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Israel Sechstagekrieg: Triumph im Zeichen des Davidsterns

Es ist der größte Sieg in der Geschichte des jüdischen Staates: In einer einzigen Juniwoche im Jahr 1967 nimmt die israelische Armee ein Gebiet ein, dreimal so groß wie das Land selbst, demütigt ihre Gegner – und erobert, was den Juden fast 2000 Jahre lang verwehrt war. Doch der militärische Erfolg stürzt Israel in ein Dilemma, in dem es bis heute gefangen ist. Lesen Sie hier ein Protokoll des Krieges
Israelische Einheiten im Sechstagekrieg 1967

Israelische Panzer und Soldaten rücken gegen ägyptische Truppen im Gazastreifen vor: Elf Jahre nach dem Krieg von 1956 entbrennt zwischen Arabern und Israelis im Sommer 1967 der Entscheidungskampf

Es ist wie bei Saul, der auszog, um die Esel seines Vaters zu suchen, und ein Königreich fand. Am 5. Juni 1967 ziehen Israels Soldaten aus, um die ägyptische Luftflotte zu zerstören und die von Ägyptens Präsident Nasser gesperrte Wasserstraße von Tiran wieder zu öffnen, Israels Zugang zum Roten Meer.

Doch zwei Tage später haben die jüdischen Streitkräfte nicht nur den ägyptischen Sinai, sondern auch den Gazastreifen, Ostjerusalem und die jordanische Westbank in Besitz genommen – Teile des biblischen Judäa und Samaria.

Soldaten tanzen mit orthodoxen Juden in der eroberten Altstadt Jerusalems und singen die israelische Nationalhymne. Denn auch die Klagemauer, die heiligste Stätte des Judentums, ist nach knapp 2000 Jahren wieder in hebräischer Hand. „Wir haben die Hauptstadt Israels geeint, auf dass sie nie wieder geteilt werde“, verkündet Verteidigungsminister Mosche Dajan.

Dabei hat er seine Generäle noch am Tag zuvor gewarnt, einen Fuß in die Altstadt zu setzen. Dies, so seine Befürchtung, würde die arabische, aber auch die christliche Welt gegen Israel aufbringen, selbst die USA. Doch dann ist die Versuchung zu groß gewesen für politische Logik.

Ist nicht Jerusalems Altstadt das eigentliche Zion – Ziel einer schon 2000 Jahre lang andauernden Sehnsucht? Innerhalb von zwei Tagen haben Israels militärische Führer die von Verfolgung und Trauer geprägte jüdische Geschichte ins Gloriose gewendet.

Doch nicht alle stimmen in den Jubel ein. Als ein Berater Premierminister Levi Eschkol vorschwärmt, nun sei noch mehr möglich, die Eroberung der Stadt Hebron zum Beispiel, fragt der Regierungschef zurück: „Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, wie wir mit so vielen Arabern leben sollen?“

 

VORGESCHICHTE

Fünf Monate zuvor, Anfang 1967. Israel ist jetzt eine Großmacht im Nahen Osten. Die Wirtschaft boomt, Frankreich und die USA verkaufen Jerusalem Waffen; Washington unterstützt es auch finanziell. Dank dieser Hilfe ist die 250 000 Mann starke israelische Armee ähnlich schlagkräftig wie die ägyptische, die mit Abstand größte arabische Streitkraft. Allerdings zögern die USA, sich ganz auf eine Seite zu schlagen: Sie verkaufen ihre Waffen auch an die arabischen Länder.

Daneben liefert auch die Führung der Sowjetunion – für die Israel ein Vorposten des westlichen Imperialismus im Nahen Osten ist – Waffen an die Gegner des jüdischen Staates. Zwei Milliarden Dollar hat die UdSSR seit 1956 in die militärische Ausrüstung der halbsozialistisch regierten Länder Ägypten und Syrien investiert, hat Panzer, Artillerie, Jets und technische Berater geschickt. Dafür darf Moskau ägyptische und syrische Häfen als Militärbasen nutzen.

Die Stärke Israels ist auch die Folge der Uneinigkeit seiner Nachbarn: Ägyptens Präsident Gamal Abdel Nasser, in den 1950er Jahren von Millionen als Führer der Araber verehrt, ist mit seinem Plan, alle Araber in einem Staat unter seiner Herrschaft zu vereinen, gescheitert. Die großspurig „Vereinigte Arabische Republik“ genannte staatliche Verbindung mit Syrien ist nach nicht einmal vier Jahren kläglich zerbrochen.

Zwar hat Nasser ein gescheitertes Attentat auf sich dazu genutzt, Rivalen um die Macht zu verdrängen und unliebsame Gruppierungen wie die Muslimbruderschaft auszuschalten. Doch jetzt kämpft er im eigenen Land gegen Staatsverschuldung und Arbeitslosigkeit. Der einst charismatische, energiegeladene Präsident ist nun, knapp 50-jährig, nichts als ein verbitterter Militärdiktator mit glasigen Augen und übergroßem Stolz.

Besonders Jordaniens Führung ist enttäuscht von Nasser: Wo war der glühendste Verfechter der arabischen Einheit am 13. November 1966, als 3000 israelische Soldaten ein jordanisches Dorf mit Panzern und Kampfflugzeugen überfielen und Dutzende Häuser sprengten – eine Vergeltungsaktion gegen dort agierende Terrorgruppen, bei der auch Zivilisten umkamen?

Warum hat Nasser nicht reagiert, als am 7. April 1967 israelische Kampfflugzeuge in den syrischen und jordanischen Luftraum eindrangen, nachdem syrische Soldaten von den Golanhöhen (einem Hochplateau im Südwesten Syriens) Granaten auf jüdische Bauern unterhalb des Bergzugs abgefeuert hatten? Bei dem Manöver haben die Israelis vier Kampfjets über Jordanien und zwei über Damaskus zerstört; Nasser hat sich trotz eines Verteidigungspakts mit Syrien herausgehalten – und gilt nun den Arabern als Feigling.

Die Grenze zwischen Syrien und Israel ist die explosivste Zone im Nahen Osten. Immer wieder starten Terroristen Sabotageakte von syrischem Boden aus, vor allem gegen die Siedler im demilitarisierten Landstrich unterhalb der Golanhöhen.

Syriens Regierung, de facto eine sozialistische Militärdiktatur mit wenig Rückhalt in der Bevölkerung, stützt sich vor allem auf ein Thema, bei dem sie sich der Zustimmung des Volkes sicher sein kann: den Befreiungskampf für Palästina. Nach dem Abschuss der syrischen Kampfflugzeuge im April 1967 übt Damaskus öffentlich Druck auf Nasser aus, endlich gegen Israel zu handeln.

Dies ist auch im Interesse Moskaus: Die Sowjetregierung fürchtet um die Stabilität des sozialistischen Regimes in Syrien. Seit einiger Zeit sieht die kommunistische Supermacht ihren Einfluss in der Welt schwinden. In zahlreichen Ländern (darunter Indonesien, Ghana, Algerien, Kongo) sind in der jüngsten Vergangenheit kommunistische oder sozialistische Regierungen gestürzt worden. Umso wichtiger sind der UdSSR ihre arabischen Verbündeten. Käme es zu einem Konflikt mit Israel, wären Ägypten und Syrien erst recht auf sowjetische Hilfe angewiesen.

Mit einem Trick verschärft Moskau die Krise: Im Gespräch mit Nasser behauptet der sowjetische Botschafter in Israel, der Judenstaat ziehe seine Truppen an der Grenze Syriens zusammen und bereite eine Invasion vor.

Nasser weiß, dass die Information falsch ist. Dennoch sendet er am 15. Mai zwei Panzerdivisionen auf den Sinai an die Grenze zu Israel. Er wagt es nicht, sich der UdSSR, von deren Zahlungen er abhängig ist, zu widersetzen.

Das Manöver kommt ihm ohnehin gelegen: Er hofft vermutlich, damit von innenpolitischen Schwierigkeiten abzulenken. Auch Syrien zieht Truppen in Stärke von 63 000 Mann an der Grenze zusammen, Jordanien, Kuwait und der Irak mobilisieren ihre Streitkräfte.

 

ESKALATION

Israels Regierung hält diese Machtdemonstration für einen Bluff. Doch dann, in den Tagen darauf, verlangt Nasser den Abzug der UN-Friedenstruppen aus dem Gazastreifen und dem Sinai.

Diese Gebiete hatte Israel 1956 im Suezkrieg erobert, musste sie aber bald auf internationalen Druck an Ägypten zurückgeben. Seither sind dort UN-Soldaten stationiert, die den Frieden zwischen beiden Ländern sichern sollen.

Die internationalen Truppen sind ein Stachel im ägyptischen Selbstbewusstsein; regelmäßig wird Nasser etwa von Saudi-Arabien dafür verhöhnt, dass er sie auf seinem Staatsgebiet duldet.

Zum Entsetzen der Israelis geben die Vereinten Nationen Nassers Forderung sofort nach. Keines der Länder, die dort Soldaten stationiert haben – darunter Jugoslawien und Indien –, will das Leben seiner Soldaten in einem möglichen Konflikt zwischen Israel und Ägypten aufs Spiel setzen. Der UN-Generalsekretär U Thant muss trotz israelischer und amerikanischer Proteste machtlos zusehen, wie die 3400 Mann starke Truppe am 18. Mai aus dem Gazastreifen abzieht und ihre Stützpunkte auf dem Sinai räumt sowie den Wachtposten an der Meerenge von Tiran am Südostufer der Halbinsel.

