gekostet. Mühelos ist es Regierungssoldaten gelungen, die Villa der Kschessinskaja zu stürmen und alle Funktionäre dort zu verhaften. Lenin konnte zwar entkommen, musste aber zurück nach Finnland fliehen.

Insgesamt hat das Regime mehrere Hundert Anhänger der Bolschewiki eingekerkert, darunter Leo Trotzki, den wohl begabtesten Redner der Linken, der zuvor eine kleine Fraktion der Sozialdemokraten geführt hat. Lenin im Exil, Trotzki verhaftet: Wer soll Kerenskij jetzt noch daran hindern, die Bolschewiki endgültig auszuschalten? Allein: Der neue Premier ist eben doch kein Napoleon. Keiner der verhafteten Bolschewiki wird verurteilt, die Masse der Mitglieder bleibt unbehelligt, die Partei wird nicht wirklich zerschlagen. Und von den neun Männern des Zentralkomitees, des obersten Führungsorgans, ist nur einer verhaftet worden.

Für die untergetauchten Genossen übernehmen neue Männer Aufgaben: Dieser Sommer spült Josef Stalin und Felix Dserschinskij nach oben in der Parteihierarchie – beides fanatische Politiker aus dem Randsaum des Riesenreiches. Stalin ist ein klein gewachsener, pockennarbiger Georgier, der Russisch mit dem gutturalen Akzent seiner georgischen Heimat spricht und fast sein ganzes Erwachsenenleben als politischer Untergrundkämpfer verbracht hat. Dserschinskij, der in diesem Sommer 40 Jahre alt wird, stammt aus einer polnischen Adelsfamilie, schloss sich früh der linken Bewegung an und wurde zur Zarenzeit mehrfach verhaftet und nach Sibirien deportiert. In den folgenden Wochen versucht die Regierung nicht ernsthaft, die Arbeiter zu entwaffnen, obwohl die seit der Februarrevolution zahllose Gewehre und Pistolen in Händen halten. Wer sollte es auch organisieren? Kerenskij gelingt es erst Ende Juli, ein Koalitionskabinett zu bilden, und danach wechselt das Personal ständig. Gerade die wichtigen Ministerien für Inneres und Justiz werden alle paar Wochen neu besetzt.

Zudem sind Menschewiki und Sozialrevolutionäre ebenso zerrissen wie die Regierung: Sie sind Teil von Kerenskijs Kabinett, doch für viele bleiben die  Bolschewiki ihre „Genossen“; diese beiden Gruppen vor allem verhindern eine ernsthafte Verfolgung von Lenins Partei. Kerenskijs fatalster Irrtum aber ist der Krieg: Geradezu selbstmörderisch stur setzt er ihn fort, obwohl die Deutschen nun schon Richtung Riga vorrücken. Um die Disziplin zu festigen, fällt ihm nichts anderes ein, als für Frontsoldaten die nach der Februarrevolution abgeschaffte Todesstrafe wiedereinzuführen – was ihn nur noch verhasster macht. Der Premier stellt sich damit gegen die Bolschewiki, die als einzige Partei den Krieg konsequent ablehnen – und macht sich dafür abhängig von rechten, noch vom Zaren ernannten Generälen, um ebenjenen Krieg fortzuführen.

Ein neuer Herrscher betritt die Bühne

Petrograd, 27. August. Mitternachtssitzung des Kabinetts im Winterpalast. Kerenskij eröffnet den Ministern, dass General Lawr Kornilow, der Oberbefehlshaber der Armee, soeben putscht! Tatsächlich träumt der von vielen als Russlands neuer starker Mann gefeierte Feldherr wohl von einer Militärdiktatur, drängen seine Anhänger ihn seit Längerem zum Sturz der Regierung. Doch bis in die Nachtstunden war Kornilow zu diesem Schritt noch nicht bereit. Zwar hat er von seinem Hauptquartier im Süden Truppen Richtung Hauptstadt entsandt, doch nur, weil er einen Aufstand der Linken befürchtet. Es ist Kerenskij, der nun missverständliche Botschaften des Kornilow-Lagers nutzt, um den General loszuwerden.

In den dunklen Stunden im Winterpalast fühlen sich die überrumpelten Minister bedroht – und treten zurück. Kerenskij bleibt als Einziger im Amt und ist damit de facto Russlands Diktator. Napoleon, endlich! Kerenskij erklärt Kornilow für abgesetzt, zieht sich gegen 4.00 Uhr morgens auf sein Zimmer zurück und trällert Opernarien. Er muss glauben, dass er die Generäle unter seine Kontrolle gezwungen hat.
Nichts könnte falscher sein.

Petrograd, 28. August. Die Kurse der Börse schießen nach oben – weil der düpierte General Kornilow nun tatsächlich das tut, was Kerenskij ihm zuvor bloß angedichtet hat: Er putscht. Kornilow, der den Premier für einen Schwächling hält, will sich nicht beiseiteschieben lassen. Und so sollen die Truppen, die er gesandt hatte, um Kerenskijs Regierung zu schützen, sie nun stürzen. In der Kapitale jubeln Bankiers, Unternehmer, Bürger. Sie sehen, ebenso wie viele Offiziere, in Kornilow den zukünftigen Führer Russlands, nicht in dem irrlichternden Kerenskij. Kornilow war der erste General, der Deserteure  an der Front hat niederschießen lassen. Das Volk, so vermutet ein Beamter der bedrängten Regierung, „wird sich jedem Peitschenknall beugen“, und Kornilow könnte diese Peitsche schwingen.

Da ist sie, die Konterrevolution! Was viele Bürger erhoffen, ist genau das, was die Arbeiter fürchten: das Regiment eines rechten Generals. Was aber tun? Soll man sich für so eine Gestalt wie Kerenskij in die Bresche werfen?
Ja, antworten Menschewiki und Sozialrevolutionäre, und ja, entscheiden auch die Bolschewiki in der Stadt. Linke Funktionäre holen bewaffnete Arbeiter nach Petrograd. Zudem eilen Tausende Matrosen aus Kronstadt herbei; viele  von ihnen sind noch sechs Wochen zuvor  als Kerenskijs Todfeinde herumgezogen, nun sind sie seine Verteidiger.

Lenin harrt derweil in Helsinki aus. Am Abend erreichen ihn erste Nachrichten der Krise. Er empfiehlt den Genossen in einem Brief, sich dem Kampf gegen Kornilow anzuschließen. Doch als die Zeilen in der Hauptstadt eintreffen, haben die Ereignisse sie längst überholt.

Die Ereignisse überschlagen sich

In den Petrograder Fabriken formen sich bewaffnete Arbeiter zu „Roten Garden“, wohl 15 000 Mann stark. Sie werden zum Teil mit neuesten Waffen aus den Rüstungsfabriken versorgt. Sie errichten Barrikaden, überwachen Telegraphenleitungen, bestreiken die Druckereien aller Pro-Kornilow-Zeitungen. Soldaten der Garnison helfen bei der Befestigung von Verteidigungsstellungen. 3000 Kronstädter Matrosen besetzen wichtige Positionen – unter anderem schützen sie Kerenskij im Winterpalast.

Am Ende schafft es Kornilow nicht einmal bis nach Petrograd. Eisenbahnarbeiter sabotieren den Vormarsch seiner Truppen. Als Kämpfer eines Regiments 25 Kilometer vor der Hauptstadt gestoppt werden, strömen aus den Garnisonen und Fabriken linke Agitatoren zu Kornilows Soldaten – und am 30. August schwenken die ebenfalls rote Fahnen. Kornilows Putsch kollabiert. Der Feldherr steht in einem Kloster unter Arrest. Offiziere, die der Zusammenarbeit mit ihm verdächtig sind, werden verhaftet und manche gleich gelyncht. Kerenskij, so darf man annehmen, träumt weiterhin von Napoleon. Wieder ist ein Rivale beseitigt! Tatsächlich aber ist er nun zur Geisel geworden. Es sind ja die Arbeiter und Soldaten, die ihn vor Kornilow gerettet haben, und es sind linke Parteien, die ebenjene Arbeiter und Soldaten organisieren. Doch nicht die Menschewiki und Sozialrevolutionäre – die sich ja an Kerenskij gekettet haben – gewinnen nun an Ansehen, sondern die Bolschewiki.

