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Jackie Kennedy Die Königin von Camelot

Nach dem Wahlsieg ihres Mannes lässt Jackie Kennedy den heruntergekommenen Amtssitz der amerikanischen Präsidenten glanzvoll restaurieren. Die First Lady bringt Politiker und amerikanische Geistesgrößen zusammen, arrangiert Künstlerabende und opulente Staatsbankette - und verwandelt das Weiße Haus in "Camelot", ein mythisches Märchenschloss, in dem sich die Kennedys als perfekte und weltoffene Herrscherfamilie inszenieren
Jackie Kennedy

Im September 1961 ziert Jackie Kennedy das Titelbild der Illustrierten »Life«, die über die Umbaupläne der First Lady im Weißen Haus berichtet. Ihr Mann nennt den Regierungssitz bald »Camelot« – nach dem Schloss des sagenumwobenen Königs Artus, über den er als Kind gelesen hat

Er liegt im Bett und liest. Er ist das Sorgenkind der Familie, zart und anfällig, häufig krank. Und so liegt der Junge oft wochenlang im Bett und liest. Liest Biografien, Geschichtsbücher, Abenteuerromane. Sein Held ist König Artus, dieser Musterritter mit Bildung und Kultur, der die Minne liebt, die Riesen erschlägt und den Armen und Schwachen hilft. Artus auf „Schloss Camelot“.

30 Jahre später wird John F. Kennedy, der 35. Präsident der USA, das Weiße Haus „Camelot“ nennen und selbst zum romantischen Helden eines besseren Amerika werden. Am Abend vor seiner Vereidigung fegt ein Schneesturm über Washington. Kennedy wartet ungeduldig auf seine Frau. Die beiden sind zu einer Gala geladen, die Frank Sinatra arrangiert hat. 10.000 Gäste wollen ihr neues Traumpaar sehen und haben dafür jeweils 1000 Dollar Eintritt bezahlt. Aber Jackies Coiffeur bastelt noch eine Stunde lang an ihrer Frisur herum, die für Wind und Flocken wetterfest fixiert werden muss. Dann erst ist die künftige First Lady bereit für die Show mit Ella Fitzgerald, Harry Belafonte, Leonard Bernstein, Bette Davis, Gene Kelly und Sir Laurence Olivier.
Um 23.00 Uhr gehen schließlich die Lichter aus – und Spot an für Sinatra! Der paraphrasiert für John F., den die Freunde Jack nennen, seinen alten Song „That old black magic“ und singt: „That old Jack magic“.

Draußen rücken in dieser Nacht 3000 Mann mit Schneepflügen an, räumen Straßen und Gehwege frei und bringen das Eis auf den Promenaden mit Flammenwerfern der Armee zum Schmelzen. Die grüne Farbe, die Tage zuvor von Straßenarbeitern versprüht worden ist, schwimmt im Schmutzwasser davon.
Kein Potemkinscher Frühling also an diesem steinkalten 20. Januar 1961, an dem hoch oben auf dem Kapitol Kennedy bei wunderbarstem Wetter seinen Amtseid auf die Familienbibel ablegt. Die Sonne blendet so sehr, dass der 86-jährige Dichter Robert Frost sein Poem, das er zu Ehren Kennedys geschrieben hat, nicht mehr entziffern kann. Es heißt darin, dass nun ein neues Augusteisches Zeitalter beginnen wird: „The glory of a next Augustan age...“ Dieses neue Zeitalter beginnt tatsächlich am Abend der Inauguration. Dichter, Denker, Künstler und Wissenschaftler feiern die Krönung ihres Monarchen: Igor Strawinsky, Tennessee Williams, Ernest Hemingway, W. H. Auden, Arthur Miller und John Steinbeck, der eine moderne Fassung der Artus-Sage geschrieben hat. Und zwischen dem Geist Amerikas funkeln viele kleine Sternchen, die Sinatra und dessen Filmpartner Dean Martin und Sammy Davis jr. aus Hollywood angeschleppt haben.