Was will Nasser? Mit dieser Frage beschäftigen sich Eschkol und sein Kabinett in hitzigen, tagelangen Diskussionen. Hielten Israels Politiker das Zusammenziehen der Truppen auf dem Sinai noch für eine leere Drohung, wächst nun die Sorge, Nasser wolle ihr Land zu einem Angriff auf Ägypten provozieren – etwa durch die Sperrung der Meerenge von Tiran.

Würde Israel dann losschlagen, stünde es als Aggressor vor der internationalen Staatengemeinschaft da; Nasser dagegen hätte alle Legitimation für einen Gegenangriff.

Der ägyptische Präsident, so glauben israelische Militärexperten, hält seine Armee womöglich für stark genug, um einen Waffengang zu riskieren. Selbst einen Erstschlag Ägyptens hält der Militärgeheimdienst für denkbar, beispielsweise eine Bombardierung des israelischen Atomreaktors Dimona.

Eschkol ist verunsichert. Hat das Abschreckungspotenzial der israelischen Armee – seit Jahren zentrale Säule israelischer Sicherheitspolitik – nachgelassen? Ein solcher Mangel an Glaubwürdigkeit würde einen sofortigen Krieg erfordern, erklärt Generalstabschef Jitzchak Rabin. Der effektivste Schutz bestehe dann nicht mehr in der Abschreckung, sondern in einem Präventivschlag, um die ägyptischen Streitkräfte zu schwächen.

Vom 18. Mai an folgen drei ägyptische Divisionen mit mehr als 600 Panzern den abrückenden Blauhelm-Truppen und besetzen den Sinai. Vorsichtshalber befiehlt Premierminister Levi Eschkol am 20. Mai die Mobilmachung der Streitkräfte.

Als Reaktion zieht Nasser noch mehr Truppen auf dem Sinai zusammen. Und schickt am 22. Mai zwei U-Boote, einen Zerstörer und vier weitere Kriegsschiffe in die Meerenge von Tiran: Der Wasserweg ist jetzt für israelische Schiffe gesperrt. Selbst Moskau staunt über diesen Schritt. Nasser riskiert mit dieser Provokation tatsächlich Krieg.

Niemand vermag in diesen Tagen zu sagen, ob der Ägypter blufft oder wirklich Krieg will – und bis heute sind sich die Historiker darüber uneins.

Aber die arabische Öffentlichkeit deutet das wohl nur zur Abschreckung geplante Manöver als den lang herbeigesehnten Schlag gegen den Erzfeind. Endlich erhebt sich Nasser!

Der ägyptische Präsident, scheint es, kann fortan nur noch zusehen, wie das Geschehen seine eigene Dynamik entwickelt, und lässt sich von der Begeisterung mitreißen. Er scheint angefeuert von der in Ägypten, Syrien, Jordanien, Irak, Saudi-Arabien und anderen Staaten ausgebrochenen Euphorie. Arabische Radiosender jubeln, den Juden werde nun endlich die Kehle durchgeschnitten.

Auch die Regierungen nutzen die Stimmung aus. Und treiben Nasser an einen point of no return: „Unser Ziel ist klar – Israel von der Landkarte zu löschen“, beschwört etwa Iraks Präsident Abdel Rahman Aref vor Offizieren seiner Luftwaffe das neu erwachte arabische Einheitsgefühl. „Wir sehen uns, so Gott will, in Tel Aviv und Haifa wieder.“

Ohne Gesichtsverlust kann Nasser seine Truppen nun nicht mehr vom Sinai abziehen. Wenn er es denn noch wollte. Für die Israelis scheint sich die Ahnung zu bestätigen, dass dem Staatschef mehr an seinem Ansehen in der arabischen Welt liegt als an Ägyptens nationalen Interessen. „Jetzt geht es darum, wie der Staat Israel für alle Zeit vernichtet werden kann“, verkündet Nasser am 25. Mai vor dem Parlament.

Israelische Diplomaten, die in Großbritannien, Frankreich und den USA um Unterstützung bitten, erhalten keine Zusagen: Die Regierungen wollen keinen Konflikt mit Moskau riskieren. US-Präsident Johnson erbittet Bedenkzeit; er wolle einen Plan entwickeln, um das Problem diplomatisch zu lösen.

„Israel ist nicht allein, es sei denn, es entscheidet sich, allein zu handeln“, erklärt er dem israelischen Außenminister Abba Eban am 26. Mai.

Währenddessen sagen immer mehr arabische Regierungen Nasser Truppen und Flugzeuge zu, darunter Kuwait, Jemen und Algerien. Gemeinsam verfügen die arabischen Armeen über knapp 700 Kampfflugzeuge, etwa 2300 Panzer und rund 330 000 Soldaten.

Israel sieht sich alleingelassen, umzingelt von feindlichen Staaten.

Wird die Welt ein zweites Mal tatenlos der Vernichtung von Juden zusehen? Droht ein neuer Holocaust?

Karte Sechstagekrieg: Der Luftkrieg

LUFTKRIEG.

Der erste Schlag: Am Morgen des 5. Juni 1967 greifen 183 israelische Kampfjets ihre arglosen Gegner an. Damit das Radar sie nicht entdeckt, fliegen sie nur 15 Meter hoch

Seit Tagen diskutieren die Minister im israelischen Sicherheitskabinett einen Angriff auf Ägypten. Mit einer Überraschungsattacke könnte es der Luftwaffe gelingen, Nassers Flugzeugflotte innerhalb weniger Stunden zu zerstören, um daraufhin mit einer Bodenoffensive den Sinai zu erobern und die Meerenge von Tiran wieder zu öffnen.

Die Vernichtung der ägyptischen Luftwaffe würde Ägyptens Armee so sehr schwächen, dass von dem Land in den kommenden Jahren keine Gefahr mehr für Israel ausginge. Jetzt oder nie.

Es gehe ums Überleben, beschwört Jitzchak Rabin, Heros des Unabhängigkeitskriegs und Oberkommandierender der Streitkräfte, seine Generäle.

Premier Eschkol indes will die Antwort der USA abwarten. Der 71-jährige Regierungschef von der Arbeitspartei ist in einem Dilemma. Einerseits ist die Sperrung der Wasserstraße von Tiran ein eindeutiger Kriegsgrund; nicht darauf zu reagieren würde die israelische Öffentlichkeit als Schwäche wahrnehmen. Andererseits traut Eschkol seinem Land keinen Alleingang gegen die internationale Staatengemeinschaft zu.

Tatsächlich glaubt US-Präsident Johnson nicht, dass Ägypten wirklich Krieg mit Israel will. „Wenn Sie angreifen, werden die USA an der Grenze zu Ägypten zu dessen Schutz Truppen an Land bringen“, warnt der CIA-Chef in Israel Ende Mai die Regierung Eschkol.

Ist die Drohung ernst gemeint? Würde sich Johnson wirklich gegen Israel stellen? Mit den USA als Gegner, fürchtet der Premier, wäre das Land dem Untergang geweiht.

Levi Eschkol arbeitete einst in einem Kibbuz in Galiläa und hat seine politische Karriere in einer Gewerkschaft begonnen. Er ist wegen seiner Warmherzigkeit und seines Humors beliebt. Doch in militärischen Fragen trauen die Israelis ihm wenig zu – zumal der israelische Premier traditionell auch Verteidigungsminister ist. Eschkols Entscheidungsschwäche und sein Streben, sich nach allen Seiten abzusichern, sind Ziel allgemeinen Spotts.

Das Bedürfnis der israelischen Öffentlichkeit nach einem starken militärischen Führer setzt Eschkol unter Druck. Und so übergibt er am 2. Juni das Amt des Verteidigungsministers an Mosche Dajan. Der 52-jährige Kriegsheld und frühere Generalstabschef hat sich zuvor bereits für den Angriff auf Ägypten ausgesprochen.

Berüchtigt für private Skandale und sein oft großspuriges und rücksichtsloses Auftreten, ist Dajan in Israel eine Legende. Bei Kämpfen im Zweiten Weltkrieg hat er ein Auge verloren, seither ist eine schwarze Augenklappe sein Markenzeichen. Im Unabhängigkeitskrieg von 1948 kommandierte er Fronteinheiten, feierte auch während der Suezkrise 1956 militärische Erfolge.

Einen Tag nach Dajans Ernennung erhält Israel endlich eine Antwort aus den USA: Präsident Johnson hat keinen Weg gefunden, gemeinsam mit anderen Nationen die Krise beizulegen. „Die Amerikaner werden zögern, gegen uns vorzugehen, und es besteht Grund zur Hoffnung, dass sie uns sogar unterstützen werden“, schätzt ein israelischer Diplomat aus Washington die Lage ein.

Jetzt kann sich Eschkol nicht mehr gegen den Krieg stellen. Am 4. Juni beschließt das israelische Kabinett den Angriff auf Ägypten.

 

DAS PROTOKOLL DES KRIEGES

5. Juni 1967, 7.00 Uhr, Befehlszentrale der israelischen Streitkräfte, Tel Aviv. In diesem unterirdischen Bunker hat sich das Oberkommando der israelischen Streitkräfte versammelt, darunter Mosche Dajan und Generalstabschef Jitzchak Rabin. Gemeinsam mit dem Operationschef Ezer Weizman erwarten sie hier die Nachrichten vom Gelingen des Angriffs.