Sie übernehmen nach und nach die Mehrheiten in den Sowjets, in den Fabriken, in den Kasernen. Wer sonst kämpft so wie sie gegen die Konterrevolution und zugleich gegen den Krieg? Wer sonst würde hart gegen die Offiziere, die Unternehmer, die ganzen alten Eliten vorgehen? Wer sonst steht noch für das Neue, für Hoffnung, für Sowjetmacht? Nichts symbolisiert diese neue Macht wohl mehr als die Freilassung  von Trotzki und anderen Genossen am 4. September; die Bolschewiki haben wieder freie Hand. (Drei Wochen später wird Trotzki sogar zum Vorsitzenden des Petrograder Sowjets gewählt.) Und Kerenskij ist nur noch ein Möchtegern-Napoleon ohne Armee, der sein Verhängnis nicht sehen will.

Lenin kehrt zurück

Helsinki, Mitte September. Lenin, der sich anders als Trotzki und weitere Spitzengenossen – aus, sagen wir: Vorsicht – noch immer in Finnland versteckt hält, schreibt zwei Briefe an das Zentralkomitee der Partei. Im ersten fordert er, „den Widerstand des Gegners zu brechen, ihn zu zerschlagen, die Macht zu erobern und zu behaupten“. Gegner ist für ihn letztlich jeder, der kein Bolschewik ist. Im zweiten Brief plädiert er dafür, „den Aufstand als eine Kunst zu betrachten“ – und für diese Kunst gebe es einen richtigen Zeitpunkt. Jetzt! Nikolaj Bucharin, Mitglied im Zentralkomitee, wird später gestehen: „Wir waren alle fassungslos.“ Umsturz? Nach dem Juli-Debakel? Jetzt? Beide Briefe werden, obwohl Lenin das gefordert hat, nicht an andere führende Petrograder und Moskauer Genossen weitergeleitet und auch nicht veröffentlicht – aus Angst, einen Aufstand auszulösen, für den die Führer die Partei als noch nicht stark genug empfinden.

Dennoch zeigen Lenins drängende Appelle Wirkung: Trotzki etwa fordert nun die komplette Macht für eine „wirklich revolutionäre Regierung“, auch wenn er noch vor dem sofortigen Umsturz zurückzuckt. Und Stalin plädiert dafür, Lenins Thesen zumindest in der Parteihierarchie zu verbreiten. Langsam, durch seine Beharrlichkeit, seinen Zorn, seine Kompromisslosigkeit, zermürbt Lenin innerparteiliche Gegner und zwingt den Bolschewiki seine Vorstellungen von einer gewaltsamen Machtübernahme auf. Kurz darauf bricht er aus Finnland auf. Es ist Zeit, zurückzukehren.

Petrograd, 25. September. Kerenskij formt, mal wieder, eine neue Regierung. Menschewiki und Sozialrevolutionäre stellen noch immer mehr als die Hälfte der Minister, doch die Schlüsselpositionen wie etwa das Außenministerium halten nun Kadetten oder Günstlinge des Premiers. Kerenskij selbst ist Regierungschef und Oberbefehlshaber der Armee. Die blinde Loyalität zu einem bankrotten Regime bedeutet den politischen Selbstmord beider Linksparteien. Die Menschewiki, noch Monate zuvor die Herren der Sowjets, verlieren derart dramatisch an Anhängern, dass sie die für Ende September angesetzte Parteikonferenz der Petrograder Mitglieder ausfallen lassen, weil sie keine Mindestzahl an Teilnehmern mehr aufbringen.

Von den Sozialrevolutionären spaltet sich ein linker Flügel ab, biedert sich den Bolschewiki an und stimmt in den Sowjets fortan mit Lenin und Trotzki. Ende September 1917 hat sich praktisch das gesamte politische Russland selbst aufgelöst oder diskreditiert: der Zar vertrieben; die extreme Rechte nach Kornilows Putsch gescheitert; das Bürgertum und die Kadetten verhasst durch ihr stures Festhalten am Krieg; Kerenskij allgemein verachtet. Und die moderaten Linksparteien haben zwar immer noch Deputierte in den Sowjets, oft sogar dort die Mehrheit, aber als Organisationen sind sie zerstritten, kompromittiert und praktisch handlungsunfähig. Es bleiben nur die Bolschewiki. Und bislang haben sie dafür nicht einmal einen Schuss abgeben müssen.

Lenin wagt den Aufstand

Dienstag, 10. Oktober. Später Abend, Kälte, Regen. Etwa ein Dutzend Gestalten eilen am Stadtrand Petrograds in eine Luxuswohnung. Sie sind nicht allein wegen des Wetters tief verhüllt. Lenin tarnt sich aus Angst vor Verhaftung: „Glatt rasiert, mit Perücke, einem Pastor wie aus dem Gesicht geschnitten“, erinnert sich eine Teilnehmerin. Lenin trifft hier zum ersten Mal seit seiner Rückkehr aus Finnland mit dem Zentralkomitee der Bolschewiki zusammen. Wahrscheinlich zwölf der  mittlerweile 21 Mitglieder versammeln sich gegen 22.00 Uhr in einer konspirativen Wohnung – die ausgerechnet einem führenden Menschewiken gehört. Dessen Frau jedoch ist Bolschewikin und hat ihren Mann für den Abend unter einem Vorwand vom Haus ferngehalten.

An einem großen Tisch sitzt Lenin seinen wichtigsten Anhängern und Gegnern in der Partei gegenüber: Trotzki etwa, dem gewaltigen Organisator, der Lenin persönlich nicht gerade schätzt, aber wie er dem Aufstand zuneigt.
Anwesend sind auch Stalin und Dserschinskij, zwei skrupellose Gewaltmenschen, die nur noch auf den Befehl zum Losschlagen warten, sowie Kamenew und Sinowjew, die Gemäßigten, die Lenin am liebsten Zügel anlegen würden, um weiter mit Verbündeten zusammenzuarbeiten, anstatt alleine eine Erhebung zu riskieren. Lenin spricht als Erster, fast eine Stunde lang. Der Aufstand, fordert er, müsse jetzt organisiert werden. Sofort.
Sein Argument: Kerenskij lasse die Deutschen mit Absicht einmarschieren, damit sie Petrograd erobern und als Handlanger der Bürgerlichen die Bolschewiki unterdrücken könnten.

Ob Lenin selbst an diese absurde Behauptung glaubt? Immer wieder hat er seine Genossen ja mit der Warnung vor einem mächtigen, kompromisslosen Feind auf eine kompromisslose, brutale Politik eingeschworen: Erst drohte die zaristische Geheimpolizei, dann die Konterrevolution … Aber Kerenskij ist so lächerlich schwach, dass dieses Argument nicht länger verfängt. Die Bolschewiki könnten sich, wie Kamenew und Sinowjew fordern, politischen Partnern öffnen, ohne dabei irgendein Risiko einzugehen. Also führt Lenin einen neuen Feind an: Wenn die Deutschen an der Newa stehen, ist die Partei erledigt. Daher muss man sofort die Macht ergreifen, um den Krieg rechtzeitig zu beenden! Schwer zu sagen, ob dieses Argument verfängt. Offenbar diskutiert das ZK stundenlang, hitzig und kontrovers. Am Ende steht eine Abstimmung – und Lenin setzt sich mit zehn zu zwei durch: Die Partei wagt den Aufstand. Nur Kamenew und Sinowjew sind dagegen.

Der Tagesbefehl

Lenin reißt aus einem Block ein Blatt Papier und schreibt darauf eine Resolution: „Der bewaffnete Aufstand ist unvermeidlich und die Zeit dafür reif.“ Das soll als „Tagesbefehl“ an alle bedeutenden Parteikomitees gehen. Das genaue Datum lässt Lenin noch offen. Die vielleicht wichtigste Sitzung der bolschewistischen Parteiführung endet am frühen Morgen mit Tee und Wurstbroten zum Frühstück. Lenin hat zwischen April und Oktober allein durch die Kraft seiner fanatischen Persönlichkeit wichtige Genossen überzeugt oder niedergezwungen. Aus dem kaum geschätzten Rückkehrer, dessen schockierende Thesen man gerade als „persönliche Meinung“ im Parteiorgan gedruckt hat, ist der Zuchtmeister einer Kampforganisation geworden, dessen „Tagesbefehl“ den Aufstand anordnet. Er bringt die Partei auf den Kurs der Gewalt, und er bringt sie ausschließlich dadurch auf diesen Kurs, dass er die Gewalt wieder und wieder fordert. Und die Genossen unterwerfen sich am Ende diesem stärkeren Willen. Lenin hätte ja gar keine Möglichkeit, sie mit Gewalt zu zwingen. Noch nicht.