Es ist geschafft! Joseph P. Kennedy hat seinen Sohn in die erste Reihe katapultiert. Hat ja all seinen Kindern von klein auf eingetrichtert: Ihr müsst die Besten sein. Er soll auch seiner Schwiegertochter Jahre vor der Präsidentschaft eine Million Dollar versprochen haben, wenn sie sich trotz Jacks ewiger Affären nicht von ihm trennt. Joseph weiß, sie ist die ideale Frau für seinen Sohn. Schlank, elegant, mit besten Manieren. Hat in Washington studiert und an der Pariser Sorbonne. Kann über Kunst und Literatur reden. Spricht fließend Französisch und Spanisch. Eine Scheidung würde den Aufstieg des Katholiken Jack ins Weiße Haus bremsen, wenn nicht sogar verhindern. Im Wahlkampf verkauft der Alte den Sohn dann wie Waschpulver. Jack hat Charme, ist souverän, selbstironisch, hat Witz. Die Medien reißen sich um ihn. Ja, die Lust nach Glanz und Gloria ist groß in Amerika. Auch die geheime Sehnsucht nach einem König. Und sind die Kennedys nicht längst eine Dynastie? Jung, schön, reich, dynamisch und intelligent? So wird John F. Kennedy im Volksmund schon bald „King John I“ genannt. Ihm würden seine Brüder folgen: erst Robert, dann Edward. Und der Palast der Kennedys ist das Weiße Haus. Der Herrscher wird im Lincoln-Zimmer schlafen, seine junge Gemahlin im Queen’s Room unterm blauen Baldachin. Getrennt. Wer weiß denn schon, dass sie längst kein Liebespaar mehr sind und John es vorzieht, mit Freudenmädchen ins Bett zu gehen.


Als die 31-jährige Jacqueline kurz nach der Wahl zum ersten Mal mit ihrer Privatsekretärin alle Zimmer des Weißen Hauses besichtigt, ist sie entsetzt. Schrott. Alles Schrott. Ungelüftete Räume, defekte Fenster und Toiletten, grausige Möbel, nur Chippendale und Imitation, düstere Teppiche, falsches Silber, und keine Bücherregale weit und breit. „Hat Eisenhower nicht gelesen?“, fragt sie. Und sagt zu John, das Weiße Haus sähe aus wie ein Billighotel, wie aus dem Versandhauskatalog. Ihr Plan: Hier wird nicht renoviert, hier wird restauriert. 50.000 Dollar darf sie für die Privaträume ausgeben. Lächerlich. Die hat sie in einem Monat verbraucht! Die Eisenhowers waren ein älteres Ehepaar. Sie und ihr Mann dagegen sind jung und haben zwei Kinder. Die jetzigen Räume sind doch zum Fürchten. Also gut, es gibt noch einen Regierungszuschlag von 125.000 Dollar. Dann ist aber Schluss. Und wo, bitte schön, soll die „First Family“ repräsentieren? Wo mit Gästen aus aller Welt speisen? So muss ihr eben etwas einfallen.

Sie gründet das „White House Fine Arts Committee“, das sie beraten soll, verbannt die Schreckensmöbel von Truman und Eisenhower in den Keller, findet dort in Abstellkammern ein paar herrliche Stücke aus dem 19. Jahrhundert; der mächtige Kennedy-Schreibtisch für das Oval Office - ein Geschenk der britischen Queen Victoria an Präsident Rutherford B. Hayes – ist auch dabei. Sie bittet bei Reichen und bettelt bei Freunden, dankt für Leihgaben und geschenkte Antiquitäten, und Kennedy muss privates Geld dazugeben. Das Resultat ist sehr französisch. Sehr elegant. Sehr luxuriös. Säle in Rot, Grün, Blau und Gelb. Bespannt mit Seidentapeten, belegt mit chinesischen und orientalischen Teppichen, belebt mit Büchern, behängt mit alten Spiegeln, Porträts und Genrebildern, auch mit Landschaften von Cézanne, und das alles wird beschienen von mildem Kerzenlicht aus Kandelabern und dem glamourösen Schein pompöser Kronleuchter. Amerika hat sein Märchenschloss – Camelot.