Jahrelang hat General Weizman die Attacke trainieren lassen, unter strenger Geheimhaltung. Die Piloten kennen die Parkposition jedes einzelnen ägyptischen Kampfjets sowie den Namen und Rang des dazugehörigen Piloten. Sie haben Bomben auf nachgebaute ägyptische Flugplätze abgeworfen, um zu üben, wie man die Rollfelder zerstört. Sie haben dafür neue Munition erhalten – Geschosse, die nicht beim Aufprall, sondern erst in der Erde explodieren und so Krater in das Rollfeld reißen.

Heute sollen Israels Piloten Weizmans Plan wahr machen. Operation „Fokus“ sieht den Überraschungsangriff auf mehr als 20 ägyptische Flugplätze vor. Kurz danach soll mit dem Codewort „Rotes Tuch“ die Bodenoffensive beginnen: Das südliche Kommando der israelischen Streitkräfte wird in mehreren Kolonnen den Sinai besetzen, um die Meerenge von Tiran wieder zu öffnen.

Allerdings hat Dajan den Truppen verboten, bis ans Ufer des Suezkanals vorzustoßen – vor allem aus Sorge um internationale Reaktionen. Der Gazastreifen soll ebenfalls nicht besetzt werden. Es sei Wahnsinn, mit einer Viertelmillion Palästinenser dazusitzen, fürchtet der Verteidigungsminister.

Auch das Westjordanland ist nicht Teil der unmittelbaren Kriegspläne. Die Okkupation des Westufers des Jordan ist zwar ein lang gehegter Wunsch vieler Israelis, aber zunächst sollen Einheiten lediglich die Grenzen zu Jordanien sichern und das israelisch verwaltete Westjerusalem vor Angriffen schützen (die Jordanier halten seit 1948 den Osten der geteilten Metropole, wo Altstadt und Klagemauer liegen, besetzt).

Nach Dajans Plan sollen israelische Truppen die Stadt lediglich umzingeln und darauf warten, dass sich die jordanischen Truppen ergeben. Gewaltsam in die Altstadt vorzudringen, würde eine enorme internationale Gegenreaktion provozieren, befürchtet Dajan.

Auf dem Sinai hängt nun alles vom Gelingen von Operation „Fokus“ ab. Nur wenn die ägyptische Luftwaffe vernichtet wird, kann die Bodenoffensive gelingen.

 

7.10 Uhr, Flugplatz Hatzor. Wie geplant starten die ersten 16 israelischen Kampfjets: mit Raketen bestückte Fouga-Magister-Jets. Ihnen folgen weitere Bomber und Jäger, die von verschiedenen Orten aus abheben – insgesamt 183 Maschinen. Das sind 95 Prozent der israelischen Luftflotte.

Wenig später hat der diensthabende Offizier der jordanischen Radarstation in Aljun die Flugzeuge auf dem Schirm. „Inab“ („Weintraube“) kabelt er via Hauptquartier in Amman ins ägyptische Verteidigungsministerium – das vereinbarte Codewort für „Krieg“.

Aber Kairo hat am Vortag die Funkverschlüsselung geändert. Die Nachricht lässt sich nicht entziffern.

Bald darauf gehen die israelischen Jets auf 15 Meter herunter, unterfliegen das ägyptische Radar. Die Piloten haben Funkverbot, verständigen sich untereinander ausschließlich mit Handzeichen. Sie müssen bis zum letzten Moment unentdeckt bleiben.

Die Sicht ist optimal, es ist praktisch windstill. Die Israelis wissen, dass die ägyptischen Piloten um diese Uhrzeit beim Frühstück sitzen.

 

7.30 Uhr (israelischer Zeit), über dem Mittelmeer. Die ersten Ziele, ägyptische Flugplätze nahe der Mittelmeerküste, geraten ins Blickfeld der israelischen Piloten. Sie ziehen die Maschinen jetzt auf 9000 Fuß hoch, knapp 2750 Meter, um im Sturzflug angreifen zu können.

In diesem Moment erscheinen sie auf dem Radar, aber für die ägyptischen Piloten, die daraufhin auf die Rollfelder stürzen, ist es zu spät: Kaum einer erreicht überhaupt noch sein Flugzeug.

Die Bomben werden zunächst über Anfang, Mitte und Ende der Rollfelder abgeworfen und reißen Krater von fünf Meter Durchmesser in den Beton. Dann explodieren die in Bögen und Linien unter freiem Himmel geparkten Bomber, die MiG-Jets, Abwehrgeschütze, Radarstationen, Funkanlagen.

In der Luft sehen die israelischen Piloten Flugplätze bis zum Horizont in Flammen stehen. Innerhalb von 30 Minuten ist die Hälfte der ägyptischen Air Force vernichtet worden, sind Flugplätze vom nördlichen El Mansura über Luxor bis zum südöstlichen Ras Banas zerstört.

 

8.00 Uhr, Tel Aviv, Regierungsbunker: Erst als sich die Luftwaffenführung die Ergebnisse der ersten Angriffswelle von beteiligten Piloten bestätigen lässt, glauben die Offiziere sie wirklich. Niemand hat damit gerechnet, dass die Ägypter nicht zumindest einen Teil ihrer Maschinen noch rechtzeitig starten und israelische Jets in der Luft bekämpfen würden.

Doch die Operation muss so lange wie möglich geheim bleiben, damit Israels Soldaten die Bodenoffensive vorantreiben können, ehe die Uno eine Waffenruhe verhängt. Deshalb hält die Regierung alle Erfolgsmeldungen zurück.

Während die Kampfjets, aufgetankt und mit neuen Bomben und Raketen bestückt, zu einer zweiten Angriffswelle starten, steigen entlang der Grenze Israels zum Gazastreifen blaue Wolken auf, als die Panzer der Einheiten von General Israel Tal ihre Motoren anlassen.

Nun beginnt die Bodenoffensive.

Karte Sechstagekrieg: die Sinai-Front

SINAI-FRONT.

Nach der Vernichtung der ägyptischen Luftwaffe rücken israelische Panzerverbände rasch auf der Sinaihalbinsel vor. Am 7. Juni 1967 stehen sie kurz vor dem Suezkanal

Drei Panzerverbände sollen in den Norden des Sinai vorstoßen. Sie stehen unter dem Befehl von General Tal an der Mittelmeerküste, von General Avraham Joffe rund 30 Kilometer landeinwärts, und von General Ariel Scharon etwas weiter südlich. Sie sollen den Weg zum Suezkanal und nach Scharm el-Scheich frei machen, am Eingang zur Straße von Tiran.

Auf der Sinaihalbinsel ist in den vorangegangenen 24 Tagen ein Heer von insgesamt 100 000 Ägyptern zusammengezogen worden. Die Israelis greifen nun mit 70 000 Soldaten an.

Dajan hofft, ein schnelles Durchbrechen der schwer bewaffneten Verteidigungslinien werde den Gegner demoralisieren und in die Flucht treiben.

Tals Truppen sollen durch den Gazastreifen vorstoßen, um dann auf der Küstenstraße bis kurz vor den Suezkanal zu gelangen. Ägyptens Militär sichert die Region allerdings mit einer Infanteriedivision, Minenfeldern, Bunkern, Gräben und versteckten Geschützen.

 

8.15 Uhr, Gazastreifen. Die ersten israelischen Panzer walzen die Grenze zum Gazastreifen nieder. Tals Truppen kommen gut voran. Ägyptische Soldaten halten die Kolonnen zunächst gar für eigene – und winken.

Über den Flugplätzen Ägyptens ist mittlerweile der Geschosslärm verstummt. Zu hören ist nur mehr das brausende Feuer brennender Maschinen. 286 der 420 Kampfflugzeuge sind zerstört, die restlichen können wegen der zerbombten Rollfelder nicht abheben.

Die angekündigte Verstärkung aus den arabischen Nachbarländern ist ausgeblieben: Irak hat „technische Verzögerungen“ gemeldet, und Syriens Flugzeuge, so heißt es aus Damaskus, befänden sich in einer Militärübung.

Jeder dritte ägyptische Pilot ist tot, 13 Flugplätze sind unbenutzbar. „Die ägyptische Air Force existiert nicht mehr“, sagt der Luftwaffenchef um 10.35 Uhr zu Jitzchak Rabin.

 

11.15 Uhr, Jerusalem. Jordanische Artilleriegeschütze feuern 6000 Granaten auf den israelischen Teil der Stadt und beschädigen Hunderte Gebäude – darunter auch die Knesset und das Haus des Premierministers. 20 Zivilisten sterben, mehr als 1000 werden verwundet.

Offenbar verkennt Jordaniens König Hussein die Lage. Er glaubt den Falschmeldungen, die vom ägyptischen Hauptquartier in Kairo über den israelischen Luftangriff verbreitet werden: Ägypten, heißt es, habe lediglich zwei Maschinen verloren, der Angreifer dagegen 75 Prozent seiner Luftwaffe.