Samstag, 14. Oktober. Jeder Petrograder, der des Lesens mächtig ist, kann vermuten, dass die Bolschewiki putschen wollen. Denn mag das Treffen der Führer auch konspirativ gewesen sein, die Vorbereitung in einer inzwischen auf wohl mehr als 200 000 Mitglieder angewachsenen Partei ist es nicht. Ein Journalist der Zeitung „Gaseta-Kopejka“ spekuliert, dass die Bolschewiki ihre „Erhebung für den 20. Oktober vorbereiten“. Maxim Gorkijs „Neues Leben“ warnt, rechtsgerichtete Zeitungen warnen, jedermann warnt – und wartet. Trotzki richtet im Petrograder Sowjet ein „Militärisches Revolutionskomitee“ ein, dem bald auch Stalin und Dserschinskij angehören. Es wird das militärische Hauptquartier des kommenden Aufstandes, hier werden alle Befehlsstränge zusammenlaufen, von hier aus soll der Schlag organisiert werden – und auch das ist nicht gerade geheim.
Fjodor Dan, ein Menschewik, fordert in einer Rede: „Wir müssen die  Genossen Bolschewiki fragen: Was bezweckt ihre Politik? Sie müssen erklären, ob sie das revolutionäre Proletariat zur Erhebung aufrufen oder nicht. Ich möchte ein klares Ja oder Nein.“ Die geforderte Antwort bekommt er nicht.

Scheitert der Aufstand an mangelnder Disziplin?

Sonntag, 15. Oktober. Treffen der Parteifunktionäre aus den Petrograder Stadtbezirken. Alle Genossen gehen davon aus, dass die Partei bei Arbeitern und Soldaten populär ist. Aber ob die Arbeiter und Soldaten auch für die Partei kämpfen werden? Von 19 Bezirksabgeordneten schätzen bloß acht die Stimmung als reif für den Aufstand ein. Die anderen berichten von Apathie und mangelnder Disziplin. Einer gesteht gar die „vollständige Auflösung“ seiner Roten Garden ein. Und ein Funktionär glaubt, dass die Partei „vielleicht in einem Jahr“ kampfbereit sein werde. Und ist selbst das nicht zu optimistisch? Denn sogar in der Spitze herrscht Uneinigkeit. Kamenew verdammt einen sofortigen Aufstand öffentlich als „unzulässig, ja fatal“. Als die „Prawda“ seinen Artikel nicht drucken will, bringt er ihn in Gorkijs „Neues Leben“ unter. Lenin ist, mal wieder, außer sich. „Verrat“, schimpft er in Gegenartikeln, „verlogene Denunziation“ und „Gaunerei“. Kamenew und Sinowjew schmäht er als „diese beiden Personen“ und fordert ihren Parteiausschluss – aber das wird vom Zentralkomitee dann doch abgelehnt. Den Bolschewiki, scheint es, fehlt in den entscheidenden Tagen die Disziplin. Und es ist letztlich Kerenskij, der Lenins Aufstandsplan rettet.

Dienstag, 17. Oktober. Kabinettssitzung im Winterpalast. Der Innenminister berichtet, dass er über Informationen – woher auch immer – verfüge, die Bolschewiki würden für den 23. Oktober einen Aufstand planen. Leider sei man zu schwach, um präventiv vorzugehen. Aber wenn sie erst einmal zugeschlagen hätten, dann könne man sich legitim verteidigen und werde siegen. Welche Verblendung. Denn zugleich bereitet Kerenskij wieder einmal Verlegungen der für ihn gefährlichen Truppen der Petrograder Garnison an die immer näher rückende Front vor. Es ist dieses Vorhaben, das die Soldaten endgültig in die offene Meuterei treibt. In einem Regiment veröffentlichen empörte Soldaten eine Resolution, die den Befehl „als Mittel der privilegierten Bourgeoisie, um die Revolution zu ersticken“ denunziert. Kerenskijs Kabinett sei bloß eine Ansammlung von „Konterrevolutionären“, man werde sich „weigern, Petrograd zu verlassen“, und allein auf die „wahren Führer der Arbeiter und der armen Bauernschaft hören“, also auf die gewählten Deputierten im Sowjet. Geht es noch deutlicher? Doch Kerenskij fühlt sich in Petrograd nach wie vor absolut sicher. (Jahre später wird er eingestehen, „naiv“ gewesen zu sein.) Kriegsminister General Werchowskij erklärt drei Tage nach der Kabinettssitzung, die Armee sei nicht länger kampfbereit gegen die Deutschen. Man müsse den Bolschewiki „den Boden entziehen, mit anderen Worten, sofort die Frage eines Friedensschlusses aufwerfen“. Kerenskij lehnt ab. Da ist es schon der 20. Oktober. Er hat noch fünf Tage.

Einfacher als gedacht an die Macht?

Samstag, 21. Oktober. Trotzki beginnt, Kommissare des Militärischen Revolutionskomitees in etliche Einheiten der Garnison zu entsenden. Niemand hindert ihn – und so übernehmen die Bolschewiki nach und nach die militärische Macht in der Hauptstadt. Letztlich ist es einfach: Die Soldaten der Petrograder Garnison hassen den Krieg der Regierung. Die wahren Führer sehen sie nicht in Kerenskijs Kabinett, sondern im Sowjet. Und das Revolutionskomitee, das zwar von den Bolschewiki dominiert wird, in dem aber auch Sozialrevolutionäre sitzen, gibt vor, für die  Sache des Sowjets zu kämpfen. Darum laufen ihm die Soldaten zu. (Die Offiziere hingegen bleiben zumeist Kerenskij gegenüber loyal.)

Kurz vor Mitternacht tauchen drei von Trotzkis Emissären sogar im Hauptquartier des Generalstabs auf. Einer erklärt: „Alle Anordnungen des Befehlshabenden müssen durch die Unterschrift eines Kommissars bestätigt werden.“ Höchster Offizier im Hauptquartier ist General Polkownikow, und der denkt nicht daran, sich dem Komitee zu unterwerfen: „Wir werden eure Kommissare nicht anerkennen. Wenn sie das Gesetz brechen, werden wir sie verhaften.“

Dies ist eine Geste des Widerstands, aber auch nicht mehr. Denn Polkownikow hat nicht einmal mehr die Macht, seine Drohung wahrzumachen und die drei Abgesandten zu verhaften. Die gehen einfach zurück ins Smolnyj-Institut, einen prachtvollen Schulbau, in dem einst die Mädchen der feinen Gesellschaft geschliffen wurden und in dem nun die Bolschewiki ihre Zentrale eingerichtet haben – während Lenin, der seine Verhaftung fürchtet, sich in der Wohnung einer Genossin versteckt. In aller Eile verfasst Trotzki eine Erklärung: „Das Hauptquartier wird zu einer direkten Waffe konterrevolutionärer Kräfte. Der Schutz der revolutionären Ordnung vor konterrevolutionären Angriffen liegt jetzt in der Hand der revolutionären Soldaten, die vom Militärischen Revolutionskomitee angeführt werden.“

Klingt spröde, ist aber genial: Trotzki erklärt mehr oder weniger offen, dass die Militärmacht nun in der Hand des von den Bolschewiki dominierten Sowjets liegt. Das ist der Beginn eines Staatsstreichs – jenes Putsches, den Lenin seit Monaten gefordert hat; eines Umsturzes, den viele Genossen eher zaudernd fürchten und der in einer einzigen Nacht und geradezu unglaublich einfach und unblutig seinen Anfang nimmt. Zugleich erklärt Trotzki die Regierung auch noch indirekt zum „konterrevolutionären Angreifer“, gegen den man sich schützen müsse. So verwandelt er Kerenskijs legitime Februarrevolutionsregierung in eine illegitime Konterrevolutionsregierung, und die putschenden Bolschewiki werden zu angeblichen Verteidigern ebenjener Revolution, die sie soeben beseitigen. Trotzkis Aufruf wird massenhaft gedruckt und in Petrograd verteilt. Inzwischen ist der neue Tag heraufgedämmert. Eigentlich gehört die Stadt schon jetzt weitgehend Lenin und Genossen.