Und Kennedy hat seine Ritter der Tafelrunde auch beisammen. Ökonomen, Historiker, Publizisten und Juristen. Die besten des Landes: Robert McNamara, Paul Samuelson, Walt Rostow, Dean Rusk, Arthur M. Schlesinger jr. und Theodore Sorensen. Sorensen ist die glücklichste Wahl in Kennedys Karriere. Ein brillanter Kopf, elf Jahre jünger und liberaler als sein Chef; hat schon dessen Reden als Senator von Massachusetts mit Zitaten und Anekdoten gespickt und füttert die Medien mit JFK-Artikeln, die er selbst verfasst. Die beiden sind wie ein tolles Ehepaar. Herr und Meister. Und Sorensen, der zum Alter Ego seines Herrn mutiert, telefoniert sogar problemlos als „Mr. Kennedy“. So erschaffen die beiden den berühmten „Kennedy-Stil“.
 
Für den romantischen Touch sorgt Jackie. Schon einen Monat nach ihrer Hochzeit, im Oktober 1953, reimt sie für ihren Mann: „Er streift durch die Dünen am weiten Strand / Und träumt von der Zukunft und seinem Land / Er soll dienen und führen in kommender Zeit. / Das ist seine Pflicht, und er ist bereit.“ Sie ist auch bereit. Und auch sie erschafft einen neuen Stil. Den Jackie-Stil mit dem berühmten Hinterkopfhut und klassischer Luxusgarderobe. Aus Paris. Von Givenchy. Das kostet natürlich. Einmal bekommt Kennedy Rechnungen über insgesamt 40.000 Dollar. Da ist er so ungehalten, dass er sie einem Kongressabgeordneten zeigt und fragt: „Was würden Sie machen, wenn Ihre Frau so etwas täte?“

Dabei muss ihm das doch ziemlich vertraut gewesen sein. Als sein Vater eine lange Liaison mit der Stummfilmaktrice Gloria Swanson hatte, fuhr seine Mutter regelmäßig nach Paris und staffierte sich reichlich mit Schmuck und Haute Couture aus. Und Vater zahlte.
Der zahlt auch jetzt für seine Schwiegertochter, die aus Staatsräson ihre Garderobe künftig von einem amerikanischen Modeschöpfer anfertigen lassen muss. Von Oleg Cassini. Auch ein Spezi des Alten. Hat früher als Kostümbildner in Hollywood gearbeitet und brachte zum Dinner mit Joe Kennedy immer Mädchen mit. Jetzt soll er für Jackie die PR-Maschinerie ankurbeln.

Doch die schreibt klipp und klar an Cassini, dass ihre Kleider keine Hauptrolle spielen sollen. Und schon gar nicht will sie in der Öffentlichkeit „als Marie Antoinette oder Josephine von 1960“ dastehen. Und ohne ihre Einwilligung keine Informationen an die Presse. Und jedes Stück muss ein Unikat sein. Nicht, dass plötzlich „irgendeine kleine Dicke“ mit den gleichen Sachen herumläuft.
Jede neue Robe wird in den People-Magazinen gefeiert. Ob nun der pinkfarbene Georgette-Traum, in dem sie den sowjetischen Parteichef Chruschtschow in Wien bezirzt, oder das blütenbestickte Seidengewand, das sie beim Bankett im Spiegelsaal von Versailles trägt. Dort will sie natürlich Givenchy tragen, den Meister der Haute Couture. Und dem Prominenten-Coiffeur Alexandre hat sie schon Wochen zuvor per Botschaftskurier eine Locke ihres Haars überbringen lassen, um sich in Paris ganz entspannt bei ihm unter die Haube bringen zu lassen. Auf der Pressekonferenz stellt sich JFK denn auch als der Mann vor, der Jacqueline Kennedy nach Paris begleitet.