Im Anschluss an weitere falsche Nachrichten aus Bagdad, wonach irakische Flugzeuge angeblich bereits Israel bombardieren, lässt er seine Streitkräfte gegen Israel losschlagen. Um 11.50 Uhr bombardieren 16 jordanische Kampfflugzeuge mehrere israelische Orte. Sie richten kaum Schaden an, aber der Eintritt Jordaniens in den Krieg ermutigt nun auch Syrien und Irak, Angriffe auf Israel zu fliegen. Gegen Mittag fallen Bomben auf Siedlungen in Nordisrael.

Auf Anweisung Mosche Dajans sollen die israelischen Einheiten die Grenze zu Jordanien auf der Westbank lediglich verteidigen und nicht ihrerseits angreifen. Dajan will keine weitere Front eröffnen. Allerdings lässt er als Reaktion auf die Luftangriffe ab 12.30 Uhr Flugplätze in Syrien, Jordanien und Irak bombardieren. Die israelische Airforce beschießt zudem auch jordanische Bodentruppen: Dutzende Panzer und ein Munitionskonvoi mit 26 Lastwagen gehen in Flammen auf.

Gleichzeitig sollen sich auf Dajans Befehl zahlreiche im Norden stationierte Einheiten bereit machen: für einen möglichen Start der Operation „Peitsche“ – der Eroberung des Landes westlich des Jordan.

 

12.00 Uhr, Gazastreifen. General Tals Division hat sich bereits bis zu der Stadt Khan Junis vorgearbeitet. Auch dort gelingt ihnen, nach stundenlangen Kämpfen, der Durchbruch. 2000 gegnerische Soldaten werden am Abend tot oder verwundet auf dem Schlachtfeld liegen, Tausende fliehen.

Auf den Straßen Kairos sind inzwischen Menschenmassen versammelt und rufen: „Wir gewinnen den Krieg!“ Die Feiernden schöpfen ihren Optimismus aus den ägyptischen Falschmeldungen von der vermeintlichen Vernichtung der israelischen Luftwaffe, die im gesamten arabischen Raum gesendet werden. „In diesem Moment zerstören unsere Flugzeuge Israels Städte und Dörfer!“, tönt es aus dem Radio.

Auch Präsident Nasser werden nicht die Fakten mitgeteilt. Doch allmählich wächst sein Misstrauen gegenüber den von Verteidigungsminister Abd al-Hakim Amer verbreiteten Jubelmeldungen. Aber Nasser befindet sich zu dieser Zeit nicht im Hauptquartier und erreicht telefonisch niemanden im Generalstab. Umgekehrt traut sich keiner, den Präsidenten anzurufen und ihm die Wahrheit zu sagen.

Unerklärlicherweise bleibt Nasser den ganzen Tag über der Befehlszentrale fern. Erst um 16.00 Uhr wird er Besuch aus dem Hauptquartier erhalten und ihm ein Offizier erklären: „Ich bin gekommen, um ihnen mitzuteilen, dass wir keine Luftwaffe mehr haben.“

Karte Sechstagekrieg: Jerusalem

JERUSALEM.

Binnen zwei Tagen umzingeln die israelischen Truppen die Altstadt von Jersualem, die seit 1948 von den Jordaniern beherrscht wird. Am 7. Juni geben die Verteidiger auf

14.00 Uhr, Jerusalem. Jordanische Truppen bedrohen den Skopusberg, eine israelische Exklave auf jordanischem Gebiet. Gelingt den Angreifern die Eroberung der 800 Meter hohen Erhebung, wäre der Weg zu ihren Truppen im Süden der Stadt frei – Jerusalem könnte vollständig eingenommen werden. Umgekehrt könnten die Israelis mit einer Attacke vom Skopusberg aus das arabische Jerusalem von der Westbank abschneiden.

Dajan befiehlt, dass die Exklave Verstärkung erhält; gleichzeitig sollen israelische Truppen den Vormarsch der jordanischen Einheiten in Richtung des Berges blockieren und deren südliche Stellungen überwältigen.

    

15.00 Uhr, Tel Aviv, Regierungsbunker. Als Reaktion auf jordanische Luftangriffe ordnet Dajan den Start der lange vorbereiteten Operation „Peitsche“ an: die Eroberung des Westjordanlands.

 

16.00 Uhr, Radar Hill, nordwestlich Jerusalems. Israelische Truppen, die auf dem Weg zum Skopusberg sind, stoßen an der ehemaligen britischen Radarstation auf jordanische und ägyptische Einheiten. Das Gelände ist vermint.

Die israelischen Soldaten springen von Stein zu Stein, kämpfen mit Bajonetten und Messern. Dutzende verlieren bei Minenexplosionen ihre Beine.

 

17.00 Uhr, Westjordanland, nördliche Grenze zu Israel. Drei israelische Brigaden überqueren die Grenze in Richtung Dschenin; die Stadt soll eingenommen werden. Der Weg nach Dschenin wird sonst von jordanischen Einheiten kontrolliert. Ein Teil der Truppen ist aber durch einen vorgetäuschten Angriff ins nördliche Jordantal gelockt worden.

Eine weitere jordanische Brigade war zunächst nach Jerusalem abkommandiert worden, wurde aber auf dem Weg dorthin von der israelischen Luftwaffe zusammengeschossen.

Die überlebenden Soldaten sollen nun umkehren, um Dschenin zu verteidigen – und werden abermals Opfer der israelischen Kampfflieger.

Die jordanischen Bodentruppen können keine Unterstützung aus der Luft erwarten: Ihre Maschinen und Flugplätze sind – ebenso wie die syrischen und irakischen – von der israelischen Luftwaffe zerstört worden.

 

22.00 Uhr, Nordsinai, Kreuzung Abu Ageila. 16 000 Ägypter sichern hier in der Region Um Katef die Hauptverkehrsachse im Norden der Halbinsel. Unter sowjetischer Anleitung haben sie ein Labyrinth aus Schützengräben und Minenfeldern errichtet.

Hier soll Ariel Scharons Division nun zuschlagen.

Scharon ist einer der erfahrensten Kommandeure der israelischen Armee. Er hat die Abwehrstellungen genau studiert. „Lasst alles erzittern!“, befiehlt er. Es folgt das massivste Sperrfeuer der israelischen Geschichte: 6000 Granaten gehen innerhalb von 20 Minuten auf Um Katef nieder.

Von mehreren Seiten greifen Scharons Soldaten gleichzeitig an, darunter Tausende Reservisten, die mit Bussen an die Front gebracht worden sind.

Um sich in der Dunkelheit orientieren zu können, verwendet jede israelische Brigade Scheinwerfer in einer anderen Farbe: rot, grün, blau. Fallschirmjäger zerstören die ägyptischen Artilleriegeschütze, Munitionslager explodieren. Die Angegriffenen versuchen, mitten im Inferno aus Flammen, Rauch und Staub den israelischen Geschossen zu entkommen. Die ägyptischen Soldaten sind auf den Schlag nicht vorbereitet – sie haben im Radio gehört, ihre Armee stünde bereits in Tel Aviv.

Die Kämpfe dauern die ganze Nacht an. Im Morgengrauen wird die am heftigsten verteidigte ägyptische Stellung auf dem Sinai schließlich von Scharons Männern eingenommen.

 

Wie gelingt es den israelischen Soldaten, jede noch so gut gesicherte Verteidigungslinie der Ägypter zu durchbrechen? Vermutlich sind sie sowohl technisch als auch strategisch überlegen: Die Israelis haben die Angriffe auf wichtige Stellungen wieder und wieder trainiert, während die letzten Gefechtsübungen der Ägypter 1954 stattgefunden haben.

Israels Armee ist nicht nur mit modernster Technik ausgestattet, sondern auch mit flexiblen Kommandostrukturen. Die Befehlshaber können im Kampf spontan reagieren, während die Kommandeure auf ägyptischer Seite stets auf Befehle höherer Militärs warten müssen – selbst dann, wenn die Generäle nicht vor Ort und die Kommunikationsleitungen zerstört sind.

Ein weiterer, entscheidender Faktor: Die Luftwaffen Ägyptens, Syriens, Jordaniens und des Irak sind inzwischen weitgehend vernichtet. Damit haben die Israelis die Lufthoheit – im Westjordanland ebenso wie auf dem Sinai. Sobald eine israelische Einheit am Boden Flugzeuge zur Unterstützung anfordert, sind sie auch schon da. Und der Gegner ist ihnen hilflos ausgeliefert.

Doch vor allem psychologische Faktoren entscheiden den Krieg. Immer wieder fliehen die ägyptischen Soldaten in Panik, sobald die Israelis eine ihrer Stellungen durchbrechen – allen voran die Befehlshaber, die ihre Truppen im Chaos zurücklassen. Niemand ist dann mehr da, der Befehle geben kann. Unter den Toten auf arabischer Seite sind kaum höherrangige Soldaten.

Die Israelis dagegen kämpfen in der Überzeugung: Gewinnen sie den Krieg nicht, wird ihre Heimat vernichtet, und es gibt es keinen Ort, an den sie zurückkehren können.

Dies zeigt sich auch beim Kampf um die Heilige Stadt.

 

6. Juni, 2.20 Uhr, Jerusalem. Während die israelischen Truppen am Radar Hill bereits gegen Mitternacht die jordanischen und ägyptischen Einheiten zurückgedrängt haben und sich nun von Norden in Richtung des Skopusbergs bewegen, versuchen weitere israelische Verbände, sich dem Berg von Westen zu nähern – über den Ammunition Hill nördlich der Altstadtmauer.