Zwischen zögern und Machtergreifung

Montag, 23. Oktober. Gegen Mittag strömen Soldaten auf dem Hauptplatz der Peter-und-Paul-Festung zusammen. Offiziere sind auch darunter, aber auf die hört kaum jemand mehr. Vertreter der Menschewiki und der rechten Sozialrevolutionäre fordern die Kämpfer in der strategisch wichtigen Bastion angesichts des Staatsstreichs dazu auf, loyal zur Regierung zu stehen. Ein verzweifelter  Akt des Widerstands. Denn Agitatoren der Bolschewiki rufen zur „Verteidigung“ gegen die „Konterrevolutionäre“ auf. Stunde um Stunde wogt die Diskussion.

Irgendwann erscheint Trotzki. Plötzlich Stille. Was genau er sagt, ist gar nicht überliefert, aber wie er es sagt. Es sei „weniger eine Rede als ein mitreißender Gesang“ gewesen, wird später ein hingerissener Zeuge rühmen. Gegen 20.00 Uhr stimmen die Soldaten ab – und außer wenigen Offizieren und, wie ein Bolschewik verächtlich schreibt, einigen „Intellektuellen“ geht die gesamte Garnison der Peter-und-Paul-Festung zum Revolutionskomitee über. Jedoch: Noch immer zaudern die Bolschewiki. Auch im Smolnyj wogt die Diskussion hin und her. Was werden  die Frontsoldaten tun, wenn man jetzt Kerenskij beseitigt? Was werden die Bauern unternehmen, was wird im Rest des Riesenreiches geschehen?

Keinesfalls will Trotzki den Eindruck erwecken, die Bolschewiki würden sich allein an die Spitze des Staates setzen. Daher will er den endgültigen Schlag gegen Kerenskij hinauszögern, bis am 25. Oktober der Zweite Gesamtrussische Sowjetkongress – eine Art Ober-Sowjet, in den die zahllosen Sowjets des Landes Delegierte entsandt haben – in Petrograd zusammentritt. In dessen Namen wollen sie dann die Macht ergreifen. Lenin aber will den Aufstand sofort, bevor der Sowjetkongress sich einmischen kann. Und kaum glaublich: Kerenskij liefert ihm dafür auch noch den Vorwand.

Denn zu der Stunde, in der die Genossen im Smolnyj vor dem letzten Schritt zurückzucken, fordert der Premier die sofortige Verhaftung aller Mitglieder des Militärischen Revolutionskomitees. Er erkennt nicht, dass ihm dafür schon der Rückhalt fehlt. Einige Anwesende können ihn gerade eben noch von diesem wahnwitzigen Plan abbringen. Kerenskij, der darauf setzt, dass  heranrückende Frontsoldaten in wenigen Stunden Petrograd erreichen und seine Regierung retten werden, sammelt unbeirrt seine letzten Truppen: Offiziersschüler mehrerer Militärschulen, ein Regiment von Kriegsversehrten aus Zarskoje Selo, ein Frauenbataillon.

Einige Kadetten ziehen noch in der Nacht los, besetzen den linken Verlag „Trud“ („Arbeit“), zerstören die Druckmatrizen und vernichten einige Tausend Ausgaben der Zeitung „Arbeiterweg“. Da ist er, der Angriff der Konterrevolution! Nun muss Trotzki handeln. Es ist der frühe Morgen des 24. Oktober.

Der wahre Beginn der Oktoberrevolution

Dienstag, 24. Oktober. Trotzki harrt im Smolnyj-Institut aus. Wirre Berichte treffen ein. Schließlich erreichen einige Drucker von „Trud“ das Hauptquartier der Bolschewiki, erzählen von der Besetzung. Trotzki greift zum Telefon und beordert Spitzenfunktionäre herbei. Noch in den Morgenstunden werden viele da sein, selbst der sanfte Kamenew – nur Lenin, der immer noch seine Verhaftung fürchtet (durch wen eigentlich noch?), versteckt sich weiterhin in der Wohnung einer Genossin. Auch die entscheidende Phase der Oktoberrevolution beginnt daher ohne ihn.

So sind es die Führer des Militärischen Revolutionskomitees, darunter Trotzki, die eine Order herausgeben, die sie „Befehl Nummer eins“ nennen – so als wüssten sie genau, dass hiermit eine neue Ordnung in die Welt kommt: „Der Petrograder Sowjet befindet sich in höchster Gefahr. Ihr seid hiermit angewiesen, euer Regiment gefechtsbereit  zu machen und weitere Anweisungen  abzuwarten.“ Eine Kompanie erobert das Gebäude von „Trud“ zurück. Stalin macht sich daran, einen kämpferischen Aufruf im „Arbeiterweg“ zu veröffentlichen. Es ist 9.00 Uhr. Um die Mittagszeit erreichen knapp 200 Soldatinnen eines Frauen-Angriffsbataillons den Winterpalast, um Kerenskijs Regierung zu verteidigen. Nach und nach rücken auch 134 Offiziere und etwa 2000 Offiziersanwärter diverser Militärschulen durch die Straßen bis zur Regierungszentrale vor.

Von diesen bescheidenen Kräften lässt Kerenskij Regierungsgebäude, Bahnhöfe und Newa-Brücken besetzen. Doch die von ihm erwarteten Frontsoldaten stecken weit außerhalb Petrograds fest – oder sie stellen sich gegen ihn. Im Westen der Stadt liegt der Kreuzer „Aurora“, der zu Reparaturarbeiten lange in einer Werft war. Das Marinekommando, das die revolutionäre Gesinnung der 500 Matrosen auf dem  Kriegsschiff nur zu gut kennt, beordert den Kreuzer nun zur „Überprüfung der  Maschinenanlage“ aufs Meer, um die  Männer aus Petrograd herauszulocken –  doch die Seeleute meutern gegen ihre regierungstreuen Offiziere und lassen  das schwer bewaffnete Schiff in der Hauptstadt. „Ein bewaffneter Konflikt am Vorabend des Rätekongresses zählt nicht zu unseren Plänen“, versichert Trotzki derweil vor dem Petrograder Sowjet (in dem ja auch Deputierte anderer Parteien vertreten sind). Das ist wohl nicht einmal gelogen. Trotzki hofft ja noch immer, den endgültigen Sturz Kerenskijs bis zum Kongress hinauszögern zu können.

16.00 Uhr. Eine Truppe mit Fahrrädern ausgerüsteter Soldaten – eine der wenigen anwesenden Fronteinheiten – zieht aus dem Winterpalast ab. Eine Stunde später wird einer ihrer Kommissare die Führung des Telegraphenamts übernehmen, nun auf Befehl des Militärischen Revolutionskomitees. Das Komitee telegraphiert eine kodierte Nachricht nach Helsinki, wo russische Marineeinheiten stationiert sind: „Schickt die Verordnungen!“ Gemeint ist: Setzt die Torpedoboote in Marsch. Zugleich werden aus Kronstadt Tausende kampfbereite Matrosen nach Petrograd gerufen.

Kerenskij glaubt die Revolution beenden zu können

Kerenskij, so ein Augenzeuge, wirkt am späten Abend „bis zum Äußersten erschöpft“, versichert aber in einem Wutanfall, die Regierung werde „mit der  Rebellion fertigwerden“. Dabei verliert er gerade die Kontrolle über wichtige  Newa-Brücken. Die haben seine Leute besetzt und hochgeklappt – doch gerade diese hochgeklappten Brücken werden von Arbeitern und Soldaten als Bestätigung von Trotzkis Propaganda gewertet: Das ist ein Zeichen der beginnenden Konterrevolution! Eine bewaffnete (und offenbar nicht vom Militärischen Revolutionskomitee geleitete) Menge drängt Offiziersschüler von der Litejnyj-Brücke zurück in ihre Akademie. Die Soldatinnen – die auf der Dreifaltigkeitsbrücke stehen – erkennen vermutlich, dass sie im Schussfeld der an den Mauern der Peter-und-Paul-Festung postierten Maschinengewehre stehen – und räumen ihre Position.
Abends. Gut gekleidete Bürger flanieren an Restaurants und Casinos entlang, an Kinos und Theatern. Im Alexandrinskij-Theater wird eine Neuinszenierung von Alexej Tolstojs „Der Tod Iwans des Schrecklichen“ gegeben – und das feinsinnige Publikum weiß nicht einmal, dass nur ein paar Straßen weiter ihr eigenes Regime in den Tod sinkt.