In Washington ist es nicht anders. Nicht der Präsident, sondern seine Frau ist die Seele von Camelot. Jackie arrangiert die berühmten Künstlerabende im Weißen Haus oder auf Mount Vernon, dem Landsitz, auf dem George Washington gelebt hat. Sie inszeniert, und der Präsident kommentiert wie immer schlagfertig.
Als am 29. April 1962 alle 49 US-Nobelpreisträger geladen sind, darunter Pearl S. Buck, John Dos Passos und Robert Oppenheimer, sagt er beim Toast zum Dinner: „Dies ist wohl die ungewöhnlichste Versammlung menschlichen Wissens, die je im Weißen Haus versammelt war – außer vielleicht, als Thomas Jefferson hier allein speiste.“ René Verdon, der französische Chefkoch im Weißen Haus, darf an diesem Abend Luxus servieren. Nach einer feinen Mousse aus Meeresfrüchten mit krönenden Hummerstücken folgt des Küchenchefs berühmtes „Filet de Bœuf Wellington“, benannt nach dem Sieger über Napoleon bei Waterloo. Dazu wird ein 1955er Château Mouton Rothschild und zum Dessert ein siebenjähriger Champagner eingeschenkt. Über der Speisung der Intelligenzija liegt eine heitere, vergnügte Stimmung, heißt es später im Intelligenzlerblatt „New Yorker“, weil zwischen den Gängen geraucht werden darf, was vor allem die Damen ausnutzen. Und das Embargo gegen Kuba scheint auch nicht recht zu funktionieren, denn zu Kaffee und Petits Fours lässt der Präsident das Aroma der illegalen Havanna durch den Raum wabern. Nach dem Essen wird zu Geigen-, Harfen- und Schifferklavierklängen getanzt, und die meist älteren Herrschaften schwenken ihre Frauen über den blanken Boden des Prachtsaals.


Der Schauspieler und Oscar-Preisträger Frederic March wird derweil von Jackies persönlicher Sekretärin in das obere Stockwerk geleitet, in das Zimmer mit dem Rosenholzbett von Abraham Lincoln. Dort soll sich March vor einem geplanten Auftritt noch ein wenig ausruhen. „In Lincolns Bett soll ich mich legen?“, fragt der Schauspieler ungläubig. Aber ja, es sei Mrs. Kennedys ausdrücklicher Wunsch. Er möge nur die Schuhe ausziehen und die Decke nehmen. In einer knappen halben Stunde werde man ihn dann wieder holen. Die First Lady hat eben einen Sinn für große Gesten und Symbole. Und so wird für Frederic March die Zeit mit Lincolns Geist zu einer Sternstunde seines Lebens. Danach liest er dem Publikum einen noch unveröffentlichten Text des toten Nobelpreisträgers Ernest Hemingway vor. „Camelot“, schreibt ein Publizist, „war das Opium der Intellektuellen.“

Keine zwei Wochen später, am 11. Mai 1962, soll es ein Dinner für André Malraux geben, den französischen Staatsminister für kulturelle Angelegenheiten. Als Jackie die Gästeliste mit ihrer Sekretärin noch einmal durchgeht, kommt Jack dazu, blickt auf die Namen und sagt: „Wo sind die großen Amerikaner?“ Wie bitte? Da stehen sie doch: Thornton Wilder, Arthur Miller, Tennessee Williams, George Balanchine... „Nein“, sagt der Präsident. Er meine richtige große Amerikaner wie Charles Lindbergh. Der ist seit seinem Nonstop-Flug nach Paris von 1927 ein wirklicher Held, eine amerikanische Legende. Solche Gäste möchte er haben. Und so wird denn gewirbelt, bis die überaus scheuen Lindberghs am Telefon sind und dem Werben des Präsidenten nicht widerstehen können. Die beiden sind die Sensation des Abends. Und der nächste Coup wird von der First Lady und Malraux ausgebrütet: Der gibt tatsächlich seine Zustimmung, das berühmteste Bild der Welt nach Amerika auszuleihen, die „Mona Lisa“.
Da geht ein Aufschrei des Entsetzens durch Frankreich: Was macht der Louvre solange mit der leeren Wand? Und kommt das Gemälde heil zurück? Doch es hilft kein Protest. Die lächelnde Lady reist per Schiff und Luxus-Klasse in einer gepolsterten Kiste, die nicht untergehen kann. Präsident Kennedy persönlich eröffnet am 8. Januar 1963 in der Washingtoner Nationalgalerie vor 2000 Gästen eine der ungewöhnlichsten Ausstellungen überhaupt: mit nur einem Bild. Und seine Frau, in einer Robe aus altrosa Seide, wird lächelnd in Mona-Lisa-Haltung fotografiert.