Die Jordanier haben ihn zu einer Festung mit tiefen Schützengräben und Bunkern ausgebaut. Der Kampf um diese Stellung wird zu einem der härtesten in diesem Krieg.

Der Angriff beginnt mit scharfem Artilleriefeuer auf die jordanischen Stellungen. Mit Suchscheinwerfern erleuchten die Israelis Ziele für die Kampfpiloten. Fallschirmjäger kämpfen sich unter Maschinengewehrbeschuss durch Stacheldraht, werfen Handgranaten in jeden einzelnen Bunker.

Ein Himmelfahrtskommando: Ohne Deckung setzen sie sich dabei dem Feuer der Jordanier aus.

 

4.30 Uhr, Kairo. Nasser verabredet in einem Telefongespräch mit König Hussein, die USA und Großbritannien offiziell zu beschuldigen, an der Seite Israels gegen die Araber zu kämpfen. Israelische Funker zeichnen das Gespräch auf.

Drei Stunden später verbreiten arabische Radiosender das Gerücht, das Präsident Johnson bald Nassers „Big Lie“ nennen wird: Amerikanische und britische Bomber seien von Flugzeugträgern aus gegen Ägypten gestartet.

Während Kairos Radiosender gleichzeitig weiterhin das siegreiche Vorgehen der eigenen Armee melden, erkennt am Morgen zumindest die Regierung in Moskau das Ausmaß der Niederlage. Eine Waffenruhe scheint aus sowjetischer Sicht immer dringender nötig, denn jede weitere Stunde vergrößert Israels Sieg.

 

10.30 Uhr, Jerusalem. Der Kampf um Ammunition Hill ist beendet: 112 der rund 1000 Fallschirmjäger sind tot, mehr als 450 verwundet, zahlreiche israelische Panzer zerstört.

Aber die Jordanier sind zurückgedrängt. Mosche Dajan ist mit dem Befehlshaber der Jerusalem-Offensive auf dem Weg zum Skopusberg, um sich einen Überblick zu verschaffen.

Es fehlt nur noch der Höhenzug östlich der Anhöhe, zu dem der Ölberg gehört: Dann wäre die Altstadt Jerusalems umstellt von israelischen Streitkräften.

 

13.00 Uhr, Westbank. Operation „Peitsche“ läuft nach Plan: Die Stadt Dschenin ist gefallen.

Um sich ein Bild von der Lage zu machen, rast Jordaniens König Hussein am späten Nachmittag mit einem Jeep ins Jordantal.

Er trifft dort auf die Reste seiner Truppen. Kleine Gruppen von Soldaten schleppen sich vorwärts durch rauchende Trümmer von Fahrzeugen, stützen Verletzte. Am Himmel heulen israelische Kampfjets.

Hussein glaubt zu halluzinieren.

 

Auf dem Sinai bietet sich ein ähnliches Bild. General Joffes Truppen haben bereits in der Nacht die Kreuzung bei Bir Lahfan erreicht. Wer diese Position einnimmt, kontrolliert den Weg in das Zentrum des Sinai – es ist eine der wichtigsten Stellungen im Kampf um die Halbinsel. Die Israelis können damit einen Keil zwischen die nördlichen und südlichen Einheiten der Ägypter treiben.

Für die ägyptischen Panzerkolonnen, die seit der Nacht von Süden nach Norden rollen, kommt der Widerstand bei Bir Lahfan vollkommen unerwartet. Die Ägypter haben mit Angriffen anderswo gerechnet – nicht aber damit, dass es israelischen Truppen gelingen würde, die hohen Sanddünen vor Bir Lahfan zu überwinden. Am Vormittag sind Joffe auch noch israelische Kampfpiloten zu Hilfe gekommen, zudem Einheiten von General Tal, die von Norden zur Unterstützung herangeeilt sind.

Jetzt ist das Schlachtfeld übersät von brennenden ägyptischen Panzerwracks. Ein Desaster für die ägyptische Armee.

Aber Mosche Dajan weiß, dass Israel den Sinai noch lange nicht gewonnen hat. Etwa die Hälfte der ägyptischen Streitkräfte ist noch intakt, zu ihrer Unterstützung sind außerdem Flugzeuge und Freiwilligentruppen aus mehreren arabischen Ländern auf dem Weg.

Umso überraschender kommt am späten Nachmittag des 6. Juni der Befehl zum vollständigen Rückzug der ägyptischen Truppen. Um die totale Zerstörung seiner Armee zu verhindern, hat Verteidigungsminister Amer (nachdem ihn der Zusammenbruch der Luftstreitkräfte und Joffes Sieg an der zentralen Kreuzung im Sinai in Verzweiflung gestürzt haben) die Umkehr angeordnet. Bis heute ist unklar, ob Nasser von dem Befehl wusste oder ob Amer den Abzug im Alleingang befohlen hat.

Damit ist der israelische Plan, die Ägypter mit schnellen Erfolgen zu demoralisieren, ausgerechnet bei deren Oberbefehlshaber aufgegangen.

Ein Schock für die ägyptischen Kommandeure. Denn eigentlich ist die Motivation jener Soldaten, die noch nicht kämpfen mussten, hoch. Zudem gibt es keinen Plan für einen geordneten Rückzug der riesigen Armee von 100 000 Mann innerhalb von 24 Stunden. In kürzester Zeit sind die Straßen des Sinai blockiert mit Tausenden Fahrzeugen und Zehntausenden Männern. Sie stolpern orientierungslos, ohne genügend Wasser, über den glühend heißen Wüstensand, sind dabei den israelischen Fliegern ausgeliefert.

Die zahlenmäßig deutlich unterlegenen israelische Truppen sehen fassungslos zu, wie ägyptische Soldaten vor ihnen auf der Flucht sind, so weit der Blick reicht.

Am Abend erhalten die drei Generäle der Sinai-Offensive neue Anweisungen. Die Befürchtung ihres Oberbefehlshabers: Die fliehenden Ägypter könnten sich hinter den Suezkanal zurückziehen und sich dort für einen Gegenangriff sammeln. Von drei Seiten sollen israelische Einheiten deshalb die Ägypter einkreisen und zu den Gebirgspässen im Westen des Sinai treiben – den einzigen Ausgängen zum Suezkanal.

Zwei Gruppen von je sechs Panzern aus Joffes Division sollen die Fliehenden mit hoher Geschwindigkeit überholen und dann den Mitlapass und weitere Übergänge abriegeln. Gelingt das Manöver, sitzen die Ägypter in der Falle.

 

Washington, 6.30 Uhr Ortszeit, Weißes Haus. Präsident Lyndon B. Johnson sitzt mit Außenminister Dean Rusk und Verteidigungsminister Robert McNamara zusammen. Johnsons Frau serviert dem Präsidenten das Frühstück.

Johnson weiß, dass er sich nicht länger aus dem Krieg heraushalten kann. Er ist angewidert von Nassers „Big Lie“, die den gesamten arabischen Raum gegen die USA aufbringen könnte. Der Präsident sähe Israel zwar gern als Sieger des Krieges, will aber einen Zusammenstoß mit der UdSSR vermeiden. Moskau wird der Vernichtung der arabischen Armeen jedoch nicht mehr lange tatenlos zusehen – davon ist Johnson überzeugt.

Und so lässt er um 10.03 Uhr Ortszeit den Vorschlag nach Moskau telegraphieren, im UN-Sicherheitsrat gemeinsam eine Feuerpause im Nahen Osten zu fordern.

Für Israel käme eine solche Waffenruhe eigentlich zu früh, um alle Kriegsziele zu erreichen – aber die Regierung kann ja schlecht mit der Begründung ablehnen, sie wolle weitere Gebiete erobern, um in späteren Auseinandersetzungen über einen Friedensschluss mehr Verhandlungsmasse zu haben.

Sieben Minuten nachdem Israel Zustimmung signalisiert hat – mittlerweile ist es in den USA 18.30 Uhr Ortszeit, also bereits Nacht in Israel –, passiert die Resolution den UN-Sicherheitsrat.

Die Kriegsparteien werden aufgefordert, das Feuer sofort einzustellen.

Daraufhin überstürzen sich die Ereignisse: König Hussein befiehlt seinen Truppen, so viel Boden auf der Westbank wie möglich wieder gutzumachen und die Altstadt Jerusalems zu halten, bis die Waffenruhe in Kraft tritt.

Für Dajan wiederum ist damit klar, dass sein Plan für Jerusalem nicht aufgehen kann: Die Jordanier werden den Beginn der Feuerpause abwarten und sich nicht ergeben, selbst wenn Israel die Stadt umzingelt hat.

Der Verteidigungsminister entscheidet, die historische Chance nicht verstreichen zu lassen: Die israelischen Streitkräfte sollen nun doch die Altstadt einnehmen. Damit verstößt Israel klar gegen den UN-Beschluss.

Doch Dajan hat Glück: Denn Ägypten lehnt die Resolution ab. Für Nasser wäre es politischer Selbstmord, einer Waffenruhe vor den Augen des feiernden Volkes zuzustimmen. Damit ist die UN-Resolution null und nichtig.