Etwa um diese Zeit hält es Lenin endlich nicht mehr in der konspirativen Wohnung aus. Begleitet nur von einem Genossen, macht er sich auf den Weg ins Smolnyj: getarnt mit Perücke, zerschlissener Mütze und einem Verband im  Gesicht. Er fährt Straßenbahn – nur die letzten Kilometer geht er zu Fuß. Das Smolnyj-Institut ist hell erleuchtet, Maschinengewehrstellungen sichern die Zugänge, Lagerfeuer flackern, überall Lastwagen, Autos, Motorräder, Soldaten. Lenin wird kontrolliert – und abgewiesen. Er hat keine Papiere, sein Gesicht ist selbst in den Rängen der Partei noch so unbekannt, dass ihn niemand identifiziert. Lenin und sein Begleiter schlüpfen schließlich inmitten einer Menge heimlich in das Hauptquartier der Revolution. Es ist Mitternacht.

Putsch! Sofort!

Mittwoch, 25. Oktober. Alle Augenzeugen bestätigen später, dass mit Lenins Ankunft die Stimmung im Smolnyj entschlossener wird: Putsch! Sofort! Lenin eilt in den Raum Nummer 36, wo er Spitzengenossen trifft. Kerenskij? Den hält er schon für erledigt. Er sichtet Namen für ein neues Regime. Eine Regierung mit Ministern? Klingt zu bürgerlich, zu alt, zu sehr von gestern. Trotzki schlägt vor, die Minister, nach dem Vorbild der Französischen Revolution, „Volkskommissare“ zu nennen. „Ja, das ist sehr gut“, antwortet  Lenin, „das riecht nach Revolution. Und die Regierung selbst können wir ‚Rat  der Volkskommissare‘ nennen.“

Trotzki wird später schätzen, dass an diesem Tag „höchstens“ 25 000 bis 30 000 Menschen den Umsturz aktiv unterstützen, vielleicht fünf Prozent aller in Petrograd versammelten Arbeiter und Soldaten. Aber das reicht. Lenins Truppen errichten nun Barrikaden an wichtigen Verkehrspunkten und beginnen mit Straßenkontrollen. Sie übernehmen die Leitung der Elektrizitätswerke, schalten fast allen Regierungsgebäuden den Strom ab. Zudem kontrollieren sie die wichtigsten Telefon- und Telegrammleitungen und die wichtigsten Bahnhöfe. Die Regierung ist vom Rest des Landes weitgehend abgeschnitten. 3.30 Uhr. Die Matrosen der „Aurora“ haben den Kreuzer unter Dampf gesetzt. Mit Hilfe des Kapitäns, der Schaden von seinem Schiff abwenden will und deshalb bei der Navigation hilft, manövrieren sie den Giganten bis zur Nikolaj-Brücke, auf die sie ihre Suchscheinwerfer richten.

Kerenskijs Soldaten fliehen. Alle Übergänge der Newa gehören nun den Bolschewiki. Kerenskij erfährt im Winterpalast davon. Die Offiziersschüler und Soldatinnen werden nervös, er beruhigt sie mit der Versicherung, Verstärkung sei nahe. Zur gleichen Zeit versammeln sich Menschewiki und Sozialrevolutionäre auf mehreren Treffen und verabschieden dort etliche Resolutionen und Thesen: In ihnen ist von einer „homogenen“ und „demokratischen“ Regierung die Rede, aber auch das Vorgehen Kerenskijs wird „scharf zurückgewiesen“. Doch niemand kümmert sich mehr darum. 6.00 Uhr. Die Bolschewiki kontrollieren die Staatsbank. Dafür sind bloß  40 Matrosen abkommandiert worden,  die das Gebäude besetzten, ohne auf Widerstand zu stoßen. Einige Zeit später  erobern Trupps auch den Warschauer Bahnhof, den letzten wichtigen bis dahin freien Eisenbahnknotenpunkt. Nun ist die Regierung von Strom, Telefon, Telegrammen, Geld und Zugverbindungen fast völlig abgekappt. General Polkownikow vom Hauptquartier des Generalstabs gesteht, in grotesker Untertreibung, Kerenskij gegenüber ein, die Situation sei „kritisch“. Ein anderer General, immerhin, beschreibt die Lage, „als befinde sich die Provisorische Regierung in der Hauptstadt eines feindlichen Landes“. Kerenskij kommt offenbar erst jetzt der Gedanke, zu fliehen. Seine letzte Hoffnung sind die Fronttruppen, doch die sind noch immer nicht eingetroffen. Er beschließt, nach ihnen zu suchen.

10.00 Uhr. Lenin erwartet den Sieg für die Mittagszeit und entwirft im Smolnyj schon einmal ein Manifest: „An die Bürger Russlands! Die Provisorische Regierung ist gestürzt. Die Staatsmacht ist in die Hände des Organs des Petrograder Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten, des Revolutionären Militärkomitees übergegangen, das an der Spitze des Petrograder Proletariats und der Petrograder Garnison steht.“

Überforderung mit der Situation

Kerenskij will Hilfe von außen holen. Aber wie? Er hat nicht einmal mehr ein Auto. Also schickt er Militärbeamte los, die vor der US-Botschaft gegen den Willen der Diplomaten deren Renault requirieren. Einen zweiten Wagen treibt man im Kriegsministerium auf, doch dessen Tank ist leer. Benzin besorgen sich seine Leute im Anglo-Russischen Hospital. 11.00 Uhr. Kerenskij verlässt in dem zweiten Wagen die Stadt, davor der mit dem Sternenbanner beflaggte Renault. Der Premier wird erst Stunden später das militärische Hauptquartier in Pskow,  280 Kilometer südwestlich von Petrograd, erreichen. Seine Minister lässt er im Winterpalast zurück – viele wissen anfangs nicht einmal, dass er abgereist ist.

Erst später werden die Minister im Malachitsaal zusammengerufen und über Kerenskijs Abreise informiert. Was tun? Niemand hat Militärerfahrung. Niemand kennt den Winterpalast genau, sie haben keinen Plan vom Gebäude. Durch einen unbewachten Seiteneingang schlüpfen Späher der Bolschewiki hinein – auch Journalisten gelangen in den Palast. Der Amerikaner John Reed beschreibt das letzte Aufgebot der Verteidiger: „Am Ende des Korridors war ein großer, prunkvoller Saal mit goldenen Verzierungen und Lüstern. Auf dem  Parkettboden lagen zu beiden Seiten lange Reihen schmutziger Matratzen und  Decken, auf denen sich Soldaten ausgestreckt hatten. Überall waren Abfälle verstreut, Zigarettenstummel, Brotreste, Lumpen und leere Flaschen teurer französischer Marken. Immer mehr Soldaten bewegten sich durch die muffige Atmosphäre von Tabakrauch und ungewaschenen Menschenmassen.“ Noch sind es etwa 3000 Kämpfer. Sie errichten aus Holz und Maschinengewehren Verteidigungsstellungen.
14.00 Uhr. Schiffe aus Kronstadt bringen 3000 Matrosen in die Stadt. Gemeinsam mit anderen Truppen umzingeln viele von ihnen die Regierungszentrale. Professoren und Studenten der Petrograder Universität sehen ihnen dabei von ihren Institutsgebäuden aus zu.

18.00 Uhr. Nieselregen, Dunkelheit, Kälte. Wann fällt der Winterpalast mit der dort versammelten Regierung? Von der Peter-und-Paul-Festung aus sollen Putschisten mit 15-cm-Kanonen das Feuer auf das Gebäude eröffnen. Die Geschütze sind aber seit Monaten nicht mehr gewartet worden, und niemand weiß, ob sie noch funktionieren. Also müssen Soldaten andere Kanonen herbeischleppen. Allein: Keine ist einsatzbereit. Und dann fehlt auch noch  die Munition. Also will man doch die 15-cm-Geschütze einsetzen. Eine rote Laterne an einem Flaggenmast soll das Angriffssignal sein. Aber wo ist eine rote Laterne? Als man endlich eine aufgetrieben hat, weiß niemand, wie man die am Flaggenmast befestigen könnte … Lenin tobt. Im Smolnyj, so erinnert sich ein eingeschüchterter Genosse, ist er bereit, „auf uns zu schießen“.

Ein letztes Gefecht?