Es sind tatsächlich glorreiche, ja triumphale 1036 Tage, in denen Jack und Jackie zu Popstars ihres Landes werden und das amerikanische Tor für den Rest der Welt weit öffnen: für König Hassan von Marokko, den Schah von Persien oder Fürst Rainier und Prinzessin Gracia Patrizia, die Kennedy in einem Badekappenhut anschmachtet. Am Abend, nach den Staatsbanketten, heißt es dann: Bühne frei für Stars und Künstler. Die Kontakte knüpft Jackie beim Tee am Nachmittag. Und George Balanchine, Leiter des New York City Balletts, holt dann zum Dank das berühmteste Tanzduett, Margot Fonteyn und Rudolf Nurejew, ins Weiße Haus. Oder Greta Garbo erzählt beim kleinen Dinner von Pablo Casals, dem großen Cellisten, der nie mehr in den USA spielen will – einem Land, das den spanischen Diktator Franco anerkennt. Doch als die Kennedys den fast 85-Jährigen zu Hofe bitten, macht er eine Ausnahme, die zu einem der bewegendsten Abende im Weißen Haus wird. Für den Präsidenten sind die Konzertabende mit Igor Strawinsky, Leonard Bernstein oder Isaac Stern eher anstrengend. Er mag lieber Musicals, „My Fair Lady“ und natürlich „Camelot“, mag auch den Twist-Sänger Chubby Checker und das „Rat Pack“, die Rattenbande um Frank Sinatra, Dean Martin, und Sammy Davis jr. Bei Sonaten oder Symphonien weiß er nie, wann er klatschen darf. Tut es schon mal nach dem 1. oder 2. Satz, was ein bisschen peinlich ist. Also vereinbart man ein Zeichen: Wenn eine bestimmte Tür in seinem Blickwinkel geöffnet wird, darf er.


Die Kennedy-Jahre sind Aufbruch und Hochstimmung – unabhängig von der Politik, die der Präsident macht. Er ist der Held der jungen Generation, ist attraktiv, charmant, schlagfertig, ironisch, und mit jeder Pressekonferenz, die er vor laufender Kamera gibt, steigen seine Popularitätswerte. Über diese rauschhaften Jahre wird später einmal der US-Autor Norman Mailer schreiben, ein scharfer Kritiker der amerikanischen Gesellschaft: „Eine Zeit lang dachten wir, das Land gehöre uns, jetzt gehört es wieder ihnen.“
Ja, Schriftsteller und Journalisten schreiben das Hohe Lied auf ihren Präsidenten. Und Fotografen versetzt John F. Kennedy schon mal in Euphorie, wenn er für eine Reportage im Oval Office posiert. Da hockt, welch wunderbar arrangierter Zufall, John jr. unter dem Schreibtisch, während sein Vater lächelnd Akten studiert. Das nächste Mal hält Caroline von Papas Telefon aus ein Schwätzchen mit Opa Joe. Und einmal fragt er seine Tochter: „Caroline, hast du Süßigkeiten genascht?“ Das Kind schweigt. „Caroline, hast du Süßigkeiten genascht? Antworte mit Ja, Nein oder Vielleicht!“ Da jubelt natürlich jedes Journalistenherz. Auch für sich selbst ist JFK um keine Antwort verlegen. Egal, ob er nun eine oder zwei Amtszeiten erleben werde, sagt er einmal, am Ende sei er in einem schwierigen Alter, „zu alt, um eine neue Karriere zu beginnen, und zu jung, um Memoiren zu schreiben“.