„Nasser“, stellt Generalstabschef Rabin fest, „verhält sich immer mehr wie ein Verbündeter statt wie ein Feind.“

 

7. Juni, 9.50 Uhr, Jerusalem. Nachdem israelische Truppen im Laufe des Morgens den Ölberg eingenommen haben, fliegen jetzt die Flügel des Löwentors auf, des Durchgangs vom Ölberg in die Altstadt. Ein Halbkettenfahrzeug fährt durch das Tor, über herabgefallene Steine, vorbei an einem überraschten arabischen Soldaten, weiter zum nächsten Tor. Davor ist ein Motorrad abgestellt: eine Sprengfalle? Egal – das Militärfahrzeug überrollt das Motorrad.

In dem gepanzerten Wagen sitzt der Kommandeur jener Fallschirmjäger, die den Ölberg erobert haben. Weitere Halbkettenfahrzeuge folgen ihm durch die enge Via Dolorosa, während weitere Einheiten durch andere Tore in die Altstadt dringen.

An einem leeren Platz hält das Militärfahrzeug schließlich: Er steht am Tempelberg, einer der heiligen Stätten des Judentums. „Der Tempelberg ist in unserer Hand“, funkt der Kommandeur der Fallschirmjäger ans Hauptquartier.

Der Satz wird in Israel noch Jahrzehnte nachklingen.

Eine Gruppe arabischer Honoratioren übermittelt ihm kurz darauf die Kapitulation der Stadt. Der Offizier nimmt sie zur Kenntnis – und schickt die Araber nach Hause. Er will weiter: zur Klagemauer. Weil die Israelis den Weg nicht kennen, führt ein alter Araber die Kolonne durch das Mughrabi-Tor. Auf der anderen Seite des Tores liegt das südliche Ende der Klagemauer. Seit 19 Jahren hat kein Jude mehr hier gestanden.

Jetzt befreit sich ein bärtiger Mann aus dem Griff der Soldaten; sie halten ihn fest, damit er nicht ins Feuer der jordanischen Scharfschützen rennt, die noch immer einzelne Schüsse abgeben: Rabbi Schlomo Goren, Oberrabbiner des Militärs, stürmt an die heilige Mauer und bläst triumphierend das Schofarhorn, das uralte jüdische Instrument.

Während die Soldaten in Jubelgesang ausbrechen, wird die Flagge mit dem Davidstern gehisst.

Karte Sechstagekrieg: Westbank und Golanhöhen

WESTBANK UND GOLANHÖHEN.

Mit dem Angriff auf Dschenin beginnt am 5. Juni 1967 die Eroberung des Westjordanlands. Zwei Tage später ist es besetzt. Nun attackieren die Israelis auch die Golanhöhen

11.00 Uhr, Nablus, Westjordanland. Unter Applaus und Jubel fahren israelische Panzerkolonnen in die Stadt ein. Tausende stehen winkend an den Straßen. Sie halten, noch immer im Glauben an den im Radio verbreiteten ägyptischen Erfolg, die Israelis für irakische Soldaten auf dem Weg nach Israel. Als sie ihren Irrtum bemerken, leeren sich die Straßen sofort; Schüsse knallen.

 

14.30 Uhr, Jerusalem. Mosche Dajan und Jitzchak Rabin erreichen zu Fuß den Tempelberg. Kurz darauf steckt der Verteidigungsminister nach jüdischer Tradition ein Stück Papier mit einem Gebet zwischen die Quader der Klagemauer. Religionsminister Zorach Warhaftig küsst die Steine. Danach fällt der orthodoxe Jude, ein entschiedener Gegner dieses Krieges, Dajan um den Hals.

 

Später Nachmittag, Jericho. Während die Kämpfe in Nablus noch anhalten, stoßen israelische Truppen in Jericho kaum auf Widerstand. Vor der Stadt haben sie einige Stunden gewartet, um den Einwohnern Zeit zur Flucht zu geben. Die Menschen fliehen in Panik vor den Israelis. Rund 300 000 Palästinenser sind auf dem Weg nach Jordanien. Viele von ihnen haben 1948 schon einmal ihr Land verloren und lebten seither in notdürftigen Auffanglagern.

Jetzt sind die riesigen Camps bei Jericho leer: die Fenster der Häuser vernagelt, das Krankenhaus geschlossen. Allein von hier haben sich 50 000 Menschen aufgemacht – oft zu Fuß und ohne genügend Wasser. Koffer und Kleiderbündel säumen die Straßen des Westjordanlandes, eilig gepackte Habseligkeiten, in der Hitze zurückgelassen.

Die israelischen Soldaten auf der Westbank fahren an weinenden Kindern vorbei; Erwachsene flehen sie um einen Schluck Wasser an. Andere Flüchtlinge werden in voll besetzten Lastwagen oder Bussen, die zum Teil von Israel bereitgestellt werden, nach Jordanien gebracht.

Gegen Mitternacht haben die israelischen Streitkräfte alle vier Brücken über den Jordan besetzt. Nablus, Bethlehem, Jericho, Hebron – das gesamte Westjordanland ist erobert.

 

19.00 Uhr, Westsinai. General Joffes Soldaten verschanzen sich mit ihren Panzern am Mitlapass. Mit hoher Geschwindigkeit haben sie jede feindliche Stellung auf ihrem Weg durchbrochen. Auf den letzten Kilometern ist jedoch vier der zwölf Tanks der Kraftstoff ausgegangen, die anderen haben es mit letzter Reserve bis zum Pass geschafft.

Für die ägyptischen Kolonnen ist hier nun kein Durchkommen mehr.

Abermals schlägt die israelische Luftwaffe zu: Raketen lassen Tausende Militärfahrzeuge in Flammen aufgehen, die bald die Zufahrtstraßen zum Mitlapass blockieren. Die ägyptischen Soldaten können nicht entkommen – die Schlacht dauert bis zum Morgen.

 

8. Juni, frühmorgens, Jordan. Explosionen erschüttern die Stille. Nachdem der Großteil der Flüchtlinge die Westbank verlassen hat, sprengen Soldaten auf Befehl Dajans alle Brücken über den Fluss. Der Verteidigungsminister will die Westbank von Jordanien trennen. Die israelischen Truppen stoßen nicht weiter nach Osten vor, sondern postieren sich entlang des Jordan.

Auf dem Sinai verteidigen israelische Truppen weiterhin die Pässe, die zum Suezkanal führen, gegen Tausende Ägypter auf dem Rückzug. Die Lage ist chaotischer denn je. Israelische Kommandeure haben Mühe, Massaker an den entkräfteten, wild um sich schießenden ägyptischen Soldaten zu verhindern. Nicht immer gelingt es ihnen: Noch Jahrzehnte später wird man im Sinai Massengräber entdecken, werden Ägypten und Israel über die Frage diskutieren, ob an diesem Tag Verbrechen an ägyptischen Soldaten begangen worden sind.

Für die Ägypter ist der Krieg vorbei. 80 Prozent ihrer Militärausrüstung sind vernichtet, mehr als 10 000 Soldaten tot, viele von ihnen verdurstet. Die Israelis haben 338 Männer verloren. Der Sinai ist vollständig in ihrer Hand.

Der Weg zum Suezkanal ist frei.

 

Jetzt stellt sich eine Frage, die der Krieg schon an anderen Fronten aufgeworfen hat: Wie weit sollen die israelischen Truppen noch vorstoßen? „Ich werde persönlich jeden israelischen Kommandeur vor ein Kriegsgericht stellen, der einen Fuß ans Kanalufer setzt“, droht Mosche Dajan. Wichtig ist für ihn nur Scharm el-Scheich, um die Meerenge von Tiran wieder öffnen zu können. Warum sollten die Israelis also zum Suez vordringen und sich so in internationale Probleme verwickeln?

Aber die Geschehnisse im Feld haben ihre eigene Dynamik. Einzelne Truppen können Dajans Befehl nicht einhalten, weil sie ägyptische Soldaten verfolgen, denen es doch gelungen ist, durch die Pässe zu entkommen: Sie jagen ihnen nach bis an das Kanalufer. Daraufhin sind auch andere israelische Einheiten nicht mehr aufzuhalten.

 

12.00 Uhr, Golanhöhen. Auch hier an der syrischen Grenze sehnen sich die israelischen Soldaten nun nach etwas Ruhm. Die Siegesberichte von den anderen Fronten machen viele ungeduldig: Seit Tagen warten sie auf den Befehl zu einem Angriff auf Syrien. Anderswo sind die Frontkämpfe vorbei, der Krieg scheint fast beendet – und ausgerechnet Israels erbittertster Feind ist bisher ungeschoren davongekommen. Dabei ist General David Elazar, Befehlshaber der Truppen an der syrischen Grenze, davon überzeugt, mindestens einen Teil des Golan einnehmen zu können.

 

19.10 Uhr, Tel Aviv. Premier Eschkol hat zu einer Sitzung geladen. Die Minister diskutieren darüber, ob Syrien angegriffen werden soll. Etliche Kabinettsmitglieder sind für den Sturm der Golanhöhen. Seit Kriegsbeginn feuern die Syrer von dem Höhenzug aus nahezu unbehelligt Granaten auf israelische Siedlungen im darunterliegenden Landstrich. Trotzdem hat Dajan den israelischen Soldaten verboten, Syrien anzugreifen. Sie sollen weiterhin nur die Grenze verteidigen.

Doch seit diesem Morgen haben sich die Schusswechsel dort verstärkt. Außerdem wächst der Druck der Öffentlichkeit. „Bringt den Job zu Ende!“, hat die linksliberale Zeitung „Haaretz“ am Morgen gefordert. „Der Auftrag: Damaskus!“, titelte ein anderes Blatt.

