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Geschichte von Florenz Das Ende des Imperiums der Medici

Um 1550 erreichen die Medici, was sie immer ersehnt haben: eine sichere fürstliche Herrschaft über Florenz. Mit Großherzog Cosimo I. gehört die Familie bald sogar zum europäischen Hochadel. Doch dann stellt sich ihr ein letztes, unlösbares Problem
Cosimo I de' Medici

Porträt von Cosimo I de Medici, gemalt von Agnolo Bronzino 1537

Es ist ein epochaler Wandel, den die Medici für sich und ihre Stadt um 1550 vollbringen, eine Art großes historisches Tauschgeschäft: Aus Drama wird Stabilität, Angst verwandelt sich in Sicherheit. Wo zuvor unerbittliche Rivalität herrschte, Ambition und kreative Reibung, gibt es nun Ruhe, internationale Größe. Aber auch ziemlich viel Langeweile. Nach fast 150 Jahren, in denen sich die Medici an die Spitze von Florenz taktiert und gekämpft haben, dreimal aus ihrer Heimat gejagt wurden und sich ihrer Herrschaft nie sicher sein konnten, nach einer Zeit, in der geniale Kunstschaffende das erbitterte Ringen der Mächtigen begleiteten und effektvoll in Szene setzten, folgt für die Familie und die Stadt jetzt eine Ära saturierter Macht.

Diese zweite Phase der Medici-Herrschaft wird weitere gut 180 Jahre lang andauern, doch wirkt sie eher wie der abgeklärte Epilog zu einem intensiven Roman. Die Zeitenwende kommt mit Cosimo I., dem Spross aus einer Nebenlinie, der 1537 vom Kaiser des Heiligen Römischen Reichs als Herzog eingesetzt wird. Mit ihm erreichen die Medici endlich ihr größtes Ziel: eine stabile dynastische Herrschaft in Florenz. Denn der junge Mann von nicht einmal 20 Jahren erweist sich als äußerst geschickter Machthaber. In seiner fast 40-jährigen Amtszeit baut Cosimo I. Florenz bedeutend um – macht aus einer Republik einen fürstlichen Staat. Zum einen verändert er die Verwaltung. Er schafft das republikanische Prinzip der Rotation weitgehend ab, bei dem Bürger der Stadt für jeweils kurze Amtszeiten Posten in der Regierung übernommen haben, stellt stattdessen Beamte ein, die von ihm kontrolliert und für ihre Loyalität belohnt werden. Mithilfe neuer Gremien steuert Cosimo fast unumschränkt diesen Apparat, der bald schon zu den leistungsfähigsten Bürokratien Europas gehören wird. Und die alte Elite akzeptiert es. Die großen, selbstbewussten Bürgerfamilien, die sich einst als gleichwertige Rivalen begriffen haben, fügen sich nun in ein neues Schicksal: Sie werden zu einer Art Adel, der dem Herzog huldigt und sich in seiner Nähe sonnt.

Die Oligarchen arrangieren sich – denn sie verlieren zwar Macht, erhalten aber im Tausch Ehre und Prestige. Cosimo vergibt Titel, gründet einen Ritterorden, dem schließlich Tausende angehören, stolz auf den damit verbundenen Status. Zudem setzt der Herzog die alten Patrizier an führende Positionen seiner Bürokratie, gibt ihnen so zumindest einen Abglanz von Einfluss. Die Elite fügt sich aber wohl auch derart klaglos in sein System, weil sie der ständigen Veränderung und Unsicherheit in ihrer Stadt, der Umstürze in wechselnden Allianzen überdrüssig geworden ist – jener Wirren, die ja stets Geschäft, Vermögen, Existenz bedrohen. Und noch einen weiteren Grund gibt es für ihre Unterwerfung unter die Autorität des Fürsten: Er wird vom Kaiser des Heiligen Römischen Reichs gestützt, der neben dem Papst das Medici-Herzogtum einst mit eingerichtet hat und für den Cosimo einer der wichtigsten Verbündeten in Italien bleibt. Mit großer Pracht umgibt sich der Herzog nun in seiner neuen Residenz, Palazzo Pitti. Seine Höflinge müssen einer fein austarierten Hierarchie mit festgelegten Umgangsformen folgen.

Mittlerweile gehören die Medici zum europäischen Hochadel: Ihr Territorium haben sie nach einem Sieg gegen die Republik Siena 1555 noch einmal beträchtlich vergrößert. Und im August 1569 lässt sich Cosimo vom Papst in Rom sogar zum Großherzog der Toskana erheben. Er steht damit über allen anderen italienischen Fürsten – von der Geltung her unmittelbar unter einem König. Und doch ist er nicht der einflussreichste Medici seiner Zeit. Denn eine Verwandte aus einem anderen Zweig des Clans führt in jenen Jahren de facto eine der mächtigsten Monarchien Europas, da sie über die 15 Millionen Untertanen der französischen Krone gebietet: Caterina de’ Medici.