Die werden Stück für Stück von Journalisten geschrieben. Schon zu Beginn seiner Amtszeit bringen die Illustrierten lange Reportagen. Da wird ein Mythos aufgebaut, JFK zum workaholic stilisiert, der von früh bis in die Nacht arbeitet. In Wahrheit vergehen oft viele Stunden, ehe Kennedy überhaupt zur Arbeit erscheint. Es heißt, er putze Aktenberge nur so weg, weil er einen Kurs für Schnellleser absolviert habe. Da kann einer dann – bei Begabung – statt 250 Wörtern pro Minute 800 lesen. Der Präsident schaffe aber 1200, heißt es in „Life“. Das ist natürlich überirdisch, wird geglaubt und nachgedruckt. Der Magazinautor verrät später, 800 Wörter seien Kennedy zu wenig gewesen, also habe man sich auf 1200 geeinigt. Klingt einfach besser. Und weil JFK auch ein glänzender Schauspieler ist, nutzt er das Medium Fernsehen wie niemand vor ihm. Niemand merkt, wie krank der Präsident ist. Schon als junger Mensch segelt er immer wieder scharf am Tod vorbei. Zweimal bekommt er die letzte Ölung. Und wie sarkastisch er mit seinem Zustand umgeht. Einmal schreibt er einem Klassenkameraden, dass die Ärzte nicht mehr weiterwissen und schon seine Sarggröße ausmessen. Der Historiker Robert Dallek glaubt, dass Kennedy früh von dem Gefühl getrieben war, bald sterben zu müssen. Deshalb seine unstillbare Sucht nach Sex. Nicht, um ihn zu genießen, sondern um ihn hinter sich zu bringen – für den nächsten Akt. Deshalb auch Jacks Sehnsucht, wie der große Lord Byron sein zu wollen, der ebenfalls glaubte, jung sterben zu müssen, und nach Frauen hungerte. Und der herrlich arrogante Satz des charismatischen Dichters: „Ich erwachte eines Morgens und fand mich berühmt“, der wird ihm gefallen haben.


Wenn Kennedy morgens aufsteht, nimmt er die härtesten Pillen gegen Koliken, Rückenschmerzen, Blasen- und Prostata-Beschwerden, nimmt Testosteron, Hydrocortison, Antihistamine, Amphetamine, Antibiotika, Aufputschmittel, Codein und Methadon.
Er trägt ein Korsett, orthopädische Schuhe und geht hinter verschlossenen Türen oft an Krücken. Vor öffentlichen Auftritten bekommt er Novocain-Injektionen und tritt dann als strahlender Eroberer vor sein Publikum. Was hat Daddy Joe gepredigt? „Es kommt nicht darauf an, was du bist, sondern wofür dich die Leute halten.“ Jack, schreibt Norman Mailer 1961, sei weder ein Gott noch ein Symbol,
sondern eine Metapher: „Das bedeutet, Kennedy ist eher so etwas wie ein Held von ungewisser moralischer Größe.“ Und diese ungewisse moralische Größe wird in all ihrer Monstrosität erst Jahre später enthüllt. Wenn JFK auf Reisen ist und Reden hält, kommt am Abend die Belohnung. Nicht eine, nein zwei Edelnutten werden angeschleppt. Der Sheriff von Seattle bringt sie eines Abends sogar höchstpersönlich bis zur Suite des Präsidenten. Und da schärft er den beiden noch ein: Kein Sterbenswort über diese Nacht, sonst geht’s ab in die Psychiatrie! David Powers, Kennedys persönlicher Berater, bringt die beiden dann hinein. Gestattet den Bundesbeamten nicht einmal, in die Taschen der Mädchen zu gucken, wo ja Abhörgeräte, Pistolen, Messer oder Giftspritzen versteckt sein könnten. Also stehen die Männer des Secret Service untätig vor der Tür, zittern zwei oder drei Stunden, bis die Spielchen
in der warmen Wanne oder unter der Dusche beendet sind und die leichten Damen bezahlt und weggeschickt werden. Aber auch dann ist es immer noch wie bei Shakespeare: Lebt der König drinnen noch, oder ist er tot? Powers ist der Mann, der immer wieder für weiblichen Nachschub sorgt und die Mädchen mit einem „Hallo Kumpels“ frech an den verantwortlichen Agenten vorbeischleust. Auch ins Weiße Haus. Hollywood-Starlets werden von Kennedys Schwager, dem Schauspieler und Frauenverschleißer Peter Lawford, geliefert.


JFK schläft auch mit einer attraktiven Praktikantin, die im Pressebüro hospitiert, aber nicht mal tippen kann. Und amüsiert sich mit zwei lustigen Sekretärinnen, die im eigenen Haus natürlich immer verfügbar sind. Das hoch bezahlte Callgirl Leslie Devereux erzählt von eher durchschnittlichem Sex, der bei späteren Begegnungen mit Kennedy dann etwas „extravaganter“ wird, mit Fesselungen am Bettpfosten und sanftem Sado-Masochismus. Erzählt auch, wie Mitarbeiterinnen des Weißen Hauses sie höflich distanziert in den kleinen Raum neben dem Oval Office bringen, als wäre sie der Außenminister. Erzählt schließlich, wie sie von einem Personenschützer in das Zimmer mit dem Rosenholzbett geführt wird. „Machen Sie sich’s gemütlich“, sagt er, „darin hat Abraham Lincoln geschlafen.“ Und nachdem ein Butler Champagner serviert hat, erscheint der Präsident. Der hat auch längere Liebesbeziehungen. Jackies schöne und intelligente Freundin Mary Pinchot Meyer ist eine von ihnen. Sie bringt Marihuana mit
und fragt vergnügt, wie es wohl wäre, wenn man high sei und den Atom-Knopf drücken müsste – und geht mit dem mächtigsten Mann der westlichen Welt wohl auch auf LSD-Reisen.