Jenseits des üblichen Protokolls eröffnet eine Abordnung von Kibbuzbewohnern aus Galiläa die Kabinettssitzung: Ihr Dorf, berichten sie, liege nach dem Beschuss durch die Syrer in Trümmern. Die Kinder hätten seit Tagen die Bunker nicht verlassen können.

Eschkol hat die Siedler nicht ohne Grund vor dem Kabinett sprechen lassen: Er selbst hat einen Kibbuz in Galiläa mitgegründet, und so liegt ihm die Eroberung des Golan persönlich am Herzen. Der Höhenzug ist nicht nur wegen seiner überlegenen militärischen Position von strategischer Bedeutung, sondern auch wegen der dort verlaufenden Zuflüsse des Jordan.

Wer sie besitzt, hat den Streit um das Wasser des Jordan gewonnen, den Israel und Syrien seit Jahren führen.

Aber Dajan ist nach wie vor gegen den Angriff. Israel stünde dann nicht nur Syrien gegenüber, sondern auch dessen Verbündetem: der UdSSR. Diesen Konflikt will der Verteidigungsminister auf jeden Fall vermeiden. „Wie viel arabisches Land brauchen wir noch?“, ätzt er.

Bei seiner Berufung hat Dajan erklärt, dass er bei militärischen Fragen keine Mitsprache der Politiker duldet. Sollte sich das Kabinett einmischen, werde er zurücktreten. Schließlich überzeugt er an diesem Abend seine Ministerkollegen. Das Kabinett beschließt, die Entscheidung über einen Sturm der Golanhöhen um zwei Tage zu verschieben.

Als Verteidigungsminister tritt Dajan nicht so unerschrocken auf wie als Kommandeur und Stabschef Jahre zuvor. Seine Strategie ist von Vorsicht geprägt. Die Weltöffentlichkeit soll nicht vor den Kopf gestoßen werden. Deshalb hatte er ursprünglich angeordnet, dass die israelischen Streitkräfte defensiv vorgehen: nicht bis an den Suezkanal vorrücken, nicht in die Altstadt Jerusalems einmarschieren.

Doch die Entwicklungen bringen ihn an jeder Front dazu, weiter zu gehen als geplant. Vielleicht, weil der Kriegsveteran Dajan Verständnis hat für die Kommandeure, die ihn bestürmen, so weit wie möglich vorrücken zu dürfen.

Möglicherweise will er auch um keinen Preis als Feigling in die Geschichte eingehen. Als jener Mann, der Israel um die Möglichkeit gebracht hat, das biblische Land zu erobern.

Und auch an der syrischen Grenze wird der Verteidigungsminister nicht an seinen ursprünglichen Plänen festhalten können.

 

9. Juni, 3.00 Uhr, Regierungsbunker, Tel Aviv. Dajan studiert Geheimdienstberichte, nach denen Syriens Einwilligung zu einer Waffenruhe unmittelbar bevorsteht: Nasser, der inzwischen doch einer Feuerpause zugestimmt hat, übt Druck auf Syriens Präsidenten Nurredin al-Atassi aus, ebenfalls einzulenken. Sobald dies geschieht, weiß Dajan, wäre die Chance zur Eroberung des Golan für immer vertan. Auch zeigen Luftaufnahmen, dass viele syrische Militärcamps und Kommandostellen offenbar verlassen sind.

Er schreibt eine Notiz an Premier Eschkol: „Ich hatte keine Ahnung, dass die Führung von Ägypten und Syrien so schnell in sich zusammenfallen würde. Diese Möglichkeit müssen wir bis aufs Äußerste ausnutzen.“

 

6.00 Uhr, Golanhöhen. Kommandeur Elazar wird in seiner Stellung unterhalb der Höhen von einem Telefonanruf geweckt. „Können Sie angreifen?“, fragt ihn der Verteidigungsminister.

„Ja, und zwar sofort“, antwortet er.

„Dann greifen Sie an!“

Dajans nun folgende Erklärungen für den Meinungswechsel interessieren Elazar nicht. „Ist mir egal“, unterbricht er. „Wir greifen an. Vielen Dank. Schalom.“

Der Aufstieg bei Tageslicht ist extrem riskant. Aber Elazar weiß, dass es die letzte Chance ist: Syrien hat am Morgen verkündet, dass es eine Waffenruhe respektieren werde, wenn Israel zustimme.

 

11.30 Uhr, Golanhöhen. Bulldozer, Panzer sowie zwei Brigaden beginnen entlang der gesamten Grenze mit dem Aufstieg auf den Höhenzug, über Minen und Stacheldraht, vorbei an syrischen Bunkern und Geschützständen.

Plötzlich eröffnen die Gegner das Feuer. Israelische Kettenfahrzeuge fliegen durch die Luft. Einige Bulldozer bleiben brennend liegen, werden von den nachrückenden Fahrzeugen beiseitegeschoben. Dutzende Soldaten stürzen tot zu Boden. Aber die Panzer fahren einfach weiter, überrollen die Stellungen der Syrer, trotz starker Gegenwehr und zahlreicher eigener Verluste.

Am frühen Morgen New Yorker Zeit tagt der UN-Sicherheitsrat. Die syrische Regierung will jetzt zwar eine bedingungslose Waffenruhe akzeptieren, nicht aber die Sowjetunion. Der Angriff auf den engsten arabischen Verbündeten kann nicht ungestraft bleiben. Der sowjetische Botschafter bei den Vereinten Nationen fordert eine Verurteilung Israels durch die Uno und den vollständigen Rückzug der israelischen Truppen. Die Diskussionen darüber kosten Zeit – und Syrien viel Land.

Denn erst um 18.30 Uhr New Yorker Zeit (um 1.30 Uhr nachts in Israel) will sich der Sicherheitsrat erneut zusammensetzen.

 

16.00 Uhr, Golanhöhen. Die israelischen Truppen haben die ersten beiden Verteidigungslinien der Syrer durchbrochen. Andere Einheiten liefern sich im Zentrum des Hochplateaus schwere Gefechte mit den Syrern.

 

20.00 Uhr, Tel Aviv. Bei einem Treffen im Verteidigungsausschuss zeigen etliche Minister offen ihren Ärger: Wieso haben sich Dajan und Eschkol über den Beschluss des Kabinetts hinweggesetzt, die Entscheidung über die Golan-Offensive zu verschieben? Der Premier hätte den Befehl noch am Morgen stoppen können. Auch hat die syrische Regierung nun einer Waffenruhe zugestimmt; Israels Delegierter vor dem UN-Sicherheitsrat hat daraufhin versichert, dass die Kämpfe eingestellt würden.

Weshalb halten sich die Israelis nicht an das Abkommen? Warum spielt die Regierung auf Zeit – und verspielt damit Israels Ansehen vor der Welt?

Da springt Menachem Begin von der oppositionellen Cherut-Partei, der dem Kabinett der Nationalen Einheit seit Kurzem als Minister ohne Geschäftsbereich angehört, Dajan und Eschkol bei. „In den Tagen Maria Theresias gab es ein Gesetz. Es besagte, dass ein Soldat, der gegen Befehle verstieß und dabei eine mutige Tat beging, sowohl einen Tadel als auch eine Medaille erhielt.“ Und Eschkol erklärt: „Die Vereinten Nationen werden uns sowieso verdammen.“

Die Kämpfe, schlägt Dajan vor, sollen bis zum Morgen weitergehen. Darüber hinaus habe Israel dann aber weder die militärischen noch die diplomatischen Möglichkeiten, um weiter zu kämpfen.

General Elazar ist da freilich anderer Meinung. Die Moral seiner Soldaten ist noch immer hoch, und er traut seinen Einheiten die Eroberung des gesamten Golan zu. Als ihn Rabin gegen Mitternacht anruft, damit er ein Fallschirmjägerbataillon zurückbeordert, das den Südgolan einnehmen sollte, gibt Elazar zurück: „Sie sind schon auf dem Weg. Ich kann sie nicht aufhalten.“

 

10. Juni, 8.45 Uhr, Damaskus. Die syrische Regierung gibt ihren Truppen den Befehl zum Rückzug vom Golan – sie sollen stattdessen die Hauptstadt verteidigen. Die Regierung fürchtet einen Angriff Israels auf Damaskus. Auf dem Golan folgen die Israelis den abrückenden Syrern und finden deren Verteidigungsposten verlassen vor. Vielerorts laufen noch die Panzermotoren.

Die Ereignisse im Feld überrollen, wie so häufig in diesen Tagen, die Politik. Als offenbar wird, dass das Hochplateau ungeschützt vor den Soldaten liegt, weitet Dajan die Operation „Hammer“ aus in die oft durchgespielte, dabei wohl nie wirklich erwartete Operation „Zange“: die vollständige Besetzung des Golan.