18.15 Uhr. Kadetten der Michajlowskij-Artillerieschule halten es im Winterpalast nicht länger aus – sie gehen zurück in ihre Schule und nehmen vier der sechs den Verteidigern noch verbliebenen Kanonen mit. Ihnen folgen weitere Truppen, die in ihre Kasernen zurückkehren oder in Restaurants verschwinden, weil sie hungrig sind. Es bleiben noch 300 Bewaffnete im Winterpalast; 90 Prozent der Verteidiger haben sich inzwischen also davongemacht.

18.30 Uhr. Die Minister senden Hilfsappelle ans Volk, sie haben noch eine Leitung nach draußen und erreichen das Kriegsministerium. Dieses Gebäude ist zwar bereits von den Bolschewiki  besetzt, doch ein loyaler Telegraphist  hat sich auf dem Dachboden versteckt und tickert über eine Geheimleitung die Appelle der Regierung an verschiedene staatliche Stellen überall im Land. Was können die Minister sonst noch tun? Sie versammeln sich im Speisesaal und lassen sich Eintopf, Fisch und Artischocken auftragen. 18.40 Uhr. Die Minister erreicht ein Ultimatum: „Im Namen des Militärischen Revolutionskomitees fordern wir die Provisorische Regierung und die ihr gegenüber loyalen Truppen auf, zu kapitulieren. Sie haben 20 Minuten Zeit, um zu antworten. Dieses Ultimatum läuft um 19.10 Uhr ab. Danach werden wir umgehend das Feuer eröffnen.“

Die Minister eilen in den Malachitsaal zurück. Von dessen Fenstern aus haben sie die Peter-und-Paul-Festung und die Kriegsschiffe auf der Newa im Blick. „Was wird passieren, wenn die ‚Aurora‘ das Feuer auf den Palast eröffnet?“, fragt ein Minister. „Er wird in einen Ruinenhaufen verwandelt“, antwortet ein Admiral. Trotzdem beschließen die Minister, auf ihrem Posten auszuharren und das Ultimatum zu ignorieren. 21.40 Uhr. Der erste Schuss der „Aurora“. Ein Knall, der durch ganz Petrograd rollt. Kein Schaden. Im Winterpalast aber verlassen weitere Soldaten ihre Stellungen. Die Bolschewiki lassen sie ungehindert abziehen.

Versammlung des Sowjetkongresses

22.40 Uhr. Im Versammlungssaal des Smolnyj beginnt die Sitzung des  Sowjetkongresses. Diese Räteversammlungen sind ja seit der Februarrevolution quasi Russlands zweite Regierung. Lenin putscht in ihrem Namen – vorgeblich „schützt“ er die Sowjetherrschaft vor der Konterrevolution. Sein Dilemma: Die offizielle Regierung im Winterpalast hat er immer noch nicht beseitigt – vor allem deshalb, weil seine Truppen zu schlecht organisiert sind, um das Riesengebäude endlich zu stürmen. Und im Sowjetkongress stellen die Bolschewiki zwar mit etwa 300 Delegierten die größte Gruppe – es reicht aber nicht zur Mehrheit, denn es drängen sich 670 Deputierte in dem Saal.

Stickige Luft, Tabakdunst, laute Stimmen. Lenin hätte den Sowjetkongress am liebsten noch gar nicht zusammentreten lassen, doch die Erregung ist einfach zu groß. Man kann nicht Hunderte Delegierte Stunde um Stunde im Smolnyj untätig herumlaufen lassen. Doch schon bald nach Beginn des Kongresses, so muss man annehmen, kann Lenin sein Glück kaum fassen: Die meisten Menschewiki und Sozialrevolutionäre verschwinden aus dem Saal!
„Wir müssen die Revolution vor diesem Irrsinn retten“, erklärt einer von ihnen. „Wir lehnen jede Verantwortung für die Folgen dieses Wagnisses ab und verlassen den Kongress.“ Lenins Putsch ist im Namen der Sowjets verübt worden – und ganz sicher glauben viele jener Soldaten und Arbeiter, die diesen Putsch gerade in den Straßen durchfechten, dass sie für die Sowjets kämpfen und nicht für Lenins Partei.

Wenn sich der Sowjetkongress nun mit der Mehrheit der Menschewiki und Sozialrevolutionäre zur einzigen legitimen Regierung erklären und die Macht übernehmen würde – was könnte Lenin dann tun? Er vermag Soldaten und seine eigenen Genossen gegen Kerenskij aufzuhetzen – aber könnte er sie in ein Blutbad gegen andere Linke schicken? Doch mit ihrem Auszug enthaupten sich die Menschewiki und Sozialrevolutionäre quasi selbst. Indem sie verschwinden (und andernorts Resolutionen verabschieden, die kaum jemanden interessieren), überlassen sie den Bolschewiki die Mehrheit im Sowjetkongress. Die haben nun freie Hand.

Es ist Trotzki, der zur Bühne stürmt, um in einer der berühmtesten Reden des 20. Jahrhunderts den anderen Linksparteien eine Kriegserklärung hinterherzuschleudern: „Was sich ereignet hat, ist ein Aufstand, keine Verschwörung. Jenen, die weggegangen sind, müssen wir antworten: Ihr seid armselige Einzelkämpfer, ihr seid Bankrotteure, eure Rolle ist ausgespielt; geht dorthin, wohin ihr von nun an gehört: auf den Kehrichthaufen der Geschichte!“

Der Winterpalast unter Beschuss

23.00 Uhr. Die Besatzung der Peter-und-Paul-Festung nimmt den Winterpalast nun ernsthaft unter Beschuss. Granaten explodieren (zumeist allerdings über der Newa), MG-Feuer hackt durch die Nacht – eine Nacht, in der nach wie vor hell erleuchtete Straßenbahnen durch die Viertel rumpeln, Flaneure über die Straßen ziehen und im Narodnyj Dom die Oper „Don Carlos“ gegeben wird. Im „Hotel de France“ bitten Kellner die Gäste lediglich, in einem der hinteren Räume zu speisen – man wolle in dem nach vorn gehenden Café die Lichter ausschalten, da man die Schießerei fürchte. Die Oktoberrevolution wäre eine einzige Groteske, wenn nicht nun im Winterpalast eine Granate genau in der Etage über dem Saal, in den sich die  erschöpften Minister zurückgezogen haben, explodieren würde. Wenn nicht – endlich, endlich – der Widerstand dort zusammenbräche und eine Gruppe des Revolutionskomitees bis zu den Ministern vordringen könnte. Niemand hindert sie mehr. Petrograds Bürgermeister, der loyal zur Regierung steht, ruft über eine noch freie Leitung in diesen Minuten im Winterpalast an. Statt eines Ministers erreicht er einen Putschisten, der ihm barsch bescheidet: „Hier ist gar nichts los.“

An einem Tisch im Palast sitzen die  Minister. Plötzlich Lärm. Die Tür wird aufgerissen, und (wie es einer beschreibt) „ein kleiner Mann stürzte in den Raum, der von einer Welle hereingespült wurde, unter dem Druck des Pöbels, der hereinströmte und sich wie Wasser verteilte und alle Ecken des Raumes füllte“. Jener Mann, der Kommandeur Wladimir Antonow-Owsejenko, verkündet den Mitgliedern der Provisorischen Regierung: „Sie sind alle festgenommen.“ Ein paar Augenblicke später stellen die Angreifer fest, dass Kerenskij verschwunden ist. In ihrer Wut wollen manche die Minister hinrichten, doch Antonow-Owsejenko rettet sie, indem er sie in die Peter-und-Paul-Festung bringt. Ein Kabinettsmitglied erinnert sich an ein Telegramm mit Regierungsgeschäften in seiner Tasche und überreicht es Antonow-Owsejenko: „Das habe ich gestern erhalten – jetzt ist es euer Problem.“ (Nach Wochen werden die Minister freigelassen, viele wählen später das Exil.)

Lenin wird Russlands neuer Herrscher

Donnerstag, 26. Oktober. Etwa 3.00 Uhr nachts. Die Bolschewiki haben, obwohl lächerlich organisiert, in rund  24 Stunden, und beinahe unblutig, eine Art Doppelputsch verübt: Sie haben die Provisorische Regierung zerschlagen und die Kontrolle über die Sowjets an sich gerissen. Wladimir Iljitsch Lenin, vor knapp sieben Monaten noch Exilant, ist Russlands neuer Herrscher. In Moskau übernehmen Kommissare des dortigen Revolutionskomitees den Kreml. Die dort stationierten Truppen leisten keinen Widerstand, denn einer der Kommissare ist ihr Offizier – einer der wenigen in den Reihen der Revolutionäre. Doch noch am selben Tag umstellen aus Militärkadetten gebildete Truppen die gewaltige Festungsanlage. Das Gefecht um den Kreml ist der Auftakt für mehrtägige, brutal geführte Straßenkämpfe zwischen den Kämpfern der Bolschewiki und regierungstreuen Einheiten, denen neben Militärkadetten auch studentische Freiwillige angehören.