Jacks Liaison mit dem Party-Girl Judith Campbell Exner, die ihm sein Freund Frank Sinatra weitergereicht hat, beginnt schon zu Wahlkampfzeiten. Er schläft mit ihr, als Jackie mit dem zweiten Kind schwanger ist. Spätabends telefoniert er dann mit der Geliebten, will alles wissen von Sinatra und dessen Frauen und was sie selbst den ganzen Tag über so macht. Fragt auch, so erzählt Judith, ob sie für ihn ein Treffen mit Sam Giancana arrangieren könne. Natürlich kann sie, schließlich schläft sie ja auch mit dem mächtigen Mafia-Boss, der mindestens 200 Morde in Auftrag gegeben haben soll. Aber weshalb will er ihn treffen? „Ich denke“, soll Kennedy geantwortet haben, „er kann mir beim Wahlkampf helfen.“ Das Verhältnis mit der attraktiven Judy, die ein bisschen wie Elizabeth Taylor aussieht, dauert fast zwei Jahre.


Im März 1962 signalisiert dann FBI-Chef Edgar Hoover dem Präsidenten bei einem privaten Mittagessen im Weißen Haus, dass die Dame seit Jahren überwacht werde, er also über ihre Liaison mit dem Mafioso und dem Führer der „Freien Welt“ informiert sei. Er deutet auf die Gefahren hin, die in diesem Dreieck lauern, auf Indiskretion und Erpressung. Da beendet Kennedy die fast verhängnisvolle Affäre noch am selben Tag. Es gibt ja genug Nachschub. Und JFK braucht seine „tägliche Sexdosis“, wie ein Publizist es ausdrückt. Wenn Jackie allein auf Reisen ist, wird mit ein paar Mädchen abends Party im Pool gefeiert. Der ist wegen Kennedys Rückenleiden immer auf 32 Grad geheizt. Es gibt Würstchen und Cocktails in der Kühlbox, und auf einen Knopfdruck wird es Mitternacht mit Mondenschein. Nach so viel wechselndem Verkehr sagen sich die Secret-Service-Männer irgendwann: Okay, da schwimmen nackte Mädchen unterm Sternenhimmel im Swimmingpool, laufen auf den Gängen des Weißen Hauses herum oder flitzen aus den Aufzügen. Was soll’s. Hauptsache, es passiert nichts. Diese Regierung, soll Kennedys Alter Ego Ted Sorensen knapp und kess formuliert haben, tut für den Sex, was die letzte unter dem Golf spielenden Dwight D. Eisenhower fürs Putten und Einlochen getan hat.

Und Marilyn Monroe? Was ist mit König Artus und der Königin des Kinos, die ihm bei der legendären Geburtstagsgala im Madison Square Garden am 19. Mai 1961 in einem Hauch von Nichts am Leib ihr hocherotisches „Happy Birthday“ zuhaucht? Ein paar Mal sind die beiden sich auf Dinnerpartys begegnet, doch nur einmal verbringen sie die Nacht miteinander. Das ist am 24. März 1962 in Bing Crosbys Haus in Palm Springs. Und da ruft Marilyn, unbefangen wie sie ist, vom Schlafzimmer aus ihren Physiotherapeuten an und will etwas über den langen Wadenmuskel wissen. Hat der Präsident einen Krampf? Jedenfalls greift auch der zum Hörer, fragt und dankt dann für einen guten Rat. Ja, Marilyn erzählt ihren Freunden begeistert von dieser Nacht, aber nicht, weil das Erlebnis sie so beeindruckt hat, es geht dabei, wie sie sagt, eher um ihre eigene Geschichte „von dem armen kleinen Waisenkind, das sich in freier Liebe dem Führer der Freien Welt hingibt“. Der kolportierte Rest mit Liebesnächten und Mordkomplott ist ein Märchen der Mythenmacher.