Die Urenkelin von Lorenzo dem Prächtigen, geboren 1519, im selben Jahr wie Cosimo I., hat einen französischen Prinzen geheiratet. Als Heinrich II. besteigt ihr Gatte den Thron – doch weil er früh stirbt und die Söhne noch minderjährig sind, wächst Caterina ab 1560 Regierungsverantwortung zu. Sie zeigt Talent für die große politische Bühne. Aber die Zeiten sind schwer. Frankreich ist zerrissen im Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten. Und als Altgläubige 1572 in der Bartholomäusnacht 2000 evangelische Hugenotten massakrieren, macht man Caterina dafür verantwortlich – wohl zu Unrecht, wie heutige Historiker meinen. Ihr damaliger Ruf, unbarmherzig zu sein, bleibt bis zu ihrem Tod 17 Jahre später und darüber hinaus. Dabei strebt sie – im Selbstverständnis längst weitaus mehr Französin als Florentinerin – vor allem danach, die Monarchie zu sichern. Und ganz in der Tradition ihrer Familie tritt sie auch als Mäzenin auf: Den Palastbau der Tuilerien in Paris gibt Caterina in Auftrag.

Der späte Glanz und das Erbe der Medici

Unterdessen prägen auch die Medici-Fürsten am Arno das Erscheinungsbild ihrer Stadt. Noch Cosimo I. lässt seinen ästhetischen Generalbeauftragten Giorgio Vasari die Uffizien errichten, einen lang gezogenen Arkadenbau im Zentrum von Florenz, in dem vor allem die neue Bürokratie unterkommt. Vasari, selbst Maler und Publizist, richtet auch eine Akademie der Künste ein, die erste ihrer Art in Europa. Der Fürst fördert hier systematisch Meister, sorgt durch Aufträge für eine stetige Produktion. Doch der Druck zur Konformität ist groß, die Feier der Macht nun das gewünschte Leitmotiv – und so gibt es den freien Wettbewerb der Kreativen, der die alte Zeit der Medici geprägt hat, kaum noch. So wie in der Bürokratie walten nun auch unter den Künstlern Vereinheitlichung, Gleichmaß und Kontrolle. Aber zumindest ist das System, das Cosimo I. etabliert hat, äußerst stabil. Es funktioniert in den folgenden Jahrzehnten fast unabhängig von der Eignung einzelner Herrscher, übersteht den introvertierten Sohn und Nachfolger Francesco de’ Medici ebenso wie den kränklichen Cosimo II., der ab 1609 eher nachlässig regiert, aber immerhin Galileo Galilei als Hofmathematiker anstellt und ihm die Freiheit gibt, seine Forschungen zu jenem sonnenzentrierten Weltbild voranzutreiben, das die Kirche so harsch geißelt. Cosimo hat eine gut und ruhig laufende Maschine erschaffen, die den Medici-Staat durch die Zeiten trägt, aus der Renaissance in den Barock und immer weiter. Am Ende ist es daher auch kein politisches Problem, das den Niedergang der Dynastie bringt, sondern ein biologisches.

Um 1715 muss sich Großherzog Cosimo III. um die Thronfolge sorgen. Sein ältester Sohn ist gestorben, ohne einen männlichen Nachkommen zu hinterlassen, sein zweiter Sohn Gian Gastone, kinderlos, lebt von seiner Frau getrennt und ist für seine Homosexualität bekannt. Der Bruder des Herzogs, der extra von seinem Kardinalsamt entbunden wurde, um zu heiraten und einen Thronfolger zu zeugen, ist unverrichteter Dinge kurz nach der Hochzeit gestorben. In zunehmender Verzweiflung versucht Cosimo III., gegen jegliche Tradition eine weibliche Thronfolge zu ermöglichen: für seine Tochter Anna Maria Luisa de’ Medici, in Düsseldorf mit einem deutschen Kurfürsten verheiratet. Doch Kaiser Karl VI., als Herrscher des Heiligen Römischen Reichs der Lehnsherr des Florentiner Großherzogs, weigert sich, sie als Erbin zu legitimieren – möglicherweise, weil er selbst wieder stärkeren Einfluss in Italien nehmen will.

Bald darauf wird Florenz tatsächlich zur politischen Verhandlungsmasse: Bei einem Friedensschluss zwischen französischem König und römisch-deutschem Kaiser schlagen die beiden Monarchen das Großherzogtum Toskana kurzerhand dem Hause Habsburg-Lothringen zu. Als Gian Gastone, seit Cosimos Tod 1723 Großherzog, 1737 stirbt, bleibt Anna Maria Luisa daher nur, das Testament ihrer Familie zu vollstrecken. Doch das tut sie mit selbstbewusster Umsicht. Denn sie lässt unter anderem festschreiben, dass die Kunstschätze der Medici ungeteilt in Florenz verbleiben. Und sie sorgt dafür, dass einige Bauten ihrer Familie erhalten und gepflegt werden. So erreicht sie, dass das Erbe der Medici fortdauert – und prägt dadurch Florenz: Die Stadt am Arno, schon seit Jahrzehnten Ziel adeliger Bildungsreisender, wird nun endgültig zu einer Pilgerstätte der Kunst und Kultur. Nach ihrem Tod wird Anna Maria Luisa in der Kirche San Lorenzo beigesetzt – dort wo Michelangelo Buonarroti einst ein Grabmal zu Ehren der Medici gestaltet hat und wo auch die anderen großen Familienmitglieder ruhen: Giovanni di Bicci, der Begründer des Aufstiegs, das politische Genie Cosimo der Ältere, Lorenzo der Prächtige, Großherzog Cosimo I. Die Inschrift auf ihrem Grab ehrt Anna Maria Luisa als „letzte Zierde des Medicigeschlechtes“. Sie steht für den Moment, in dem Macht und Medici für immer getrennt wurden – Florenz aber weiterhin als Gesamtkunstwerk erstrahlte. So wie auch heute noch.