Freitag, 27. Oktober. Gegen 2.30 Uhr. Wieder eine lange Sitzung des Sowjetkongresses. Den Delegierten wird der Rat der Volkskommissare unter Lenins Vorsitz als neue Regierung präsentiert. Stalin ist dabei – und Trotzki, der das Außenamt übernimmt. (In dem Ministerium wird er später erst einmal ausgelacht, andere Volkskommissare werden nicht in die Gebäude eingelassen, Beamte streiken. Doch als das neue Regime etliche Ministeriumsmitarbeiter verhaften oder entlassen und durch Gefolgsleute ersetzen lässt, bricht der Widerstand der Bürokraten zusammen.) Der von den Bolschewiki dominierte Sowjetkongress nimmt in dieser Nacht zwei von Lenin vorgeschlagene Dekrete an. Zum einen verspricht die Regierung das Ende des Krieges, das Ende der Geheimdiplomatie und Verhandlungen über einen Frieden „ohne Annexionen und ohne Entschädigungen“.
Zum anderen beschließen die Delegierten die Enteignung der Großgrundbesitzer, deren Land an die Bauern verteilt werden soll: eine Forderung der  Sozialrevolutionäre. Die Bolschewiki, die sich bislang auf die Arbeiter stützen, versuchen so, ihren auf dem Land starken Konkurrenten die Basis zu nehmen.

Lenin versichert den Versammelten zudem, seine Regierung sei nur „vorläufig“. Eine noch zu wählende Verfassunggebende Versammlung werde, wie schon seit März geplant, über Russlands zukünftige Staatsform entscheiden. Offiziell ist Lenins Regierung dem Sowjetkongress untergeordnet, dessen Zentralexekutivkomitee alle Gesetze und Dekrete genehmigen muss. Lenin und seine Mitstreiter setzen jedoch alles daran, die Verantwortlichkeit ihrer Regierung gegenüber dem ZEK abzuschütteln. Ihr Ziel ist es, über das mit der bolschewistischen Führung weitgehend identische Kabinett die Politik ihrer Partei direkt umzusetzen und möglichst schnell eine Einparteienherrschaft zu errichten. Als die Delegierten am frühen Morgen auseinandergehen, glauben sicherlich die allermeisten, dass Russlands Zukunft frei und golden ist: das verhasste Kerenskij-Regime ziemlich unblutig davongejagt, der verhasste Krieg so gut wie beendet, Lenins Regiment bloß vorläufig; und eine neu gewählte Versammlung wird in ein paar Wochen beginnen, einen demokratischen Staat aufzubauen. Das Tor zur Freiheit steht weit offen!

Tatsächlich aber werden alle Russen bald schon in einer Diktatur leben. Sie wissen es nur noch nicht.

Die Flucht von Kerenskij

Sonntag, 29. Oktober, Petrograd. Nun sammelt sich doch noch eine bewaffnete Opposition. Mehrere Hundert Offiziere und Offiziersschüler versuchen, strategisch wichtige Punkte in der Stadt zu besetzen und sich so gegen die bolschewistische Herrschaft zu erheben. Sie wollen damit einen Angriff von Truppen unterstützen, die Kerenskij vor den Toren der Stadt zusammengezogen hat und der für den 30. Oktober geplant war. Am Abend des 28. Oktober aber haben die Bolschewiki von den Plänen erfahren. Die Offiziere haben daher beschlossen, den Gegenputsch einen Tag früher als geplant zu beginnen. Doch ohne die Hilfe der Truppen Kerenskijs haben die Offiziere und Kadetten keine Chance: Bolschewistische Kämpfer können den Aufstand schnell niederschlagen. Dutzende Menschen kommen ums Leben.

Montag, 30. Oktober, Pulkowo. Nur drei Tage nach Lenins Dekret über den Frieden treffen hier, etwa 20 Kilometer außerhalb Petrograds, 1000 von Kerenskij entsandte Kosaken auf eine zehnfache Übermacht von bewaffneten Arbeitern, Soldaten und Matrosen. Am Ende der Schlacht weichen die Kosaken. Kerenskij flieht, getarnt in Matrosenkleidung, das Gesicht hinter einer Autofahrerbrille verborgen. (Er taucht unter und wird im Mai 1918 nach Westeuropa entkommen.)

Machtwechseln in Moskau

Dienstag, 2. November, Moskau. Bolschewistische Truppen erobern den Kreml und beenden so die Straßenkämpfe in der Stadt. Insgesamt fordern die Gefechte mehrere Hundert Menschenleben. Mit diesem Sieg endet die erste Phase des bewaffneten Widerstands gegen das neue Regime. Denn anders als in Moskau und Petrograd verläuft der Machtwechsel von den Vertretern der Provisorischen Regierung zur „Sowjetmacht“ (in Wirklichkeit die Herrschaft der Bolschewiki) in den meisten großen Städten des Landes weitgehend friedlich.

Für mehrere Monate werden sich den Bolschewiki im Kerngebiet Russlands keine feindlichen Verbände mehr entgegenstellen. Am südlichen Rand des ehemaligen Zarenreichs formiert sich jedoch allmählich militärischer Widerstand, so etwa in der Don-Region, wo der antibolschewistische General Michail Alexejew aus Kosaken und ehemaligen Offizieren der Zarenarmee eine Freiwilligenarmee aufstellt. Die von den Bolschewiki versprochene Freiheit aber erweist sich binnen weniger Tage als Illusion. Schon am 27. Oktober haben Lenin und Trotzki Zeitungen der Opposition verbieten lassen, weil sie „nicht weniger gefährlich sind als Bomben oder Maschinengewehre“, so Lenin. Trotzki höhnt über die „Läuse aus der Mittelklasse“. Häscher der Bolschewiki verhaften Sozialrevolutionäre und Menschewiki, die Genossen von gestern. Lew Kamenew, der Gemäßigte  unter den Führern der Bolschewiki, fordert die Abschaffung der Todesstrafe, die nach der Februarrevolution bereits verboten, aber unter Kerenskij wieder eingeführt worden war. Lenin tobt: „Unsinn, wie soll eine Revolution ohne Exekutionskommandos funktionieren?“

Die Todesstrafe bleibt – und schnell werden Dutzende, Hunderte „Konterrevolutionäre“ ihr Leben verlieren. (Lenin allerdings wird darauf achten, dass niemals ein Exekutionsbefehl seine  Unterschrift trägt, es müssen stets andere führende Genossen zeichnen.) Es ist das vorletzte Mal, dass Lenin über Kamenew in Rage gerät. Vom letzten Mal gibt es kein Protokoll. Doch scheint in der Spitze der Bolschewiki noch einmal heftiger Streit auszubrechen, Lenin fordert blinden Parteigehorsam ein. Am 4. November jedenfalls treten Kamenew und einige weitere Genossen aus dem Zentralkomitee zurück. Damit entwickeln sich die Bolschewiki endgültig zu einer Organisation, in der bald nur noch ein Wille zählt. Es ist, wenn man so will, Lenins dritter Putsch: Nachdem er bereits die Provisorische Regierung besiegt und die Sowjets unter Kontrolle der Bolschewiki gebracht hat, beseitigt er nun alle Dissidenten in seiner eigenen Partei.

Der schnelle Tod des Parlaments

Donnerstag, 4. November, Petrograd. In einer von den Bolschewiki manipulierten Abstimmung erteilt das Zentralexekutivkomitee des Gesamtrussischen Sowjetkongresses, nominell ja das höchste Staatsorgan, dem Rat der Volkskommissare das Recht, Dekrete ohne Zustimmung durch das ZEK zu erlassen. Damit wird Lenins Regierung de facto zu einer gesetzgebenden Instanz, die kaum noch der Kontrolle durch das Sowjetparlament unterliegt.