Natürlich bleibt das alles der First Lady nicht verborgen. Einmal wedelt sie verächtlich mit einem Slip vor ihrem Mann hin und her und sagt: „Könntest du wohl herausfinden, wem der gehört? Er hat nicht meine Größe.“ Also fliegt sie fort, wann immer sie will. Schickt auch schon mal die „Air Force One“ nach Palm Beach, um Schallplatten zu holen, die sie dort vergessen hat. Macht eine Goodwilltour nach Indien, und als US-Reporter sich darüber aufregen, dass Mrs. Kennedy in dem armen Land nur Haute Couture trägt, lässt sie ihren Pressesprecher sagen, das seien alles Secondhand-Sachen – basta. Zum Entsetzen ihres Mannes nimmt sie sogar gemeinsam mit ihrer Schwester Lee eine Einladung des griechischen Tankerkönigs Onassis zu einer Kreuzfahrt auf dessen Yacht „Christina“ an.
Wenn sie dann wieder auf dem heimatlichen Flughafen landet, wird es dem Präsidenten umgehend gemeldet, damit die leichten Damen nicht Hals über Kopf aus Pool und Bett springen müssen. Doch Jackie kennt Jacks Obsession und dessen Vergnügen, „Blondinen zu knacken“, wie er es nennt. Also macht sie allein mit den Kindern Urlaub in Italien und dementiert das Gerücht nicht, sie hätte dort eine Affäre mit Fiat-Boss Gianni Agnelli. „Etwas mehr Caroline und weniger Agnelli“, telegrafiert ihr Mann verärgert aus dem Weißen Haus.

In Washington entzieht sie sich immer wieder dem Protokoll. Sie müsse „all diese Präsidenten aus den Bananenrepubliken“ nicht begrüßen, sagt sie. Könige und Königinnen – ja, in Ordnung. Die restlichen Aufgaben aber können an die Frau des Vizepräsidenten weitergereicht werden. Soll die das machen. Jackie sonnt sich derweil in Palm Beach, reitet mit den Kindern auf ihrem Landsitz Glen Ora, wird mit dem Astronauten John Glenn beim Wasserski fotografiert. Und im Fernsehen überlegen Journalisten, ob sie ihre Spätnachrichten nicht mit dem Satz beenden wollen: „Gute Nacht, Mrs. Kennedy, wo immer Sie sein mögen.“ Nein, im Traumschloss Camelot wohnt keine Traumfamilie.

Und doch ist es Jackie, die nach den Schüssen von Dallas den tiefen Riss kittet. Für den Mythos. Keine Kritik nach außen. Keine Enthüllungen. Sie lässt noch in der Mordnacht vom 22. auf den 23. November 1963 Mitarbeiter die Kongressbibliothek in Washington nach Berichten darüber durchstöbern, wie einst der Märtyrer Abraham Lincoln beerdigt wurde. Denn so soll auch der Märtyrer Kennedy beigesetzt werden. Pferde sollen den Sarg ziehen. Und Trommler sollen ihn begleiten. Und sie ermuntert ihren Sohn John jr., vor dem Sarg seines Vaters zu salutieren, wie es die Marines tun. Sie weiß um die Macht dieses Bildes, das um die Welt gehen wird. Auch die ewige Flamme auf Jacks Grab ist ihre Idee. An die Sekretärin ihres Mannes schreibt sie: „Es wird nie wieder ein Camelot geben.“ Und einem Journalisten vom „Life“-Magazin erzählt sie, dass sie oft abends mit ihrem Mann zusammengesessen und das Musical „Camelot“ gehört habe. Das Lied, das er so sehr liebte, kam ganz am Ende der Schallplatte, sagt sie. Darin wird dieser besondere Ort aus der Artus-Sage besungen, der für einen flüchtigen Augenblick alles erhellte.


Für ihren Jack sei das ein magischer Moment gewesen: „Don’t let it be forgot / That once there was a spot / For one brief shining moment / That was known as Camelot.“