Es ist ein Wettlauf gegen das Inkrafttreten der Waffenruhe. „Meine Herren, wir müssen ins Inland vorstoßen, so tief und schnell wir können“, teilt Elazar seinen Offizieren mit. „Und wir müssen all das erledigen, ehe das Telefon klingelt.“

Dajan ist klar, dass Israel die Kämpfe einstellen muss. Auf ihm und Eschkol lastet nicht nur der Druck aus Washington. Auch zahlreiche Minister drängen auf ein Ende des Krieges. Andererseits versucht der Militärstab stündlich, neue Zugeständnisse und Ausweitungen der Frist zu erreichen. Um 14.00 Uhr hat Dajan einen Termin in Tiberias mit dem UN-Beobachter des Nahen Ostens, um die Details der Waffenruhe festzulegen – bis dahin müssen die israelischen Truppen ihre Ziele erreicht haben. Aber als der Beobachter in Tiberias eintrifft, hat Dajan das Treffen nach Tel Aviv verlegt; so gewinnt er eine weitere Stunde.

Karte Sechstagekrieg: Ergebnis

BILANZ DES KRIEGES.

Im Sechstagekrieg vervierfacht sich das von Israelis beherrschte Gebiet: Sie kontrollieren nun Ostjerusalem und die Westbank sowie Sinai und Gazastreifen

7.30 Uhr, Washington, Weißes Haus (in Tel Aviv ist es 14.30 Uhr). Ein sowjetisches Fernschreiben geht ein: „Wir schlagen vor, dass Sie Israel auffordern, die militärischen Aktionen unverzüglich zu stoppen. Wir schlagen vor, Israel zu warnen, dass andernfalls notwendige Maßnahmen ergriffen werden, auch militärische.“

Die Reaktion der UdSSR, heißt es, könne „zu einem Zusammenstoß führen, der in eine schwere Katastrophe mündet“. Eine kaum verhohlene Kriegsdrohung.

Auch im Weißen Haus hat in den letzten Stunden das Misstrauen gegen Israel zugenommen. Ist Dajan größenwahnsinnig geworden? Will er Damaskus stürmen?

Dennoch kann Johnson eine solche Herausforderung durch Moskau nicht hinnehmen. Er befiehlt der 6. Flotte der US-Navy, mit ihren Flugzeugträgern und Kriegsschiffen, Kurs auf das östliche Mittelmeer zu nehmen.

 

16.00 Uhr, Tel Aviv. Mittlerweile haben sich Dajan und der UN-Beobachter geeinigt, dass die Waffenruhe zwischen Israel und Syrien um 18 Uhr in Kraft treten soll. Ein Zusammenstoß der Supermächte im Mittelmeer ist damit gerade noch verhindert worden.

Doch auf dem Golan ignoriert General Elazar die Waffenruhe und streckt die Frist um etliche Stunden: Selbst Köche und Schreiber, ausgestattet mit Soldatenhelmen, erhalten von ihm den Befehl, sich auf Felsen, Hügeln und an Kreuzungen niederzulassen, damit Israel so viel Land wie möglich erobert.

Aber die eigentlichen Kämpfe sind beendet, nach 131 Stunden. Und die Israelis haben den gesamten Golan erobert.

 

18.00 Uhr, New York, UN-Sicherheitsrat (in Tel Aviv ist es 1.00 Uhr). Die Delegierten wenden sich noch am Abend jenen Fragen zu, die sich mit dem Ende der Kämpfe stellen. Der Konflikt hat die Machtverhältnisse im Nahen Osten umgekehrt. Israel hat mit Sinai, Gazastreifen, Golanhöhen, der Westbank und Ostjerusalem ein Gebiet von 68 000 Quadratkilometern erobert. Die neuen Grenzen verlaufen im Osten nun entlang des Jordan, im Westen entlang des Suezkanals.

Während Israel um 800 Soldaten trauert und zudem 40 Flugzeuge und 80 Panzer verloren hat, sind auf arabischer Seite mehr als 11 000 Männer umgekommen; mindestens 450 Flugzeuge und rund 600 Panzer wurden zerstört.

Was soll mit den von Israel eingenommenen Gebieten geschehen – und mit den Menschen, die dort leben?

Noch am Abend des 10. Juni beginnen in Jerusalem Bauarbeiter mit Bulldozern und unter Flutlichtbeleuchtung, die Häuser vor der Klagemauer einzureißen, ein arabisches Slumviertel.

Den Bewohnern bleibt kaum Zeit, einige Taschen zu packen. Umstürzende Mauern begraben Möbel, Geschirr, Vorräte. Die Häuser sollen weichen, um eine freie Fläche vor der Klagemauer für Massengebete zu erhalten.

    

12. Juni, 19.00 Uhr, Sinai. Marschmusik plärrt aus Kassettenrekordern, als Tausende Soldaten in Panzern und Jeeps auf die Abschlussparade warten. Eine improvisierte Bühne ist mit dem Davidstern und Fähnchen geschmückt. Schließlich erscheint die Wagenkolonne des Regimentskommandeurs. Oberst Schmuel Gorodisch hält eine Ansprache. „Wir haben gekämpft“, sagt er zu den Soldaten, „weil wir keine andere Wahl hatten.“

In den Tagen danach besuchen viele Israelis neugierig die Westbank, um sich das eroberte Land anzusehen. Und während manche von ihnen in arabischen Geschäften einkaufen oder die üppigen Weingärten und Weizenfelder bestaunen, ziehen palästinensische Flüchtlinge zu Tausenden an ihnen vorbei in Richtung Jordanien.

Vor dem UN-Sicherheitsrat versucht der sowjetische Delegierte derweil, doch noch einen vollständigen, bedingungslosen Rückzug der israelischen Truppen zu erreichen. Die Westmächte aber zeigen sich unbeeindruckt von den scharfen Worten: Wenn die Sowjetregierung bis dahin nicht interveniert hat, wird sie es nun, nach Kriegsende, schon gar nicht tun.

Verärgert fordert Moskau am 14. Juni eine UN-Generalversammlung, bei der nicht nur die Mitglieder des Sicherheitsrats, sondern alle Länder abstimmen.

Die Versammlung trifft sich fünf Tage später. Ministerpräsident Kossygin ist persönlich angereist, um das Statement für die sowjetische Regierung abzugeben. Aber er findet für seine Forderungen nicht die erforderliche Zweidrittelmehrheit. Eine Einigung der Uno ist in weiter Ferne.

Am gleichen Tag beschließt die israelische Regierung im Geheimen, sich vollständig aus den besetzten Gebieten zurückzuziehen, sobald seine Nachbarn einem dauerhaften Frieden, also einer offiziellen Anerkennung Israels, zustimmen.

 

Bald aber müssen die Israelis feststellen, dass die gedemütigten arabischen Staaten keinen Frieden wollen. Für sie gibt es keinen Sechstagekrieg; es gibt nur al-Naksa, den Rückschlag.

Am 2. September 1967 beschließen die arabischen Länder auf einer Konferenz ein dreifaches „Nein“: „Kein Frieden mit Israel, keine Verhandlungen mit Israel, keine Anerkennung Israels“.

Das Ringen der Vereinten Nationen um Frieden und einen Kompromiss für den Nahen Osten wird am 21. Oktober von neuen Kämpfen zwischen Ägypten und Israel erschüttert, als Ägypten den israelischen Zerstörer „Eilat“ versenkt und die Israelis daraufhin als Vergeltung drei Tage später ägyptische Ölförderanlagen zerstören.

Erst am 22. November einigen sich die Delegierten des UN-Sicherheitsrats auf eine Resolution. Sie enthält die Forderung an Israel, sich aus „besetzten Gebieten“ zurückzuziehen – nicht aus „den“ besetzten Gebieten.

Die Formulierung lässt also Spielraum für Interpretationen.

Schon Ende Juni 1967 hat Israel Ostjerusalem und die an Jerusalem grenzenden Landstriche der Westbank offiziell annektiert – also zu einem Teil des israelischen Staatsgebiets gemacht.

In den anderen besetzten Regionen betreibt Israel fortan eine schleichende Annexion: Getrieben von strategischen Überlegungen, unterstützt die israelische Regierung nun Siedlungsprojekte im Westjordanland, die eine jüdische Pufferzone bilden sollen.

Denn an der schmalsten Stelle Israels sind es nur etwa 15 Kilometer von der Westbank bis zum Mittelmeer – die Verteidigung gegen einen angreifenden arabischen Gegner wäre hier also praktisch unmöglich.

Zehn Jahre später leben bereits 11 000 Israelis in Dutzenden Siedlungen in den besetzten Gebieten, Mitte der 1990er Jahre werden es rund 150 000 sein, im Jahr 2011 sogar mehr als 500 000.

Diese Wehrdörfer entwickeln sich zu einem der größten Hindernisse für dauerhaften Frieden im Nahen Osten. Denn die im Westjordanland lebenden Siedler sehen sich als Bewohner von „Judäa“ und „Samaria“: uralten biblischen Provinzen, die Gott selbst den Juden gegeben habe – und niemals aufgegeben werden dürften.

Und noch ein weiterer Faktor prägt den fundamentalen Politikwechsel Israels nach dem Sechstagekrieg: der Konsens, dass Jerusalem für immer ungeteilt die Hauptstadt des Judenstaats bleiben müsse. Auch in dieser Frage scheint ein Kompromiss mit den Arabern in Palästina fast ausgeschlossen.

Auch heute, 50 Jahre später, gibt es auf die Frage, was mit den Menschen in den besetzten Gebieten geschehen soll, keine Antwort.

Und so werden jene sechs Tage, in denen in Israel die Euphorie und ein Gefühl des „Jetzt oder nie“ die Ereignisse steuerten, die Auseinandersetzungen im Nahen Osten noch lange bestimmen.