Freitag, 12. November. In Petrograd beginnen die Wahlen zur Verfassunggebenden Versammlung. Zur Teilnahme an den Wahlen, die in den folgenden zwei Wochen unter weitgehend fairen Bedingungen stattfinden, sind alle Männer und Frauen über 20 berechtigt. Aufgrund früherer Versprechen haben sich die Führer der Bolschewiki gezwungen gesehen, die Abstimmung stattfinden zu lassen. Tatsächlich aber haben die Männer um Lenin zu keinem Zeitpunkt vor, sich den Beschlüssen des zukünftigen Parlaments unterzuordnen. Das Ergebnis ist eine Niederlage für die Bolschewiki: Trotz Zeitungsverboten und Verhaftungen erreichen die Sozialrevolutionäre sowie andere gemäßigte linke oder liberale Gruppierungen fast zwei Drittel der Stimmen – die Bolschewiki erhalten dagegen nur knapp  25 Prozent der Voten. (Und selbst in Petrograd bekommen sie weniger als die Hälfte der Stimmen.) Allein: Die Bolschewiki nutzen Demonstrationen gegen ihre Einschüchterungspolitik, um die liberalen Kadetten als vermeintliche „Konterrevolutionäre“ und „Volksfeinde“ zu verurteilen. Etliche werden eingekerkert, darunter auch gerade gewählte Abgeordnete zur Verfassunggebenden Versammlung. Die Partei wird verboten.

Als die Delegierten der Konstituierenden Versammlung am 5. Januar 1918 dennoch im Taurischen Palast zusammenkommen, lassen die Bolschewiki sie einfach reden – bis am frühen Morgen ein Matrose den Politikern barsch erklärt: „Die Wachen sind müde!“ Am nächsten Tag wollen sich die Delegierten wieder versammeln, doch Bewaffnete verweigern ihnen den Zutritt. Und die neue Regierung veröffentlicht ein von Lenin geschriebenes Dekret, das die Verfassunggebende Versammlung für aufgelöst erklärt. Keiner der düpierten Delegierten wehrt sich ernsthaft, im Volk herrscht geradezu Apathie, und so stirbt Russlands erstes echtes, weitgehend frei gewähltes Parlament nach wenigen Stunden einen unspektakulären, um nicht zu schreiben: erbärmlichen politischen Tod. Vielleicht wehrt sich auch niemand mehr, weil schon längst ein anderes Gift Russlands System zerfrisst: der Terror.

Die Formierung der Geheimpolizei Tscheka

Bereits am 7. Dezember 1917 hat Lenin nämlich die „Außerordentliche Gesamtrussische Kommission zur Bekämpfung der Konterrevolution, Spekulation und Sabotage“ gegründet, die unter ihrem Namenskürzel Tscheka schon bald berüchtigt sein wird. Lenin, der Meister langweiliger Titel für fürchterliche Dinge, verkündet ganz offen in einem Artikel mit der Überschrift „Wie soll man den Wettbewerb organisieren?“ das Ziel dieser neuen Geheimpolizei.
Er schreibt, es gehe um die „Säuberung der russischen Erde von allem Ungeziefer, von den Flöhen – den Gaunern, von den Wanzen – den Reichen usw. usf. An einem Ort wird man zehn Reiche, ein Dutzend Gauner, ein halbes Dutzend Arbeiter, die sich vor der Arbeit drücken, ins Gefängnis werfen. An einem Ort wird man einen von zehn, die sich des Parasitentums schuldig machen, auf der Stelle erschießen. Je mannigfaltiger, desto besser.“
Reiche, Gauner, Arbeiter, Parasiten, Flöhe, Wanzen usw. usf.: Jedem Russen droht nun die sofortige Exekution, wenn er Lenin oder irgendeinem Tschekisten missfällt. Die Oktoberrevolution, die in Wirklichkeit ja ohnehin nichts war als der Staatsstreich einer Gruppe von Putschisten, ist nun endgültig zur Terrorherrschaft dieser Clique verkommen.

Denn wer bestimmt, welcher Bürger in eine dieser Kategorien fällt? Der Volkskommissar für Justiz jedenfalls nicht: Am 15. Dezember gibt Volkskommissar Isaak Steinberg ein Dekret heraus, das die Verlegung aller Gefangenen aus Tscheka-Kerkern in reguläre Gefängnisse anordnet – doch Lenin und die Tscheka befolgen es einfach nicht. Die Geheimpolizei, die doch offiziell der Regierung untersteht, entwickelt sich zu einem Staat im Staate und ist letztlich niemandem Rechenschaft schuldig. Anfangs ist die Tscheka ein grauenhafter, aber auch erbärmlicher Haufen. Ihr Leiter ist der Genosse Felix Dserschinskij, der selbst sein halbes Leben hinter den Gittern der Ochrana verbracht hat. (Ein Trauma, das seine Härte und Grausamkeit erklären mag.) Doch die Erfahrung mit der verhassten zaristischen Geheimpolizei schreckt viele Bolschewiki ab, sich ausgerechnet einer neuen Geheimpolizei anzuschließen. Dserschinskij rekrutiert seine ersten Häscher deshalb auch unter Kriminellen und ehemaligen zaristischen Agenten.

Ein führender Tschekist beschreibt die Geheimpolizei als eine neue Art von Armee: „Die Tscheka ist weder eine Untersuchungskommission noch ein  Gericht oder ein Tribunal. Sie ist ein Kampforgan an der inneren Front des Bürgerkriegs. Sie richtet nicht, sie schlägt zu. Sie gibt kein Pardon, sie vernichtet all jene, derer sie auf der anderen Seite der Barrikade habhaft werden kann.“ Dserschinskijs Terror ist zunächst ein Terror von unten, eher Mob als Armee: In Petrograd und vielen weiteren Städten bildet er lokale Tscheka-Einheiten, die jedoch mehr oder weniger willkürlich und unbeaufsichtigt vermeintliche Gegner niedermetzeln oder auf grauenhafte Weise foltern: Bürgerliche, Grundbesitzer, Offiziere, Sozialrevolutionäre, aber auch Opfer irgendwelcher Denunziationen.

Der brutale Beginn der Sowjetherrschaft

Niemand kann heute auch nur annähernd die Zahl der Toten jener frühen Phase der Sowjetherrschaft angeben, sie wird wohl in die Hunderttausende gehen. Lenin jubelt zwar: „Wir müssen die Energie und die populäre Natur des Terrors unterstützen“, wie er gut ein halbes Jahr nach Gründung schreibt. Noch aber fehlt der Tscheka die zentrale Steuerung, der Plan, die Systematik. Dserschinskij trägt anfangs alle Dossiers der Geheimpolizei in seiner Aktentasche herum – so viele können es also kaum sein.

Seine Truppe und er selbst sind auf tragische und groteske Weise unorganisiert. Im Januar 1918 erschießen Tschekisten in Jekaterinburg – warum auch immer – sogar einen Vetter Lenins. Der erfährt davon allerdings erst Monate später, und auch das bloß durch Zufall. Erst zwischen März und September 1918 gelingt es Dserschinskij, seine Mordbrenner nach und nach in Agenten einer straff von oben geführten Schattenarmee zu verwandeln. Da zieht die Tscheka gemeinsam mit der Regierung in die neue Hauptstadt Moskau. Allein in der Zentrale, der Lubjanka, arbeiten nun rasch mehr als 1000 Beamte. Erst jetzt entsteht jene das Riesenreich durchdringende, allumfassende, systematisch brutale Machtmaschine, die zur Säule der Sowjetunion werden wird, zur Polit- und Gedankenpolizei, zur Herrin über den Gulag, zum zukünftigen Instrument Stalin’schen Terrors.

Doch schon unter Lenin selbst  perfektioniert die Tscheka den Staatsterror – einen Terror, der fürchterlich effizient ist, fürchterlich willkürlich und fürchterlich blind. 1919 schreibt Lenin während einer Regierungssitzung eine Notiz, so wird später erzählt, und schiebt sie Dserschinskij herüber: „Wie viele gefährliche Konterrevolutionäre haben wir gegenwärtig im Gefängnis?“ Dserschinskij kritzelt „etwa 1500“ auf den Zettel und gibt ihn zurück. Lenin macht ein Kreuz neben die Zahl, sein übliches Zeichen dafür, dass er ein Dokument gelesen hat. Doch Dserschinskij, übereifrig, mordlüstern oder einfach nur dumm, versteht das beiläufige Gekrakel als Todesurteil.
Noch in der gleichen Nacht werden die 1500 Gefangenen erschossen.